USA Das gespaltene Land


Am 11. September war die Nation geeint wie nie. Doch bald ging ein tiefer Riss durch Amerika. Inzwischen sprechen Historiker von einem Krieg der Kulturen. Reise durch ein Land, dessen Bewohner sich fremd geworden sind.

Wahrscheinlich erzählen die beiden Highways schon die ganze Geschichte. Der eine führt entlang der Westküste, durch Mammutbaumwälder und kleine Städte, in denen es nach frischem Espresso riecht und manchmal auch nach Pot. Am Rand des Highways stehen handgemalte Schilder, die den "Regimewechsel" fordern, und fragt man die Menschen nach der größten Bedrohung für Amerika, so nennen sie George W. Bush gleich nach bin Laden und vor Kim Jong Il.

Der andere Highway führt übers Land, durch goldene Felder und weite Prärien, wo der Horizont endlos erscheint, aber das Weltbild begrenzt. Am Rand dieses Highways stehen großflächige Plakate mit abgetriebenen Föten unter dem Titel "Holocaust", und fragt man die Menschen hier nach der größten nationalen Bedrohung, so landet John Kerry nicht weit hinter Terrorismus und Schwulenehe.

Die beiden Highways führen durch dasselbe Land. Aber die Menschen verstehen einander nicht mehr. Sie leben in zwei Welten, die sich immer seltener treffen. Sie sehen in Bush das Werkzeug Gottes - oder die Marionette Cheneys. Sie hassen die Vereinten Nationen - oder verehren sie. Sie halten Jesus für einen Weltrichter - oder einen Witz. Und wenn sie überhaupt etwas teilen, dann die tiefe Abneigung für den politischen Gegner.

Die Reise durch das gespaltene Land

beginnt im äußeren Nordwesten, im Staate Washington. Der Protest gegen Bush hält sich anfangs noch in Grenzen. Die Menschen am Highway Number 101 stellen "Kerry for President"-Schilder in ihren Garten oder kleben "No more Bush"-Sticker auf ihre Autos. Weiter südlich, um Seattle, spielen Radiosender Songs wie "Bomb the World" und "Rich Man's War". Die Küste wird bald steiler, die Zahl der VW nimmt zu, und die Menschen sagen: Was müsst ihr in Europa nur von uns denken? Wir schämen uns so für diesen Präsidenten.

In San Francisco schließlich, wo Amerika so links ist wie nirgends sonst, hängen T-Shirts mit dem Aufdruck "Schickt die Bush-Töchter in den Irak". An der Universität in Berkeley bereiten Studenten ihr Exil in Kanada vor. Im Silicon Valley spendeten Wissenschaftler zwei Millionen Dollar für Kerry, um im Weißen Haus wieder jemanden zu haben, der an die Evolution glaubt und nicht an Adam und Eva. In Hollywood sang Barbra Streisand, predigte Ben Affleck, witzelte Leonardo DiCaprio gegen Bush. Aber all das ist doch Kinderkram, sagt der Freewayblogger.

Südlich von Los Angeles, am Highway Number 5, sitzt der 42-Jährige am Rand der zwölfspurigen Autobahn und wartet auf die Rush-Hour. Er trägt eine orangefarbene Sicherheitsweste und ein Apachen-Kopftuch.

Der Mann will nicht vermessen sein, aber er glaubt, dass er die Wahlen entscheiden und die Welt verändern kann. Und so springt er nun auf und befestigt ein mannshohes Plakat an der Autobahnbrücke. "Wen würde Jesus bombardieren?", steht darauf. Er steigt in seinen Truck und fährt weiter zum Highway 73 und bringt dort die Botschaft "Osama Bin Forgotten" an. "Rumsfailed" lautet die Parole in San Diego, und in Malibu "Nobody Died When Clinton Lied", und er könnte nach 1000 Kilometern mal eine Pause einlegen, gewiss, das könnte er, aber sein Truck ist noch voll: 40 Schilder. 300 000 Wähler will er erreichen, so rechnet der Freewayblogger, mehr als mancher TV-Wahlspot, und nun ist ihm doch ein bisschen schwindelig vor Glück.

Es ist spät in der Nacht.

Er steht in seiner Garage in einem bürgerlichen Vorort von L. A. und pinselt die Sprüche auf die Schilder für den nächsten Tag. Er macht nichts anderes mehr, seit zwei Jahren. Damals, vor Beginn des Krieges, fragte er sich, was das für ein Land ist, in dem die Regierenden lügen und die Medien ihnen glauben und die Rechten die Wahrheit annektieren wie nach einem Staatsstreich. "Ich fühlte mich hilflos", sagt er. "Wo war die Entrüstung im Land? Ich rief in den Talkshows an, aber da nannten sie mich unamerikanisch." Jetzt müssen sie eben seine Botschaften lesen, die an 2000 Brücken hängen, jetzt fährt er im Morgengrauen hinaus, bis nach Nevada und New Mexico, jetzt haben ihn zwar seine Frau und Tochter verlassen, und ein bisschen traurig ist das schon, aber dann denkt er an all die Kinder der toten GIs, die ihre Väter nie wiedersehen, und er denkt an Che Guevara, der seine Kinder auch verließ, und bei dem Vergleich fühlt er sich wieder ganz wohl.

Hinter Los Angeles, auf der Reise gen Osten, verändert sich Amerika. Die Highways sind so leer, dass ein Holzstück auf der Fahrbahn zum Highlight der Verkehrsmeldungen wird. Im Radio laufen Quizshows, bei denen Werkzeugkoffer zu gewinnen sind, und Talksendungen, die Kerry als Vaterlandsverräter anklagen, und in der Ferne zwischen den kahlen Bergen blitzt und blinkt es plötzlich wie bei einem Raketenangriff. Las Vegas.

Ein schlechter Tag für Amerika.

Die Nachrichten melden, dass wieder eine US-Geisel im Irak enthauptet wurde. Der Tag ist so schlecht, dass Paul Adams jetzt Flugblätter verteilt mit dem Titel: "Die Wahrheit über den Irak". Adams ist Vorsitzender des Clubs Republikanischer Männer. Er weiß, dass der Krieg die Wahl am 2. November entscheiden wird. Er weiß, dass Bush in seinem Staat, Nevada, nur noch knapp führt. Er sagt den Passanten, dass die linken Medien wie CNN und "New York Times" die Fakten manipulieren. Er hat Hunderte Erfolge im Irak aufgelistet, unter anderem die Schaffung von Pfadfinderclubs und Fußballplätzen. Da fühlen sich die Menschen gleich viel besser.

Eigentlich wollten die Besucher in Las Vegas mal Abstand gewinnen von der komplizierten Weltlage, aber in den Straßen leuchtet auf einer Werbetafel der Komiker Jerry Seinfeld, der gegen Bush mobil macht, auf der anderen Werbetafel die Rockband ZZ Top, die für Bush mobil macht. Vor McDonald's verteilen Mexikanerinnen Reklamezettel für Huren aller Hautfarben, die Stunde 175 Dollar, Irak-Veteranen die Hälfte. Wer fürs Vaterland in Bagdad den Kopf hinhält, darf erwarten, dass Prostituierte in Las Vegas das auch tun.

Wie die Staaten wählen

US-Bürger wählen ihren Präsidenten nicht direkt, sondern über Wahlmänner. Diese - je nach Einwohnerzahl 3 bis 55 - stimmen für den Kandidaten, der in ihrem Bundesstaat die Mehrheit hat. George W. Bush hatte laut Umfragen von Ende September 226 Wahlmänner auf seiner Seite, Kerry 164. Für den Sieg sind 270 Stimmen erforderlich. Die Wahlentscheidung fällt in den noch unentschiedenen "Swing-Staaten", in denen insgesamt 148 Stimmen zu holen sind. Am Ende spielt vermutlich Florida mit seinen 27 Wahlmännern wieder eine Schlüsselrolle.

Im Hotel "Venetian", zwischen dem Markuspalast und dem Canal Grande, lädt die Republican Jewish Coalition zu einer "Unterhaltung" über den Präsidenten. Der TV-Moderator Wayne Root erklärt den Zuschauern, dass Demokraten hasserfüllte Wesen sind, die gejubelt hätten, als Ronald Reagan angeschossen wurde. Da schweigt die Menge bestürzt. So sind sie also, die Demokraten. Dann tritt Ari Fleischer ans Podium, Bushs Pressesprecher während des Irak-Kriegs. Und preist den Präsidenten als großen Kriegsherrn und besten Freund, den Israel je im Weißen Haus hatte. Da ist die Menge erleichtert. Da ist alles wieder in Ordnung in dieser perfekten Welt, in der die Gondoliere nicht nach Seetang riechen und die Brüste der Kellnerinnen steil gen Himmel zeigen und Bush der größte Visionär ist seit Abraham Lincoln.

Pavillion ist ein kleines Dorf

in Wyoming mit einer Bar und ein paar verstreuten Häusern. Es sieht nicht gerade so aus, als wollten Terroristen hier Anschläge verüben, aber man weiß ja nie, sagt sich Asa Stothart. Asa ist 27 und Cowboy und passt lieber ein bisschen auf. In der Kleinstadt Cody, nur 100 Meilen entfernt, soll mal ein Saudi aufgetaucht sein, und laut Fernsehen steht der Terroralarm immer noch bei Orange. Also zeigt Asa, was er kann, wirft ein Lasso um die Lehne eines Stuhls vor seinem Haus, und der Stuhl kracht zusammen und wird wehrlos durch den Sand gezogen, ha!

Asa ist ein freundlicher Mann, der den Indianern vom Stamm der Schoschonen beim Viehtreiben hilft und dem Marlboro-Mann beim Trinken. Er hält Bush für zu links, wählt ihn aber, weil er wie rund 60 Prozent der Amerikaner glaubt, "dass er uns besser vor Terroristen beschützt". Er weiß nicht viel über Kerry, aber der wirkt wie ein Streber, findet Asa, der etwas Schwierigkeiten mit dem Lesen hat. Kerry sieht aus wie ein Vegetarier, sagt Asa, der sich selbst nur von Fleisch ernährt. Kerry sieht nicht gerade aus wie einer, der sich alle Knochen beim Rodeo gebrochen hat und am Morgen schon Tabak kaut und 80 000 Rinder über die Rocky Mountains bringt. Wie soll so einer unser Land beschützen?

Die Highways gen Osten verlaufen nun so wie die Meinungen der Menschen: geradeaus, ohne Abzweigung, dem Himmel so nah. Die Staaten sind alle in republikanischer Hand, Idaho, Montana, die Dakotas. Kerry braucht hier so wenig anzutreten wie Bush in Kalifornien. Auf einigen Autos prangt noch der Aufkleber "United We Stand", eine Erinnerung an die Tage nach dem 11. September, aber davon ist nichts übrig geblieben. Das Land ist gespalten wie nie zuvor, sagen die Politologen. Zerrissen in einem "Culture War". Für Republikaner repräsentiert Kerry das, was sie an Demokraten am schlimmsten finden: Snobismus, Internationalismus, unpatriotisches Verhalten. Für Demokraten symbolisiert Bush das, was sie an Republikanern am schlimmsten finden: Ignoranz, Kriegsgeilheit, religiösen Fanatismus. Bei Themen wie Abtreibung, Todesstrafe, Homoehe, Krieg korrespondiert "zum ersten Mal seit 50 Jahren die Ideologie der Menschen exakt mit der Parteilinie", sagt der Politologe Hans Noel von der University of California. James Gimpel von der University of Maryland konstatiert freiwillige politische Segregation: Republikaner bleiben unter sich, Demokraten ebenso. Die einen gucken Fox News, die anderen CNN. Die einen Mel Gibson, die anderen Michael Moore. Die einen gehen zum Monster Truck Race, die anderen ins Theater.

Wenn Gimpels Analyse zutrifft,

lebt Tatiana Janzen, 31, in der Diaspora, am Rand der Rocky Mountains, in Colorado, einem Staat, den Bush wohl gewinnen wird. Als Treffpunkt schlägt sie einen unauffälligen Ort am Flughafen Denver vor, als gehe es um die Übergabe brisanter Informationen. Sie sagt, Bush sei eine Gefahr für die Welt, aber das dürfe sie eigentlich nicht sagen. Sie arbeitet bei einer großen Buchführungsfirma. Sie hat ein kleines Kind. Sie möchte nicht als Verräterin bezeichnet werden oder gar als Kommunist wie ihr Freund Mason. Er arbeitet als Analyst bei einer Energieberatungsfirma. Er reist oft in den Nahen Osten und erzählt seinen Freunden von den Folgen des Irak-Kriegs, aber die Freunde wollen das nicht hören. "Sie nennen mich unpatriotisch oder unamerikanisch." Mason selbst sieht sich eher als Liberalen, aber er benutzt das Wort nicht mehr, weil die Rechten es als Schimpfwort verwenden, als würden sie Nigger sagen. "Wenn wir Bush wiederwählen, verabschiedet sich die Welt von uns. Die Menschen dort begreifen einfach nicht, weshalb Amerikaner ihn noch wählen." Er sagt es leise. Es klingt wie ein Geheimnis.

Wer wissen will, warum die Leute Bush noch wählen, erfährt es in Colorado Springs, einer einst normalen Stadt im Herzen Amerikas. Dann kamen fundamentalistische Christen und schufen sich ihre eigene Welt mit christlichen Maklern und Zahnärzten und erhoben bald ein Monopol auf die Moral. Radiostationen verbreiteten ihre Moral, bis die Liberalen zum neuen Feind wurden, der das Vakuum füllte zwischen Kommunisten und Terroristen.

Die Autobahnabfahrten in Colorado Springs führen direkt zu Gott. In der New Life Church sind schon um acht Uhr früh 2500 Plätze besetzt. Eine Boygroup spielt Rocksongs für den Herrn. Der Moderator trägt ein drahtloses Mikro und warnt vor Europa, "wo Madonna mehr Respekt genießt als Jesus", und Pastor Ted Haggard warnt vor der Stammzellenforschung, die sich "in nichts unterscheidet von Hitler, der aus Haut Lampenschirme machen ließ". Hitler zieht immer.

Vor dem Saal

, an einem Beratungsstand, wirbt eine attraktive blonde Frau dafür, zur Wahl zu gehen. Sie sagt, dass die Kirche keine Empfehlung abgeben darf, aber sie hat da eine Broschüre mit den Standpunkten der Kandidaten. Kerry ist für Abtreibung, Bush dagegen, Kerry ist für Stammzellenforschung, Bush dagegen, Kerry wirkt steif, Bush lacht fröhlich. Sie hat dann noch ein paar Geschenke parat, eine Anleitung für Gebete am Wahltag und zwölf Stunden Bandmaterial von Pastor Haggard.

Die Fahrt Richtung Süden gehört zu den schönsten Strecken des Heartlands. Sie führt vorbei an Erhebungen, die man für Tafelberge halten könnte, aber die Einheimischen nennen sie Gottes Tische. Je weiter südlich es geht, desto mehr Plakate finden sich, auf denen hübsche Teenager für das Glück sexueller Enthaltsamkeit werben. Und wenn die Bush-Schilder irgendwann so zahlreich die Vorgärten schmücken wie Rosenbüsche, ist man in Midland, Texas.

"Midland is Bush Country", steht auf den Plakaten. Hier wuchs der Präsident auf. Hier bekommt er 90 Prozent der Stimmen. Hier erscheint Kerry nur auf den Aufklebern "Kerry for France". Midland ist ein großes Stück Amerika. Die Hamburger kosten 99 Cent. Der Teich ist von Chevron gesponsert und der Spielplatz von den Mormonen. Die Innenstädte sind leer, es gibt dort kein Kino und kein Theater, nicht mal einen Laden. Das Leben spielt in Suburbia. Die Leute schauen im Fernsehen noch Filme an, aber Hollywood steht hier für Sodom und Gomorrha. Es gibt noch Romane, aber die spielen in der Endzeit. Die Menschen interessieren sich für Nahostpolitik, aber nur weil die Bibel vorhersage, dass Israel gestärkt werden muss, bevor Gott auf die Erde zurückkommt. Als Bush im Weißen Haus einzog, sagte er, er wolle die Werte Midlands zum Maßstab seines Regierens machen.

Im einzigen Restaurant

der Innenstadt sitzt Johnny Hackney, 80, und zeigt Fotos seines Freundes George W. Bush, als der noch ein Trinker war. Johnny war nie gegen die Demokraten, aber dann kam die Abtreibungsdebatte, und dann kam Monica Lewinsky, und das war's dann. Johnny sieht durchaus die Fehler im Irak-Krieg, aber George kann nichts dafür, sagt er. Die Berater sind schuld. George ist ein guter Kerl. Sie werden ihn hier im Süden nicht fallen lassen. Sie würden ja auch Jesus nicht nach einer Legislaturperiode absetzen.

30 Kilometer außerhalb von Midland verändert sich das Bild. Auf die Villen folgen Holzhütten und auf die Holzhütten Campingtrailer, wo viele Hispanics leben, die auf Müllkippen und Ölfeldern arbeiten. Der Wahlkampf könnte sich um die neue Armut im Land drehen - 35,9 Millionen Amerikaner leben unterhalb der Armutsgrenze. 45 Millionen sind ohne Krankenversicherung, die Kriminalität in den Städten nimmt wieder zu, aber der Krieg verbraucht alle Schlagzeilen.

Kelley Tubre, 25, ist auf dem Weg zum Tatort eines Mordes in New Orleans. Eine Jugendgang hat einen Teenager wegen ein paar Drogen in der Turnhalle hingerichtet. Kelley leitet die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. "Das ist mein Alltag", sagt sie. "Schwarze erschießen Schwarze. Ich hätte nie gedacht, dass es noch schlimmer kommt, aber jedes Jahr ist es so." Letztes Jahr hatte sie 129 Morde.

Kelley hat kurz erwogen, die Republikaner zu wählen. Sie hält wie viele Schwarze im Süden nichts von der Homoehe, die Bush so leidenschaftlich bekämpft. Aber wenn sie durch die Slums geht, möchte sie Bush am liebsten einfliegen lassen und ihm das Elend zeigen. "Er gibt den Reichen Steuererleichterungen und streicht die Programme bei uns", sagt sie. "Er hat keine Ahnung, wie es an der Heimatfront aussieht." Sie wird wieder für die Demokraten stimmen, wie es 90 Prozent der Schwarzen tun. Sie wird wieder von Tür zu Tür ziehen, um die Leute an die Urne zu treiben. Vor vier Jahren seien entscheidende Stimmen von Schwarzen unterschlagen worden. Das wird nicht wieder passieren, sagt sie. Es klingt wie eine Drohung.

Weiter nach Florida,

immer den eingeknickten Häusern nach, verwüstet von Hurrikans. In Florida könnte sich wieder alles entscheiden. Die Leute an der Redneck Riviera werden Bush wählen und die Juden an der Gold Coast Kerry. Die Kubaner eher Bush, die Dominikaner Kerry. Weiße Rentner Bush, schwarze Frauen Kerry. Es ist das Land, das sich noch immer nach Hautfarben definiert.

Am Abend läuft das erste TV-Duell zwischen Bush und Kerry an der Universität von Miami. Vor der Halle kreischen auf der einen Seite die Bush-Anhänger, die Kerry-Anhänger auf der anderen. Sie stehen da seit Stunden. Halten ihre Plakate in jede Kamera. Zerfetzen Plakate des Gegners. Jede Sekunde Sendezeit zählt. In den War Rooms zerfetzen Berater die Argumente der Gegner. Dies ist die größte Wahlschlacht unserer Geschichte, sagt Lockhart, der demokratische Stratege. Dies ist die wichtigste Entscheidung unseres Lebens, sagt Dowd, der Republikaner. Beide sind sich einig: Es geht Kopf an Kopf bis zur Entscheidung.

Am darauf folgenden Abend gibt Bruce Springsteen ein Konzert in Philadelphia. Es ist der Auftakt seiner Tournee "Vote for Change". Er fühlt sich von Bush betrogen. Er will Kerry zum Sieg verhelfen. Seine Gegner sagen, dass das "Karriere-Selbstmord" ist. Die Senatskandidatin Marilyn O'Grady ruft zum Boykott seiner Platten auf. Springsteen aber, der sich nie in Parteipolitik eingemischt hat, sagt: "Es ist mein gutes Recht. Unsere Regierung hält sich nicht mehr an amerikanische Werte." Dann haut er auf die Gitarre und rennt ins Publikum und singt "Power to the People".

Andere Stars haben sich ihm angeschlossen, REM, John Fogerty, Jackson Browne. Auf Bushs Seite stehen Ted Nugent und ZZ Top und die Countrymusikszene. Madonna findet Bush so verantwortungslos wie Saddam, Britney Spears dagegen vertraut dem Präsidenten. Es gibt "Wissenschaftler für Kerry" und "Polizisten für Bush", "Korea-Veteranen für Kerry" und "Vietnam-Veteranen gegen Kerry", und mit etwas Glück wird man auch noch "einäugige Hausfrauen für Bush" finden.

Vor der ausverkauften Halle

sammelt George Relles Unterschriften für Kerry. Er ist aus Kalifornien hergezogen, um den Swing State Pennsylvania für die Demokraten zu gewinnen. Er sagt, er sei Jude und wolle jetzt nicht übertreiben, aber die ganze Entwicklung in Amerika sei mit dem Dritten Reich zu vergleichen. Deutsche Freunde hätten ihm gesagt, das mit Hitler habe auch ganz langsam angefangen. Er wolle sich nicht vorwerfen lassen, keinen Widerstand geleistet zu haben. Da ist Hitler wieder. Er zieht auf beiden Seiten.

Die Reise endet in New York, zurück in der Stadt, die mehr von Hongkong hat als von Midland, mehr von Paris als von Pavillion, mehr von der Karibik als von Colorado. Es ist einer jener Herbsttage, die in Deutschland für Hitzefrei sorgen würden. Im Central Park wirbt die Gruppe Billionaires for Bush für "four more wars", noch vier Kriege, und die Privatisierung der Luft. In Brooklyner Fischläden finden "Democratic Sushi" reißenden Absatz, die republikanischen bleiben liegen. In Downtown planen sie Straßenfeste für den Sieg der Demokraten.

Und sollte Bush noch mal gewinnen, so gilt Norman Mailers Forderung: New York muss endlich die Unabhängigkeit erklären.

Jan Christoph Wiechmann print

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