MILITÄRAKTION Bomben gegen Terror


Einen Monat nach den Angriffen auf New York und Washington schlägt Amerikas Militär gegen den Terroristen-Schlupfwinkel Afghanistan los. Präsident Bush verspricht Ausdauer bis zum Sieg. Terrorist bin Laden droht mit einer Spirale der Gewalt. Aus stern Nr. 42/2001.

Mattes Mondlicht erhellt die Ebene von Jamali. Auf dem Dach eines Lehmhauses im Bergdorf Tape Darna hocken Mudschaheddin und schauen gespannt nach Süden, in Richtung der afghanischen Hauptstadt Kabul. Plötzlich erhellen drei Blitze die Nacht. »Jetzt geht es endlich los«, flüstert ein bärtiger alter Kämpfer, dessen Hände eine abgewetzte Kalaschnikow umklammern. Gewaltige Explosionen hallen durch die Stille. Ab und zu zischen Leuchtspuren der Artillerie über den Himmel, ohne ein Ziel zu finden. Gegen 1.30 Uhr Ortszeit in der Nacht zum Montag sehen die Mudschaheddin hinter dem Koh-i-Safi-Gebirge einen gewaltigen rötlichen Feuerkegel aufsteigen. »Die haben den Flughafen getroffen«, jubeln sie. Vom Kabul International Airport, der zivil wie militärisch genutzt wurde, waren erst vor zwei Wochen MiG-Jäger gegen die Rebellen gestartet. Sie hatten zwei Splitterbomben ganz in der Nähe ihrer Stellungen abgeworfen.

Nun sind die verhassten Taliban und ihre gesamte militärische Infrastruktur Zielscheiben geworden: Amerika, durch die Terroranschläge in New York und Washington vor einem Monat erschüttert und erzürnt, schlägt mit der ganzen Macht seiner modernsten Kriegstechnologie gegen die Förderer der Terroristen zurück: Tomahawk-Marschflugkörper von Schiffen und Unterseebooten im Indischen Ozean, F-14-Jets mit 500-Kilo-Bomben von Flugzeugträgern im Arabischen Meer, computergesteuerte Geschosse von B-52-Langstreckenbombern aus dem Inselstützpunkt Diego Garcia und schattenhafte B-2-Tarnkappen-Bomber, nonstop angeflogen von der 10 000 Kilometer entfernten Luftwaffenbasis Whitman im US-Bundesstaat Missouri. Mit Freudenrufen quittieren die Kämpfer der Nord-Allianz in Tape Darna jeden Einschlag. Sie haben nicht erst seit den Angriffen auf World Trade Center und Pentagon Amerikas Hilfe ersehnt.

»Nach der Niederlage der Truppen der Sowjetunion hatten die USA unser Land völlig vergessen«, klagte der 1996 von den Taliban aus Kabul vertriebene Präsident Burhanuddin Rabbani. Noch nicht einmal humanitäre Hilfe für das gepeinigte Volk im ruinierten Land hätten sie geleistet, während die Mudschaheddin im Nordosten auf fast verlorenem Posten ihren Widerstand gegen das fanatisch-islamische Taliban-Regime fortsetzten. Afghanistans Leid habe Amerika erst gerührt, als es selbst zum Leidtragenden wurde.

»Wir werden nicht einknicken«

Mit unbewegter Miene verkündete US-Präsident George W. Bush noch am Sonntagabend, dass nach den diplomatischen, wirtschaftlichen und polizeilichen Gegenmaßnahmen nun der lang erwartete Militärschlag begonnen hat - und dass er keine Sache von wenigen Tagen sein wird: »Wir werden diesen Konflikt durch das geduldige Ansammeln von Erfolgen gewinnen... Wir werden nicht ermüden. Wir werden nicht einknicken. Und wir werden nicht versagen.« Und während F-14- und F-18-Jets vor ihm aufstiegen, erklärte ein Offizier des Flugzeugträgers »Enterprise«, warum die Amerikaner daran glauben: »Wir verteidigen diesmal unsere Familien und unsere Heimat.«

Die Feinde, das hob Bush hervor, sind der Terroristenführer Osama bin Laden und seine Organisation al-Qaeda sowie deren Gönner, die Taliban, nicht das afghanische Volk. Deshalb fallen seit dem Wochenanfang gleichzeitig Bomben und Brot auf Afghanistan herab: Noch mit der ersten Angriffswelle flogen aus der deutschen US-Basis Ramstein zwei riesige C-17-

Transporter los, um 37500 Tagesrationen Lebensmittel sowie Medikamente für die »armen Seelen«(Bush) abzuwerfen. Denn lange bevor der Konflikt heiß wurde, drohte Millionen Afghanen nach Missernten und Misswirtschaft der Hungertod, blieben Hunderttausende von Flüchtlingen hilfslos vor den geschlossenen Grenzen der Nachbarländer Pakistan, Iran und Tadschikistan hängen.

»Seht, wir sind eure Freunde!«

Schon im Irak kämpften die Amerikaner unter George Bush senior nur gegen die Schreckensherrschaft Saddam Husseins, nicht gegen das Volk - und dennoch litten und starben bis heute Tausende irakischer Kinder. Deshalb dient die Mitleidsgeste der USA vor allem als Signal an die verbündete arabische und islamische Welt: »Seht, wir sind eure Freunde!« Die Feinde Amerikas seien, so der Präsident, nur jene »barbarischen Verbrecher, die eine große Religion durch Morde in ihrem Namen entweihen«.

Die Antwort des »Feindes« kam prompt in einer vor den Angriffen dem arabischen Fernsehsender Al Jazeera zugespielten Videobotschaft von al-Qaeda. Osama bin Laden und seine beiden Hauptleute Ayman al-Zawahiri und Suleiman Abu Gheit verkündeten den »Anfang der Zerstörung Amerikas«. Die Spirale der Gewalt dreht sich höher: Das FBI rechnet »hundertprozentig« mit neuen Terroranschlägen, und bin Laden bestätigt das: »Ich schwöre bei Gott, dass Amerika nicht in Frieden leben wird, ehe Frieden in Palästina herrscht und die Heere der Ungläubigen das Land Mohammeds - Friede sei mit ihm - verlassen haben.«

Obwohl die Luftschläge der Amerikaner und Briten (sie schossen als bisher einzige Kampfgefährten der USA Cruise Missiles von zwei U-Booten ab) die bekannten Residenzen und Befehlszentren von Taliban und al-Qaeda vernichteten, entkamen die Anführer, Mullah Mohammed Omar und bin Laden, ohne einen Kratzer. Das erstaunte niemanden im Weißen Haus oder im Pentagon, hatten sie doch fast einen Monat Zeit, sich in Sicherheit zu bringen, angeblich in ein Geheimlager in den Bergen der Provinz Oruzgan. Die Preisfrage, die alle Geheimdienste der USA und alle Spionagesatelliten nicht beantworten können, bleibt: Wo versteckt sich der Pate des Terrors? Gerüchte in Pakistan sprechen auch von einer gewaltigen Bergfestung in den Höhlen des Wachan-Korridors im Pamir, die selbst gegen Atombomben gefeit sein sollen; andere vermuten, dass er, ohne Bart und Burnus, irgendwo unerkannt durch Kabul läuft - vielleicht sogar durch Kairo oder Köln.

Zerreißprobe für den Atomwaffenstaat

»Dieses Versteckspiel können die Amerikaner nicht gewinnen«, höhnt der ehemalige pakistanische Spionagechef General Hameed Gul, einst im Auftrag der CIA Führungsoffizier bin Ladens im Krieg gegen die Sowjets. »Während sie ihre Zeit damit vergeuden, in den Bergen Afghanistans nach bin Laden zu suchen, werden seine Leute bei ihnen zu Hause wieder zuschlagen.« Männer wie Gul, islamische Eiferer in Pakistans Dienst Inter-Services Intelligence (ISI), hätten Amerika längst auf die Spur des Killers bringen können, den sie selbst aufgezogen haben. Aber sie verweigern sich wie die Mehrheit der pakistanischen Muslime der Zusammenarbeit und haben bin Laden längst gewarnt, auch wenn ihr Präsident General Pervez Musharraf den USA Beistand verspricht. Dem Atomwaffenstaat droht eine Zerreißprobe mit ungewissem Ausgang. Schon rufen Muslim-Führer die Massen zum »Heiligen Krieg« gegen die »Ungläubigen«.

Amerikas Militärs und Politiker setzen nach langem Zögern auf andauernden Bombenkrieg in Afghanistan. Ihr Kalkül: Wenn die Befehlszentren, Flughäfen, Ausbildungslager und Versorgungsdepots erst restlos vernichtet seien, werde das Regime der Taliban zusammenbrechen, und eine amerikafreundliche neue Regierung werde die Terroristen »hinausspülen«, direkt in die Armee der Häscher. Unterstützt wird diese Strategie durch Kommandounternehmen hinter den gegnerischen Linien. Die USA und Großbritannien haben dazu ihre besten »Schattenkrieger«, die heimlich in Gruppen von vier bis zwölf Mann operieren, bereits nach Afghanistan eingeschleust: Special Forces Group Five und Special Air Service. Ihre erste Aufgabe war, für die Luftangriffe Ziele auszukundschaften und per Laserstrahl für die Steuercomputer der Cruise Missiles und »Smart Bombs« zu markieren.

Schwimmende Angriffsplattform

Die nächste Mission, die Jagd auf al-Qaeda, ist ungleich schwieriger und langwieriger. Da die Nachbarstaaten Pakistan und Usbekistan bei aller öffentlich bekundeten Solidarität keine US-Offensivoperationen gegen Afghanistan von ihrem Territorium aus zulassen, brachte die Navy den Flugzeugträger »Kitty Hawk« aus Japan in die »rote Zone«. Er dient als schwimmende Angriffsplattform vor der pakistanischen Küste: Statt »Tomcat«- und »Hornet«-Jets hat er Special-Forces-Gruppen und spezielle Kampf- und Transporthubschrauber an Bord. So den MH-53J »Pave Low«, den Piloten mit Nachtsichtgeräten und automatischer Geländeflugsteuerung unbemerkt über Berge und durch Schluchten zum Zielobjekt steuern können, um Kommandos abzusetzen oder abzuholen. Für »Bergungseinsätze« (und mehr) stehen überdies 1000 Gebirgsjäger aus dem Bundesstaat New York seit der vergangenen Woche auf einer ehemaligen Sowjetbasis bei Taschkent bereit.

Auch wenn sich die Möglichkeiten von Kommandotrupps wie Stoff aus einem Action-Thriller anhören, bereiten die konkreten Erfahrungen mit ihnen Militärs wie Politikern eher Albträume. Präsident Bush geht hier ein hohes Risiko ein, denn bei der Terroristenhatz war, so Special-Forces-Experte Donald Snow, »der Preis bisher immer zu hoch«. 1980 endete der Versuch, die amerikanischen Geiseln aus der US-Botschaft in Teheran zu befreien, in der iranischen Wüste mit selbst verschuldeten Hubschrauberexplosionen und acht Toten, was Präsident Jimmy Carter die Wiederwahl kostete. 1983 wurden Navy-Seal-Spezialtruppen bei der Invasion der Karibikinsel Grenada, auf der linke Putschisten US-Geiseln festhielten, zu weit vor der Küste abgesetzt, vier ertranken.

Und 1993 liefen Army Rangers, die den somalischen Warlord Mohammed Farrah Aidid fassen wollten, in eine mörderische Falle: 18 GIs starben, 80 wurden verwundet - und die Bilder von einem somalischen Mob, der die halbnackte Leiche eines Rangers frohlockend durch den Dreck von Mogadischu schleifte, quälte die amerikanische Nation. Den Kampfgeist der Rambo-Truppe allerdings konnte das Trauma nicht dauerhaft belasten. »Jene, die sich vor solchem Einsatz fürchten«, urteilt Mogadischu-Veteran General William Garrison, »werden sich als minderwertige Männer fühlen.«

55 Stützpunkte bin Ladens

Eine russische Geheimstudie geht von mindestens 55 Stützpunkten bin Ladens aus, der größte in der ehemaligen Armeekaserne Rishkor südlich von Kabul. Mehr als 13 000 Kämpfer folgen seinem Befehl, neben Arabern auch Uiguren, Tschetschenen und Filipinos. Sie würden, so schätzen Landeskenner, bis zum bitteren Ende kämpfen, im Gegensatz zu den auf etwa 30 000 Mann geschätzten Taliban-Truppen. Einen direkten Landkrieg in Asien, vor dem der legendäre US-General

Douglas MacArthur sein Land schon vor Korea und Vietnam gewarnt hat, will das Pentagon aber nicht riskieren. Da setzt es vielmehr auf die Feinde der Taliban, - Vereinigte Front und Nord-Allianz.

5000 gut ausgebildete Taliban-Soldaten

Deren Kämpfer, in 22 Kriegsjahren gestählt, wollten noch in dieser Woche, gleich nach der ersten Bombenoffensive der USA, gegen Kabul und die nördliche Taliban-Hochburg Mazar-i-Sharif losschlagen. Schon wurden aus dem von den Rebellen nie preisgegebenen Pandschir-Tal etwa 4000 Mann mit Panzern und Feldartillerie an die Kabuler Front südlich des Salang-Passes verlegt, wurde bei der Provinzhauptstadt Gulbahar ein alter Hubschrauberlandeplatz wiederhergestellt, um den über Tadschikistan laufenden Nachschub an Waffen, Munition und Verpflegung zu gewährleisten. Der Nord-Allianz stehen etwa 5000 gut ausgebildete Taliban-Soldaten und fast ebenso viele Hilfstruppen gegenüber, die zwei Verteidigungsringe um Kabul mit Panzern und Geschützen gespickt haben. Doch dank amerikanischer Luftunterstützung fürchten die Rebellen den Gegner nicht mehr.

Abdullah Abdullah, Außenminister der Nord-Allianz, ist überzeugt: »Die Taliban-Herrschaft in großen Teilen Afghanistans wird in Kürze zusammenbrechen.« Solche Hoffnungen auf raschen Sieg allerdings hatte auch die Nato, als sie 1999 daran ging, den jugoslawischen Diktator Slobodon Milosevic mürbe zu bomben.

Weil »alle militärischen Optionen stinken«, wie ein hoher Regierungsbeamter in Washington schnaubte, schlägt wohl bald

wieder die Stunde der Diplomaten. Dann ist Außenminister Colin Powell wieder gefragt, der von militärischen Schlägen ohne klare politische Strategie noch nie etwas gehalten hat. Seit seiner Zeit als junger Offizier in Vietnam »widerte« ihn der US-Generalstab an, der es nicht wagte, den Politikern unangenehme Fakten vorzutragen. Er selbst stemmte sich als oberster General gegen den Golfkrieg (dessen Held er später wurde). Seine Skepsis war berechtigt: Militärisch hat der Westen zwar gewonnen, politisch nicht: Saddam tyrannisiert sein Volk noch immer.

Öffentlich bloßgestellt

Powell musste in seinen ersten Monaten als Außenminister so viele Nackenschläge einstecken, dass das »Time Magazine« ihn noch in der Woche vor dem 11. September als den »Odd Man Out«, den Überzähligen im Kabinett, hinstellte. Weil er, wie Bill Clinton, mit Nordkorea weiterverhandeln wollte, wurde er vom Weißen Haus öffentlich bloßgestellt und musste widerrufen. Powell war auch dagegen, das Kyoto-Klimaschutzabkommen aufzukündigen, und er hatte vergebens versucht, Bush zu einer aktiveren Friedensvermittlung zwischen Israel und den Palästinensern zu drängen.

Auch jetzt steht Powell wieder auf der Bremse. Bei einer Krisensitzung in Camp David, dem Wochenendsitz des Präsidenten, geriet er sich mit seinem alten Widersacher Paul D. Wolfowitz in die Haare, mit dem er schon vor zehn Jahren über den Golfkrieg stritt. Der zweite Mann im Pentagon, ein »ungedienter« Politikprofessor, verlangte schnelle Schläge nicht nur gegen bin Laden und die Taliban, sondern auch gleich noch gegen den Irak. Furios forderte er gar, nicht nur dem Terrorismus ein Ende zu bereiten, sondern auch allen Staaten, die ihn unterstützen. Powell hielt ihm vor, damit zerbreche unweigerlich jene

Anti-Terror-Koalition, die er von Berlin über Moskau bis Peking geschmiedet habe. Vor allem die arabischen Länder, passiv, solange Terrorgruppen wie Hisbollah und Hamas nur gegen Israel bomben, würden einen allgemeinen Feldzug gegen deren Förderer nie mittragen. Einige Regierungen in Nahost stehen selbst als Verdächtige am Pranger: Syrien, Libyen, Sudan, Iran.

Die Falken in der US-Regierung halten ohnehin nicht viel von dieser Koalition. »Es ist wunderschön, die Hilfe von Freunden zu haben«, sagte Richard Perle, der politische Vordenker im Pentagon, »aber unsere erste Pflicht ist es, unser Land zu beschützen und nicht andere darüber abstimmen zu lassen, was wir tun sollen.«

»Jede Nation muss wählen«

Der Riss in der Regierung Bush könnte bald schon ernste Konsequenzen haben. Was passiert, wenn das erste Kriegsziel erreicht ist, die Taliban gestürzt und bin Laden ausgeschaltet sind? In seiner Rede zu Kriegsbeginn war Präsident Bush eindeutig: »Heute konzentrieren wir uns auf Afghanistan, aber der Kampf ist umfassender. Jede Nation muss wählen. In diesem Konflikt gibt es keine neutrale Haltung. Jede Regierung, die Banditen und Killer von Unschuldigen unterstützt, macht sich selbst zu Banditen und Mördern.«

Wird der Zorn Amerikas doch noch Staaten wie den Iran oder Nordkorea treffen, die das US-Außenministerium als »Förderer des Terrorismus« brandmarkt? Und jede Untergrundorganisation von der spanischen Eta über die ägyptische al-Gamaa al-Islamija bis zur philippinischen Abu Sayyaf - »bis diese Terrornetzwerke nicht mehr existieren«, wie Verteidigungsminister Donald Rumsfeld es verlangt? Dann wäre der Auftaktfeldzug in Afghanistan nur ein Picknickausflug. Gibt es keine bessere Abwehr gegen neue Terroranschläge als ewigen Krieg? »Wir müssen sie töten, bevor sie etwas anrichten«, sagt der Washingtoner Militärexperte Jeffrey Richelson. »Das ist die Lektion, die wir jetzt gelernt haben.«

Mario R. Dederichs / Mitarbeit: Markus Bensmann, Claus Lutterbeck


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