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Nahost-Konflikt: Israel tötet neuen Hamas-Chef

Knapp vier Wochen nach der Liquidierung von Hamas-Gründer Scheich Ahmed Jassin hat Israel Jassins Nachfolger, Abdel Asis Rantissi, durch einen Raketenangriff in Gaza getötet.

Knapp vier Wochen nach der Liquidierung von Hamas-Gründer Scheich Ahmed Jassin hat Israel erneut gegen die Führung der militanten palästinensischen Organisation zugeschlagen: Jassins Nachfolger als Hamas-Führer im Gazastreifen, Abdel Asis Rantissi, ist am Samstag bei einem Raketenangriff in Gaza getötet worden. Die Geschosse zerfetzten das Auto des radikalen und militanten Politikers, in dem nach Angaben palästinensischer Krankenhausmitarbeiter auch zwei Leibwächter umkamen. Nach der Explosion kreisten israelische Hubschrauber über dem Viertel.

Die Raketen schlugen knapp 100 Meter von dem Grab Jassins ein und verletzten auch fünf Passanten. Rantissi wurde schwer verwundet in ein Krankenhaus eingeliefert, wo er während einer Notoperation starb. Tausende Palästinenser marschierten durch die Straßen und riefen nach Rache. Rantissi hatte als einer der radikalsten Hamas-Führer jegliche Kompromisse mit Israel abgelehnt.

Palästinensischer Kabinettsminister wirft Israel Staatsterrorismus vor

Der palästinensische Kabinettsminister Sajeb Erakat warf Israel Staatsterrorismus vor. "Wir verurteilen in den schärfsten möglichen Worten die Ermordung von Dr. Rantissi", sagte Erakat. "Das ist Staatsterrorismus, und die israelische Regierung ist voll für die Folgen aus dieser Tat verantwortlich." Auch von der Arabischen Liga wurde der Vorwurf des Staatsterrorismus gegen Israel erhoben. Ihr Sprecher Hossam Saki sagte in Kairo, der Angriff wenige Tage nach dem USA-Besuch des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon nähre zudem den Verdacht, dass Israel die Zustimmung von US-Präsident George W. Bush dafür erhalten habe.

Der jordanische Regierungspräsident Asma Chader bezeichnete die Tötung Rantissis als "hässliches Verbrechen", das die Hoffnungen auf Frieden in der Region mindere. Bush trifft am kommenden Mittwoch mit König Abdullah zusammen. Der palästinensische Ministerpräsident Ahmed Kureia sagte, Israel habe mit der Tötung Rantissis "alle roten Linien überschritten". Den USA warf er vor, sie ermutigten israelische Aktionen gegen die Palästinenser. Der palästinensische Präsident Jassir Arafat warf Israel einen "brutalen Mord" vor.

Britischer Außenminister Straw verurteilt Tötung Rantissis

Der britische Außenminister Jack Straw verurteilte das israelische Vorgehen als rechtswidrig. "Die britische Regierung hat es wiederholt klar gemacht, dass so genannte gezielte Tötungen rechtswidrig, ungerechtfertigt und kontraproduktiv sind", sagte er.

Jassin war am 22. März bei einem israelischen Raketenangriff getötet worden. Israel erklärte damals, auch alle anderen Führer der Hamas könnten zum Ziel von Angriffen werden. Zuletzt hatte Israel am 10. Juni vergangenen Jahres versucht, Rantissi zu töten. Rantissi entkam verletzt; einen Tag später wurden bei einem Hamas-Selbstmordanschlag in Jerusalem 16 Israelis getötet.

Der israelische Kabinettsminister Gideon Esra rechtfertigte den tödlichen Angriff auf Rantissi als Teil eines Kampfes gegen militante Palästinenser, denen in den vergangenen dreieinhalb Jahren 900 Israelis zum Opfer gefallen seien. "Wir müssen diesen Krieg fortsetzen, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Und die Geschichte mit Rantissi zeigt, dass das Heer überall zuschlagen kann. Wir müssen weiter machen, wir haben keine andere Wahl", sagte Esra im israelischen Rundfunk. Minister Usi Landau sagte, die Tötung Rantissis sei ohne Zweifel ein großer Erfolg.

Scharon gratuliert israelischer Armee zu Liquidierung von Rantisi

Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hat der Armee seines Landes am Sonntag zur Liquidierung des Hamas-Führers Abdel Asis Rantissi gratuliert. Zum Auftakt einer Sitzung des Kabinetts bekräftigte er nach israelischen Rundfunkberichten zugleich, Israel werde sein Vorgehen nicht ändern. "Israel wird einerseits die Politik der Abtrennung (von Palästinensergebieten) fortsetzen, andererseits weiter gegen terroristische Organisationen kämpfen", wurde Scharon zitiert. Rantissi war am Samstag in Gaza-Stadt mit einem israelischen Hubschrauberangriff getötet worden.

Israelische Minister bezeichnen Tötung Rantisis als großen Erfolg

Minister der israelischen Regierung haben die Liquidierung des Hamas-Führers Abdel Asis Rantisi als großen Erfolg bezeichnet. Die Tötung zeige, dass sich kein Terrorist unangreifbar fühlen könne, zitierte der israelische Rundfunk am Sonntag den stellvertretenden Regierungschef Ehud Olmert.

Ministerpräsident Ariel Scharon wollte am Sonntag dem israelischen Kabinett über seine US-Reise berichten, bei der er von US-Präsident George Bush weitgehende Zustimmung für seine Politik bekommen hatte. Bush hatte Scharon Unterstützung für den Plan einer einseitigen Abtrennung der Palästinensergebiete gegeben.

Die israelische Armee schloss unterdessen am Sonntag den Kontrollpunkt Eres zwischen Gazastreifen und Israel, wo es am Vortag einen palästinensischen Selbstmordanschlag gegeben hatte. Das Attentat war verübt worden, bevor Rantisi in Gaza-Stadt mit einem israelischen Hubschrauberangriff liquidiert worden war.

Hamas ernennt Nachfolger für Rantissi

Die radikale Hamas-Bewegung hat am Sonntag einen Nachfolger für den von Israel getöteten Abdel Asis Rantissi ernannt. Die Identität des neuen Hamas-Führers im Gazastreifen wurde jedoch geheim gehalten. Wie verlautete, ordnete dies der Leiter des politischen Büros der Organisation in Syrien, Chaled Maschaal, an. Im israelischen Armeeradio hieß es, Rantissis bisheriger Stellvertreter Mahmud Sahar solle künftig die Hamas im Gazastreifen leiten. Eine Bestätigung dafür gab es jedoch nicht. Rantissi war am Samstag bei einem israelischen Raketenangriff in Gaza tödlich verletzt worden. Nur knapp einen Monat zuvor hatte Israel den Hamas-Gründer Scheich Ahmed Jassin getötet.

Annan verurteilt Ermordung des neuen Hamas-Führers

UN-Generalsekretär Kofi Annan hat die Ermordung des neuen Hamas-Führers Abdel Asis Rantisi durch Israel verurteilt. Das Attentat sei eine Verletzung des internationalen Rechts, erklärte Annan in der Nacht zum Sonntag.

Er forderte Israel auf, die gezielten Tötungsaktionen sofort einzustellen. Die Gewalt zwischen Israels und Palästinensern könne dauerhaft nur durch eine Lösung des Nahostkonflikts auf der Grundlage des als "Road Map" bezeichneten Friedensplans beendet werden.

EU verurteilt Ermordung Rantissis

Die Europäische Union hat die gezielte Tötung des neuen Hamas-Führers Abdel Asis Rantisi durch Israel verurteilt. "Israel hat das Recht, seine Bürger gegen Terroranschläge zu schützen. Schritte dieser Art sind aber ungesetzmäßig und führen nicht dazu, die Spannung zu vermindern", erklärte der Beauftragte für die gemeinsame Sicherheits- und Außenpolitik der Union, Javier Solana, am frühen Sonntagmorgen in Brüssel.

Dies treffe besonders zu in einer Zeit, wo die internationale Gemeinschaft Wege überlege, den Gaza-Abzugsplan des israelischen Regierungschefs Ariel Scharon zu unterstützen, falls bestimmte Bedingungen erfüllt seien. Solana wies dabei auf die baldige Sitzung des so genannten Nahost-Quartetts hin, in dem die EU, USA, Russland und die Vereinten Nationen vertreten sind.

Solana erklärte, er und die EU-Außenminister hätten bei deren informellen Treffen im irischen Tullamore am Samstag auf das nötige Ende der Gewalt und des Terrorismus und die Wiederaufnahme einer umfassenden Waffenruhe gedrungen. "Die Tat (Attentat auf Rantisi) wird einen Erfolg dieses Prozesses nicht erleichtern", schrieb Solana.

Weißes Haus verurteilt Angriff auf Rantissi nicht

Die US-Regierung hat die Tötung von Hamas-Führer Abdel Asis Rantissi nicht ausdrücklich verurteilt. "Israel hat das Recht, sich gegen Terroranschläge zu verteidigen", sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, am Samstag nach dem israelischen Raketenangriff in Gaza, bei dem neben Rantissi auch zwei seiner Leibwächter ums Leben kamen.

Angesichts möglicher Vergeltungsschläge radikaler Palästinenser erklärte McClellan: "Die Vereinigten Staaten machen sich ernsthafte Sorgen um Frieden und Stabilität in der Region." Die US-Regierung fordere Israel auf, "die Folgen seines Handelns sorgfältig zu bedenken". Weiter sagte der Sprecher von US-Präsident George W. Bush: "Wir rufen alle Parteien erneut dazu auf, nun äußerste Zurückhaltung zu üben."

Hunderttausende nehmen Abschied von Rantissi

Mehrere hunderttausend Palästinenser haben am Sonntag in Gaza Abschied von Hamas-Führer Abdel Asis Rantissi genommen. Einen Tag nach dem gezielten israelischen Angriff, bei dem Rantissi zusammen mit zwei Leibwächtern ums Leben kam, wurden die drei Toten vom Krankenhaus durch die völlig überfüllten Straßen von Gaza zur größten Moschee getragen. Die Menschenmenge rief "Rache, Rache" oder "Gott ist groß", Frauen warfen Blumen und Süßigkeiten auf die Trauerprozession.

Rantissi, seit der Liquidierung von Hamas-Gründer Scheich Ahmed Jassin vor vier Wochen Führer der militanten Organisation im Gazastreifen, war bis auf den Kopf in einer grüne palästinensische Flagge gehüllt. Auch zahlreiche Kinder wurden an sein von Wunden entstelltes Gesicht geführt.

Rund 200 bewaffnete Hamas-Mitglieder hatten sich an den Straßenrändern vor Rantissis Haus aufgereiht und gaben Salut-Schüsse ab, als die Bahre vorüber getragen wurde. Vor dem Gebäude war ein großes Trauerzelt aufgestellt, Rantissis Brüder und Kinder grüßten die Trauergäste. An die Wand des Hauses waren Zitate des radikalen Politikers geschrieben, aus den Fenstern in der Nachbarschaft hingen schwarze und palästinensische Flaggen.

Tausende Demonstranten schwören Rache

"Hamas wird den Widerstand fortsetzen", sagte der örtliche Kommandant der Organisation, Ahmad Sahar. An der größten Moschee der Stadt warteten 70.000 Menschen auf das Eintreffen des Leichnams. "Gestern haben sie (die Israelis) gesagt, sie hätten Rantissi getötet um die Hamas zu schwächen", rief Hamas-Führungsmitglied Ismail Hanijeh der Menge zu. "Die Hamas könnte wegen des Verlustes ihres Führers in eine Krise geraten, aber sie wird nicht besiegt werden."

Auch in mehreren Städten im Westjordanland gab es Hamas-Demonstrationen. In Nablus hängten aufgebrachte Palästinenser Abbilder des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon und des US-Präsidenten George W. Bush auf, schossen auf sie und setzten sie anschließend in Brand. Dazu riefen sie "Rache, Rache".

AP, DPA