Er verliere lieber eine Wahl, bevor er seine Prinzipien verrate, sagt John McCain immer wieder. Das aber hat der republikanische Präsidentschaftskandidat bereits getan - mit einer Schmutzkampagne gegen Barack Obama. Auch seine Vizekandidatin Sarah Palin wurde ihm aufgeschwatzt, mitsamt einem 150.000-Dollar-Etat für Friseur und Kleidung. Von Katja Gloger, Washington

John McCain hatte auf seine Vize-Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin als Wunderwaffe gehofft© Phil Masturzo/Akron Beacon Journal/AP
Es ist nicht gut Kirschen essen mit John McCain in diesen Tagen. Kurzangebunden ist er, mürrisch, ungehalten, und wütend reagiert er auf kritische Artikel in den Zeitungen. Ausgerechnet er, der alte Kämpfer, der doch in der Presse so lange seinen besten Verbündeten fand. Damals, vor ein paar Monaten, als er wieder einmal das Schicksal herausforderte. Als er sich, so gut wie pleite und politisch totgesagt, in einen blaugestrichenen Bus setzte und sich mit seiner Offenherzigkeit erst Siege in den Vorwahlen, dann die Kandidatur erfuhr. Und irgendwie gönnte man es ihm, dem alten, unverwüstlichen Kämpfer.
Doch das war zu den Zeiten, als John McCain noch ein "happy warrior" war. Ein glücklicher Krieger. Einer, der für die Sache kämpft. Diesen John McCain gibt es nicht mehr.
Er weiß, es sieht nicht gut aus für ihn. Selbst im konservativen Wall Street Journal steht es jetzt schwarz auf weiß: Nach den letzten Umfragen führt Obama landesweit mit zehn Prozent, in einigen Bundesstaaten sogar mit 12, 15 Prozent. Selbst eine republikanische Hochburg wie Indiana ist eine Zitterpartie - dort, wo Bush noch vor vier Jahren mit 20 Prozent Vorsprung gewonnen hatte. Zum ersten Mal liegt Barack Obama nun selbst bei älteren, weißen Wählern vorn. Offenbar traut man diesem Mann zu, die Wirtschaftskrise zu überwinden, das Land zu führen.
Es scheint, als beginne Amerika sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass Barack Obama der 44. Präsident der USA werden könnte. Und dass es vielleicht gar nicht so schlecht wäre für Amerika.
Es ist die Krise, die Angst vor der Zukunft, die Hoffnung auf Besserung. Aber natürlich ist es auch der perfekt inszenierte Wahlkampf dieses Mannes. Allein der schreibt schon Geschichte: 150 Millionen Dollar trieb er allein im September ein - macht bislang 600 Millionen Dollar für seinen Wahlkampf, gespendet von 3,1 Millionen Menschen.
Eine schwindelerregende Summe - fast fünfmal soviel wie der Demokrat Al Gore vor acht Jahren. Dabei wird allerdings gerne übersehen, dass ein bedeutender Teil davon gar nicht von den vielzitierten Kleinspendern stammt, von Studenten und Omas, die weniger als 200 Dollar spendeten. Sie lieferten bislang nur ein Viertel der Spenden. Auch Obama profitiert kräftig von Großspendern, die Zehntausende Dollar an verschiedene Unterstützer-Komitees überweisen. Hollywood-Mogule wie David Geffen, oder der einflussreiche Bauunternehmer Bob Clark aus St. Louis, auch die mächtige Milliardärsfamilie Crown aus Chicago gehören dazu.
Obama kann es sich leisten, in diesen Tagen alle battleground states, alle Schlüsselstaaten, mit einem Dauerfeuer an Werbespots zu überziehen. Er lässt viermal so viel wie sein Gegner John McCain schalten. Radio, Fernsehen, selbst Videospiele. Auch dies gehört zur Strategie, sich die Herzen der Wähler zu erobern. Irgendwann glaubt man, der Mann gehört praktisch zur Familie.
John McCain hingegen kämpft bergauf, und er weiß es. Es ist, als ob eine neue Zeitrechnung begonnen hat, sich eine neue Generation die Politik erobert. In sicher geglaubten Republikaner-Hochburgen wie Virginia führt auf einmal Barack Obama. Selbst in Florida wird es knapp für McCain, im für ihn entscheidenden Bundesstaat Ohio liegen die beiden gleichauf. Einigen Beobachtern scheint es wie ein Akt der Verzweiflung, dass John McCain am Montag einen kostbaren Wahlkampftag durch Pennsylvania tourte, dort führt Obama mit elf Prozent. Hier wolle er die konservativen Arbeiter gewinnen, die bei den Vorwahlen Hillary Clinton wählten, behaupten seine Manager. Man rechne sich gute Chancen aus. Andere glauben, dass McCain nur in wenigen Staaten überhaupt noch konkurrieren kann. Allein in Pennsylvania hat Obama 80 Wahlkampfbüros eröffnet. Dort schuften seit Monaten zehntausende Freiwillige für ihn, für seinen Sieg.
Und wenn man den Meinungsumfragen glauben will, dann gewinnt Obama Vertrauen auch bei den älteren, eher ungebildeten Wählern. Bei denen, die eigentlich nie einen Schwarzen wählen würden, auch, wenn sie es nie zugeben würden. Aber auch sie trauen mittlerweile eher dem jungen, nüchternen Obama zu, die Probleme des Landes zu lösen, als John McCain.
Er kämpft steil bergauf, und er weiß es. Vielleicht war die Katastrophe an der Wall Street, die Gier der Milliardäre, ja die berühmt- berüchtigte "Oktober-Überraschung", die schon in einigen Wahlkämpfen die entscheidende Wende brachte.
Dabei hatte McCain auf seine Wunderwaffe Sarah Palin gehofft. Lange hatte er nach einem Kandidaten für die Vizepräsidentschaft gesucht, auf sie war man dabei erst spät gekommen. Doch seine Wahlkampfmanager, die skrupellosen Profis aus dem Hause George W. Bush, die rieten ihm zu. Palin werde die Parteibasis verzücken und an die Wahlurnen treiben. Denn die Parteibasis hatte vor vier Jahren ja auch George W. Bush die Wiederwahl gesichert.