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Interview

"Tagesschau"-Sprecherin: "Für viele ist Politik unsexy": Warum (und wie) Linda Zervakis die Demokratie retten will

"Mit mir 90 Prozent" - so lautet die Wahlinitiative, die Linda Zervakis unterstützt. "Es ist unsere Pflicht, die Demokratie zu retten", sagt die "Tagesschau"-Sprecherin. Wie die Journalistin das anstellen möchte, erklärt sie im Interview.

"Mit mir 90 Prozent": Warum (und wie) Linda Zervakis die Demokratie retten will

"Ich möchte nicht in einer Monarchie leben oder irgendwann von einem Diktator regiert werden.", sagt "Tagesschau"-Sprecherin Linda Zervakis

Frau Zervakis, glaubt man zahlreichen Umfragen, ist die Bundestagswahl eigentlich schon entschieden  – der Hype um Martin Schulz ist verflogen, Angela Merkel bleibt Bundeskanzlerin. Warum also überhaupt wählen gehen?

Weil es unsere  Pflicht ist, die Demokratie zu retten. Ich kann verstehen, dass viele Menschen von dem Wahlkampf angeödet sind und es sicherlich zur Politikverdrossenheit führt, dass sich alle Parteien immer ähnlicher werden und sich daher vielleicht denken: "Die sprechen mich eh nicht an." Aber das freie, hoch geschätzte Gut, das wir haben – die Demokratie – wird mittlerweile als Selbstverständlichkeit angesehen. Daher müssen wir die Demokratie lebendig halten. Ich möchte nicht in einer Monarchie leben oder irgendwann von einem Diktator regiert werden.

"Was uns antreibt, ist der brennende Wunsch nach Demokratie und Freiheit", lautet der Leitfaden der privaten Initiative "Mit mir 90 Prozent", die Sie unterstützen. Müssen wir uns etwa um die Demokratie und Freiheit in Deutschland Sorgen machen?

Langfristig schon. Wenn die Wahlbeteiligung sinkt und man vielleicht darüber nachdenken muss, eine Wahlpflicht einzuführen wie etwa in der Schweiz und Luxemburg, ist das schon ein Einschnitt in die Freiheit. Demokratie ist ein Luxus. Menschen in anderen Ländern würden sich die Finger danach lecken, was wir hier in Deutschland haben. Und wir treten sie mit Füßen. Viele Menschen denken sich: "Ob ich nun zur Wahl gehe oder nicht – das ist nun auch egal." Das darf nicht sein. Und stimmt auch nicht. Demokratie bedeutet für jeden Einzelnen, das man Verantwortung übernimmt, sich um das Land zu kümmern. Jeder, der Wahlberechtigt ist, muss sich dieser Verantwortung bewusst sein.

Dafür werben Sie mit der Initiative – gemeinsam mit Top-Kreativen wie dem Art Director des "Zeit Magazin", Mirko Borsche, oder stern-Herausgeber Andreas Petzold. Wie ist es zu dem ungewöhnlichen Wahlkampf-Team gekommen?

Es hat, glaube ich, parallel in mehreren Köpfen gedampft. Ich hatte nach dem Brexit und Donald Trump das Gefühl, dass irgendetwas getan werden muss – und wenn nichts geschieht, es gewaltig in die Hose gehen kann. Also habe ich Kontakt zu Michael Trautmann aufgenommen (Co-Gründer und Vorstand der Werbeagentur Thjink, Anm. d. Red.) und habe mit ihm darüber gesprochen. Ihm ging es ähnlich wie mir. Bei einem zweiten Treffen kamen Johannes Erler und Benedikt Holtappels dazu, die schließlich die Initiative initiiert haben. Uns und unseren Unterstützern ist schnell klar geworden, dass wir etwas tun müssen. Irgendetwas, um den Menschen ins Gehirn zu hämmern, dass ihr Kreuz wichtig ist – egal für welche Partei. Hauptsache, sie gehen zur Wahl.

Sie sind gelernte Journalistin und "Tagesschau"-Sprecherin. Haben Sie es nicht mehr ausgehalten, "nur" von der Bundestagswahl zu berichten?

Ich bin ja auch noch ein normaler Mensch und Bürger dieses Landes. (lacht) In diesem Fall war es mir persönlich ein Anliegen, mich in diesem Jahr um eine anständige Wahlbeteiligung einzusetzen. Mein Antrieb ist der Erhalt der Demokratie.


Sie machen sozusagen Wahlkampf für den Wahlkampf – weil die Parteien offenbar selbst nicht genug die Werbetrommel für die Wahlen rühren. Ist das nicht eigentlich traurig?

Das kann man so sehen. Ich glaube ja eher, dass hier der Bürger eine Bringschuld hat. Die Parteien können die Wahlbeteiligung ja nicht erzwingen. Da müssen die Deutschen schon selber ihren Hintern bewegen, um die Freiheit unserer Gesellschaft zu erhalten.

Bei der Bundestagswahl 2009 lag die Wahlbeteiligung beim historischen Tiefstwert von 70,8 Prozent, 2013 legte sie kaum um einen Prozentpunkt  (71,5 Prozent) zu. Zentrales Ziel Ihrer Initiative ist eine Wahlbeteiligung von mehr als 90 Prozent. Sie wollen also nichts Geringeres, als den Höchstwert der Wahlbeteiligungen von 1972 (damals lag die Wahlbeteiligung bei 91,1 Prozent) erreichen. Sind Ihre Pläne überambitioniert?

Natürlich. (lacht) Aber ich finde, wenn man sich so für eine Sache einsetzt, muss man auch mit etwas Euphorie rangehen. Es ist uns schon bewusst, dass wir da maßlos übertreiben. Aber warum nicht auch mal durchdrehen und den Schongang weglassen? Und außerdem: Vielleicht kriegen wir es ja hin, wer weiß.

Wie wollen Sie die 90 Prozent knacken?

Durch den Wahlkalender zum Beispiel. Wir machen seit dem 1. September jeden Tag auf die Wahl aufmerksam. Jeden Tag öffnet sich auf unserer Homepage ein neues Türchen mit einer Aktion. Etwa durch einen Snapchat-Filter und einem Poetry-Slam-Tag. Unter den Hashtags #mitmir90Prozent und #machdeinkreuz soll die Aktion zusätzlich einen viralen Charakter entwickeln, indem Unterstützer Fotos oder Videos mit einem Kreuz veröffentlichen.

Dazu kommen Motive wie "Deine Stimme ist Deine Meinung!" und "Deine Stimme hilft der Demokratie!", die sowohl im Netz als auch in Zeitungsanzeigen dazu aufrufen, zur Bundestagswahl 2017 zu gehen. Sind das nicht Dinge, die Wahlberechtigte schon längst wissen?

Sie sollten es wissen. Aber für viele ist Politik immer noch unsexy. Weil Politik oft einfach nicht greifbar oder begreifbar gemacht wird. Das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz ist dafür ein gutes Beispiel: Es wurde viel über Außenpolitik gesprochen - auch zu Recht – aber hätte eine unterbezahlte Krankenschwester, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, die Kandidaten nicht eher gefragt: "Was macht ihr eigentlich für mich?" Die Politik muss einsehen, dass es auch um die kleinen Leute geht.

Wann oder warum hat die Politik den Draht zu den kleinen Leuten verloren?

Weil es uns immer besser geht – und weil es einfacher ist, in der Mitte Politik zu machen, statt am Rand. Das ist zumindest mein Gefühl. Die Tatsache, dass es unter einer CDU-Regierung nun die Ehe für alle gibt, hätte ich mir vor ein paar Jahren nicht vorstellen können. Die Grenzen für das, wofür Parteien mal standen, sind über die Jahre gewissermaßen verschwommen. Parteien müssen ihr Profil schärfen, damit man weiß, wofür sie stehen.

Was muss sich ändern?

Die Parteien müssen wieder anständigen Wahlkampf betreiben, sich mit den Menschen auseinandersetzen, Politik begreifbarer machen. Vielleicht einfach mal wieder S-Bahn oder Bus fahren. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was die die Leute umtreibt. Nicht jeder ist Rechtsanwalt, Arzt oder Parlamentarier. Es gibt Menschen, die gehen jeden Tag in ganz normalen Berufen zur Arbeit und das für ein vergleichsweise geringes Einkommen. Diesen Menschen wird zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zumal sich die Parteien in ihren Programmen sehr ähneln. Da bekommt man doch erst Recht das Gefühl: Das ist eh nur eine Soße – da brauche ich auch gar nicht erst wählen gehen.

Wozu das führen kann, hat man bei der letzten Bundestagswahl sehen können: Knapp 17,6 Millionen deutsche Wahlberechtigte – also 28,5 Prozent aller Wahlberechtigten – haben sich enthalten.

Das ist die traurige Wahrheit. Es wird zu wenig auf die Bedürfnisse der Bürger eingegangen. Klar müssen große Themen wie der Abgas-Skandal oder die Flüchtlingssituation thematisiert werden – aber man wird das Gefühl nicht los, dass sich die Politik immer nur auf ein großes Thema konzentriert. Die vermeintlich kleinen Sorgen der kleinen Bürger – von Kita-Gebühren über Krankenkasse bis hin zu überteuertem Wohnraum in Städten – sind aber genauso wichtig. Ob die Wirtschaft in Deutschland floriert oder nicht, ist für den Wähler da erst einmal unwichtig.

Sie sind in Hamburg-Harburg aufgewachsen, haben bis zu Ihrem 28. Lebensjahr im Kiosk ihrer Eltern mitgearbeitet. "Wir lebten in einem Hochhaus, das Zimmer habe ich mir mit meinen Brüdern geteilt, bis ich 18 war. Ich musste auch deren Kleidung auftragen. Wir wussten oft nicht, ob das Geld bis zum Monatsende reicht“, sagten Sie in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Fühlten Sie sich von der Politik in Stich gelassen – so, wie die 17,6 Millionen Nichtwähler vielleicht auch?

Im Prinzip schon. Bei uns zu Hause gab es schon dieses Gefühl, dass wir ungerecht behandelt werden. Meine Eltern haben von morgens bis abends gearbeitet. Sie waren nicht wahlberechtigt, auch deswegen wurde bei uns zu Hause daher nicht so viel über Politik gesprochen. Das war manchmal schwierig. Aber dieser Unmut war in meiner Familie immer da. Von wegen: Wir rackern, wir machen – aber am Ende bleibt nichts davon übrig. Meinen Eltern war es daher immer wichtig, dass ich eine gute Ausbildung genieße. Sie haben immer gesagt, dass ich den Sprung nur schaffe, wenn ich lerne und meine Chancen in Schule und Ausbildung nutze. Damit ich mir sicher sein kann, irgendwann einen guten Beruf zu haben.

Sie besitzen sowohl die deutsche als auch die griechische Staatsbürgerschaft, sind also auch in Griechenland wahlberechtigt. Dort lag die Wahlbeteiligung bei der letzten Parlamentswahl (September 2015) bei nur 56,6 Prozent. Handelt es sich vielleicht auch um ein europäisches Problem?

Ja, klar. Ich glaube dieses Problem zieht sich durch viele Länder. In Griechenland herrscht aber auch noch ein ganz anderes Problem: Das Vertrauen in die Politik war noch nie wirklich da. Dieses Gefühl hat sich durch die Finanzkrise noch einmal erhärtet. Es wurden viele falsche Versprechungen gemacht und viele Wähler hatten schlichtweg das Gefühl: Egal, wen ich wähle – es wird sich sowieso nichts ändern.

Was empfinden Sie, wenn Sie in der "Tagesschau" über die neuesten Entwicklungen in Griechenland berichten – vom Spardruck, den Reformdruck aus Europa, diesem Misstrauen der Politik gegenüber?

Im Großen und Ganzen bin ich, wenn ich an Griechenland denke, mit Trauer erfüllt. In der "Tagesschau" habe ich es inzwischen ganz gut gelernt, das auszublenden. Diese 15 Minuten bin ich sozusagen nur Nachrichtensprecherin. Aber es trifft mich natürlich. Weil die Menschen dort so herzlich sind – und alle, die dort einmal Urlaub gemacht haben, werden dies nur bestätigen können. Diese Gastfreundschaft ist trotz aller Krisen so immens groß. Mich schmerzt einfach nur, dass sie es nicht auf die Reihe bekommen, ihre Wirtschaft anzukurbeln. Sie haben da so viel Sonne - warum schaffen sie es nicht, auf alternative Energien umzusteigen? Jedes andere Land baut ein Auto – warum nicht Griechenland? Trotzdem hat Griechenland so viel zu bieten. Nur die Marketing-Abteilung scheint nicht zu funktionieren.

Es heißt, dass Sie neben der "Tagesschau" im Unterhaltungsbereich Fuß fassen wollen …

So konkret würde ich das noch nicht sagen. Aber ich höre immer wieder, dass ich ja ganz lustig sei. Diese "andere Linda" kann ich bei der "Tagesschau" nicht wirklich ausleben. Aber ich kann sie beruhigen, es gibt derzeit keine konkreten Pläne.

Inwiefern wird denn die "andere Linda", wie Sie sagen, in Erscheinung treten? In einer Show?

Wie gesagt, soweit sind wir noch gar nicht! (lacht) Ich habe erst einmal für den NDR zwei Reportagen gedreht, die Ende September und Anfang Oktober gezeigt werden. Dabei handelt es sich um Sozialexperimente, wo man schon ein bisschen was von der anderen Linda sehen kann. Und darüber freue ich mich. Ich fühle mich bei der "Tagesschau" sehr wohl.

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