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Rechte Terrorgruppe: Den Nazikillern auf der Spur

Es ist ein neues Ausmaß brauner Gewalt: Jahrelang mordete eine Nazizelle in Deutschland. Schon warnen Politiker vor neuem "Rechtsterrorismus" und sind doch ratlos.

Von Jens Brambusch

Fünfzehn Minuten lang führt Paulchen Panther durch das bizarre Bekennervideo, wandert die rosarote Zeichentrickfigur durch die gesamte Republik, macht Station in Hamburg, Rostock, Dortmund, Kassel, in Nürnberg, München, in Köln. Überall dort, wo ein braunes Killerkommando in den vergangenen Jahren anscheinend wahllos acht Türken und einen Griechen ermordet hat, wo eine Nagelbombe 22 Menschen verletzte.

Die Opfer werden in dem Film verhöhnt, Fotos zeigen einige von ihnen kurz nach der Exekution, blutüberströmt. "Heute Aktion Dönerspieß", ist eine Sequenz in Comic-Anmutung überschrieben, daneben der Absender der Botschaft: NSU. Der "Nationalsozialistische Untergrund", klärt das Video auf, sei "ein Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz ,Taten statt Worte‘". Die Drohung: "Solange sich keine grundlegenden Änderungen in der Politik, Presse und Meinungsfreiheit vollziehen, werden die Aktivitäten fortgesetzt."

Deutschland sieht sich neuer Gefahr ausgesetzt

Dazu werden die mutmaßlichen Macher des Videos, das der Redaktion des "Spiegel" vorliegt, keine Gelegenheit mehr haben. Zwei von ihnen sind tot. Erschossen durch die eigene Hand, in einem Wohnmobil. Sie wählten den Selbstmord, um ihrer Verhaftung zu entgehen. Das war am Freitag, 4. November, gegen 12 Uhr mittags bei Eisenach. Seitdem überschlagen sich die Ereignisse.

Deutschland sieht sich einer neuen Gefahr ausgesetzt, einer neuen Form des Terrorismus, mit einer neuen Qualität. "Rechtsterrorismus" taufte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich das Phänomen am Sonntag. Damit hat die braune Gewalt eine neue Dimension bekommen, wie es sie in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben hat.

Einzeltäter oder eine Organisation?

Niemand weiß, ob es sich bei den Tätern um verblendete Einzeltäter mit rechtsextremer Gesinnung handelt oder ob hinter ihnen eine Organisation steht, ob es Trittbrettfahrer geben wird. Fest steht nur, dass zehn Jahre lang eine braune Terrorzelle raubend und mordend durch Deutschland ziehen konnte.

Am Ende war es ein Banküberfall, der das Ende von Uwe Mundlos, 38, und Uwe Böhnhardt, 34, besiegelte. Wie schon mindestens 13-mal zuvor hatten die beiden thüringischen Neonazis eine Bank ausgeraubt. Auf Fahrrädern flohen sie zu einem angemieteten Wohnmobil. Als die Polizei sie stellen wollte, erschossen sie sich. Die genauen Umstände sind noch nicht geklärt.

Zschäpe hätte viel zu erzählen

Drei Stunden später explodierte - zunächst ohne ersichtlichen Zusammenhang mit den Ereignissen in Eisenach - im 180 Kilometer entfernten Zwickau im Obergeschoss eines Hauses eine Brandbombe, das Haus brannte aus. Die Bewohnerin, Beate Zschäpe, die kurz zuvor ihre Katzen bei den Nachbarn abgegeben hatte, machte sich aus dem Staub. Mittlerweile hat sich die 36-Jährige den Behörden gestellt. Zusammen mit den beiden Toten aus dem Wohnmobil bildete sie die mutmaßliche Neonazizelle. Auspacken will sie aber nur, wenn ihr als Kronzeugin Strafmilderung zugesagt wird.

Zu erzählen hätte Beate Zschäpe sicherlich viel. Es geht um eine ungeklärte Serie an bestialischen Morden, die im Jahr 2000 begann und von der Presse "Dönermorde" genannt wurde, weil zwei der ausländischen Opfer einen türkischen Imbiss betrieben hatten, um den mysteriösen Tod einer Heilbronner Polizistin und einen Nagelbombenanschlag in einer Kölner Straße, die hauptsächlich von Migranten bewohnt wird.

Hat das Trio weitere Taten verübt?

Ob noch weitere Anschläge auf das Konto der Nazizelle gehen, wird derzeit überprüft. Und es geht um die Frage, warum die Polizei in all den Jahren versagte, indem sie falschen Fährten hinterherjagte. Wie es sein kann, dass der Verfassungsschutz nichts von dem gewalttätigen Nazitrio wusste? Oder schlimmer noch: Ob die Täter vielleicht sogar als V-Leute für den Nachrichtendienst gearbeitet haben?

Der Vorsitzende des für die Kontrolle der Geheimdienste zuständigen Parlamentsgremiums, Thomas Oppermann, kündigte bereits eine Sondersitzung des Gremiums an. "Ich will wissen, was die Behörden wussten und wie solche Straftaten in Zukunft besser verhindert werden können", sagte er. Spekuliert wird, ob die drei mutmaßlichen Täter womöglich vom Verfassungsschutz eine neue Identität erhalten haben und als Verbindungsleute in der rechten Szene geführt worden sein könnten.

Die Politik ist alarmiert

Der Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes, Thomas Sippel, äußerte sich am Wochenende erstaunlich vorsichtig gegenüber den Vorwürfen. Bei einer Überprüfung der drei Verdächtigen im Jahr 2000 seien keine Hinweise darauf gefunden worden, dass sie als Informanten geführt wurden, sagte er. Allerdings hätten "letzte Zweifel nicht beseitigt" werden können.

Die Politik ist alarmiert. Sollten sich die Vorwürfe erhärten, würde der Verfassungsschutz in die tiefste Krise seit seinem Bestehen stürzen. Nach Informationen von "Bild" sollen in Zwickau "legale illegale Papiere" der Verdächtigen gefunden worden sein. Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hans-Peter Uhl, sagte der Zeitung: "Solche Papiere erhalten im Regelfall nur verdeckte Ermittler, die im Auftrag des Nachrichtendiensts arbeiten und vom Nachrichtendienst geführt werden. Das heißt: die in enger Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst agieren."

Aufdeckung der Nazizelle durch einen Zufall

Fest steht: Das Trio ist dem Verfassungsschutz seit Langem bekannt, schon in den 90er-Jahren stand es unter Beobachtung. Seit ihrer Jugend in Jena pflegten die drei Kontakte zum rechtsextremistischen Thüringer Heimatschutz (THS). Das ist aktenkundig. Auch, dass das Trio 1998 abtauchte, nachdem in der Garage von Beate Zschäpe vier Rohrbomben gefunden worden sein sollen. Doch noch vor einer Verhaftung konnte sich Zschäpe mit ihren beiden Freunden absetzen. Ihre Spur versandete - angeblich. 2003 wurden die Ermittlungen eingestellt. Wie das Trio es geschafft hat, in all den Jahren Morde mitten in Deutschland zu begehen und die Polizei zu täuschen, bleibt ein Rätsel. Zumindest solange Zschäpe schweigt.

Die Aufdeckung der Nazizelle ist nur einem Zufall zu verdanken. In dem Wohnmobil der beiden Toten fand die Polizei neben anderen Waffen auch die Dienstwaffe der 2007 ermordeten Polizistin aus Heilbronn, die damals am Tatort entwendet worden war. Der Fall war zum Fiasko für die Polizei geworden, weil die Ermittler monatelang nach einem Phantom gesucht hatten.

Plötzlich Zusammenhang mit "Dönermorden"

DNA-Spuren einer unbekannten Frau waren an mehr als 35 Tatorten in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und im Saarland gefunden worden. Im März 2009 räumten die Ermittler schließlich ein, dass die Spuren von einer Arbeiterin stammten, die mit den Taten nichts zu tun hatte. Sie war beim Verpacken mit den Wattestäbchen in Kontakt gekommen, die für die Spurensuche benutzt wurden. Jetzt schien der Mord aufgeklärt, zwei Bankräuber als Täter - das passte.

Doch dann fand die Polizei heraus, dass die beiden Männer in ebenjenem Haus in Zwickau aus- und eingingen, das nur wenige Stunden nach deren Selbstmord in die Luft geflogen war. In den Trümmern stießen sie dann auf die Ceska, Modell 83, Kaliber 7,65 Millimeter Browning, jene tschechische Pistole, mit der die "Dönermorde" verübt wurden.

Taten sollte nun die Propagande folgen

Auch hier hatte die Polizei bislang im Dunkeln getappt, vermutete rivalisierende ausländische Banden hinter den Morden an Blumen- und Obsthändlern, Schneidern und Imbissbetreibern. Zudem fanden die Ermittler vier DVDs, bereits in Briefumschläge verpackt, auf die der 15-minütige Bekennerfilm vom "Nationalsozialistischen Untergrund" gebrannt war.

Adressiert waren die Briefe an Medien und islamische Kulturzentren. Spätestens jetzt stand fest: Es handelt sich um Täter aus der rechtsextremen Szene. Wie es scheint, wollten die Neonazis nach Jahren des stillen Mordens einen Propagandafeldzug starten.

Gibt es ein braunes Netzwerk?

Doch handelten sie allein? Oder waren sie als Zelle zwar weitgehend autonom, aber verbunden mit einem rechten Terrornetzwerk, wie man es bislang nur mit islamistischen Extremen in Verbindung brachte? Die Bundesanwaltschaft, die die Ermittlungen mittlerweile übernommen hat, geht von weiteren Komplizen aus.

Am Sonntag wurde bereits ein Mann im Raum Hannover verhaftet, der seit Ende der 90er-Jahre mit den drei Tatverdächtigen in Kontakt gestanden haben soll. Auch Holger G. kommt ursprünglich aus Jena. Der 37-Jährige soll dem Trio 2007 seinen Führerschein und vor etwa vier Monaten seinen Reisepass zur Verfügung gestellt haben, über den mehrfach Wohnmobile für die Gruppe gemietet worden sein sollen. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung sei das Drehbuch zu dem Propagandafilm des "Nationalsozialistischen Untergrunds" sichergestellt worden. Ob die Ermittler damit bereits alle Mitglieder des "Netzwerks von Kameraden" gefasst haben, bleibt abzuwarten.

FTD
  • Jens Brambusch