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Edmund Stoiber: Der Rastlose

Hinter all den Streitereien zwischen CDU und CSU ist er der unruhige Geist. Edmund Stoiber findet, dass noch irgendetwas mit ihm passieren muss. Will er doch noch Kanzler werden?

Wer mit Edmund Stoiber reden will, muss erst mal warten. Man wird in der Münchner Staatskanzlei in das "Große Arbeitszimmer" geführt - kein richtiges Arbeitszimmer, eher ein feierlicher Empfangsraum. Es gibt dort ein antikes Sofa, auf dem stehen drei Kissen. Sie sind akkurat ausgerichtet. Irgendjemand hat mit sauberen Handkantenschlägen in jedes Kissen genau in die Mitte eine Falte geschlagen.

Der Pressesprecher sagt, man soll sich nicht auf dieses Sofa setzen. Man sinkt dann immer so tief ein. Man sitzt dann immer so weit unter Stoiber. Das sei ziemlich unangenehm.

Dann kommt er

- groß, drahtig, wach. Er hat wichtige Telefonate geführt über die Krise bei Opel. "Das ist eine ganz dramatische Geschichte", sagt Stoiber. Aber die Opel-Werke liegen in Bochum, Rüsselsheim, Eisenach. Was hat das mit Bayern zu tun? "Sie müssen wissen, die Automobilindustrie erwirtschaftet 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, jeder vierte Steuereuro, jeder sechste Arbeitsplatz hängt an der Automobilindustrie. Das strahlt aus auf ganz Deutschland."

Wovon redet er jetzt? Von Bayern? Von Deutschland? Es ist nicht ganz klar. Stoiber sagt in letzter Zeit häufig Deutschland, wenn er Bayern meint. Manchmal ist es umgekehrt. Keiner weiß, was er wirklich meint. Keiner weiß, was er wirklich will. Aber alle haben ihre Vermutungen.

Wenn Angela Merkel erst für Unterschriften gegen den EU-Beitritt der Türkei ist und dann wieder dagegen, liegt das auch an Stoibers CSU-Vertreter in Berlin, Michael Glos, der den Plan in die Welt setzte. Wenn Merkels Wirtschaftsexperte Friedrich Merz zurücktritt, dann auch, weil 2006 nicht er, sondern Stoiber Superminister für Wirtschaft und Finanzen werden könnte. Wenn sich CDU und CSU einen bizarren Zahlenkrieg um Merkels "Kopfpauschale" liefern, dann auch, weil Stoiber unerbittlich Woche für Woche seinen Gesundheitsexperten Horst Seehofer gegen die Reformpläne der CDU-Chefin in die Schlacht schickt.

Egal, welche Spur man beim Merkel-Desaster zurückverfolgt - man landet immer bei dem großen, unruhigen Mann. Man landet immer bei Edmund Stoiber.

Will er Merkel zerstören?

"Sie haben ein ganz falsches Bild von mir", sagt Stoiber. "Es ist nicht so, dass ich mit dem, was ich habe, unzufrieden bin."

Es ist ein festlicher Empfang bei einem Zeitungsverlag in Passau, Stoiber hat eine Ansprache gehalten zur EU-Osterweiterung, er hat große Männer begrüßt, den Bundespräsidenten und den polnischen Staatspräsidenten. Er steht jetzt in einem großen Zelt und trinkt ein Bier. Er sieht tatsächlich nicht unzufrieden aus. Man wüsste jetzt gern, was wirklich vorgeht hinter seiner hohen Stoiber-Stirn.

"Wollen Sie noch mal Kanzlerkandidat werden?" "Mir werden immer falsche Motive unterstellt. Es ist nicht gut, wenn einem bei einer inhaltlichen Auseinandersetzung immer andere Motive unterstellt werden." "Wäre denn Frau Merkel eine geeignete Kanzlerkandidatin?"

"Als Vorsitzende der CDU ist sie beziehungsweise der Vorsitzende der CSU immer eine geeignete Persönlichkeit."

Kein Mensch glaubt, dass die große CDU zweimal einen von der kleinen CSU zum Kanzlerkandidaten macht. Stoiber müsste wissen, dass es für ihn vorbei ist.

Aber vielleicht zucken auch helle Lichtblitze hinter dieser hohen Stoiber-Stirn. Grelle Ehrgeiz-Stromschläge, die ihm sagen: Ich kann mehr, mehr, mehr! Ich bin besser, besser, besser!

Im Sommer hat Edmund Stoiber in einer kleinen Runde von CSU-Politikern gesagt, Merkel und Westerwelle könnten Schröder und Fischer nicht das Wasser reichen. Der Kanzler und sein Außenminister seien keine "Leichtmatrosen", und mit einer "ostdeutschen Protestantin und einem Junggesellen aus Bonn" könne die Union die Wahl 2006 nicht gewinnen.

Das Verhältnis zu Merkel ist seitdem noch schwieriger geworden. Aber es war auch vorher schon kompliziert. Merkel und Stoiber siezen sich. Stoiber findet, dass er in einer anderen Liga spielt als Merkel. Es ist die Schröder-Fischer-Liga - die Liga der altbundesrepublikanischen Polit-Haudegen.

Einmal hat Merkel Stoiber erzählt, dass sie sich früher, zu DDR-Zeiten, beim Abwaschen immer die Namen von West-Politikern aufsagte. Schmidt, Strauß, Kohl... Der Name Stoiber war auch dabei. Stoiber hat das gefreut. Er findet es wichtig, dass sie weiß, wie lange er schon oben ist.

Aber jetzt ist er bereits 63, sie erst 50. Die Zeit läuft ihm weg. Und so kann die Sache nicht enden. Irgendetwas muss noch mit ihm passieren. Etwas, das wirklich groß ist - größer als Bayern. Etwas, das zu ihm passt.

Am Abend des 22. September 2002 stand er auf einer Bühne im Adenauer-Haus in Berlin und fühlte sich als Kanzler. Er reckte die Daumen in die Luft. Dann küsste er seine Frau Karin auf den Mund. Das hatte man noch nie gesehen - dass er seine Frau auf den Mund küsste. Aber das hier war was Besonderes, das hier war groß. Dann kippten die Hochrechnungen. Am Ende fehlten 6000 Stimmen. 6000 Stimmen, das ist so viel wie ein bayerisches Dorf.

Wahrscheinlich konnte er an diesem 22. September 2002 nicht einfach aufhören, Kandidat für etwas Großes zu sein, für was auch immer. Er ist zwar noch am selben Abend mit Karin zurückgekehrt nach Wolfratshausen. Aber innerlich hat er einfach weitergemacht. Es muss die Nacht gewesen sein, in der sich Edmund Stoiber selbst abhanden kam.

Bis heute ist es schwierig, mit ihm über seine Niederlage zu reden. Er ist der festen Überzeugung: "Ohne Flut und Irak hätten wir gewonnen." Aber es gab damals junge Frauen in Bremen oder Berlin, die sagten: "Vielleicht ist er wirklich der Bessere. Aber ich kann ihn nicht wählen. Ich kann es einfach nicht."

Stoiber zuckt zusammen

, wenn man ihm von diesen jungen Frauen erzählt. Es ist verletzend. Er sagt: "Ja gut, nein, das macht mir nichts aus. Man muss als Politiker damit leben, dass man von bestimmten Leuten abgelehnt wird."

Aber er hat damals alles versucht. Er wollte seine Grenzen sprengen, nicht nur die von Bayern, auch die eigenen. Er wollte gemocht, nicht nur respektiert werden - vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. Einmal hat er sich sogar in die Berliner Szene-Disco "90 Grad" gestellt und ein Bier aus der Flasche getrunken. Aber für dieses Volk blieb er bis zum Schluss der zwar kompetente, aber doch verklemmte Aktenmensch: der Kandidat, der seine Frau "Muschi" nennt. Er wurde nicht gemocht. Für sein So-Sein nicht. Man kann sich schwer vorstellen, dass er damit gut leben kann.

Alles an dem Mann ist seitdem Bewegung, Stillstand sein Tod. Es gibt Tage, da fliegt Stoiber morgens von München nach Berlin, mittags von Berlin nach München und am Abend noch mal von München nach Berlin. Er redet ständig von Heimatverbundenheit, aber die Heimat dieses Politikers sind längst die Warteräume an den Flughäfen von München oder Berlin - das Zwischenreich der Ruhelosen.

Nervös steht er dort und wippt auf den Zehenspitzen. Ab und zu hört man, wie er leise seinen Mitarbeitern etwas zuzischt. "Sssso." Oder: "Wo san mer? Da san mer!" Oder auch nur: "Wo geht's jetzt weiter?"

Ohne Unterlass sucht er nach Themen, die neue Größe und Sympathie versprechen. Er will die ARD reformieren, das Dosenpfand besser machen, Managergehälter offen legen, die Europäische Union retten. Und wenn das nicht reicht, hält der Ministerpräsident von Bayern Vorträge über "Deutschlands Rolle in der Welt".

Um ihn herum laufen wichtige Männer und Frauen mit schweren, kastenartigen Aktenkoffern, wie man sie von Anwälten kennt. In ihren Koffern tragen sie seine Konzepte für ein besseres Deutschland. Er will im Geschäft bleiben, irgendwie.

Etwas Gehetztes, Ruheloses ist um diesen Mann, er wirkt seltsam überspannt. Neben ihm kommt man sich müde vor. Ständig ruckelt und zuppelt er. Er knetet die Hände, macht Kontrollgriffe zur Krawatte, kann nicht stillsitzen. Manchmal hat man das Gefühl, dieser 1,86-Meter-Mann möchte augenblicklich aus seinen feinen Anzügen springen. Aber wohin?

Stoibers vibrierende Überpräsenz ist selbst seinem arbeitswütigen Gesundheitsexperten Horst Seehofer unheimlich. Neulich hat Stoiber Sonntagnachmittag angerufen. Seehofer war nicht da. Spät abends rief er noch mal an, da ging Seehofer nicht mehr ans Telefon. Am nächsten Morgen um sieben, wieder Stoiber am Telefon: "Mensch, Horst, wo steckst du denn! Wir müssen unbedingt noch mal unsere Handynummern austauschen!"

Stoiber sagt: "Ich bin fit." Er isst Obst, er braucht nur viereinhalb Stunden Schlaf, morgens steigt er auf seinen Hometrainer. Eigentlich sieht er gar nicht aus wie ein 63-Jähriger, eigentlich sieht er noch genauso aus wie vor fünf oder zehn Jahren. Er weigert sich einfach, älter zu werden.

Je länger das so geht, desto unglaublicher wird der Kontrast zu Gerhard Schröder, dem großen Gegenspieler im Kanzleramt. Schröder reift zum abgeklärten Staatsmann, Stoiber aber wirkt hungriger, ungeduldiger, unverbrauchter denn je. Es gibt Tage, da wirft sich Bayerns Ministerpräsident in einen jugendlichen Cordanzug. Es sieht gar nicht schlecht aus.

Setzt man sich im Flugzeug neben ihn, tauscht er erst mal seine Lesebrille gegen eine andere Brille aus. Seine Augen brauchen einige Sekunden, um sich an die neuen Gläser zu gewöhnen. Er blinzelt einen neugierig an. Er redet ganz leise. Er wirkt fast ein bisschen unsicher. Unten wühlen seine blank geputzten Schuhe unablässig in den zerlesenen Resten von "FAZ" und "Süddeutscher Zeitung".

Fragt man ihn, wie es ihm geht, redet er von Sachen. Zum Beispiel von der Verbreiterung der "Bemessungsgrundlage" bei den Rundfunkgebühren durch Abschaffung des "Hotelprivilegs". Er ist unglaublich schnell und unglaublich klug. Man hat keine Chance gegen ihn - er weiß alles. Sein Blick wartet auf Zustimmung, auf Bestätigung und Bewunderung. Er wirkt so, als könnte er sich gar nicht vorstellen, dass man ihn einfach nur mag - einfach so, als Mensch Stoiber.

Er ist allein.

Um ihn herum ist immer Abstand. Ab und zu lässt er sich in der Staatskanzlei einen Salat aus der Kantine in sein Arbeitszimmer bringen. Andere Politiker finden in dem Klüngel aus Zuträgern und Mitarbeitern, der sie ständig umgibt, zumindest die wohlige Wärme einer Ersatzfamilie. Bei ihm ist das anders. Selbst für engste Mitarbeiter ist er nur "der Chef". "Vorsicht, da liegt noch das Sakko vom Chef", heißt es dann im Flugzeug. Oder: "Wo ist denn die Tasche vom Chef?"

Bis heute fehlt ihm, der sich aus der Armut und Enge eines oberbayerischen Dorfes emporgearbeitet hat, die lässige Sicherheit derer, die immer schon dazugehört haben. Er teilt frühe Erfahrungen von Randständigkeit und Zurücksetzung mit Gerhard Schröder - aber er fand eine ganz andere Antwort darauf. Während Schröder sich mit Lockerheit und Brutalität nach oben boxte, setzte Stoiber vor allem auf eins - die nackte, schiere Leistung.

"Er wird angetrieben von dem unbedingten Willen, nicht zu versagen", sagen Parteikollegen. Stoiber hat die Achtung für sich immer buchstäblich aus seiner Umgebung herausgepresst. Bis zur Selbstverleugnung hat er als Generalsekretär dem großen Franz Josef Strauß gedient. Manchmal ließ Strauß seinen schweren Wagen einfach ohne Stoiber starten - und der junge, blonde Generalsekretär, der noch eine Unterschrift brauchte, musste sich im Anrollen mit seinen Mappen schnell noch durch die Tür zwängen.

Jetzt sitzt er selbst auf dem Platz von Strauß, seit elf Jahren schon. Aber er wirkt in dieser Rolle nicht aufgehoben, er kann sich nie und nirgendwo ausruhen, selbst in seiner Heimat nicht. Er guckt von seinem Flugzeugsitz durchs Fenster runter auf dieses schöne, aufgeräumte Bayern, das ihm absolute Mehrheiten schenkt - und sagt dann: "Glauben Sie nicht, dass das alles selbstverständlich ist! Das muss man sich alles hart erarbeiten!"

Als die CSU einen Empfang zu seinem 60. Geburtstag veranstaltete, waren all die bajuwarischen Kraftmenschen da und machten ihre Aufwartung, die Hubers und Becksteins. Dann tranken alle fröhlich Bier. Und plötzlich stand Stoiber ganz für sich in der Mitte des Saales, groß, klug und allein - ein Fremder auf dem eigenen Geburtstag.

Von Rostock oder Hannover aus gesehen, gehört Stoiber fest in die bayerische Barockkulisse, aber erstaunlicherweise wirken die Bilder vom Heimatidyll mit Gebirgsschützentracht und Geranien auf dem Holzbalkon, die er unablässig von sich produziert, von außen viel stimmiger als in Bayern selbst. Hier haben seine Auftritte immer etwas Kalkuliertes. Selbst seine Volksreden im Bierdunst des Aschermittwochs von Passau sind keine Triumphe, sondern allenfalls Arbeitssiege.

Das ist das eigentlich Merkwürdige an Edmund Stoiber: Man kann ihm durchaus nahe kommen - aber je näher man ihm kommt, desto unschärfer und diffuser wird sein Bild. Vielleicht kann es erst zur Deckung kommen, wenn er doch noch im Kanzleramt anlangt.

Manchmal hat man das Gefühl, er möchte etwas von sich mitteilen. Einmal steht er abends vor dem Bundesrat in Berlin und sagt: "Ich lebe nicht nur für die Politik. Sie müssen nicht glauben, dass ich eine Wohnung habe, in der ich sozusagen nur zum Schlafen bin." Oder er erzählt von seiner Tochter Constanze, die Kinder hat und arbeiten möchte und lange nach Kindergartenplätzen suchen musste. "Wissen Sie, die Situation von berufstätigen Müttern stellt sich jetzt für mich ganz anders dar. Das ist auch eine Herausforderung für die Politik."

Den Traum hat er nicht aufgegeben, doch noch ganz anders zu sein, zumindest ganz anders gesehen zu werden. Aber er ist schwierig, er ist immer noch Stoiber. Meine Kinder - Herausforderung für die Politik: Hinter seiner hohen Stoiber-Stirn schnurrt das zu einem Gedanken zusammen, es geht blitzschnell. Es hat wenig Wärme.

Dann wieder Aufbruch: silberfarbene BMWs, Blaulicht, Türenschlagen. Es ist schon dunkel geworden. "Sssso!", sagt Edmund Stoiber. "Jetzt geht's wieder weiter!" Man würde jetzt gern noch ein wenig mit ihm reden. Aber er hat keine Zeit zu verlieren.

Tilman Gerwien / print
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(