Er ist der mächtigste Vizepräsident, den Amerika je gehabt hat. Dick Cheney war die "Dampfmaschine", die den Irak-Krieg wollte. Und George W. Bush folgte ihm. Hinter dem Rücken des Kabinetts ließ er seinen Vize den Angriff planen.

Bush und sein Hetzer: Dick Cheney war die "Dampfmaschine", die den Irak-Krieg wollte© Jeff Mitchell/Reuters/E-Lance-Media
Dick Cheney ist endlich wieder zu Hause. Er war viel zu lange weg, vier Tage, draußen in der Welt, die ihm so suspekt ist, so fremd und unberechenbar. Er war in Japan, wo es um die Geiseln im Irak ging, und in Südkorea, wo es um das Sterben im Irak ging, und im Flugzeug, wo er erfuhr, dass Außenminister Colin Powell ihn in einem neuen Buch als Kriegstreiber hinstellt. Die Woche war eine der schlimmsten in der Amtszeit des amerikanischen Vizepräsidenten, doch Cheney sagt mit fester Stimme: "Der Fortschritt im Irak ist enorm." Er bekommt Beifall. "Unsere Feinde können nicht eingedämmt werden. Sie können nur zerstört werden." 5000 Menschen stehen auf und jubeln.
Es ist Samstag, der 17. April, ein schon heißer Tag in der Industriestadt Pittsburgh. Die National Rifle Association, Amerikas mächtige Waffen-Lobby, feiert ihre Jahreshauptversammlung. Cheney ist Ehrengast der NRA. Er steht auf der beflaggten Bühne einer langen, kahlen Halle mit dem Charme eines Atombunkers. Vor ihm sitzen Tausende Zuschauer, ältere weiße Männer, rechte Republikaner, stolze Waffenbesitzer wie er. In der Nachbarhalle schießen die Söhne der Männer an Schießständen auf virtuelle Wildenten und die Söhne dieser Söhne beim "Lasershot" auf virtuelle Terroristen. Cheney hat ein Heimspiel, und wenn die Leute ihn mit Fragen bedrängen, geht es um Kaliberstärken - nicht um unauffindbare Massenvernichtungswaffen. Um erschossene Hirsche - nicht um erschossene GIs.
Cheney steht felsenfest hinter dem Pult und erzählt ein bisschen. Sein Gesicht ist rund und rosafarben, und über seinen blanken Vorderkopf zieht sich ein feiner Schweißfilm. Er erzählt von seinen Jagdtrophäen und dem unumstößlichen Recht eines jeden Amerikaners auf den Besitz von Schusswaffen. Es klingt wie ein Grundrecht. Ein Menschenrecht. Cheney redet leise und sanft und so schnell, als habe er Angst vor Applaus. Er mag öffentliche Auftritte nicht. Er mag die Massen nicht. Er herzt keine Menschen und schüttelt keine Hände, und wenn er doch ein paar schütteln muss, zieht er seine Hand weg, als habe er auf eine heiße Herdplatte gefasst. Cheney mag keinen Small Talk und keine Interviews, keine Journalisten und Menschen, die zu viel reden. "Du lernst nichts, wenn du redest", ist sein Motto. Wenn er einen Freund zum Fliegenfischen nach Wyoming einlädt, dann nur unter der Bedingung, dass sie schweigen. Den ganzen Tag schweigen. Er würde gut nach Ostfriesland oder in einen Kaurismäki-Film passen.
Am liebsten hätte es Dick Cheney, nicht als Krisenmanager durch die Welt reisen zu müssen. Oder als Wahlkämpfer nach Pittsburgh. Am liebsten, das gibt er gern zu, würde er den ganzen Tag nur das machen, was er wie kein anderer beherrscht: in seinem Büro im Westflügel des Weißen Hauses oder an einem der vielen geheim gehaltenen Orte sitzen und Politik machen, Strippen ziehen, seine "Sleeper Cells" im Kongress aktivieren. "Bin ich das böse Genie in der Ecke, das keiner je sieht, wenn es aus seinem Loch steigt?", fragte er unlängst in einem Interview mit der "Los Angeles Times". Und beantwortete die Frage selbst: "Es ist wirklich gar nicht schlecht, so zu operieren."
Richard B. Cheney, Jahrgang 1941, ist nach Einschätzungen sämtlicher Beobachter der mächtigste US-Vizepräsident aller Zeiten. Wahlweise gilt er als "Prince of Darkness" ("Washington Post") "Mister Worst-Case-Scenario" ("Los Angeles Times"), "härtester aller Hardliner" ("Time Magazine") - und seit dieser Woche auch als Kriegstreiber. In dem am Dienstag in Amerika erschienenen Insider-Buch "Plan of Attack" belegt der Journalist Bob Woodward jenen Verdacht, der sich seit mehr als zwei Jahren hartnäckig in Washington hält: Cheney war die treibende Kraft hinter dem Krieg im Irak, die "Dampfmaschine". Er wollte ihn von Anfang an. Er setzte ihn mit allen Mitteln durch. Er stach Außenminister Powell aus und die Bedenkenträger im Militär und die Gegner in Europa und den Vereinten Nationen, die er als Appeaser, als Beschwichtiger, und Feiglinge sah. In Powells Augen - so beschreibt es Woodward - war der sonst so kalte, nüchterne Pragmatiker Dick Cheney ein Getriebener, wenn es um den Irak ging, ein Besessener, wie im "Fieber".
Powell, so wird in Washington spekuliert, habe Woodward bei der Enthüllung tatkräftig zur Seite gestanden. Detailgetreu und unter Wiedergabe hochbrisanter Dialoge aus dem Weißen Haus schildert der Starreporter der "Washington Post" Amerikas Weg in den Krieg. Schon vor Bushs Amtseinführung, am 10. Januar 2001, machte Cheney bei einem Übergabetreffen mit Clintons damaligem Verteidigungsminister William Cohen den Irak zum Thema Nummer eins - "Topic A". Er hatte zu jenem Zeitpunkt bereits das Kabinett mitgebildet und wichtige Schaltstellen in den Ministerien mit ideologischen Hardlinern besetzt. Jetzt ging es um Saddam. Cheney hätte ihn schon gern in seiner Zeit als Verteidigungsminister im ersten Golfkrieg beseitigen wollen. Damals durfte er nicht. Er hatte danach Strategien für einen Regimesturz entwickelt. Doch da war er nicht mehr im Amt. Nun hatte er wieder eines, und mit Cheney zurückgekehrt waren seine Weggefährten Donald Rumsfeld und Paul Wolfowitz, deren Denken der Kalte Krieg geprägt hatte und deren Visionen von einer neuen Weltordnung handelten.
In jener Sitzung am 10. Januar schwieg Cheney. Er schloss die Augen und ließ die anderen reden. So macht er es immer. Er lässt reden. Er faltet seine Hände vor dem Kinn und wirft scharfe Blicke über den Brillenrand hinweg. Er fragt alle aus, saugt sie aus, sagt aber selbst nur wenig. Es gab einen Spruch, den er verinnerlicht hat, erzählte er einmal der "Washington Post": "You never get into trouble for something you don't say." Nachdem alle ihre Meinungen kundgetan haben, trifft sich Cheney mit dem Präsidenten zum Gespräch unter vier Augen. "Dick, was meinst du dazu?", fragt Bush. Dann redet Dick.
Er redete vor allem nach den Anschlägen vom 11. September auf Bush ein. Cheney, der Hobbyhistoriker, sah ein neues Zeitalter gekommen. Cheney, der Apokalyptiker, sah die große Gefahr, dass Terroristen die USA mit Massenvernichtungswaffen angreifen würden. Schon länger war dies sein ureigenes Thema; es hatte sich als Meinung zum Glauben und als Glaube zu einer Obsession entwickelt. Seine Grundbotschaft lautete: "Die USA werden es den Mächten des Terrors nicht erlauben, die Werkzeuge des Genozids zu bekommen." Für Dick Cheney war die Welt nicht erst seit 9/11 ein düsterer, böser Ort, so düster wie die geheimen Bunker, in die er sich häufig zurückzieht mit seiner dunkelgrünen Tasche voller Bücher, so düster wie die Werke des von ihm verehrten Historikers Victor Hanson, der Blutvergießen als natürlichen Bestandteil der Menschheit sieht und den unerbittlichen Kampf gegen das Böse fordert.
Als die Frau des Kongressabgeordneten Steny Hoyer auf einer Reise nach Moskau Persönlichkeitstests der Delegierten machte, fand sie einen ihrer Einschätzung nach passenden Beruf für den damaligen Parlamentarier Dick Cheney: Beerdigungsunternehmer.
Wie George Bush sprach sich auch Cheney nach den Angriffen des 11. Septembers gegen einen sofortigen Krieg im Irak aus, "weil wir sonst unseren rechtmäßigen Platz als 'good guys' verlieren". Zwei Monate später jedoch, noch während des Afghanistan-Feldzugs, so entlarvt Woodward nun, ließ Bush Geheimpläne für eine Invasion entwickeln - "Let's get started on this." Der Präsident wollte auf keinen Fall, dass andere davon erfahren, weil es - wie Bush selbst Woodward gestanden hat - "international enorme Angst und im Inland Spekulationen" auslösen würde. Cheney wusste von den Geheimplänen. Nicht aber Powell. Nicht einmal die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice. So schätzte Cheney die Politik im sonst so tratschsüchtigen, porösen Washington, eine Politik wie er selbst: diskret, leise - und zugleich kühn und wirkungsvoll.