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USA: Von allen guten Geistern verlassen

Der Krieg im Irak läuft schlecht, die Schulden sind so hoch wie nie, die Umfragewerte im Keller. Nun wird auch noch ein enger Vertrauter wegen Meineids angeklagt. Amerikas Präsident George W. Bush erlebt die düstersten Wochen seiner Amtszeit - und seine Freunde gehen auf Distanz.

Wenn es ganz schlimm kommt im Leben des George W. Bush, wenn seine Umfragewerte so abstürzen wie einst die Umsätze seiner Firmen, nimmt er Zuflucht bei Osama bin Laden. Die Angst vor bin Laden hat ihm schon den Sieg bei der letzten Präsidentschaftswahl gesichert und davor bei den Kongresswahlen, und hört man Bush so reden an diesem düsteren Vormittag in der Chrysler Hall von Norfolk, Virginia, klingt es, als spräche er von einem guten Bekannten.

Bin Laden, sagt Bush, wolle ein Imperium, das von Spanien bis Indonesien reicht. Bin Laden, feixt Bush, wage sich selbst nicht auf die Selbstmordkommandos, die für Muslime angeblich im Paradies enden. Es ist Freitag, der 28. Oktober. In Washington fliegt ihm gerade der Laden um die Ohren. Aber Bush spricht von bin Laden.

Er tut dies häufig in den letzten Wochen, immer häufiger, je schlechter der Krieg läuft. Doch diesmal, vor 1000 ausgesuchten Soldaten, belässt er es nicht dabei. Er stopft auch Stalin in seine Rede hinein und Hitler und Pol Pot, und am Ende, als er selbst die Terrorregime im Iran und Syrien untergebracht hat und man die Apokalypse schon greifen kann, sieht er endlich Hoffnung. Die Hoffnung heißt Amerika. Der Befreier. Der Freiheitsexporteur. Der ewige Sieger.

"Wir werden nichts anderes akzeptieren als den totalen Sieg"

, sagt der Präsident und klopft mit dem Zeigefinger auf das Pult. Da springen die Zuhörer von den Stühlen auf. Da gibt es kein Halten mehr unter den Soldaten. Da möchten der Matrose Hawkins, Reihe 35, und der Veteran Bork, Reihe 36, am liebsten sofort in den Irak und die Terroristen eigenhändig würgen. Da ist Washington D.C. plötzlich sehr weit weg von Norfolk, Virginia. Weiter noch als Bagdad.

Bush steht auf der Bühne wie ein gerührter Oscar-Preisträger. Hinter ihm leuchtet eine Tafel mit der Aufschrift "Strategie zum Sieg", vom Band läuft "God save Amerika". "Danke, dass ihr mir die Chance gebt, Washington zu entfliehen", ruft er ins Publikum. Es ist die schlimmste Woche seiner Präsidentschaft - aber Bush strahlt. Nach dem Skandal um eine vom Weißen Haus enttarnte CIA-Agentin und der Abfuhr, die er sich bei der Nominierung seiner Freundin Harriet Miers für den Obersten Gerichtshof holte, ist seine Popularität auf den Tiefpunkt gefallen - 37 Prozent. Aber Bush spricht von Erfolgen. Nur in der Terrorbekämpfung bekommt er noch gute Noten, also klammert er sich am Terror fest wie einst an Jack Daniels.

Doch blickt man genauer auf diesen Mann, der hippelig hinter dem Pult steht, ist da noch eine andere Seite. Da steht einer, der sich häufig verhaspelt. Der Worte wie Imperialismus, Totalitarismus und Faschismus herunterleiert wie Baseball-Ergebnisse. Der alles zu kontrollieren glaubte, den Krieg, die Partei, die Geschichte, aber nicht mehr Herr seiner eigenen Gesten ist. Bush spricht mit drohender Miene vom Islamo-Faschismus und reißt Sekunden später Witze. Er huldigt George Washington und nennt ihn in einem Anfall grotesker Selbstüberhöhung "den ersten George W". Er redet vom feigen Mord, doch über sein Gesicht huscht dabei unerklärlicherweise ein Lächeln. Manchmal wirkt George W. Bush so entrückt von dieser Welt, wie er es im Himmel einmal sein will.

Nie wurde dies so deutlich

wie in den vergangenen Wochen. Als am Dienstag im Irak der 2000. Amerikaner dieses endlos erscheinenden Krieges stirbt, redet Bush bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung vor betuchten Parteispendern, den "Republican Eagles". Eine Band, The Wright Stuff, spielt, asiatische Canapés werden gereicht, Orangen-Carpaccio und gedünstetes Filet Mignon. Die Serviettenbeschwerer sind aus Kristall, die Säulen in Rot, Weiß und Blau gefasst. Bush sagt, was er immer sagt bei solchen Anlässen: "Dies ist ein Land, in dem du den ganzen großen Traum leben kannst." Der tote Soldat wurde 34 Jahre alt.

Schon seit den Verwüstungen von Hurrikan "Katrina" zweifelte die Nation am Krisenmanagement ihres Präsidenten. Bush brach seinen Urlaub in Crawford nur deshalb ab, weil seine Berater das dringend empfahlen. Auf dem Flug ins Katastrophengebiet drei Tage später schaute der mächtigste Mann der Welt ausnahmsweise nicht Baseball im Fernsehen, sondern Zusammenschnitte von Nachrichtensendungen, die ihm sein Adlatus Dan Bartlett auf DVD gebrannt hatte. Denn Nachrichten, schlechte zumal, ignoriert Bush auf seiner Ranch. Die Überbringer müssen mit Wutausbrüchen rechnen.

Am vergangenen Freitag dann, während Bush sich noch in Norfolk feiern lässt, trifft ihn der schwerste Schlag. In Suite 700 des Justizministeriums verkündet Sonderermittler Patrick Fitzgerald die Anklage gegen Lewis Libby, Stabschef von Vizepräsident Cheney, wegen Meineids, Rechtsbehinderung und Falschaussage. Libby, einer der Architekten des Irak-Kriegs, soll die Identität der CIA-Agentin Valerie Plame an Journalisten verraten haben, um ihren Ehemann, den Kriegskritiker Joe Wilson zu diskreditieren. Auch gegen Karl Rove, "Bushs Gehirn" genannt, wird wegen Falschaussage ermittelt. Ohne seinen politischen Guru, so argwöhnt das politische Washington, drohe die Präsidentendämmerung.

Für die ganze Welt ist nun ersichtlich: Ausgerechnet dieses Weiße Haus, das so berüchtigt ist für seine Diskretion, outet eine Agentin und kompromittiert die nationale Sicherheit. Ausgerechnet dieses Weiße Haus, in das George Bush nach den Blowjobs der Clinton-Ära wieder "Anstand und Würde" bringen wollte, ist ein Hort der Lügen und Intrigen. Nach einer Umfrage der "Washington Post" halten die Amerikaner den ethischen Verfall der Bush-Regierung für gravierender als den Bill Clintons. Bush selber fand nur zwei Worte für seine Probleme. Er nannte sie "Hintergrundgeräusche" und "Geplapper".

Es ist die Zeit im Leben,

da er Rückendeckung brauchte von Parteifreunden, aber das ist nicht so leicht in diesen Monaten. Tom DeLay, Mehrheitsführer im Abgeordnetenhaus, musste sein Amt niederlegen, weil er in Texas wegen Geldwäsche unter Anklage steht. Gegen Bill Frist, Mehrheitsführer im Senat und möglicher Präsidentschaftskandidat für 2008, ermittelt die Börsenaufsicht wegen Insidergeschäften.

Demokraten sprechen von einer "Kultur der Korruption" in Washington. Die beißende Kritik von links ist nicht neu. Neu ist vielmehr, dass der Präsident nun auch die Republikaner spaltet. Der bis vor kurzem immer noch Bush-freundliche Kommentator Newt Gingrich brachte unlängst seine Sicht zum Ausdruck: "Dies ist der größte Wendepunkt für Republikaner, seit Ronald Reagan 1980 die Nominierung gewann." David Frum, Bushs früherer Redenschreiber, nennt es den "Midterm Blues" - das Elend in der Mitte der Wahlperiode.

Am Freitag vergangener Woche sitzt Frum in seinem Büro im zehnten Stock des "American Enterprise Institute", einer elitär-konservativen Denkfabrik. An der Wand hängt ein Foto von seinem Hund, der Labrador trägt ein kleines Plakat um den Hals: "Dogs for Bush!" Ein paar Blocks entfernt, im Justizministerium, präsentiert Fitzgerald der Presse gerade seine Anklageschrift, und Frum stiert kopfschüttelnd auf seinen Laptop, "was für ein komplett unnötiger Skandal". Frum gilt als konservativer Vordenker und Kritiker zugleich; gegen Harriet Miers führte er den republikanischen Widerstand an. Vor vier Jahren gelangte der gebürtige Kanadier zu einiger Berühmtheit, weil er für seinen Boss die Worte "Die Achse des Bösen" erfand.

David Frum denkt schnell, redet schnell, und seine Sätze klingen wie Salven: "Jetzt zeigen sich Bushs Schwächen. Wie bei jedem Präsidenten, wenn er erst einmal eine Weile an der Macht ist. Clinton konnte seinen Appetit auf Sex nicht zügeln. Reagan hasste es, Papiere zu lesen, sogar jene, die ihm gefährlich werden mussten. Nixon wurde das Opfer seiner eigenen Skrupellosigkeit und Paranoia. Und Bush? Seine größte Schwäche ist sein Führungspersonal. Denn je ehrgeiziger die Ziele sind, umso gefährlicher wird es, wenn du nur mittelmäßige Leute um dich versammelst. Bush hört nicht auf Rat von außen. Seine Umgebung spiegelt nur seine eigenen Erwartungen."

Tatsächlich hat sich Bush seine eigene Welt kreiert, willfährige Claqueure und Jasager um sich geschart und das Weiße Haus in eine Arbeitsbeschaffungszentrale für gute Freunde umfunktioniert. "Cronyism" nennen das die Amerikaner, Vetternwirtschaft. Cronyism ist ein Schimpfwort in Amerika. Unter Bush pflastern Cronies seinen Weg.

Bushs guter Bekannter Michael "Brownie" Brown avancierte zum Chef der Katastrophenschutzbehörde Fema, nachdem er als Präsident des "Internationalen Verbandes für Araberpferde" gehen musste. Als New Orleans absoff und von Fema nichts zu sehen war, lobte der Präsident seinen Cronie unverdrossen: "Du machst einen verdammt guten Job!" Der überforderte Brownie kündigte schließlich selbst. Israel Hernandez war mal der "travel boy". Er war der Mann mit dem Regenschirm und den Lutschpastillen in Bushs Entourage. Der Präsident nannte ihn den "Pfefferminz-Jungen". Heute ist der junge Mann stellvertretender Handelsminister. Karen Hughes, die rustikale Bush-Beraterin aus gemeinsamen Tagen in Texas, soll als stellvertretende Außenministerin das kümmerliche US-Image vor allem im Nahen Osten verbessern, kennt die Gegend aber so wenig, dass sie außer Platitüden nichts zu bieten hat.

"Bush dürfte in dieser Situation

nicht einmal vor Karl Rove Halt machen", sagt David Frum, obwohl auch er weiß, dass der Präsident ohne seinen Einflüsterer hilflos wäre. "Rove müsste eigentlich zurücktreten." Doch danach sieht es nicht aus. Seit Frum das Weiße Haus verlassen hat, traut er sich, auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen. "Auf Bushs Grabstein könnte einst stehen: Er hat viel versucht." Dieser Präsident hat vor allem versucht, anders zu sein als sein distanziert-intellektueller Vater. Doch nun sieht er sich mit denselben Problemen konfrontiert, die schon George Herbert Walker Bush hatte: rasanter Absturz in der Popularität von mehr als 80 auf weniger als 40 Prozent, Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Lage, rebellierende Parteifreunde.

Während sein Vater aber den Realitäten ins Auge sah, schafft sich der Sohn seine eigenen Realitäten. Als er kürzlich seinen Landsleuten demonstrieren wollte, welche Fortschritte der Krieg macht, ließ er sich live in den Irak schalten. Dort bestätigten ihm die Soldaten, dass alles bestens sei. Das Problem: Die GIs hatten sämtliche Antworten zuvor auswendig lernen müssen.

Vater Bush will sich nicht mehr äußern zu den Schwierigkeiten seines Sohnes. Das erledigen dessen Weggefährten. Sein bester Freund, der ehemalige Nationale-Sicherheits-Berater Brent Scowcroft, brüllte im Magazin "New Yorker" seine Wut regelrecht hinaus: "Wie bringen sie Demokratie in den Irak? Du marschierst ein, du bedrohst, du setzt unter Druck, du evangelisierst ... Es hieß, dies sei Teil des Krieges gegen den Terrorismus. Aber der Irak füttert in Wahrheit den Terrorismus."

Jetzt, da die Präsidentschaft erodiert

, wagen sich auch konservative Kritiker aus der Deckung. Oberst a. D. Lawrence Wilkerson, Stabschef unter Außenminister Colin Powell, entschloss sich vor kurzem, an die Öffentlichkeit zu gehen. Er ist überzeugt, dass die Politik der vergangenen Jahre durch eine "gefährliche Intrige" bestimmt wurde. "Eine Intrige von Vizepräsident Cheney und Verteidigungsminister Rumsfeld. Die beiden trafen die wichtigen Entscheidungen, heimlich, an allen Instanzen vorbei. In meinem ganzen Arbeitsleben habe ich nie ein solches Ausmaß an Fehltritten, Verfälschungen und Störmanövern erlebt", sagt er in seinem Haus in Falls Church, Virgina. "Und das bei einem Präsidenten, der nicht sehr versiert ist, was Außenpolitik betrifft, und auch nicht sonderlich interessiert. Dick Cheney, mit dem ich früher zusammengearbeitet habe, ist heute ein vollkommen anderer Mensch. Einige sprechen sogar von einer Paranoia im Zusammenhang mit dem 11. September."

Lawrence Wilkerson schweigt einen Moment. "Wir haben alle versagt", sagt er dann. "Ja, ich schäme mich, vor allem dafür, wie wir unsere Gefangenen behandeln. Es hieß doch immer, nach der Genfer Konvention. Doch das glatte Gegenteil war der Fall. Wir haben gefoltert. Auf faktische Anweisung des Verteidigungsministers und entgegen allen Dienstvorschriften der Armee. Und in zehn Jahren, wenn wir die ganze Wahrheit wissen, wird sich das ganze Land schämen."

Vielleicht, mutmaßen einige, wird es gar nicht so lange dauern, bis das Land das ganze Ausmaß der Bush-Regentschaft zu spüren bekommt. Der konservative Wirtschaftswissenschaftler Bruce Bartlett, auch ein Mitarbeiter des alten Bush, prophezeit eine weltweite Finanzkrise. Denn Amerika ist heillos überschuldet. Sowohl der Staat als auch seine Bürger geben seit Jahren mehr aus, als sie haben. "Der Präsident hat die fiskalischen Werte der republikanischen Partei verraten: staatliche Zurückhaltung, ausgeglichene Haushalte, Unabhängigkeit von ausländischen Großbanken. Es bedarf nur eines kleinen Auslösers - und dann Gnade uns Gott."

Bartlett sitzt am Esstisch seines Waldhauses vor den Toren der Hauptstadt. Er fühlt sich betrogen. "Der junge Bush ist gar kein richtiger Republikaner", sagt Bartlett. Gerade hat er ein Buch geschrieben mit dem Titel "Der Hochstapler - Wie Bush Amerika in den Bankrott trieb". Als er das Manuskript seinem Chef übergab, dem Leiter des konservativen Think Tanks NCPA, wurde er gefeuert. "Sie können die Wahrheit nicht vertragen", sagt Bartlett. "Aber ihnen wird keine Wahl bleiben."

Die Mehrheit der Amerikaner

glaubt inzwischen, die Geschichte werde auf Bush als Verlierer zurückblicken, nur noch 29 Prozent sind mit dem Zustand des Landes zufrieden. Aber auch andere Präsidenten haben sich aus tiefen Krisen befreien können. Einen ersten Schritt zur Rückeroberung seiner Basis machte Bush am Montag mit der Nominierung des erzkonservativen Richters Samuel Alito für den Obersten Gerichtshof. Alito ist der Liebling der christlichen Rechten und gilt als Garant dafür, die Abtreibungsrechte weiter einzuschränken.

Bush bleiben noch drei Jahre, und er hat immer schon davon profitiert, dass ihn Gegner unterschätzen. "Amerikaner vergessen schnell", sagt der Meinungsforscher Scott Keeter. Er vergleicht die Umfragewerte von Präsidenten der vergangenen 60 Jahre. Schlechter als George W. Bush stand lediglich Richard Nixon da. Keeter sagt, Bush habe den Tiefpunkt erreicht oder wissenschaftlich ausgedrückt: "Das Potenzial nach unten ist ausgeschöpft."

In Zeiten wie diesen sind das gute Nachrichten für George W. Bush.

Katja Gloger/Michael Streck/ Jan-Christoph Wiechmann

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