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M. Streck: Last Call: Das Land versinkt im Chaos, und Cameron, der Vater der Klamotte, verdient an diesem Chaos noch

Alle reden über den Brexit. Einer nicht. Ausgerechnet derjenige, dem Großbritannien den ganzen Schlamassel verdankt: David Cameron. Er schweigt und schreibt an seinen Memoiren. Zeit für eine Abrechnung unseres Kolumnisten. 

James Cameron schreibt seine Memoiren

James Cameron schreibt seine Memoiren

Getty Images

In dieser Woche spazierte ich durch Westminister. Vor dem Palast lärmten Demonstranten. Die einen demonstrierten für "Leave", also für raus aus der EU. Die anderen für Bleiben, für "Remain". Das stand symbolisch für die gesamte Nation, zerrissen seit dem Referendum. Drinnen, im Unterhaus, lärmten sie auch. Seit Tagen debattieren sie dort über den Deal, den Frau May aus Brüssel mitgebracht hat und über den am Dienstag abgestimmt wird. Es sei denn, das Votum wird noch mal verschoben. Das Gerücht – letzte Volte vorerst – geht nämlich auch. Was natürlich nicht viel ändern würde am Ausgang. Es wäre wie die Henkersmahlzeit aufschieben um ein paar Tage, das Resultat bleibt aber am Ende dasselbe: fatal.

Ich muss gestehen, dass ich müde bin vom Brexit. Das habe ich nicht exklusiv. Der Brexit geht den meisten Leuten auf die Nerven. Es gibt nur ein Thema hier: Brexit in allen Variationen. Deal oder No-Deal, Misstrauensvotum, Neuwahlen, Zweites Referendum. Alle reden darüber, jeder hat eine Meinung, mal klug, mal weniger klug. Meistens weniger klug.

Nur David Cameron schweigt zum Brexit

Einer schweigt. Ausgerechnet der Mann, dem die Briten und Europäer den ganzen Schlamassel zu verdanken haben: David Cameron. Der war britischer Premierminister und wollte in die Geschichte eingehen. Das schaffte er auch, allerdings ein wenig anders, als er sich das vorgestellt hatte. Erst wählte sich sein Land aus der EU qua eines Referendums, das er, Cameron, seinem Volk überflüssigerweise nach seinem Wahlsieg 2015 zugestanden hatte. Er wollte damit vor allem die Euroskeptiker in seiner Partei ein für allemal ruhig stellen mit einem klaren Votum für den EU-Verbleib. Nun, Cameron zockte und verlor. Und als die Briten raus waren und er ausgezogen aus der Downing Street, wurde auf der anderen Seite des großen Wassers Donald Trump Präsident und führte den Brexit als Blaupause seines Erfolges an. Wenn man das weiterdenkt, geht die Geschichte so: Ohne Cameron kein Referendum. Ohne Referendum kein Brexit. Ohne Brexit kein Trump. Ergo und nur ganz leicht überspitzt: David Cameron hat der Welt einen Psychopathen im Weißen Haus beschert. Oder drastisch: Ohne Cameron wäre die Welt besser. Kurz nachdem er aus dem Amt war, wählten ihn hundert Politik-Wissenschaftler aus Großbritannien zum drittmiesesten Premier seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Dann ging er in Klausur, zog sich zurück in eine Art Luxus-Wohnwagen in seinem Garten, wo er an seinen Memoiren schreibt, die nach dem Brexit im kommenden Frühjahr auf den Markt kommen sollen und für die er, dem Vernehmen nach, 800.000 Pfund einstreicht. Wenn ich das lese, kommt mir die Galle hoch. Das Land versinkt im Chaos, und Cameron, der Vater der Klamotte, verdient an diesem Chaos noch.

Vor ein paar Wochen hieß es, er langweile sich zu Tode, er sei "bored shitless" und wolle zurück in die Politik, am besten als Außenminister. Zumindest meldete das die “Sun“ unter Berufung auf einen anonymen Cameron-Kumpel. Worauf das gespaltene Land endlich einig war: der nicht! Der Letzte, auf den die Briten gewartet haben, ist Cameron. Was für Tony Blair der Irak-Krieg war, ist für Cameron der Brexit. Der konservative Kolumnist Rod Liddle ätzte in der "Sunday Times", "mit Ausnahme des gnädigerweise schon toten Cyrill Smith wäre kein politisches Comeback weniger erwünscht als das von Cameron". Smith, das nur zum besseren Verständnis, war ein bekannter Liberaldemokrat, vor allem aber ein pädophiler Serientäter. Liddle schloss mit dem schönen Satz, die einzigen Menschen, die Cameron womöglich leiden könnten, seien die, die sich nicht mehr an ihn erinnern.

Vorsitzender einer Alzheimer-Stiftung

Was dummerweise durch die Tatsache erschwert wird, dass das Land jeden Tag an den Kalamitäten-Cameron erinnert wird. Er hingegen erinnert sich ungern. In dieser Woche stellte ihn eine Fernsehreporterin auf der Straße in London und fragte, was er vom Deal seiner Nachfolgerin halte und ob er sich nicht wenigstens ein wenig schuldig fühle für seine Hinterlassenschaft. Cameron eilte an ihr vorbei und murmelte, "Ich bin hier, um über Demenz zu reden". Das stimmte, weil er einer Alzheimer-Stiftung vorsteht, hatte aber was unfreiwillig Komisches. Wenn es um den Brexit geht, vergessen die dafür zuständigen Herren gern, dass sie dafür zuständig waren.

Craig Oliver war mal Kommunikationsdirektor von Cameron. Er kann kein sonderlich guter Kommunikationsdirektor gewesen sein, sonst hätte es den Brexit ja nicht gegeben, und Cameron wäre noch Premier und Oliver dessen Kommunikationsdirektor. Ich traf ihn zum Interview, da war er soeben zum Ritter geschlagen worden (!) und hatte ein Buch geschrieben, denn Bücher schreiben sie alle. Seines trug den Titel "Unleashing Demons" (Etwa: "Dämonen von der Leine lassen") und ist die Geschichte hinter der Geschichte des Referendums. Darin schrieb Oliver, der einzige Kontakt mit der Realität während des Wahlkampfs seien gelegentliche Diskussionen mit Taxifahrern gewesen. Das erzählte er bei diesem Interview noch mal ohne große Regung, und ich musste meinen leichten Brechreiz runter würgen. Es gibt Interviews, bei denen beide Seiten froh sind, wenn sie vorüber sind. Dies war so eines. Oliver arbeitet heute als Berater. Wer nichts wird, wird heute nicht mehr Wirt, sondern Berater und verdient viel Geld. Leute wie Craig Oliver fallen nie tief. Wenn sie fallen, landen sie kuschelweich in einem Netz aus Kontakten.

Wenig schmeichelhafte Wort zu Theresa May

David Camerons Schatzkanzler und designierter Nachfolger George Osborne darf sich heute Chefredakteur des berühmten "London Evening Standard" nennen, obschon er von Journalismus nicht die leiseste Ahnung hat. Das gibt es zwar andernorts auch, macht die Sache aber auch nicht besser. Mit Osborne jedenfalls würde man wirklich gerne reden über den Brexit und Cameron und May, die er unverhohlen verabscheut. Vielleicht weil sie dort residiert, wo er eigentlich hätte residieren wollen. Aber dann kam das Referendum, und schwupps war sein Boss weg, und schwupps damit auch er, der designierte Kronprinz. Im vergangenen Jahr wurde Osborne mit dem Satz zitiert, er werde nicht eher ruhen, bis "May filetiert in Plastiktüten in meinem Gefrierfach liegt". Dafür musste er sich entschuldigen. Seitdem gibt er leider keine Interviews. 

Seine Assistentin von früher hat Osborne mitgenommen zum "Standard". Sie heißt Zoe. Zoe und ich sind mittlerweile intim. Selbstverständlich nur platonisch intim. In den vergangenen eineinhalb Jahren schrieb ich Zoe mehr als ein Dutzend Mal wegen eines Interviews an. Immer höflich, manchmal sogar schmerzhaft schleimerisch im Ton. Zoe schrieb stets freundlich zurück, "George macht momentan keine Medien". Genau vor einem Jahr wünschte sie mir "fröhliche Weihnachten und ein gutes Jahr 2018", das jetzt zu Ende geht. Ein Interview gab es nicht.

Ich glaube, dass es nichts mehr wird mit Zoe, George Osborne und mir. Ich schreibe ihr dennoch weiter, einer muss es ja tun. Mein Ziel ist, dass mir Zoe eines Tages im Namen ihres Herrn nach gefühlt tausend Anfragen mitteilen lässt: "Fuck you". Das würde mich im Übrigen nicht wundern. Warum sollten sie mich anders behandeln als ihr ganzes Land?