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"Ist Facebook kaputt? Ich sehe gar keine Profilbilder mit der türkischen Flagge"

Der Anschlag in Istanbul hat Europa erschüttert. Während Medien weltweit versuchen, die Geschehnisse einzuordnen, kritisiert das Netz die Doppelmoral in Bezug auf die Anschläge von Paris.

Eine Chinesische Touristin trauert um die Opfer des Anschlags von Istanbul

Eine Chinesische Touristin trauert an der Sultan-Ahmed-Moschee um die Opfer des Anschlags von Istanbul

Nach dem Terroranschlag von Istanbul mit mehreren Toten, darunter mindestens acht Deutsche, versuchen nationale wie internationale Medien die schrecklichen Ereignisse vom Dienstag einzuordnen. Zwei türkische Zeitungen erschienen gar mit deutschen Schlagzeilen. "Im Herzen bei Euch" stand am Mittwoch auf der Titelseite der Zeitung "Habertürk". Die Zeitung "Meydan" erschien mit einer ebenfalls auf Deutsch gehaltenen Schlagzeile. Dort stand in weißen Versalien auf schwarzem Grund: "Wir trauern".

Eine Auswahl von Pressereaktionen auf die tödliche Attacke im Herzen der türkischen Metropole:

Deutschland

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Der Anschlag vor der Blauen Moschee in Istanbul galt zwei Zielen: der Türkei und Deutschland. Es kann kein Zufall gewesen sein, dass der Attentäter vier Tage nach Beginn des Einsatzes deutscher Tornado-Aufklärungsflugzeuge in Istanbul eine Gruppe deutscher Urlauber und sich selbst in den Tod gerissen hat. Der Anschlag galt auch der Türkei. Denn die Flugzeuge starten von der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik, und die Türkei macht seit jüngster Zeit ernst mit der Ankündigung, keinen Nachschub mehr für den sogenannten "Islamischen Staat“ (IS) über die Grenze nach Syrien zu lassen."

Süddeutsche Zeitung: "Erst Suruç, dann Ankara und nun Istanbul. Zum dritten Mal binnen einem halben Jahr, so sieht es aus, trifft die Terrormiliz Islamischer Staat die Türkei. (...) Die Attacke führt auf schmerzliche Weise vor Augen, wie verwundbar das Land geworden ist. (...) Spätestens nach Istanbul stellt sich die Frage, inwieweit das Versagen System hat. Die Folgen für das Land sind jedenfalls verheerend. Die Angst herrscht."

Westfalenpost: "Es hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Attentate weltweit gegeben, doch kaum eines, bei dem so viele und nahezu ausschließlich Opfer aus der Bundesrepublik zu beklagen waren. Und das nur vier Tage, nachdem Tornados der Bundeswehr von türkischem Boden aus ihre ersten Einsätze gegen die Terrormiliz Islamischer Staat geflogen sind. Ein Zufall ist dies kaum, sondern vielmehr ein gezielter Angriff. Es liegt nahe, dass der Attentäter ein IS-Kämpfer war. Die deutsche Gruppe hatte er sich genau ausgesucht. Denn Deutsche sind in der Türkei die größte Gruppe von Reisenden. Der Tourismus ist für das Land ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. So hat der Attentäter mit diesem Anschlag auf das touristische Herz des Landes perfide gleich zwei Ziele getroffen."

Stuttgarter Nachrichten: "Selten kam der islamistisch motivierte Terrorismus den Deutschen so nah. Nicht nur, weil ein Selbstmordattentäter in Istanbul so viele Deutsche ermordet und  verletzt hat. Allein die Auswahl eines der Top-Touristenmagnete Europas als Tatort entfaltet schon teuflische Wirkung. Denn viele Deutsche kennen ihn aus eigener Anschauung oder zumindest aus dem Fernsehen. Umso wuchtiger kommt bei ihnen die Botschaft des Täters und seiner Hintermänner an: Wir können jeden von euch treffen. Überall. Sie stimmt aber nicht. Sie  ist maßlos übertrieben.

Rheinische Post: "Wenn sich die Vermutung bestätigt, dass Dschihadisten hinter dem Attentat von Istanbul stecken, sind nach den Morden von Paris erneut Deutsche unter den Opfern des Islamischen Staats (IS). (...) Mutmaßlich handelt es sich bei dem Anschlag um Rache dafür, dass Ankara die Koalition gegen den IS unterstützt. Lange genug hatte die türkische Regierung gezögert, sich dem Kampf gegen den IS aktiv anzuschließen. Bis heute erweckt sie den Eindruck, dass sie die Bedrohung durch die kurdische PKK für größer hält. Spätestens seit gestern sollte klar sein, wo der wahre Feind der Türkei steht."

Neue Presse: "Schon wieder ein Terror-Anschlag, schon wieder starben unbeteiligte Menschen, deren einzige Schuld darin bestand, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. In diesem Fall war darunter auch eine deutsche Reisegruppe, die sich bei milden Temperaturen und Sonnenschein die weltberühmten Sehenswürdigkeiten in der historischen Altstadt Istanbuls anschauen wollte. Mit ihrer Bombe zielten die islamistischen Terroristen auf das historische Herz einer Stadt, die zum Teil in Europa, zum Teil in Asien liegt und als weltoffen und multikulturell, als lebenswert gilt - sie zielten, wie in Paris, auf eine offene Geisteshaltung und ein positives Lebensgefühl."

Frankreich

Le Figaro: "Der Anschlag am Dienstag in Istanbul hat das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Türkei getroffen, und in erster Linie deutsche Touristen. Dies sollte logischerweise den Präsidenten Recep Tayyip Erdogan dazu bringen, die Gefahr für sein Land neu einzuschätzen. Seine Offensive gegen die Kurden hat zur Konsolidierung seiner Macht bei den Wahlen im November beitragen können. Doch sie ändert nichts an der Tatsache, dass die Kurden wichtigster Schutzwall gegen den Islamischen Staat (IS) im Irak und in Syrien sind. Für den IS ist Erdogan ebenso ein Feind wie wir. Dagegen gibt es nur ein Mittel: Erdogan muss sich voll und ganz an dem Kampf seiner Nato-Verbündeten gegen den Islamischen Staat beteiligen."

Charante Libre: "Die Türkei hat lange eine widersprüchliche Rolle im Syrien-Konflikt gespielt - zwischen der Ablehnung des Regimes von (Präsident Baschar al-) Assad und dem Bürgerkrieg gegen die Kurden. Sie zahlt ihrerseits den Preis dafür. Das Attentat in Istanbul lässt ihr keine Wahl mehr zwischen ihren Feinden. (...) Der kriminelle Plan des Islamischen Staates (IS) funktioniert wie eine Falle. Jedes Mal, wenn sie wieder ein neues Maß an Terror erreicht hat, schnappt sie zu."

Italien

La Stampa: "Im Kampf gegen den IS in Syrien starten deutsche Tornados von den Militärbasen der Nato in der Türkei. Vielleicht reicht das schon aus, um ein Attentat gegen deutsche Touristen im Herzen Istanbuls zu begründen. (...) Am Ende eines schrecklichen Tages steht der Verdacht, dass die Deutschen ein absichtliches Ziel gewesen sein könnten. Man fragt sich spontan: Warum Deutschland? Wenn man an die Ziele des IS denkt, ist die Antwort einfach. Neben den militärischen Gründen ist Deutschland im vergangenen Jahr zu einem Symbol der freundlichen Aufnahme geworden."

Spanien

El País: "Der blutige Anschlag in Istanbul zeigt erneut, dass jeder westliche Bürger - unabhängig von der Nationalität, vom Beruf und vom Aufenthaltsort - ein direktes Ziel des dschihadistischen Fanatismus ist. Die Türkei spielt im Kampf gegen den Terror eine Schlüsselrolle und benötigt alle erdenkliche Hilfe. (...) Die Bluttat von Istanbul sollte zur Folge haben, dass die internationale Zusammenarbeit mit Ankara gestärkt wird. Außerdem muss in bestimmten Gegenden, in denen der Terrorismus besonders verbreitet ist, der Schutz der Bürger verbessert werden."

Österreich

Der Standard: "Wenn an einem von Touristen frequentierten Ort in Istanbul Menschen, zudem mehrheitlich Ausländer, von einem Selbstmordattentäter in den Tod gerissen werden, dann geht das einem europäischen Publikum näher, als wenn am Vortag mehr als zehnmal so viele Iraker bei Attentaten sterben. Oder wenn in der vom syrischen Regime belagerten Stadt Madaja die Kinder verhungern. Das ist nicht gerecht, aber verständlich: Je näher die Einschläge kommen, desto realer fühlt sich die Gefahr an. Deshalb sind Anschläge wie jene von Paris Mitte November dazu angetan, tief in das Leben eines jeden Bewohners einer europäischen Hauptstadt einzugreifen."

Schweiz

Neue Zürcher Zeitung: "Einmal mehr muss sich die türkische Regierung fragen lassen, was sie eigentlich gegen die Bedrohung unternimmt, die vonseiten türkischer IS-Rückkehrer und IS-Sympathisanten ausgeht. Auch sollte sie überdenken, ob sie im "Krieg gegen den Terror" nicht die falschen Prioritäten setzt. Viel zu lange unterstützte Erdogan den Kampf jihadistischer Freischärler in Syrien, mehr als einmal machte er deutlich, dass er nicht den IS (Islamischen Staat), sondern die (verbotene Kurdische Arbeiterpartei) PKK und ihren syrischen Ableger als grösste Gefahr einschätzt. Hat er begriffen, welche Folgen das für die Sicherheit im eigenen Land hat, oder nimmt er den Terroranschlag von Istanbul wirklich nur als Schicksalsschlag wahr? Würde die Regierung nur halb so viel Kräfte gegen den IS aufbringen, wie sie mit Gewalt im kurdischen Südosten agiert, hätte der IS nicht ein so leichtes Spiel."

Niederlande

De Telegraaf: "Der Islamische Staat (IS) hatte im zurückliegenden Jahr bereits zwei Anschläge in der Türkei verübt, mit 34 Toten in Suruc nahe der Grenze zu Syrien sowie in Ankara mit rund 100 Toten. In beiden Fällen waren vor allem linke Kurden die Opfer. Nun hat der IS zum ersten Mal in der Türkei einen Anschlag auf Touristen ausgeführt. Auf der Liste der terroristischen Organisationen stand der IS in der Türkei schon länger. Jedoch wurde dem Land oft vorgeworfen, zu wenig gegen diese Terrororganisation zu tun. Das Vorgehen gegen die separatistische kurdische PKK, die selbst gegen den IS kämpft, hatte für Ankara stets Priorität. Doch nun wird die Türkei zweifellos stärker motiviert sein, den IS zu bekämpfen."

Bulgarien 

Duma: "Es macht sich ein neuer, gefährlicher Trend zur Eskalation der Terroranschläge und der Gewalt bemerkbar, die mit der Immigrationskrise verbunden sind. (...) Der Attentäter ist ein Syrer, die Organisatoren gehören dem Islamischen Staat an, der Tatort ist Istanbul, getroffen aber ist eine deutsche Touristengruppe. Ist diese Reihe von Zufällen wirklich zufällig? Ist der Gedanke dahinter nicht vielmehr, das Chaos zu vertiefen, indem man die Nerven der deutschen Gesellschaft und auch von ganz Europa überspannt?"

Ungarn

Magyar Nemzet: "Die Türkei wird im Inneren wie im Äußeren vom Terror bedroht. Der Anschlag von Istanbul (...) ist die perfekte Veranschaulichung der türkischen Realität. Die verhärtete, auf Nabelschau fixierte Haltung Europas wird wiederum dadurch versinnbildlicht, wie viel weniger Medienrummel und "Bestürzung" dem übrigens im europäischen Teil von Istanbul verübten Terroranschlag zuteil werden als der Tragödie von Paris." 

"Ist Facebook kaputt? Ich sehe gar keine Profilbilder mit der türkischen Flagge"

Auch in den sozialen Netzwerken glauben viele User eine Art Doppelmoral im Umgang mit dem Anschlag von Istanbul und den Terrorattacken in Paris im November zu bemerken.


Unter dem Hashtag #PrayForIstanbul gedenken andere Nutzer der Toten und deren Hinterbliebenen.




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