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Luftschläge gegen IS: Libyen sollte Obama eine Warnung sein

Die USA werden in den syrischen Bürgerkrieg eingreifen, mit Luftangriffen soll der Islamische Staat "zersetzt und vernichtet" werden, sagt Barack Obama. Die Ansage gilt nicht nur den Terroristen.

Eine Analyse von Peter Meroth

Barack Obama hat scharfe Worte gewählt, um seine neue Strategie gegen den Islamischen Staat (IS) in Syrien und Irak anzukündigen. "Degrade and destroy", zersetzen und vernichten, wolle er die Terror-Organisation, sagte der US-Präsident. Er erinnerte daran, dass die Islamisten zwei amerikanische Journalisten enthauptet haben, dass sie Frauen vergewaltigen, versklaven und in Zwangsehen pressen. Es ist keine zwei Wochen her, dass er als Oberbefehlshaber der US-Truppen vor der Presse bekannte, er habe noch keine Strategie gegen IS, nun scheint er das Versäumte mit martialischem Wortgerassel nachholen zu wollen.

Obama ist unter Zeitdruck. Nicht nur im Nahen Osten droht die Lage außer Kontrolle zu geraten, sondern auch in den USA selbst. Am 4. November stehen die Midterm Elections an, die Wahlen zum Repräsentantenhaus in der Mitte der Amtszeit des Präsidenten. Neu zu besetzen sind auch 33 der 100 Sitze im Senat, wo Obamas Demokraten um ihre Mehrheit bangen müssen. Bisher war eine Pipeline von den Ölfeldern in Kanada und dem Norden der USA der große Aufreger in diesem Wahlkampf. Nun ist wieder Krieg das Thema. Der Krieg, den zu beenden Obama einst angetreten war. Er wollte der Präsident sein, der die Soldaten aus dem Irak nach Hause holt. Auch daran erinnerte er in seiner Rede: 140.000 GIs seien in seiner Amtszeit zurückgekehrt.

Bodentruppen müssen zu Hause bleiben

Neue Bodentruppen will der Präsident auch nicht entsenden, nur 475 Militärberater und Ausbilder, zusätzlich zu den rund 1200 Soldaten, die noch im Irak verblieben sind. Bagdads Armee und die Kurden sollen die Kämpfer der IS im Irak stoppen. 25 Millionen Dollar Militärhilfe haben die USA ihnen zugesagt - eine neue Aufwertung der kurdischen Peschmerga und möglicherweise auch der kurdischen PKK.

Mit Luftschlägen will Obama auch in den verworrenen syrischen Bürgerkrieg eingreifen. Dort sind die gemäßigten Rebellen längst zwischen die Fronten geraten. Im Kampf gegen Diktator Baschar al Assad waren islamistische Gruppen einst ihre Bündnispartner. Auch al-Kaida-nahe Truppen griffen in die Kämpfe ein, weshalb der Westen sich scheute, die syrische Opposition mit Waffen zu unterstützen. Die Islamisten, die sich zum IS formierten, sind den Rebellen inzwischen in den Rücken gefallen, das scheint den USA nun Grund genug, die bisherige Linie zu revidieren. Man habe nun zwei Jahre Erfahrung mit dem komplizierten Beziehungsgeflecht der syrischen Opposition, sagte ein hoher Regierungsbeamter dem Nachrichtenkanal CNN, "wir wissen nun viel besser, mit wem wir es zu tun haben".

IS denkt schon an den Sturm Jerusalems

Obamas Abwarten hatte Hoffnungen genährt, dass er mit mehr Überlegung in den Anti-Terror-Kampf ziehen würde als sein Vorgänger George W. Bush. Tatsächlich reitet er nicht in Cowboy-Manier in die Schlacht, mit wirbelndem Lasso und ballernden Colts. Er spielt eher den anderen Part in diesem Western, lässt seine Drohnen-Krieger anschleichen wie Indianer und mit Feuerpfeilen aus der Luft zuschlagen. Eine neue Strategie ist das nicht. Obama verfolgt sie schon seit Jahren in Afghanistan, Pakistan, Jemen, Somalia. Und auch die auf dem Nato-Gipfel Anfang September in Wales eilig verkündete Koalition von zehn westlichen Staaten zeugt nicht von wohlüberlegtem Vorgehen. Beim Partner Türkei wird der US-Präsident noch Überzeugungsarbeit leisten müssen, ebenso bei den arabischen Verbündeten, Saudi Arabien und Katar. Noch in dieser Woche will Außenminister John Kerry mit ihnen in Dschidda konferieren.

Im aktuellem stern ist nachzulesen, was die Saudis motivieren könnte, sich offen einer Koalition gegen den IS anzuschließen. In der Titelgeschichte über das Kalifat wird geschildert, mit welcher Symbolik und mit welchen Worten IS-Chef Abu Bakr als selbsternannter "Kalif Ibrahim" die Herrschaft über die Heiligen Stätten des Islam und über die arabische Halbinsel beanspruchte. Libanon und Jordanien wären nur kleine Etappen auf dem Weg dorthin. Und auch als Salah ad Din inszenierte sich Abu Bakr, als jenen ruhmreichen Heerführer, der 1187 Jerusalem von den Kreuzrittern befreite.

Schnelle Erfolge versprach Obama nicht. Der Kampf gegen das Krebsgeschwür des IS-Terrors werde Jahre dauern, sagte er. Die Nachrichten aus Libyen werden ihm eine Warnung gewesen sein. Dort musste vor zwei Tagen das Parlament auf ein Schiff ausweichen, um ungefährdet tagen zu können. Im Chaos der Hauptstadt war die Sicherheit nicht mehr zu garantieren. Libyen schien einst ein Beispiel zu sein, wie die neue Schutzverpflichtung der UN erfolgreich umgesetzt werden könnte. Als Gaddafis Armee die Aufständischen von Bengasi belagerte und das Eingreifen der Nato ein Blutbad verhinderte. Die Sicherung der Luftherrschaft schien zu genügen, eine Flugverbotszone die Vorherrschaft des Diktators zu brechen. Doch es folgte eine Welle der Gewalt, die schließlich sogar das friedliche Mali erfasste. Und der Bürgerkrieg in Tripolis ist noch in vollem Gang. Das Land versinkt im schlimmsten Machtkampf verfeindeter Milizen seit Gaddafis Sturz.

Das Kalifat - Report aus der Finsternis

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