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John McCain: Der alte Krieger

Vor 40 Jahren wurde er in Vietnam gefoltert und lange gefangen gehalten. Mit dieser Geschichte zieht er durchs Land und beeindruckt damit ein Volk, das sich nach Schutz und Stärke sehnt. Mehr als seine Vergangenheit hat er den Wählern kaum zu bieten. Aber es könnte reichen fürs Weiße Haus.

Von Giuseppe di Grazia

Wenn man John McCain ein paarmal zugehört hat, packt einen irgendwann eine seltsame Lust, auf den Mann zuzugehen, ihn kräftig zu schütteln und zu brüllen: Verdammt, McCain, in welcher Welt lebst du eigentlich? Macht man natürlich nicht, weil es vermutlich nichts bringt und weil man sicher sofort im Gefängnis landet.

So darf John McCain ungestört weitersprechen in dieser muffigen Kongresshalle von Lima, Ohio. Er spricht zu etwa 500 Leuten, die meisten von ihnen Kriegsveteranen. Er läuft vor ihnen herum, Mikro in der Hand, und erzählt von Vietnam, natürlich von Vietnam, was denn sonst? Wie ihn die Kommunisten vorzeitig freilassen wollen, weil er der Sohn eines großen Admirals ist, und er ablehnt; wie sie ihm daraufhin noch mal die Arme brechen, die Rippen und ihm die Zähne ausschlagen.

Er spricht über Ehre und Stolz, über Pflichterfüllung und all das, was man so sagt, wenn man früher Soldat war und heute Politiker ist. Und wenn er etwas hervorheben möchte, dann geht er zum Pult und haut mit der Faust drauf. Worten so Nachdruck zu verleihen ist eine fast lächerliche Geste, aber er weiß, welche Wirkung sie vor solchen Leuten hat.

Willkommener Konflikt

Ein Mann aus dem Publikum steht nun auf, er stellt sich kurz vor, er ist Lehrer, er fragt McCain nach dem Kaukasuskonflikt. McCain wippt aufgeregt mit den Füßen und nickt heftig mit dem Kopf. Darauf hat er nur gewartet. Er wird sofort zum "commander-in-chief ", der den gefährlichen Russen mit markigen Worten droht, als stünde der nächste Weltkrieg kurz bevor. Georgien ist wunderbar für John McCain, den ewigen Krieger, den kalten Krieger, den ewigen kalten Krieger. Es ist seine neue Spielwiese, auf der er sich austoben kann.

Am Schluss verabschiedet er sich von den Menschen mit einem Satz, und er schaut sie dabei ganz ernst an, so wie er das jedes Mal macht: "Ich denke immer zuerst an mein Land." Solch einen Satz muss man erst mal sagen können ohne Pathos in der Stimme, ohne Glanz in den Augen. John McCain kann das.

Die Kandidaten im Vergleich
Worin unterscheidet sich die Politik des Demokraten Barack Obama
von der des Republikaners John McCain?
ThemaBarack ObamaJohn McCain
IranEr sucht den direkten Dialog - ohne Vorbedingungen.Kein Dialog ohne Vorbedingungen.
IrakMonatlich ein bis zwei Kampfeinheiten abziehen. Die UN sollen den Verfassungsgebungsprozess und die Aussöhnung zwischen den Bevölkerungsschichten leiten.McCain will die Truppen aufstocken, um die Interessen Amerikas und ihrer Bündnispartner zu verteidigen. Seine Hoffnung ist es, die Truppen bis 2013 abzuziehen.
GuantanamoSoll geschlossen werden.Würde das Lager schließen.
GeorgienFordert von beiden Seiten Zurückhaltung und direkten Dialog.Russland sollte seine Truppen sofort vom "souveränen Territorium" zurückziehen.
IsraelSpricht sich für Jerusalem als ungeteilte Hauptstadt Israels aus.Will, dass Israel seinen militärischen Vorsprung erhält.
KlimawandelDie USA sollen den Ausstoß von CO₂ in den nächsten 40 Jahren auf 80 Prozent des Niveaus von 1990 senken. Für Atomkraft, aber auch den Ausbau alternativer Energien.Treibhausgase verringern. McCain will ein System zum Handel mit Emissionsrechten aufbauen. Er befürwortet 45 neue Atomkraftwerke.
SteuernSteuererleichterungen der Bush-Regierung für Einkommen über 250.000 US-Dollar abschaffen, dafür Nachlass für Familien, die weniger als 150.000 Dollar verdienen.Vergünstigungen für Besserverdiener sollen bleiben. Der Staat soll weniger ausgeben.
GesundheitEine nationale Krankenversicherung für alle, Versicherungspflicht für Kinder.Keine Versicherungspflicht. Krankenversicherungen sollen aber für alle erschwinglich werden. Kontrollen für Pharma- und Versicherungskonzerne.
AbtreibungSchwangerschaftsabbruch in den ersten drei Monaten ohne die Wertung von Gründen.Gegen Schwangerschaftsabbruch.
TodesstrafeFür die Todesstrafe bei Vergewaltigung und Tötung von Kindern. Fordert scharfe Vorschriften, um Unschuldige vor der Todeszelle zu bewahren.

Danach stehen die Leute auf, sie brechen nicht in Jubel aus, sie klatschen bloß Beifall. Marschmusik, in drei Minuten ist die Halle leer. Menschen, die zu Barack Obama kommen, gehen beseelt nach Hause. Menschen, die zu John McCain kommen, sind anschließend ein wenig beruhigter. Ein wenig beruhigter macht nicht glücklich. Aber den Menschen, die McCain wählen, reicht das schon. Vielleicht ist in diesem Land die Sehnsucht nach Sicherheit, nach dem Vertrauten doch größer als die nach dem Abenteuer, nach dem Abenteuer Barack Obama. Es sind vor allem die älteren weißen Wähler, die aus der Arbeiterklasse, die aus den Vorstädten, die aus dem Herzen Amerikas also, die McCain zunehmend vertrauen, dem Kriegshelden, dem Senator aus Arizona, der seit 26 Jahren in Washington Politik macht. Auch McCains Entscheidung, die stramm konservative Sarah Palin, Gouverneurin von Alaska, für den Posten der Vizepräsidentin zu ernennen, zielt auf diese Wähler. Die 44-jährige Mutter von fünf Kindern hat zwar wenig politische Erfahrung, ist aber streng gegen Abtreibung, geübt mit dem Gewehr in der Hand und als Frau genau die Richtige, um bei den Anhängern von Hillary Clinton zu punkten.

Kampf der Gegensätze

Nach acht Jahren George W. Bush glaubte keiner mehr an den Sieg eines Republikaners, nicht mal die Republikaner selbst. Auf John McCain wurden schon Nachrufe geschrieben. Jetzt, acht Wochen vor den Wahlen, sehen ihn einige Meinungsforscher sogar vor Obama. Der 72 Jahre alte McCain hat sich bei seiner Aufholjagd auf das verlassen, worauf er sich als Politiker schon immer verlassen konnte: auf seine Biografie. Es ist ein Kampf der Lebensgeschichten, den McCain da führt. Der Patriot McCain - der unpatriotische Obama. Der erfahrene, widerspenstige Senator - der junge, glatte Aufsteiger. Der Sohn aus einer Offiziersfamilie - der Sohn eines Schwarzen aus Kenia. McCain setzt seine Lebensgeschichte wie eine Waffe ein. Einer von seinen Slogans heißt: "Ein amerikanischer Präsident für Amerika." Und regelmäßig enden Spots gegen Obama mit der Frage: "Ist er schon so weit zu führen?" John McCain ist seit Langem bereit. Wenn es nach John McCain geht, ist er das eigentlich schon seit 35 Jahren.

Sein ganzer Mythos beruht auf der Gefangenschaft in Vietnam. Sie machte ihn zu einem Helden: nicht für die Dinge, die er dort tat, sondern für das, was er erlitt. Es ist die richtige Geschichte für einen falschen Krieg. Und keiner schlachtet das für seine politische Karriere schamloser aus als John McCain. Seine Bewerbung für das Weiße Haus basiert auf dieser Geschichte und nicht auf seiner Politik. Er hat keine großen Ideen, wie man die lahme amerikanische Wirtschaft ankurbelt, kein Konzept, wie man die abgehalfterte Republikanische Partei neu belebt, keine Visionen, welche Rolle die ungeliebte Supermacht USA in der neu formierten Welt einnehmen soll. Was er hat, ist nur seine Geschichte.

Der Mann, der einem John McCain erklären kann, lebt in Fort Walton Beach, Florida, und heißt Colonel "Bud" Day. In einer dieser trostlosen Straßen, die das Zentrum amerikanischer Städte mit den Vororten verbinden, zwischen Tankstellen und Drogerien, Schnellimbissen und Outlets liegt sein Büro. Bud Day, 83, kommt aus dem Hinterzimmer. Er ist der höchstdekorierte lebende Amerikaner und hat ein Buch über sein Leben als Soldat geschrieben. Es heißt: "Pflicht. Ehre. Vaterland". Auf dem Umschlag steht "Oberst George Bud Day", darunter: "Krieger, Anwalt".

Ein Leben an der Front

John McCain und Bud Day sind seit über 40 Jahren befreundet. Bud Day, der Anwalt, hat für McCain die Scheidung von dessen erster Frau geregelt; Bud Day, der Krieger, macht für McCain mal wieder mächtig Wahlkampf. John McCain und Bud Day saßen in Vietnam gemeinsam in einer Zelle.

Es ist der 26. Oktober 1967, als John McCain bei seinem 23. Flug mit einer Skyhawk über Hanoi abstürzt. Die Nordvietnamesen fischen ihn aus dem Wasser, rammen ihm ein Bajonett in die Leiste, brechen ihm mit dem Gewehr die Schulter. Dann schaffen sie ihn in das "Hanoi Hilton", das berüchtigte Folterlager. Sechs Wochen später bringen sie ihn zu Bud Day in die Zelle. Bud Day erzählt: "Er sah aus wie ein KZ-Überlebender aus Dachau. Er hatte Angst zu sterben." John McCain überlebt, er teilt mit Bud Day mehrere Jahre lang die Zelle.

Was hat Vietnam mit John McCain gemacht? Bud Day überlegt keine Sekunde: "Es hat aus einem Mann aus Eisen einen aus Stahl gemacht. Und John dachte in diesen Jahren ständig darüber nach, wie man unser Land führen müsste. Wir waren entsetzt darüber, wie sehr unsere Politiker uns im Stich gelassen hatten. Vietnam wird John nie loslassen, ganz gleich, was er tut oder was er zu entscheiden hat."

"Wir werden siegen"

Auch wenn es um den Irak geht, führt John McCain seinen eigenen Krieg weiter, den von Vietnam. Als Präsident will er die Truppen notfalls 100 Jahre im Irak stationiert lassen. Er sagt: "Ich bringe unsere Soldaten nach Hause, aber mit Ehre und voller Stolz." An seinem rechten Handgelenk trägt McCain ein schwarzes Band mit dem Namen und dem Foto des Soldaten Matthew Stanley und mit dem Tag seines Todes. Der 22-Jährige war im Dezember 2006 im Irak in einem Gefecht getötet worden. McCain erhielt das Band von Matthews Mutter. Sie selbst trug während des Vietnamkriegs ein silbernes Band am Handgelenk zum Gedenken an die dort gefangenen Soldaten. McCain hat ihr versprochen, dass Matthew und die anderen 4000 Amerikaner nicht vergebens gestorben sind. Er hat ihr gesagt: "Wir werden im Irak siegen."

Nach dem letzten Wahlkampfauftritt des Tages in Detroit steigt John McCain in sein Flugzeug. Alle anderen sitzen schon, der Kandidat steht noch eine Weile herum, er spricht in sein goldenes Handy. McCain ist ein Vieltelefonierer, er hört sich noch den letzten Ratschlag eines jeden Freundes an. Er will wissen, wie er gerade im Fernsehen rübergekommen ist. Dann geht er zu seiner Tochter Meghan, 23, sie strahlt ihn an, zeigt ihm auf dem Laptop ihren neuesten Blog. Meghan und zwei Freundinnen nennen sich die "Blogetten" (http://mccainblogette.com), sie machen sich mit Filmen und Bildern lustig über den Irrsinn dieser Wahltour. John McCain hat sie sich noch nie allein angeschaut, er weiß nicht, wie man Seiten im Internet aufruft, er weiß nicht, wie man überhaupt ins Internet kommt. Meghan oder seine Mitarbeiter müssen das für ihn machen. McCain hat noch nie eine E-Mail geschrieben, und er hat das auch weiterhin nicht vor. John McCain ist ein Mann, der gern in vergangenen Zeiten lebt.

Jetzt steht er vor der beigefarbenen Sofaecke, die er sich ins Flugzeug hat einbauen lassen. Er ruft nach Brooke, seiner Pressefrau. Brooke Buchanan ist Anfang 30, zierlich, braune Haare. Sie zieht ihm das Sakko aus. McCain kann das nicht allein, er kann sich nicht die Haare kämmen, er kann vieles nicht, denn er bekommt die Arme nicht richtig hoch, die Folgen der Folter in Vietnam. Er kann den Leuten nicht mal richtig zuwinken, was für einen Politiker ziemlich blöde ist, weil winkende Politiker immer ein gutes Bild abgeben. Bevor er mit der Presse spricht, kämmt ihn Brooke und sprüht Spray aufs Haar. Das alles wirkt so selbstverständlich, dass einem erst viel später der Gedanke kommt, wie hilflos dieser Mann sein kann, der vielleicht bald der mächtigste Mann der Welt sein wird.

Äußerlich gezeichnet

Wenn man McCain ganz nahe kommt, ist sein Gesicht eine einzige Kraterlandschaft. Es sind Narben mehrerer Hautkrebsoperationen. Mehrmals am Tag wird er geschminkt, er soll nicht krank aussehen.

McCain ist gut gelaunt, die Umfragewerte steigen und steigen. Dann aber fragt einer nach George W. Bush. McCain hat keine Lust, über den ungeliebten Präsidenten zu reden, er will jetzt über Obama sprechen. Der Reporter hakt nach, der Kandidat beißt zurück: "Sie können Ihre Frage gern noch zehnmal stellen."

McCain ist ein irritierender Mann. Innerhalb weniger Sekunden kann er vom gut gelaunten Erzähler zum Anblaffer werden. Wenn es nicht so läuft, wie er möchte, fährt er schnell aus der Haut. Dann blitzen seine Augen, und er presst die Lippen zusammen. McCains Wutanfälle als Kind waren so heftig, dass er davon manchmal in Ohnmacht fiel. Seine Eltern tunkten ihn dann so lange in eine Badewanne voll eiskaltem Wasser, bis seine Dämonen vertrieben waren. Noch heute brüllt er in Senatorenrunden herum und beleidigt Kollegen. Es gibt Menschen, die McCain deshalb für ein nationales Sicherheitsrisiko halten und sich fragen: Darf so einer überhaupt Präsident werden?

John McCain ist es egal, wo er auftreten soll und wie oft pro Tag, er hat nur einen Wunsch: Am Wochenende möchte er in Arizona sein, zu Hause. Wenn man von Sedona aus westlich fährt und nach ein paar Meilen den Highway verlässt und einen Schotterweg hinunterschaukelt, kommt irgendwann die Ranch der Mc- Cains. Sie liegt am Ufer des Oak Creeks, der von einem 2000 Meter hohen Canyonrand in das Hunderte Meter tiefer gelegene Tal fließt. Es gibt ein Haupthaus und eine Holzhütte, die als Gästehaus dient. Auf dem mehrere Hektar großen Anwesen stehen viele Obstbäume.

Naturverbunden und gesellig

McCains Nachbar und Freund Oliver Harper erzählt: "John liebt es, durch die Wüste, durch den Wald zu laufen. Wenn wir bei uns irgendwo wandern gehen, hat man das Gefühl, er kennt jeden Baum, er kennt jeden Weg. Und er ist fit. Noch im letzten Jahr hat er sich mit seinem Sohn Jack auf dem Mountainbike den Canyon hinuntergestürzt."

Richtig glücklich fühle sich John in den Bergen, sagt Harper, und beim Grillen. McCain mag es, Freunde auf seiner Holzterrasse zu bewirten. Er legt dann die Rippchen oder Hühnchen aufs Feuer, er grillt sie nach dem Rezept eines Kumpels aus Florida, mit Salz, Knoblauchsalz, Pfeffer und frischem Zitronensaft, keine Barbecuesoße, und dann auf kleiner Flamme gut 90 Minuten lang.

Es war im März, als McCain hier die Presse zu einem solchen Essen einlud. Mit dunkler Sonnenbrille, Jeans, grauem Sweatshirt und Käppi stand er am Grill und lästerte über politische Freunde und Feinde, fragte Reporter, die er noch nicht kannte: "Und Sie, sind Sie von der Arbeit freigestellt oder auf Drogenentzug?" Keiner lachte lauter als er, man hatte sowieso den ganzen Tag über das Gefühl, dass keiner mehr Spaß hatte als er. Oliver Harper sagt: Es gibt vermutlich keinen Ort, wo McCain mehr McCain ist als hier. Diesen Ort hat er erst im Alter von 44 Jahren gefunden.

Schlagkräftiger Draufgänger

Der junge John McCain hat so etwas wie eine Heimat nie gekannt. Als Kind einer Soldatenfamilie zieht er oft um. In der Schule muss er sich immer wieder beweisen. Er wird "Punk" und "McNasty" genannt und hört nicht auf sich zu prügeln, als er der Familientradition folgend in die US Naval Academy eintritt. McCain ist streitsüchtig, selbst im Umgang mit seinen Vorgesetzten. Dafür wird er mehrfach gerügt. Er schließt die Klasse als Fünftschlechtester ab, sitzt gern in Kneipen, kreuzt mit seiner Corvette durch die Straßen auf der Suche nach dem nächsten Flirt. In seinem Buch "Faith of my Fathers" beschreibt er diese Zeit als "vier Jahre voller Aufmüpfigkeit und Rebellion". McCain stellt sich dar als das, was er bis heute sein möchte: der ewig Unangepasste.

Er heiratet eine geschiedene Frau aus Philadelphia, Carol Shepp, die zwei Kinder mit in die Ehe bringt. McCain adoptiert sie, die beiden bekommen eine gemeinsame Tochter, Sidney. Die Familie ist nur kurze Zeit zusammen, dann zieht der Vater in den Krieg.

Als er aus der Gefangenschaft entlassen wird, 1973, kommt er als Held zurück. Aber Helden fühlen sich im Alltag selten wohl. Er geht fremd und erzählt Freunden: "Carol ist nicht mehr die Frau, die ich geheiratet habe." McCain sagt heute: "Mein größtes moralisches Versagen war das Scheitern meiner ersten Ehe." Als Carol Jahre später erklären soll, woran ihre Ehe zerbrochen sei, antwortet sie: "John ging auf die 40 zu, aber er wollte wieder 25 sein."

Im April 1979, McCain ist noch mit Carol verheiratet, begegnet er bei einem Empfang in Honolulu der Lehrerin Cindy Hensley. Sie ist 25, er 43. Sie macht sich älter, erzählt, sie sei 29; er macht sich jünger und sagt, er sei 39. McCain heiratet sie ein Jahr später, fünf Wochen nach der Scheidung von Carol. Cindys Vater Jim besitzt eine der größten Biervertriebsfirmen im Land. Hensleys Geld und Kontakte helfen McCain, seine politische Karriere voranzubringen.

Wie viel ist echt?

Wenn man Cindy McCain trifft, wird man den Gedanken nicht los: Ist diese Frau echt? Sie hat an diesem Tag in Hudson, Wisconsin, eine rote Lederjacke an, dazu eine graue Hose, alles eng geschnitten, an der Jacke eine Brosche mit dem Navy-Emblem, dazu einen Sticker mit der Flagge Arizonas. Das weißblonde Haar ist streng nach hinten gekämmt zu einem Zopf. Sie ist sehr stark geschminkt. Wenn man sich das weiße Make-up wegdenkt, müssten eigentlich nur noch Knochen zu sehen sein, so dünn ist sie. Und sie hat so blaue Augen, wie es sie auf dieser Welt nicht geben kann. Sie wirkt fast aseptisch. Wenn sie über ihren Mann spricht, klingt es wie auswendig gelernt. Sie sagt: "Er ist ein guter Vater, er ist ein guter Ehemann, er ist ein wahrer Patriot, und ich bin sicher, dass er auch ein guter Präsident sein wird."

Die McCains haben vier Kinder, zwei Töchter, Meghan und Bridget, die sie aus einem Heim in Bangladesch adoptiert haben, die Söhne heißen Jimmy und Jack. Jimmy gehört dem Marine Corps an, er kämpfte im Irak, Jack ist bei der Navy. Cindy McCain war Anfang der 90er Jahre nach zwei Rückenoperationen tablettensüchtig, 2004 hatte sie einen Schlaganfall. Mittlerweile hat sie sich erholt, sitzt im Aufsichtsrat ihres Familienbetriebes und ist im Wahlkampf fast ständig an der Seite ihres Mannes.

Als die "New York Times" im März über eine angebliche Romanze von John McCain mit einer jüngeren, blonden Lobbyistin schreibt, die viele an die Cindy McCain von vor 28 Jahren erinnert, verteidigt sie ihn: "Mein Mann würde niemals etwas tun, was seiner Familie oder seinem Vaterland schaden könnte." Cindy McCain ist genau die Frau, die sich Republikaner an der Seite ihres Präsidenten wünschen.

Nach wie vor unberechenbar

Doch selbst sie ist nicht sicher vor den Wutausbrüchen ihres Mannes. Der Journalist Cliff Schecter erzählt von einem, der sich vor Jahren abgespielt haben soll: Cindy McCain zog ihren Mann vor Reportern und Mitarbeitern wegen seines dünner werdenden Haares auf. McCain lief rot an und schnaubte: "Wenigstens kleistere ich mich nicht mit Make-up zu wie eine Nutte, du Fotze." Schecter sagt, er habe für diese Geschichte drei Zeugen.

Es ist ja nicht so, dass McCains Ausbrüche nicht bekannt wären. Was einen erstaunt, ist, wie wenig sie ihm schaden in einem Land, in dem ganze Heerscharen von Mitarbeitern darauf angesetzt sind, irgendwelche Episoden aus der Vergangenheit von Präsidentschaftskandidaten auszugraben, um ihnen den Weg ins Weiße Haus zu versperren. Bei McCain liegt es offenbar daran, dass seine Geschichte mehr zählt als die Geschichten über ihn. Wenn man sich mit Wählern oder Journalisten über den Kandidaten unterhält, beten fast alle nach, was McCain erzählt: die Story des Kriegshelden und des Maverick.

Das eine sagt überhaupt nichts darüber aus, ob er ein Land führen kann. Das zweite ist John McCain schon lange nicht mehr. Ein Maverick ist ursprünglich ein junges Kalb ohne Brandzeichen, eines, das sich nicht brandmarken lässt. In Amerika werden Politiker, die sich nicht anpassen, so genannt. John McCain ist das inzwischen nicht mehr. Er trägt spätestens seit diesem Wahlkampf ein Brandzeichen, ein R wie Republikaner.

Immer angepasster

Früher bekämpfte McCain die Macht der Konzerne und den Einfluss der Lobbyisten und des großen Geldes in der Politik. Heute erwähnt er die Unternehmen in seinen Reden nur, wenn es darum geht, die Unternehmensteuer zu senken. Von seiner "umfassenden" Reform zur Einbürgerung von Illegalen spricht er nicht mehr, sondern lieber über den Grenzzaun im Süden der USA. Noch vor fünf Jahren war McCain gegen Ölbohrungen im Offshore-Bereich, heute ist er dafür. Selbst die Steuersenkungen der Bush-Regierung will er beibehalten, obwohl er zweimal dagegen stimmte. Und mit den wichtigsten Führern der Evangelikalen Kirche, die Bush zweimal den Sieg sicherten, hat sich McCain um eine Aussöhnung bemüht. Im Wahlkampf vor acht Jahren hat er sie noch als "Agenten der Intoleranz" beschimpft. Trotzdem sehen die Menschen ihn immer noch als Maverick. McCain hat es geschafft, dass sein Image glaubwürdiger erscheint als die Realität.

In zwei Monaten entscheiden die Amerikaner, ob John McCain ihr Präsident sein wird. Sollte er es schaffen, wird nicht der Politiker John McCain diese Wahl gewinnen. Es wird seine Geschichte sein.

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