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George W. Bush: Der Glaubenskrieger

Er mag den Waffeninspektoren der UN noch ein bisschen Zeit geben. Und den Europäern eine letzte Chance, sich anders zu besinnen. Doch George W. Bush ist fest zum Krieg entschlossen. Denn er hat eine Mission: eine Welt nach amerikanischem Vorbild - notfalls mit Gewalt.

Wenn George W. Bush seine Air Force One betritt, ist die Welt für ein paar Stunden in Ordnung. Im Bordfernseher läuft nie CNN, der Präsident mag keine hektischen, schlechten Nachrichten. Die Besatzung hat strikte Anweisung, den Sportsender ESPN einzuschalten. Bei langen Flügen legt Bush sich gern aufs Sofa, isst Eiersalat-Sandwiches und entspannt sich bei patriotischen Streifen wie "Behind Enemy Lines". Darin gewinnen blonde amerikanische Helden gegen schmuddelige Balkanesen, obwohl Fieslinge mit französischem Akzent ihnen dauernd in den Rücken fallen.

Drehbuch für den Irak-Krieg

Die schlichte Kost aus Hollywood, in der die Guten alles riskieren, fast untergehen, am Ende aber das Böse mit supercoolen Waffen besiegen, klingt wie ein Drehbuch für den Irakkrieg. Ein Jahr lang hat Bush seinen Kreuzzug auf Bagdad vorbereitet. Nun steht er vor einer historischen Entscheidung: Soll er den irakischen Diktator Saddam Hussein mit oder ohne Auftrag der Vereinten Nationen stürzen? Soll er noch einmal versuchen, den störrischen Rest der Welt von seinem Waffengang zu überzeugen? Das Ergebnis wird die Welt verändern: Die Bush-Doktrin vom Präventivschlag kann die Welt neu ordnen - oder sie ins Chaos stürzen.

Wenn Bush sich am kommenden Wochenende mit seinem treuesten Partner Tony Blair in Camp David trifft, geht es nicht mehr um Krieg oder Frieden. Es geht nur noch darum, ob man die Welt im Alleingang von Saddam erlöst oder sie am Krieg beteiligt. Niemand glaubt ernsthaft, dass die UN-Inspektoren in der Zeit, die sie zusätzlich bekommen, jene "rauchenden Colts" finden, die sie in den vergangenen Jahren nicht aufgespürt haben. Ende Februar hätte die amerikanisch-britische Koalition genügend Truppen am Golf, um Bagdad anzugreifen. Wenn Saddam bis dahin nicht durch einen Coup gestürzt worden oder ins Exil gegangen ist, schlägt die Neue Welt notfalls auch allein zu, wie US-Außenminister Powell am Wochenende in Davos versprach. Ohne das alte Europa.

Showdown zwischen Gut und Böse

Es steht weit mehr auf dem Spiel als das Regime des Henkers aus Bagdad. Es geht auch nicht um sein biologisches oder chemisches Arsenal. Noch immer wissen die UN-Inspektoren nicht, wo 6500 chemische Sprengköpfe geblieben sind und wo größere Mengen des Nervengases VX sowie Milzbrand-Erreger versteckt sein könnten. Es geht um viel mehr: Ein Jahr lang hat Bush den Irakkonflikt zum Showdown zwischen Gut und Böse aufgebaut, nun will er die Entscheidung. Anders als sein Vater, der sich über das "Visionen-Ding" immer lustig gemacht hat, glaubt der Sohn: "Das Visionen-Ding ist wichtig."

So wie Ronald Reagan in den USA als der Mann gefeiert wird, der den Kalten Krieg gewonnen hat, möchte Bush in die Geschichte eingehen als der Mann, der Frieden und Demokratie in den Nahen Osten gebracht hat: "Es gibt nichts Größeres, als Weltfrieden zu erreichen." Der Irak ist dabei nur der erste Schritt, die übrigen arabischen Staaten sollen folgen. Er glaube wirklich, sagte Bush bei einem Treffen mit Industriellen, dass "daraus mehr Ordnung in die Welt kommt, wirkliche Schritte in Richtung Frieden im Nahen Osten und Stabilität in den ölproduzierenden Regionen".

Das Imperium des Guten wartet deshalb nicht mehr, bis es bedroht oder angegriffen wird. Ab sofort schlägt es vorbeugend zu gegen jene, die es einmal bedrohen könnten. Die Entscheidung über den Präventivschlag fällt ein Mann, der noch im Wahlkampf 1999 die Taliban mit einer Rockgruppe verwechselt hat. Eine erstaunliche Karriere. Erst spät in seinem Leben hat der Millionärssohn einen Halt gefunden, erst mit 40 Jahren das Trinken aufgegeben und zu Gott gefunden. Als er vor zwei Jahren vor dem Kapitol in Washington seinen Amtseid ablegte, hatte er von der Welt fast nichts gesehen - nur dreimal war er zuvor ins Ausland gereist. Misstrauisch beäugte ihn anfangs sein Volk, sie hielten ihn für eine Art "Reagan light". Weil er sich dauernd versprach und im Fernsehen hölzern auftrat, wurde er in den ersten neun Monaten seiner Amtszeit in allen Talkshows veräppelt.

Aus "Boy George" wurde "King George"

Die Anschläge vom 11. September haben sein Image mit einem Schlag verändert. Aus dem unsicheren "Boy George" wurde fast über Nacht "King George", dem niemand mehr Sprachschöpfungen wie "missunterschätzen" übel nahm. Auch viele Kritiker gaben zu, den Provinzler aus Midland, Texas, missunterschätzt zu haben, selbst wenn sein Vokabular das kleinste sei, das er je bei einem Präsidenten gesehen habe, wie ein konservativer Kommentator schrieb. Der schnelle Sieg in Afghanistan ließ Bushs Popularität in stratosphärische Höhen steigen. Irgendwo unterwegs muss er dabei die Bodenhaftung verloren haben. Heute sieht Bush sich vom Allmächtigen auserkoren, die Welt vom Bösen zu befreien. "Reagans Sohn", so die "New York Times", glaube wie Ronald daran, die Vereinigten Staaten hätten den göttlichen Auftrag, "das heilige Feuer menschlicher Freiheit" in der Welt zu verbreiten.

Vor seiner Wahl hatte er versprochen, unter seiner Führung würden die USA "bescheidener auftreten. Wenn wir nicht mehr als hässliche Amerikaner betrachtet werden wollen, müssen wir aufhören, der ganzen Welt zu sagen: Wir machen es so, und ihr sollt es auch so machen." Seit er an der Macht ist, klingt das ganz anders.

Sendungsbewusstsein eines Südstaaten-Methodisten

In einer Grundsatzrede vor Kadetten der Militärakademie West Point schwärmte Bush im vergangenen Jahr, ein "einziges Modell menschlichen Fortschritts" habe das 20. Jahrhundert überlebt - gemeint war das US-Modell. Er werde alles tun, es in der Welt zu verbreiten.

Mit dem Sendungsbewusstsein eines Südstaaten-Methodisten will Bush nun der muslimischen Welt eine Lektion in Toleranz erteilen. Die Mischung aus den Zehn Geboten und der Dritten Motorisierten Infanteriedivision lässt nicht nur Amerikas Feinde erschauern. Der US-Schauspieler Woody Harrelson schäumte: "Die Kriegstreiber, die sich das Weiße Haus unter den Nagel gerissen haben, benutzen die Trauer einer Nation, um ewigen Krieg gegen jedes nichtweiße Land zu führen, das sie für terroristisch halten." Ausgerechnet der 43. Präsident der USA, der bei freien Wahlen 539897 Stimmen weniger erhielt als sein Konkurrent und erst vom Obersten Gerichtshof ins Amt gehoben wurde, will nun die Fackel geheimer, demokratischer Wahlen in den Nahen Osten tragen.

Sich selbst wusste Bush immer aus dem Schussfeld zu halten. Um den Vietnamkrieg hat er sich einst dank Papas Hilfe geschickt herumgemogelt. Als Pilot bei der Texas Air National Guard verteidigte Bush junior 1968 den Luftraum über Houston. Früher fing er den Tag mit einem Martini an, heute liest er jeden Morgen in der Bibel. Auch Kabinettssitzungen beginnt er mit einem Gebet. Aber die Kritik des Papstes und vieler großer US-Kirchen an seiner Politik ignoriert er.

Bushs Logik ist schwer zu verstehen

Warum will er ausgerechnet am Irak die Überlegenheit der amerikanischen Werte beweisen? Selbst gute Freunde der USA wie der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld staunen: "Es ist sehr schwer, die Logik hinter Bushs Aktion zu verstehen." Der Irak ist ausgeblutet, die Bevölkerung verarmt, das Militär hat sich nie von der Niederlage 1991 erholt. Ob es noch Massenvernichtungswaffen besitzt oder an ihrer Herstellung arbeitet, ist fraglich. Der ehemalige UN-Waffeninspektor Scott Ritter glaubt, die Vernichtungskapazität des Irak sei "neutralisiert". Doch die US-Regierung ist davon überzeugt, dass Saddam noch Waffen hortet. "Wir wissen, dass Bagdad lügt", sagt Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice. Fotos oder Dokumente freilich, die das belegen könnten, haben weder die UN-Inspektoren noch die Weltöffentlichkeit zu sehen bekommen. Warum die amerikanische Regierung ihr Wissen bis heute nicht offen gelegt und die Welt besser von der Notwendigkeit einer gewaltsamen Entwaffnung überzeugt hat, bleibt eines der vielen Geheimnisse von Bushs Irakpolitik.

Als der US-Präsident im vergangenen September vor den Vereinten Nationen begründete, weshalb man Saddam gewaltsam stürzen müsse, führte er auch jene 81-mm-Aluminium-Röhren an, die, so Rice, "wirklich nur für nukleare Waffenprogramme geeignet sind". Inzwischen sind die UN-Waffeninspektoren davon überzeugt, dass die Röhren zu einem Raketenprogramm gehörten und "nicht direkt" für eine Uran-Anreicherungs-Anlage taugten, sie müssten dafür aufwendig umgebaut werden. Anzeichen, dass dies versucht wurde, fehlen. Die 200 UN-Inspektoren haben seit November bei Hunderten von Einsätzen im Irak zwölf leere Geschosshülsen entdeckt, mit denen chemische Gefechtsköpfe verschossen werden können - sie lagen noch in genau jenem Munitionslager, in dem sie schon 1998 von den Vereinten Nationen katalogisiert worden waren.

1988 standen die USA noch hinter Saddam

Als Beweis für die Grausamkeit Saddams erinnerte Bush vor der UN-Vollversammlung daran, dass der irakische Diktator sein eigenes Volk vergast habe. Stimmt. Aber Bush vergaß zu erwähnen, dass 1988, als Saddam 5000 Kurden in der Gegend von Halabja mit Giftgas ermorden ließ, die USA noch massiv hinter ihm standen - man hielt den Massenmörder für das kleinere Übel. Saddam galt als Bollwerk gegen den damaligen Lieblingsfeind der Amerikaner, den iranischen Ayatollah Khomeini. US-Diplomaten verbreiteten seinerzeit erfolgreich das Märchen, auch die Iraner seien in das Massaker verwickelt gewesen.

Warum der Irak? Auch das andere Mitglied der "Achse des Bösen", Nordkorea, hat die UN-Inspektoren aus dem Land geworfen und missachtet UN-Beschlüsse. Es bedroht seine Nachbarn und wird von einem unberechenbaren, bizarren Diktator beherrscht, der sein Volk hungern lässt. Schlimmer noch als Bagdad: Nordkorea hat gerade einen Reaktor in Betrieb genommen, mit dem es waffenfähiges Plutonium produzieren kann. Bush will diese Krise diplomatisch beilegen, obwohl Kim Jong Il viel näher an der Atombombe ist als Saddam.

Warum der Irak? Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatten die amerikanischen Geheimdienste behauptet, Terrorpilot Mohammed Atta habe sich in Prag mit einem irakischen Geheimdienstler getroffen. Das Treffen hat nie stattgefunden. Auch die Jagd auf Osama bin Laden scheint schon vorbei zu sein. Der "Staatsfeind Nr. 1", den Bush einst "tot oder lebendig" kriegen wollte, ist ebenso in den Hintergrund gerückt wie das Schicksal des "befreiten" Afghanistan. Während Amerika sich auf den nächsten Befreiungskrieg vorbereitet, fällt das Land wieder in die Stammesanarchie und das Elend zurück, aus dem die US-Armee es einmal erlösen wollte. Die Befreiung der afghanischen Frauen ist nach einem Jahr schon wieder zu Ende.

Ins Herz der Finsternis stoßen

Warum der Irak? Rache für den Vater, der Saddam 1991 vernichtend besiegt hat, aber nicht aus dem Amt treiben durfte, weil die UN ihm keine Erlaubnis dafür gaben? Mag sein. Billiges Öl? Ein wichtiger Grund. Nie hatten die USA eine Regierung, in der so viele reich geworden sind, weil sie in der Ölindustrie gearbeitet haben. Deshalb verstehen George W. Bush und sein Leute nur zu gut, wie abhängig das Land vom freien Fluss des billigen Treibstoffs ist.

Aber beides erklärt nicht die religiöse Inbrunst, mit der Bush sich in diesen Konflikt stürzt. Was ihn wirklich treibt, darüber berichtet Bob Woodward (er hat einst den Watergate-Skandal mit aufgedeckt) in seinem jüngsten Buch "Bush At War". Schon wenige Tage nach den Terroranschlägen versammelte der US-Präsident seine wichtigsten Berater in Camp David, um eine Strategie für die Zukunft zu entwerfen. Verteidigungsminister Rumsfeld und sein Vize Paul Wolfowitz nahmen gleich den Irak ins Visier. Sie wollten sich nicht lange mit dem unregierbaren Afghanistan aufhalten, sondern sofort ins Herz der Finsternis vorstoßen.

Außenminister Powell war dagegen, auch Vizepräsident Cheney widersprach: "Wenn wir Saddam Hussein verfolgen, verlieren wir unseren Anspruch als die good guys." Selbst Bush war skeptisch: "Ich glaube zwar, dass der Irak mit den Anschlägen etwas zu tun hatte, aber ich werde ihn nicht angreifen. Ich habe derzeit noch keine Beweise." In den folgenden Wintermonaten, bei langen Strategiediskussionen am Kaminfeuer in Camp David, veränderte sich die Stimmung dramatisch. Obwohl es keine neuen Erkenntnisse gab, rückte der Irak Anfang 2002 ins Zentrum von Bushs Politik, bis zum Sommer wurde er zur Obsession.

Das "Visonen-Ding"

Warum? Es war das "Visionen-Ding". Wolfowitz hatte sich mit seiner Strategie durchgesetzt. Er hatte die übrigen Falken im Kabinett davon überzeugt, die marode Diktatur "zum Testfall für die Führungsstärke von Bush und der Rolle der Vereinigten Staaten in der Welt" zu machen, wie Woodward schreibt. Der Sturz von Saddam würde den Nahen Osten radikal verändern, prophezeite Wolfowitz. Ein befreiter, wohlhabender, demokratischer Irak wäre ein Modell für die arabische Welt. Er würde die demonstrierenden Studenten in Teheran beflügeln, er wäre ein leuchtendes Vorbild für solch hoffnungslose Fälle wie Syrien, Ägypten, Saudi-Arabien oder Sudan. Die vielen Terrorgruppen, die heute noch jede vernünftige Politik im Nahen Osten torpedierten, hätten dann keine sichere Basis mehr. Die Wut über die USA würde nachlassen. Dann könne man auch an den größten Konflikt der Region herangehen, den Krieg zwischen Israelis und Palästinensern.

"Sie verhalten sich wie belagerte Sektierer", spottete eine Kommentatorin der "New York Times" über die Vordenker der US-Regierung, "Skeptiker werden als Feiglinge betrachtet und legitime Fragen als Mangel an Patriotismus. Sie glauben, die alleinige Wahrheit zu besitzen, und die ganze Welt ist gegen sie."

Der intellektuelle Architekt dieser kühnen Strategie ist Paul Wolfowitz, 59, ein Mathematiker, der vier Sprachen spricht und seit 1973 in jeder US-Regierung, Clinton ausgenommen, als Ideenlieferant gedient hat. Der "Politkommissar", so die "Washington Post", hat den harten Kurs von Reagan gegen die Sowjetunion mit entworfen, von ihm stammt die Idee zum Präventivkrieg. Der Anschlag vom 11. September hat ihn nur bestärkt: "Das hat uns allen vor Augen geführt, was passiert, wenn man solche Drohungen nicht ernst nimmt." Von Wolfowitz hat Bush auch die Überzeugung übernommen, Amerika könne nicht nur ein leuchtendes Beispiel am Horizont sein, es müsse all seine Macht aktiv dafür einsetzen, diese "universellen Werte" rund um den Globus zu verbreiten. Der Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen, der zahllose Angehörige im Holocaust verloren hat, wird umgetrieben vom "Geist von München".

Energiebündel "Rummy" kümmert sich um die Details

Beim Münchener Abkommen von 1938 waren England und Frankreich vor Deutschlands Erpressung in die Knie gegangen und hatten die Besetzung des Sudetenlandes akzeptiert. Hitler verstand den diplomatischen Kniefall als Einladung zum Angriffskrieg. Das Versagen der demokratischen Staaten wird heute nirgendwo so ernst genommen wie in den USA, besonders die Regierung Bush ist insgeheim davon überzeugt, das "alte Europa" habe aus der Schande von damals nie gelernt und werde immer vor Diktatoren kuschen, mal aus pazifistischen, mal aus wirtschaftlichen Gründen - immer aber aus Angst. Hätte man Hitler rechtzeitig gestoppt, wäre der Welt unermessliches Leid erspart geblieben.

Wolfowitz plädiert deshalb dafür, es sei "besser, kleine Kriege gleich zu führen als große später". Heute stehe die Welt wieder vor einer Schicksalsfrage. Deshalb müsse man Saddam stürzen, bevor er Terroristen mit atomaren Waffen versorge. Der leise, sanft sprechende Hobbykoch Wolfowitz, der gern im Hintergrund bleibt, ist das Gegenteil seines Chefs Donald Rumsfeld. Über ihn lästerte Henry Kissinger einst, er sei "rücksichtsloser" als alle Despoten, die er kenne. Der ehemalige Leichtgewichtsringer ist witzig, laut, direkt und ruppig. Mit 70 Jahren ist "Rummy" ein Energiebündel, das jeden Morgen um halb sieben Uhr an seinem Stehpult im Pentagon steht und sich - zum Entsetzen seines Generalstabes - bis spät in die Nacht um jedes Detail des Aufmarschs am Golf kümmert.

Viele seiner Generäle und hohen Offiziere bezweifeln bis heute die Weisheit eines Präventivschlages gegen den Irak. Rummy straft sie mit Missachtung. Im Kabinett ist er, zusammen mit Cheney, ein erbitterter Gegner von Außenminister Powell, der immer wieder versucht, die USA von einem Alleingang abzuhalten. Powell, damals noch Chef des Generalstabes, war schon gegen den ersten Golfkrieg 1991: "Das amerikanische Volk sieht nicht gern seine Jungs dafür sterben, dass die Gallone Benzin weiterhin nur 1,50 Dollar kostet."

Auch im laufenden Konflikt finden Generäle wenig Gehör. Anthony Zinni, Ex-General der Marineinfanterie, fragt sich, ob es ein Zufall sei, dass jene, die etwas vom Krieg verstünden, zauderten, während jene, "die nie in ihrem Leben einen Schuss abgefeuert haben, ganz heiß darauf sind, in den Krieg zu ziehen". Weder Bush noch Cheney, Wolfowitz oder Rumsfeld haben damals geholfen, Vietnam zu "befreien".

Lust am Krieg lässt drastisch nach

Den größten Einfluss auf Bush hat Dick Cheney. Der graue Vize mit dem kalten Blick ist die eigentliche "Macht hinter dem Thron" ("The Economist"). Er diente schon unter Bushs Vater als Verteidigungsminister. Wäre es nach ihm gegangen, hätte der Sohn gar nicht erst die Zustimmung der Vereinten Nationen gesucht. Inspektionen hält Cheney für sinnlos, Resolutionen für Zeitverschwendung, sie würden die USA nur "zurück in die Suppe der UN-Prozeduren werfen - hoffnungslos, endlos, unentschlossen", so "Bush At War"-Autor Woodward.

Die zunehmende Härte und Gereiztheit der Bush-Regierung und eine verlängerte Frist für die UN-Inspektoren beweisen, wie sehr sie unter Druck geraten ist. Bush, der strahlende Sieger von Kabul, verliert auch im eigenen Land an Rückhalt. Die Lust am Krieg lässt drastisch nach. Die demokratische Opposition, die noch im vergangenen Herbst für einen militärischen Alleingang der USA gestimmt hat, scheint langsam aus ihrem patriotischen Tiefschlaf aufzuwachen. Der einflussreiche Senator Edward Kennedy warnte, dies sei ein "falscher Krieg zur falschen Zeit".

Über 2000 amerikanische Prominente protestierten in einem Aufruf gegen Bushs Doktrin der Alleingänge: "Wir verweigern Ihnen das Recht, im Namen aller Amerikaner zu sprechen, wir weigern uns, an diesen Kriegen teilzunehmen." Republikanische Unternehmer forderten in einer Anzeige im "Wall Street Journal", Bush müsse einen "besseren Weg" als Krieg finden, um Saddam zu entwaffnen. Selbst Brent Scowcroft, Sicherheitsberater von Bush senior während des ersten Golfkrieges, warnte, eine Attacke auf den Irak könnte den Nahen Osten in einen Hexenkessel verwandeln und so den Krieg gegen den Terrorismus zerstören".

Massive Drohung an Saddam

Alles Schwarzmalerei, sagen Bushs Verteidiger. Der konservative "New York Times"-Kommentator William Safire zerlegt in seinen Kolumnen schon das Fell des Bären. "Nach unserem Sieg" bekämen die Briten natürlich die Ölrechte der verhassten Franzosen im Irak, die Türkei werde mit ein paar Quellen im Norden belohnt, und die ewig mauernden Russen könnten sich die "acht Milliarden Dollar Schulden", die Saddam bei ihnen hat, sonst wohin stecken. Die Ölpreise würden drastisch fallen, was nicht nur ein Segen für die Entwicklungsländer sei - am Ende stehe "weltweite Prosperität".

Wenn nötig, werden die Amerikaner dazu auch Atomwaffen einsetzen. So erklärte der Stabschef des Weißen Hauses, Andrew Card, am vergangenen Wochenende, die USA würden nicht davor zurückschrecken, falls sie mit "unkonventionellen Waffen" angegriffen würden. Das war nicht nur eine massive Drohung an Saddam. Damit das Reich des Guten überall anbricht, könnte ein bisschen Armageddon unvermeidlich sein.

Claus Lutterbeck / print