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Konjunktur: Der Aufschwung kommt

Stell dir vor, die Konjunktur brummt, und keiner glaubt's. Auch wenn noch längst nicht alles rosig ist: Die Wirtschaft wird in diesem Jahr so stark wachsen wie seit 2000 nicht mehr. Damit nun mehr Jobs entstehen, muss die Große Koalition Reformen wagen.

Aufschwung? Hat da einer Aufschwung gesagt? Nee, das kann nicht wahr sein. So oft wurde er versprochen und ist doch nie gekommen. Der Betrag unten auf dem Gehaltszettel scheint seit Jahren zu schrumpfen, die Konzerne verlagern Fabriken nach Osteuropa, und hierzulande sind noch immer fünf Millionen Menschen arbeitslos. Das ist es, was die Deutschen sehen. Und daraus ziehen sie ihre Schlüsse für die Zukunft: 46 Prozent glauben laut einer stern-Umfrage, dass sich die wirtschaftlichen Verhältnisse weiter verschlechtern werden.

"Aufschwung!" Ja, da hat einer Aufschwung gesagt - mit kräftiger Stimme. Walter Wezel ist Werksleiter bei der Putzmeister AG im schwäbischen Aichtal, 20 Kilometer südlich von Stuttgart. Der 54-Jährige leitet die Produktion von Betonpumpen. "Die Fabrik brummt", sagt er. Hier wird mehr als 40 Stunden geschafft, seit Mitte vergangenen Jahres haben 70 Leute neu angefangen: Mechatroniker, Industriemechaniker, Elektriker. Alle Welt will mit High-Tech-Betonpumpen aus Aichtal bauen. Auch für Kunden aus Deutschland wird wieder mehr produziert. Nach Jahren des Sparens sind deren Maschinenparks so überaltert, dass jetzt Ersatz hermuss. "Wir sind am oberen Limit unserer Auslastung", freut sich Wezel.

"Upswing." Im großen Lesesaal der Bibliothek des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) wird Englisch gesprochen. 80 Konjunkturexperten aus aller Welt beraten an drei langen Holztischen über die Aussichten für die Weltökonomie. IfW-Chefprognostiker Joachim Scheide, 56, berichtet über Deutschland. "Strong upswing in 2006 - starker Aufschwung im Jahr 2006", steht auf dem ersten Chart, das Scheide an die Leinwand wirft. Für die deutsche Wirtschaft sagt das Kieler Institut für dieses Jahr 2,1 Prozent Wachstum voraus: Damit sind die Forscher vorsichtiger als der von ihnen programmierte Prognosecomputer, der sogar 2,5 Prozent errechnet hat. Bisher boomte nur der Export, jetzt springt der Funke über. "Wir werden den stärksten Anstieg der Binnennachfrage seit 2000 erleben", sagt Joachim Scheide. Durch die großen Fenster kann man sehen, wie auf der anderen Seite der Kieler Förde ein Kraftwerk Dampfschwaden ausstößt. Es werde ein "good year 2006", verspricht der Forscher.

Ein gutes Jahr.

Darauf haben die Deutschen lange gewartet, seit Ende 2000 die New Economy zusammengebrochen ist. Es folgten fünf magere Jahre. Das Wachstum bewegte sich entlang der Nulllinie. Fast zwei Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze gingen verloren. Nicht zuletzt an der katastrophalen Wirtschaftslage scheiterte Rot-Grün. Nun sprudeln sogar die Steuerquellen wieder. Bei der Schätzung im Mai winken fünf Milliarden Euro mehr als bisher erwartet. Dieses Jahr könnte Deutschland zum ersten Mal seit 2001 den europäischen Stabilitätspakt einhalten.

Aufschwung also. Aber führt er auch zum Aufbruch? Bis zum vergangenen Sonntag war davon nichts zu merken. Die Landtagswahlen lähmten Union und SPD in Berlin. Nachdem beide Partner gestärkt wurden, ist der Weg frei für die "zweite Phase" der Großen Koalition, wie Angela Merkel sagt. "Die Flitterwochen sind vorbei", kündigte die Kanzlerin im kleinen Kreis an, jetzt beginne "das erfüllte Eheleben". Will heißen: Reform der Krankenversicherung, Sanierung der Pflegekassen, Renovierung des Steuerrechts, Neuordnung des Arbeitsmarktes, Konsolidierung der Staatsfinanzen.

Die Voraussetzungen für Reformen waren schon lange nicht mehr so gut. Die Politik muss nicht mehr im schwersten Sturm gemacht werden, sondern kann auf ein wenig Rückenwind hoffen. Eine große Chance für die Große Koalition. Die Deutschen zweifeln zwar noch am Aufschwung, doch sie vertrauen auf die schwarz-rote Regierung. "So viel Optimismus und gute Stimmung habe ich seit vielen Jahren nicht mehr erlebt", berichtet etwa CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer von seinen Besuchen an der Basis, "die Leute sagen: Bloß nicht streiten! Macht! Tut!"

Bisher hat sich an diese Devise nur die Wirtschaft gehalten. Die Unternehmen haben seit der Krise Schulden abgebaut, Kosten gekürzt und Stellen gestrichen. Heute sind die Firmen so wettbewerbsfähig wie lange nicht mehr, auch wegen der niedrigen Lohnabschlüsse der vergangenen Jahre. Die börsennotierten Konzerne melden Rekordgewinne und schütten so viel Dividende aus wie nie zuvor. Ob Continental, BASF, SAP oder BMW - vielen Unternehmen geht es besser als im Boomjahr 2000. Der Deutsche Aktienindex Dax steht mehr als doppelt so hoch wie bei seinem Tief vor drei Jahren.

"Deutschland ist nicht mehr länger der kranke Mann Europas", schreibt die Investmentbank Morgan Stanley in einer Studie mit dem Titel "Eindrucksvolles Comeback". Die rote Laterne für das schwächste Wachstum der Euro-Länder hat die Bundesrepublik längst an Italien und Portugal abgegeben. "So gute Noten wie in diesem Jahr hat der Standort noch nie bekommen", vermeldet Fred Irwin, Präsident der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, nach einer Umfrage unter US-Unternehmen. Hierzulande dagegen sieht der Manager noch zu viele Zweifler: "Wir haben ein Vertrauensproblem in Deutschland."

Fast scheint es, als hätten sich die Deutschen damit abgefunden, dass es nicht mehr richtig läuft - und dabei die positiven Signale übersehen. Es ist ja auch nicht leicht. Zu verwirrend sind immer noch die Meldungen aus der Wirtschaft. Die Stimmung in den Unternehmen ist bestens - aber die Lage auf dem Arbeitsmarkt bleibt schlecht. Die Auftragsbücher sind prall gefüllt - aber Großkonzerne verschärfen den Jobabbau. Gerade in Zeiten der Konjunkturwende jedoch sind widersprüchliche Signale normal (siehe Kasten Seite 45). Kleine Rückschläge, etwa bei der Stimmung oder beim Konsum, ändern an der Gesamtrichtung nichts: aufwärts.

Belege gibt es dafür reichlich. Der Export floriert. Er soll 2006 der Kieler Prognose zufolge um fast elf Prozent wachsen. Viele Lieferverträge sind schon abgeschlossen. Der Verband Maschinen- und Anlagebau etwa meldete für den Januar ein Auftragsplus von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nun endlich könnte sich das für Deutschland typische Muster eines Aufschwungs tatsächlich einstellen: Erst springt die Ausfuhr an, dann kommen die Investitionen in Gang, schließlich steigen auch Beschäftigung und Konsum. Viele Indikatoren sprechen dafür:

- Die Unternehmen bewerten ihre Lage so gut wie seit 2000 nicht mehr. Lange wurden Neuanschaffungen hinausgeschoben, nun geht es nicht mehr ohne. Zudem hat die Große Koalition, befristet für zwei Jahre, die Abschreibungsbedingungen verbessert. Wer investieren will und es jetzt nicht tut, verschenkt bares Geld. Die Förderbank KfW meldet, dass sich die Nachfrage der Unternehmen nach Krediten "stark belebt" hat. Die Unternehmensinvestitionen, so die Kieler Forscher, werden in diesem Jahr um mehr als sechs Prozent wachsen.

- Die krisengeschüttelte Bauwirtschaft erholt sich. Nicht nur Unternehmen bauen wieder, auch die Privatleute. Da die Große Koalition die Eigenheimzulage abgeschafft hat, gab es Ende vergangenen Jahres einen Ansturm auf die Bauämter, nun werden die Häuser hochgezogen. Zudem spendiert die Regierung neue Fördermittel für energiesparende Gebäudesanierung. Die Konjunkturexperten sagen einen Anstieg der Bauinvestitionen um vier Prozent voraus.

- Die Beschäftigung nimmt zu. Schon im letzten Quartal 2005 leisteten die Deutschen wieder mehr Arbeitsstunden. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen. Erst werden Überstunden gekloppt, dann folgen Neueinstellungen. Viele Unternehmen schaffen bereits zusätzliche Jobs - etwa die Meyer-Werft, der Industriegasspezialist Linde oder Airbus. Allein bei den Dienstleistern rechnet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag in diesem Jahr mit 150 000 neuen Stellen.

Klar, die Arbeitslosenzahl bleibt viel zu hoch. Aber immerhin: Laut Kieler Institut sinkt sie im Jahresdurchschnitt um 270 000.

Aufschwung! Bei Angela Acke ist er schon angekommen. Die Mittdreißigerin ist Regionaldirektorin des Zeitarbeitsunternehmens Randstad in Frankfurt. "Nach der Entwicklung der ersten beiden Monate bin ich sehr optimistisch", sagt sie. "Das wird ein sehr positives Jahr." Bereits 2005 hat Randstad deutschlandweit 8000 Arbeitsplätze geschaffen und ist um 27 Prozent gewachsen. Für die Rhein-Main-Region erwartet Managerin Acke 2006 ein ähnliches Ergebnis. Längst werden in der Finanzmetropole nicht nur Schreibkräfte oder Lageristen gesucht. Gefragt sind auch Banker, Personalreferenten und IT-Spezialisten. "Allein mit qualifizierten Call-Center-Agents könnte ich 60 Stellen sofort besetzen", sagt die Randstad-Frau.

Zeitarbeit gilt als Vorbote

der Konjunktur. Die Unternehmen haben mehr zu tun, scheuen aber noch Personalaufstockungen. 2003 gab es übers Jahr verteilt 750 000 Beschäftigungsverhältnisse. "In diesem Jahr können wir die Millionenschwelle knacken", sagt Ingrid Hofmann, Vizepräsidentin des Bundesverbandes Zeitarbeit.

Wenn mehr Leute in Lohn und Brot kommen, steigen die Einkommen und in der Folge auch die Konsumausgaben. Das hat einleuchtende Gründe: Wer wieder einen Arbeitsplatz ergattert, hat mehr Geld in der Tasche und kann sich etwas leisten. Bei denen, die einen Job haben, sinkt die Furcht, ihn zu verlieren. Das so genannte Angstsparen geht zurück. In florierenden Branchen können die Gewerkschaften wieder echte Lohnerhöhungen durchsetzen. Dies dürfte in diesem Jahr zumindest in der Metallindustrie gelingen.

Aufschwung! "Die Geiz-ist-geil-Mentalität ist vorbei", freut sich Claudia Leske, Geschäftsführerin des Alsterhauses am Jungfernstieg in Hamburg. Die Edelfiliale von Karstadt wurde total umgekrempelt und setzt nun ganz auf Marken. Die Kaufhauschefin wollte so ein ehrgeiziges Wachstum schaffen. Nach drei Monaten weiß sie, sie liegt sogar noch über Plan: "Höherpreisige Mode verkauft sich sehr gut."

Die Deutschen gönnen sich wieder was. Die Händler verkauften im Januar 6,4 Prozent mehr Klamotten, Schuhe und Lederwaren. Umfragen unter Verbrauchern zeigen, dass sie zunehmend größere Anschaffungen planen. Vor der Fußball-WM wollen viele Fans noch einen neuen Flachbildschirm kaufen. Die Produktion des Hausgeräteherstellers Miele läuft auf Hochtouren, ein geplanter Jobabbau wurde zum Teil zurückgenommen. Auf Staubsauger oder Waschmaschinen, die die Stiftung Warentest zum Sieger gekürt hat, warten die Kunden auch mal acht Wochen. "Das Geld lag auf den Konten, aber es wurde nicht gekauft", sagt Miele-Sprecherin Reinhild Portmann.

Auch neue Automodelle locken. Schließlich ist das Durchschnittsalter mit acht Jahren so hoch wie nie zuvor. In den ersten beiden Monaten des Jahres stieg die Zahl der Neuzulassungen trotz der großen Kälte um 4,2 Prozent auf 439 000.

Luxus läuft. Vor allem, wenn es ein Porsche ist. Der Absatz wächst zweistellig. Das Mannheimer Verkaufszentrum des Sportwagenherstellers hat in den ersten drei Monaten 20 Prozent mehr Wagen verkauft. Geschäftsführer Otmar Westerfellhaus jubelt: "Endlich ist diese Lähmung überwunden." Bis zur Bundestagswahl hätten viele Firmenchefs abgewartet und lieber den alten Leasingvertrag verlängert. Ulrike Frank, 45, eine von gerade zwei Frauen im Verkauf, berichtet: "Jetzt wird wieder investiert, und es gibt sogar Kunden, die sich einen Zweit-Porsche leisten."

Ausgerechnet die geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte kurbelt die Geschäfte mit Autos, Waschmaschinen und Möbeln zusätzlich an. Eine solche Steuererhöhung gab es noch nie, deswegen tun sich Volkswirte schwer, den "Vorzieheffekt" zu berechnen. Klar ist nur, dass Merkel, Müntefering & Co. im nächsten Jahr kräftig auf die Konjunkturbremse treten. "Der Aufschwung wird kurz", fürchtet IfW-Konjunkturchef Scheide. Um 0,3 Prozentpunkte könnte das Wachstum gedämpft werden durch den Mehrwertsteueranstieg.

Mehrere Abgeordnete der Großen Koalition wollen deshalb noch einmal die Debatte um die Mehrwertsteuer eröffnen: "Müssen es wirklich drei Prozentpunkte sein?" Müssen es, wenn es nach der Koalitionsführung geht. "Ob zwei oder drei Punkte - der Ärger ist immer der gleiche", sagt einer von der Unionsseite - "Wir brauchen die Knete", einer von der SPD. Mit den Mehrwertsteuermilliarden schafft sich Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) auch eine Reservekasse für Reformen. Schließlich will Kanzlerin Merkel die Lohnnebenkosten von 41 auf 37 Prozent drücken - den niedrigsten Stand seit 13 Jahren. Die Steuerbelastung für Unternehmen soll von 38 auf 30 Prozent sinken. Und für die Subvention von mehreren hunderttausend Arbeitslosen, die Niedriglohnjobs annehmen sollen, müssen Milliarden aufgetrieben werden. "Das wird eine harte Phase", schwant einem Mitglied des Koalitionsausschusses.

Wie es 2007 weitergeht,

entscheidet sich bis zur Sommerpause. Wenn die von Merkel angekündigten "kleinen Schritte" alle in eine Richtung - zu mehr Wachstum - gehen, dann könnten Investoren und Verbraucher einen Mehrwertsteuerschock verkraften. Aber wohl nur dann. "Es gibt Zuversicht, aber auch Sorge", sagt Hanns-Eberhard Schleyer, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, "die Nagelprobe sind die großen Reformvorhaben."

Also doch kein echter Aufschwung? Vielleicht halten wir uns da ausnahmsweise mal an Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller. Wenn in den vergangenen Jahren die Bank-Volkswirte mit ihren positiven Prognosen zum Vorstand kamen, schüttelte Müller regelmäßig mit dem Kopf. "Ihr seid zu optimistisch", sagte er dann, "die Daten mögen stimmen, aber die Stimmung ist schlechter." Die kannte er aus seinen ständigen Gesprächen mit Unternehmen und Managern - und er behielt Recht. Als die Konjunkturexperten für dieses Jahr 1,5 Prozent Wachstum voraussagten, reagierte der Bank-Chef anders. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sagte Müller: "Ihr seid zu pessimistisch. Die Stimmung ist besser. Wir kratzen an zwei Prozent."

Mitarbeit: Ingrid Eissele, Mathias Rittgerott, Elke Schulze

Lorenz Wolf-Doettinchem / print