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13. Mai 2003, 13:19 Uhr

Der sanfte Krieger

Auf ihn setzen die Europäer ihre Hoffnungen. Sein kurzer Besuch in Berlin soll den Dialog mit der Bush-Regierung wieder in Gang bringen. Colin Powell gilt als die Stimme der Vernunft im Triumphgeschrei der Falken.

Hoffnungsträger: Der Besuch von US-Außenminister Colin Powell in Berlin soll den Dialog mit den USA wieder in Gang bringen© AP

Er lächelt wieder. Es ist ein Politikerlächeln, aber es wirkt nicht gequält. Er sieht wieder entschlossen aus, nicht mehr müde. Er ist präsent, zeigt sich, gibt Interviews, scherzt zuweilen. Vor allem aber reist er wieder. Fliegt nach Ankara, Belgrad, Brüssel, Tirana, Beirut, Jerusalem. Nach Damaskus, Syrien. Und nun auch Berlin, Deutschland. "Old Europe". Vielleicht holt Colin Powell nur nach, was er versäumt hatte in den Wochen vor dem Krieg, als er Washington kaum verließ, stundenlang am Telefon hing, bis zu 100 Gespräche am Tag führte und doch nur eine Koalition der Billigen zuwege brachte. Vielleicht muss er wieder reisen, um die amerikanische Position zu verkaufen. In Wahrheit verkauft Colin Powell auch sich, seine Mission ist, Gesicht zu zeigen - "ich bin noch da".

Fischer und Schröder erwarten ihn sehnsüchtig, setzen ihre Hoffnung auf ihn, den Mittler. Doch Colin Powell kann sich nicht mehr erlauben, eine allzu weiche Linie zu fahren. Die Zeit der Kompromisse ist vorüber. Jetzt erst recht. Man muss wissen, dass in Washington der Krieg nicht vorbei ist. Seit dem Fall Bagdads tobt er hinter den Kulissen noch heftiger. Falken gegen Gemäßigte, Donald Rumsfelds Zirkel gegen Powells Leute. Es ist eine Schlacht der Worte und der Gesten, und die entscheidende Frage lautet: Wer bestimmt die amerikanische Außenpolitik, Pentagon oder State Department?

Sammler von Lebensweisheiten

Zuletzt sah es so aus, als habe der Außenminister verloren. Colin Powell, 66 Jahre, sammelt Lebensweisheiten, er nennt sie "Powell's rules" und klebt sie unter die Tischplatte in seinem Büro. Regel Nummer eins besagt: "Es ist nicht so schlecht, wie du denkst. Morgen sieht alles wieder besser aus." Daran arbeitet er gerade. Reist, redet und droht sogar.

Es ist die Ewigkeit von ein paar Wochen her, da stand Colin Luther Powell neben seinem Präsidenten im Rosengarten hinter dem Weißen Haus. Wortlos, regungslos, die Hände stramm an der Hosennaht. Er erinnerte in diesem Moment an ganz früher. Er sah aus wie ein Wachsoldat. Wachsoldaten haben nicht viel zu sagen. Sie sagen nur etwas, wenn sie gefragt werden. Colin Powell wurde nichts gefragt. Das war ein sehr symbolischer Moment.

Der Präsident sprach über den Friedensplan für Israel und Palästina. Bush sah gehetzt aus. Man merkte ihm an, dass ihn dieser Plan in diesen Zeiten herzlich wenig interessierte. Powell sah müde aus. Man merkte ihm an, dass ihn die Situation bedrückte. Er lächelte professionell für die Fotografen, und etwas später feierte das State Department den Plan als "diplomatischen Erfolg". Powell und sein Team hatten lange daran gearbeitet. Es war ein kleiner Sieg. Die "road map", die Straßenkarte zum Frieden im Heiligen Land. Die Welt nahm davon kaum Notiz. Die Welt schaute auf den Irak.

Seine Meinung war nicht mehr gefragt

Als die ersten Bomben fielen auf Bagdad, und die wichtigen Minister und Berater im Weißen Haus tagten, fehlte Powell zunächst. Seine Meinung war da nicht mehr gefragt. Bush besprach sich mit Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, Vizepräsident Dick Cheney, CIA-Chef George Tenet und natürlich Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Powell war ein einsamer Mann in den ersten Tagen des Krieges. Die Bühne gehörte Rumsfeld. Sie gehört ihm noch.

Eine der Powellschen Lebensmaximen lautet: "Du kannst nicht anderer Leute Entscheidungen treffen. Du sollst aber auch nicht andere deine Entscheidungen treffen lassen." Monatelang drängt er den Präsidenten, vor einem Krieg gegen den Irak die Weltgemeinschaft einzubinden. Er glaubt an die Diplomatie. Noch Minuten vor der Hochzeit seiner Tochter telefoniert er mit seinem französischen Kollegen De Villepin; die Tochter heiratet mit Verspätung. Er beharkt sich mit Cheney, Rumsfeld und dessen neokonservativen Beratern Richard Perle und Paul Wolfowitz. Genau wie viele Jahre zuvor während des ersten Golfkrieges, als er - seinerzeit Generalstabschef - von der Invasion des Irak abriet. Er setzte sich damals durch bei Bush senior.

Das vergaßen ihm die Falken nie. Rumsfeld, Cheney, Wolfowitz und Perle können schlicht nichts anfangen mit einem wie Powell, der zuweilen Thukydides zitiert: "Von allen Machterscheinungen ist Zurückhaltung die beeindruckendste." Und wahrscheinlich stimmt, was Paul Wolfowitz zuweilen im Spaß erzählt. Dass nämlich der entscheidende Grund, warum die Bush-Regierung ihn, den stellvertretenden Verteidigungminister, so hochrangig bestallte, ein sehr pragmatischer war - "to keep an eye on Powell", Powell im Auge zu behalten. Jenen Mann, den sie in Washington "reluctant warrior" nannten, den zurückhaltenden Krieger. Den Mann, über den "Newsweek" einmal schrieb, er sei die "meistrespektierte Figur der amerikanischen Öffentlichkeit", der Mann, den "Vanity Fair" kurz "Das Gewissen" taufte. Den Mann, auf den die Europäer so sehr bauten als Vertrauten in einer unvertrauten Regierung. Den Mann, der vermutlich selbst hätte Präsident werden können, wenn er nur den Finger gehoben und nicht auf seine Frau Alma gehört hätte, die Angst um ihn bekam und warnte: "Man kann wetten, dass irgendjemand da draußen es als seine patriotische Pflicht empfunden hätte, ihn zu erschießen."

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