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Flugverbote wegen Aschewolke: Merkel stärkt Ramsauer den Rücken

Der Himmel füllt sich wieder: Nach tagelangem Aschewolken-Stillstand sollen am Donnerstag alle Flüge in Deutschland planmäßig stattfinden. Streit gibt es nach wie vor darüber, ob die verhängten Flugverbote tatsächlich notwendig waren. Jetzt hat sich sogar die Kanzlerin in die Diskussion eingeschaltet.

Nach tagelangem Chaos und massenhaften Flugausfällen infolge der Vulkanaschewolke hat sich der Flugverkehr über Deutschland wieder weitgehend normalisiert. An Deutschlands größtem Flughafen in Frankfurt am Main herrsche "fast schon wieder Normalbetrieb", sagte ein Sprecher der Betreibergesellschaft Fraport. Insgesamt 1400 Starts und Landungen von Flugzeugen seien für Donnerstag geplant, 145.000 Passagiere würden abgefertigt. "Das ist für uns ein fast normaler Tag", sagte der Fraport-Sprecher. Passagiere müssten aber in den kommenden Tagen noch mit einigen Behinderungen rechnen. Der Rat, sich vor einer Reise bei Fluggesellschaft oder Veranstalter über den Stand der Dinge zu informieren, galt daher weiter

Auch Deutschlands größte Fluggesellschaft, die Lufthansa, meldete die Rückkehr zum Normalbetrieb. "Wir stellen unseren regulären Flugplan wieder komplett dar", sagte ein Lufthansa-Sprecher. Insgesamt seien für den Donnerstag weltweit 1800 Flüge der Airline vorgesehen. Nur vereinzelt könne es noch zu Streichung von Flügen kommen. Auch sei die Lufthansa noch dabei, einen Rückstau umgebuchter Passagiere aus den vergangenen Tagen abzubauen.

Insbesondere in der Ferne warteten noch immer tausende Reisende auf ihre Rückkehr. In Hongkong etwa saßen noch Hunderte Deutsche fest, da nicht alle "alten Fälle" abgearbeitet sind, aber täglich neue Reisende hinzukommen. Auf dem Airport "Chek Lap Kok" bildete sich erneut eine Schlange von Gestrandeten vor dem Lufthansa-Schalter. Probleme gibt es allerdings in Teilen von Norwegen und Schweden, wo neue Asche aus Island aufgetaucht ist. Bis auf Stockholm waren in Schweden weite Teile des Landes für Flugzeuge gesperrt. Die Flughäfen Göteborg und Malmö waren nicht erreichbar. Im Nachbarland Norwegen waren Stavanger und Bergen betroffen.

Bis alle Flugpläne komplett eingehalten werden können, wird es wohl noch weitere Tage dauern. Damit löst sich eine der größten und teuersten Verkehrsbehinderungen in der Geschichte der Luftfahrt nach einer Woche auf. Der Schaden für die Fluggesellschaften ist nach eigenen Angaben enorm: Die Einnahmeausfälle der Airlines beziffert der Internationale Flugverband IATA auf knapp 1,3 Milliarden Euro. Viele Fluggesellschaften hatten in den vergangenen Tagen die Sperrungen als überzogen kritisiert.

Merkel rechtfertigt Flugverbote

Inzwischen hat sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Diskussion eingeschaltet und die verhängten Flugverbote gegen die Kritik verteidigt. "Natürlich ist es ein schwerer Einschnitt für die Fluggesellschaften. Aber der Staat hat die Aufgabe, Risiken verantwortungsvoll zu bewerten und Menschen zu schützen", sagte die CDU-Vorsitzende den Zeitungen der Essener Waz-Mediengruppe. "Denn für das erste Flugzeug, mit dem etwas passiert, wird die Behörde - und zwar zu Recht - zur Rechenschaft gezogen, die den Luftraum trotz Aschewolke freigegeben hat."

Am Tag zuvor hatte sich bereits Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) für sein Krisenmanagement gerechtfertigt. "Die Sicherheit steht an allererster Stelle", sagte er in einer Regierungserklärung im Bundestag. Dieser Grundsatz habe bei allen Entscheidungen gegolten. Beim Luftfahrtbundesamt soll nun ein Meldezentrum für ähnliche Vorfälle eingerichtet werden.

Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber hingegen erneuerte im ZDF seine Kritik am Deutschen Wetterdienst (DWD). Der habe sich bei seiner Einschätzung über die Auswirkungen der Aschewolke "sehr stark auf ein Prognosemodell aus England kapriziert", das aber "nicht in Ordnung" gewesen sei.

Nachflugverbot wird gelockert

Nach wie vor leiden viele Unternehmen am Boden unter den Flugausfällen der vergangenen Tage. Vor allem bei den deutschen Autoherstellern und Zulieferern gab es Produktionspausen und Engpässe. Am kommenden Sonntag soll deswegen das Fahrverbot für Lastwagen gelockert werden. Zusätzliche Nachtflüge - darunter am größten deutschen Flughafen Frankfurt/Main - wurden genehmigt.

Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen des tagelangen Stillstands im europäischen Luftverkehr hält Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) allerdings für überschaubar. Es habe einen "Dämpfer" gegeben, sagte der Wirtschaftsminister. "Ich glaube nicht, dass es auf die gesamtwirtschaftliche Wachstumsrate aufs Jahr bezogen wesentliche Auswirkungen haben wird."

Forderungen von Fluggesellschaften nach Staatshilfen wegen der Vulkanasche-Krise hält Brüderle für überzogen. Die Lage sei nicht "dramatisch" und die Ausfälle für die Airlines "verkraftbar", erklärte Brüderle im ZDF. "Man muss das Auf und Ab im Wirtschaftsgeschehen auch ein Stück weit verkraften können", sagte der Minister an die Adresse der Airlines gerichtet. Allerdings versprach er eine "sorgfältige" Prüfung aller Anträge auf staatliche Hilfen.

"Die Wolke hat sich verzogen"

Mit wenigen Ausnahmen war der gesamte Luftraum über Europa am Mittwoch um 18 Uhr wieder freigegeben worden. Die Transatlantik-Flüge seien bereits wieder zum normalen Betrieb zurückgekehrt, meldete Eurocontrol. Auf dem Höhepunkt des Flugchaos' am Sonntag waren 80 Prozent der Flüge ausgefallen. Innerhalb von fast einer Woche wurde an Europas Himmel mehr als jede zweite Verbindung gestrichen - 100.000 von 190.000 Flügen fielen aus.

"Die Wolke hat sich verzogen", sagte DFS-Sprecher Axel Raab. In den kommenden Tagen wird die Vulkanasche über den Atlantik nach Nord-Nordost getrieben, weil sich der Wind dreht. "Mitteleuropa wird nicht mehr betroffen sein", prognostizierte DWD-Wetterexperte Ansgar Engel in Offenbach. Auch ein Sprecher des Meteorologischen Institutes in Reykjavik gab Entwarnung: Der Vulkan unter dem Eyjafjalla-Gletscher schleudere nur noch wenig Asche in die Atmosphäre. Die Rauchsäule erreiche nur noch maximal drei Kilometer Höhe.

Nach Einschätzung des Deutschen Reiseverbands warteten am Donnerstag noch 20.000 gestrandete Urlauber aus Deutschland auf ihre Rückreise. Es wird erwartet, dass die meisten im Laufe des Tages wieder in Deutschland sind. In den vergangenen Tagen hatte der Verband Tausende mit Schiffen, Bahn oder Bus und wo möglich auch mit Sondermaschinen nach Hause geholt. Weltweit waren Millionen Reisende betroffen.

DPA/APN / DPA