HOME

Stern Logo Wahl

Die Medienkolumne: Sommerinterviews - Valium fürs Volk

Es läuft und läuft, verlässlich wie ein alter Volkswagen: das Sommerinterview im Fernsehen. Das ZDF nennt sein Exemplar "Original", die ARD fragt streng im Duo und RTL sendet es für Nachtaktive. Warum der ganze Aufwand?

Von Bernd Gäbler

Es gehört zur Ferienzeit. Achtung, das ist keine Ironie, sondern Mainzer Eigenwerbung: "Wie zu Bayern das Weißbier und zu Hamburg der Hafen, so gehören die ZDF-Sommerinterviews zur Ferienzeit." Dürfen wir in Urlaub fahren, stellt sich unser politisches Spitzenpersonal zum Interview noch einmal dem Fernsehen. Angela Merkel, Kurt Beck, Edmund Stoiber, Guido Westerwelle, Frau Roth und Herr Bütikofer sowie Gysi und Lafontaine treten uns im typischen "Sommerinterview" aber nicht als Politiker entgegen, sondern als Mensch.

Interview im lauschigen Eckchen

Anzug, Krawatte, Büro, Beton und Glas, Amt und Institution haben sie hinter sich gelassen. Aber noch einmal, entweder schon in Urlaub oder auf dem Sprung dahin, arbeiten sie für uns die politische Agenda ab. Sie zeigen, dass sie sich kümmern, auch wenn sie jetzt ihrerseits zum verdienten Ausspannen entschwinden. Sie gehen unter das Volk, also in die Natur. Angela Merkel saß schon mal vor einem Kirchlein, Gerhard Schröder im Zoo, Franz Müntefering auf Norderney, Guido Westerwelle in Aachen. In diesem Jahr hatte RTL die tolle Idee, Oskar Lafontaine in der geretteten Völklinger Hütte zu befragen. Gemein vom ZDF, dass es dieselbe Idee ein Jahr früher hatte.

Peter Kloeppel besuchte Kurt Beck in Bad Bergzabern, Peter Hahne den Bundespräsidenten Horst Köhler im "Café Knatter" auf Usedom. Der Ort muss jeweils das sein, was als "lauschiges Eckchen" durchgeht. Unschicklich wäre ein Segelurlaub auf den Malediven, eine Safari oder gar Abhängen auf Ibiza. Noch so gerade passt es zum Image Guido Westerwelles, das ZDF auf Mallorca zu empfangen. Vorbildlich: Kurt Beck wandert und radelt an der Mosel.

Obwohl er inzwischen zweifellos die flotteste Sommerfrisur trägt, was vermutlich der neuen Lebensgefährtin zu verdanken ist, wird Christian Wulff nicht interviewt. Als einfacher Ministerpräsident schaut er in die Röhre, dabei hätte er so gerne ein paar zu weiteren Spekulationen einladende Worte zu schwarz-grün gesagt. Auch Sigmar Gabriel, der seine Nach-Knut-Ära tatsächlich mit einer Gipfelbesteigung der Zugspitze einleitete, dem also kein Symbol zu plump ist, wird von den Medien ebenso schnöde ignoriert wie Klaus Wowereit, doch wahrlich ein Sonnenschein-Politiker. Vermissen werden wir auch den kantigen Steno-Stil Franz Münteferings. Eben weil in diesen Interviews der Mensch ein Mensch ist, geht es strikt nach Ämtern.

Hauptsache unkonventionell

Vorneweg also der über allen Parteien schwebende Bundespräsident Horst Köhler. Im Internet nennt ihn Peter Hahne bewundernd einen "Präsidenten mit Biss". Im Interview aber schwebte dieser mehr als Köhler, der sich im Sturzflug in die Niederungen der Tagespolitik begab und - zur Beglückung des ZDF - den Innenminister Wolfgang Schäuble rüffelte. Soviel zitiert wird selten. Aber fortan geht es kaum mehr um Rechtsstaat und Terror. Vielmehr um weitere Ambitionen Köhlers. Hatte das Staatsoberhaupt sich schon bei seinem abschließenden Staatsbesuch im ARD-Studio von Sabine Christiansen als echter Bürgerpräsident jenseits parteipolitischen Kalküls zu präsentieren versucht, so scheint er nun rechtzeitig zur möglichen Wiederwahl von schwarz-gelb in eine großkoalitionäre Mitte zu rücken.

Sehr untypisch für ein Sommerinterview war das RTL-Nachtstück von Christof Lang mit Oskar Lafontaine. Der durfte nämlich kaum einen kompletten Satz sagen, so sehr war alles zusammengeschnipselt. "Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen", so ermunterte ein freundlicher Genosse den Saarländer. Dem war es wenigstens peinlich. Auch die Kanzlerin sprengte in der ARD die Konvention des Sommerinterviews, nach der dieser Interview-Typ unbedingt unkonventionell sein muss. Sie kam ins Studio, ganz amtlich, ganz ernst: es ging um Geisel und Afghanistan. Es endete mit den Lokführern, ging fast nur um Tagespolitik, nur zum Ende hin noch ein wenig zur zweiten Hälfte der Legislaturperiode.

Beruhigend wie eine Familienserie

Typisch dagegen ist: Politisch sind diese Sommer-Interviews nie aufregend. Egal, wie sehr die Interviewer sich mühen. Für die Befragten hat es die Funktion, prophylaktisch mögliche Sommerloch-Themen im Keim zu ersticken. Zu seinen miesen Umfragewerten sagt Kurt Beck folglich nicht: "Ich habe verstanden und denke darüber nach, was wir am Kurs der SPD ändern müssen", sondern: "Wir werden unseren Weg klar gehen." So spricht er. Claudia Roth braucht ohnehin keinen Interviewer - sie spricht drauflos wie Gülcan Karahanci.

Zum Urlaub gehört nicht nur das Fernweh, sondern auch die Heimkehr. Bevor wir hinaus fahren in die Welt, zieht unser politisches Personal noch einmal an uns vorbei wie der Trailer einer Familienserie. Das gibt uns Sicherheit. Wenn wir wiederkommen, werden auch sie alle wieder da sein. Mit Anzug und Krawatte, in Büros und Institutionen werden sie ihres Amtes walten. Für die repräsentative Demokratie gibt es kaum etwas Beruhigenderes als die Sommer-Interviews - ob im Original, im Frage-Duo oder zur Nacht.