Ein neues, unabhängiges Institut bedroht die Pharmaindustrie. Von seinem Urteil hängt es ab, welche Medikamente die Krankenkassen künftig noch bezahlen. Der stern enthüllt, zu welchen Methoden die Konzerne greifen, um ihre Gewinne zu verteidigen. Ein Lehrstück über Lobbyismus zulasten der Beitragszahler. Von Markus Grill

Einer gegen alle: Professor Peter Sawicki, 49, leitet seit über einem Jahr das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln, gegründet im Rahmen der Gesundheitsreform© Matthias Jung
Es gibt vermutlich keinen Menschen, den die Pharmaindustrie zurzeit mehr hasst als Peter Sawicki. Es gibt aber auch keinen, den sie mehr fürchtet. Sawicki ist ein smarter 49-jähriger Arzt und Medizinprofessor, der zehn Jahre lang Mitherausgeber des pharmakritischen "Arzneitelegramm" war. Seine Karriere begann der Diabetologe als Oberarzt an der Uni-Klinik Düsseldorf, im Jahr 2000 wurde er Direktor der Inneren Medizin des St. Franziskus Hospitals in Köln. Sawicki hat sich nicht nur als Arzt, sondern auch als Wissenschaftler einen Namen gemacht und gilt heute als einer der angesehensten Diabetesforscher in Europa.
In der Schusslinie der Pharmaindustrie befindet er sich, seit er vor mehr als einem Jahr die Leitung des neu geschaffenen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln übernahm. Dessen Aufgabe: zu prüfen, ob es sich bei neuen Arzneimitteln um echte Neuheiten handelt oder nur um teure Scheininnovationen. Was für Krankenversicherte große Vorteile bringt, empfindet die Pharmaindustrie zunehmend als Bedrohung. Denn von Sawickis Gutachten hängt es ab, welche der Medikamente die Krankenkassen künftig noch bezahlen.
Im Februar hat Sawicki den Pharmakonzernen erstmals gezeigt, was eine Harke ist. Da veröffentlichte er den Abschlussbericht "Kurzwirksame Insulinanaloga zur Behandlung des Diabetes mellitus Typ II". Hört sich spröde an, birgt aber so viel Sprengstoff, dass bei den Herstellern von Insulinmedikamenten erstmals alle Alarmglocken schrillen. Denn Sawicki und sein Institut kommen nach Sichtung von rund 1000 medizinischen Studien zu dem Ergebnis, dass die untersuchten Analoginsuline, die allein in Deutschland 400 000 Diabetespatienten spritzen, keinen Zusatznutzen haben gegenüber herkömmlichem Humaninsulin.
Einen Zusatznutzen haben die Analoginsuline dagegen für die Pharmafirmen, denn die Präparate sind rund 30 Prozent teurer als Humaninsulin. Die Konzerne Sanofi-Aventis, Novo Nordisk und Lilly machen mit Analoginsulin in Deutschland insgesamt 330 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Dabei handelt es sich bei den bisher untersuchten kurzwirksamen Analoginsulinen nach Angaben von Gerd Glaeske, Mitglied im Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen, lediglich um "ökonomische Innovationen, die durch hohe Preise auffallen".

Gegenspieler Heinz Letzel: Der Professor stützt die Kritik der Firmen am IQWiG© Jürgen Gebhardt
Dahinter verbirgt sich eine generelle Strategie: Weil Pharmafirmen zu wenig echte neue Forschungsergebnisse haben, verändern sie häufig bisherige Präparate minimal, um erneut Patentschutz beantragen zu können. Denn ohne Patentschutz kann jedes Medikament als günstiges Generikum nachgebaut werden, wodurch der Gewinn des Originalherstellers deutlich schrumpft. Das Problem ist bekannt: Der "Arzneiverordnungs-Report 2005" geht davon aus, dass mittlerweile fast 50 Prozent der in Deutschland neu zugelassenen Medikamente solche Scheininnovationen sind. Von den 7,6 Milliarden Euro, die die Krankenkassen pro Jahr für patentgeschützte Arzneimittel ausgeben, entfielen 3,4 Milliarden auf Scheininnovationen. Würden die bisherigen günstigeren Mittel verschrieben, könnten die Krankenversicherten mehr als eine Milliarde Euro im Jahr sparen.
Die meisten europäischen Länder haben mittlerweile ein Institut wie das IQWiG eingerichtet, um bei neuen Medikamenten die Spreu vom Weizen zu trennen. Angefangen damit haben die Australier: das "Pharmaceutical Benefits Advisory Committee", ein Beratungskomitee der Regierung, gibt seit 1987 eine Liste von Medikamenten heraus, die von der Krankenversicherung bezahlt werden. Um sein Medikament auf der Liste unterzubringen, muss ein Pharmakonzern mit Studien nachweisen, dass sein Präparat entweder einen Zusatznutzen gegenüber bisherigen Präparaten hat oder billiger ist. 1994 gründeten Kanada und die Schweiz vergleichbare Institute, später folgten die Niederlande, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Neuseeland, Norwegen, Schweden und Österreich. Das deutsche IQWiG wurde erst 2004 als Teil der Gesundheitsreform gegründet und als unabhängige Stiftung verankert. Es beschäftigt 60 Mitarbeiter und wird von den Krankenkassen mit elf Millionen Euro im Jahr finanziert. Im Januar 2005 begann das Institut mit seiner Arbeit, doch Cornelia Yzer, einst CDU-Staatssekretärin im Forschungsministerium und seit 1997 Hauptgeschäftsführerin des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller, erklärte schon kurz nach der Gründung: "Die Einrichtung des IQWiG war aus unserer Sicht nicht notwendig."
Das Gutachten über Analoginsuline ist für die Pharmafirmen schon ärgerlich genug. Doch es gibt eine zweite, bedeutendere Ebene, auf der ein Milliardengeschäft in Gefahr gerät. Denn der neueste Schrei der Hersteller sind nicht die Analoginsuline, sondern Sprühinsuline, so genannte Exubera. In einer ersten Stellungnahme hat das IQWiG auch für die Sprühinsuline keine Vorteile entdeckt, sondern eher Risiken. "Das IQWiG sorgt dafür, dass die Pharmaunternehmen nicht mehr die Deutungshoheit über die Qualität der Arzneimittel haben", sagt der Gesundheitsökonom Gerd Glaeske. "Das finden einige von ihnen bedrohlich."