26. April 2006, 11:44 Uhr

Anatomie einer Katastrophe

26. April 1986. Techniker proben den Störfall. Nach einer Minute gerät der Reaktor außer Kontrolle. Sekunden später explodiert er. Der grösste Atomunfall aller Zeiten setzt mehr Radioaktivität frei als 100 Hiroshima-Bomben. Und erschüttert die Welt bis heute.

Die Luft ist noch mild, getränkt vom frischen Frühling, als sich Alexander Akimow kurz vor elf Uhr abends am 25. April 1986 auf den Weg zur Arbeit macht. Heraus aus dem Plattenbau in Pripjat, hinein in den Bus, ein paar Kilometer durch die ukrainische Ebene, vorbei an Wäldern mit blühenden Birken und Eichen, an einem mäandernden Fluss. Schließlich durchs Werkstor, Kontrollen, Duschen, Sicherheitsschleusen. Pünktlich um Mitternacht übernimmt Akimow seinen Posten. Schichtleiter Block vier, Wladimir-Iljitsch-Lenin-Kernkraftwerk Tschernobyl.

Erst vor wenigen Jahren ist Akimow, schlaksig, dicke Brille, mit seiner Frau Luba nach Pripjat gezogen. Eine aufstrebende Stadt, aus dem Boden gestampft für die Arbeiter des Kraftwerks. Pripjat liegt günstig im riesigen Sowjetreich. Gerade einmal zweieinhalb Stunden sind es mit der Flussfähre bis nach Kiew; Moskau, ja selbst die Strände der Schwarzmeerküste sind mit dem Auto an einem Tag zu erreichen.

Die 50 000 Einwohner sind privilegiert. Es gibt Theater, Kinos, Bibliotheken. Die Läden sind dank Verbindungen der Parteikader gut gefüllt. Hier, in der Poliklinik, gebärt Luba ihrem Alexander zwei Kinder. Hier pflegt ihr Mann seine Hobbys, liest Biografien, geht auf Entenjagd mit der Winchester-Flinte. Hierher wird er nach dieser Schicht nie mehr zurückkehren.

Ein Test ist geplant für die Nacht vom 25. auf den 26. April in Block vier des Kraftwerks. Zwei Jahre nach der Inbetriebnahme soll ein Störfall simuliert werden. Was passiert, wenn ein Leck im Wasserkreislauf die Reaktorkühlung bedroht und zugleich der Strom ausfällt? Normalerweise, so der Plan, wird dann der Reaktor ausgeschaltet. Die Generatoren laufen langsam aus - liefern aber noch genügend Strom, bis nach einer Minute die Notstromdiesel übernehmen.

Schon am Morgen hatte die Tagesschicht den Reaktor für den Test heruntergefahren. Doch dann meldet Kiew zusätzlichen Strombedarf, und die Techniker lassen den Reaktor auf halber Kraft weiterlaufen - der erste fatale Fehler. In den folgenden Stunden baut sich im Kern das Edelgas Xenon auf. Eine Folge der dauerhaft niedrigen Leistung, die die Schichtleiter nicht einkalkuliert hatten. Das Gas verschluckt die zur Kettenreaktion notwendigen Neutronen, die Leistung sackt ab. Um sie wieder zu erhöhen, beginnen die Ingenieure, die Steuerstäbe aus dem Reaktorkern herauszufahren. Dennoch sinkt die Leistung kurz nach Mitternacht auf nur noch 30 Megawatt. Die Operateure ziehen weitere Steuerstäbe heraus, nur noch sechs von 211 stecken im Reaktorkern. Der Meiler ist nun in einem sehr instabilen Zustand.

Trotzdem beginnen Schichtleiter Alexander Akimow und seine Kollegen um 1.23 Uhr mit dem riskanten Test. Der nächste Fehler. Sie schalten die Hauptkühlmittelpumpen ab. Die Uranstäbe erhitzen sich, die Kettenreaktion nimmt zu. Automatisch senken sich einige Steuerstäbe in den Reaktorkern. Doch die Leistung verringert sich nicht.

Unruhe im Kontrollraum. Akimow zögert ein paar Sekunden, drückt dann den Alarmknopf. Jetzt werden alle Steuerstäbe gleichzeitig heruntergelassen. Dass das überhaupt möglich ist, ist ein entscheidendes Konstruktionsmanko des RBMK-1000-Reaktors. Solange die Stäbe nicht ganz abgesenkt sind, sondern nur ein Stück weit in den Kern ragen, heizen ihre Graphitspitzen die Kettenreaktion unkontrolliert an. Und jetzt sind es mehr als 200!

Binnen Augenblicken steigt die Reaktorleistung auf das Hundertfache. Die Steuerstäbe verformen sich, bleiben stecken. Rote Lichter blinken vor Akimows Augen, Warnsirenen heulen, er entkoppelt die Stäbe vom Motor, das Eigengewicht soll sie ganz nach unten ziehen. Nichts!

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 17/2006

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