Landtagswahl in Hessen Showdown für Andrea Ypsilanti


Andrea Ypsilanti, Chefin der hessischen SPD, zugleich geliebt und gehasst, hat zwei Linksbündnisse konstruiert und gegen die Wand gefahren. Seitdem schwindet ihre Macht. Die Neuwahlen werden ihr politisches Schicksal besiegeln - fürs erste.
Von Lutz Kinkel, Wiesbaden

Wo steckt Andrea Ypsilanti? Laut Terminplan tingelt sie an diesem Samstag durch ihren Wahlkreis im Frankfurter Norden. Von Info-Stand zu Info-Stand. Aha. Und wo ist sie genau? Der Sprecher der hessischen SPD weiß es nicht. Der Leiter der SPD-Geschäftsstelle in Frankfurt weiß es nicht. Und ihr persönlicher Mitarbeiter weiß es auch nicht. Ypsilanti auf Solotour. Seltsam. Entweder will Ypsilanti nicht mit den Medien sprechen. Oder die SPD will nicht, dass Ypsilanti mit den Medien spricht. Oder es spielt einfach keine Rolle mehr, wo sie gerade ist.

Andrea Ypsilanti, hallo!? Das ist schöne Sozialdemokratin, die 2008 das politische Deutschland unter Strom gesetzt hat. Die in Hessen fast die Wahl gegen Amtsinhaber Roland Koch gewonnen hätte. Die zweimal versuchte, mit Hilfe der Linkspartei die Wiesbadener Staatskanzlei zu erobern und zweimal mit dem Kopf gegen die Wand lief. Die dafür einen fatalen Wortbruch beging und den damaligen Parteichef Kurt Beck zu einem fatalen Wortbruch verleitete. Die jene Glaubwürdigkeitsdebatte auslöste, unter der die SPD heute noch leidet . Und die immer noch Parteivorsitzende und Fraktionschefin der hessischen SPD ist. Ein Star der SPD-Linken. Eine Hassfigur der SPD-Rechten.

Vor ein paar Tagen redete der SPD-Bundesvorsitzende Franz Müntefering vor Journalisten in Wiesbaden. Müntefering hatte nie Sympathien für Ypsilantis hessische Experimente, sich aber offiziell hinter sie gestellt. Nun erwähnte er sie in seiner Ansprache mit keiner Silbe. Stattdessen lobte er Thorsten Schäfer-Gümbel, den neuen Spitzenkandidaten, den sie vor zwei Monaten aus dem Hut gezaubert hatte. "Er wird seinen Weg machen und eine wichtige Größe in Hessen und für die Gesamtpartei bleiben", sagte Müntefering. Was im Klartext heißt: Schäfer-Gümbel hat Zukunft. Ypsilanti nicht.

Immerhin darf die Abgeschriebene am Samstag die SPD-Abschlusskundgebung im Casino des Frankfurter Energieversorgers Mainova eröffnen. Schäfer-Gümbel und Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier sind angekündigt, aber noch nicht eingetroffen. Die Halle ist brechend voll: Funktionäre, Jusos, Neugierige, Bundesentwicklungshilfeministerin Heidi Wieczorek-Zeul trägt knallrote Stola zu hennarot gefärbten Haaren, eine optische Grausamkeit, Ex-Finanzminister Hans Eichel irrlichtert durch die Reihen. Ypsilanti redet exakt sieben Minuten, ihre Stimme ist heiser von den Außenterminen. "Das war ein kurzer, heftiger und vor allem bitterkalter Wahlkampf", sagt sie. Und dann dankt sie dem "jungen Mann", das sagt sie wörtlich so, als sei er noch ein Schuljunge und sie seine gütige, aber strenge Lehrmeisterin. Liefe der Wahlkampf noch zwei Wochen länger, würde Schäfer-Gümbel die Sympathiewerte Kochs einholen. Es sei ja oft die Frage aufgekommen, ob in Schäfer-Gümbel nur Ypsilanti stecke. Aber nein: In ihm stecke das Wahlprogramm, "das heute genau so richtig ist wie vor einem Jahr", sagt sie und unterstreicht damit, was sie vorgab zu widerlegen. Der eigentliche Falschspieler in Hessen sei Roland Koch, der nun auf Staatsmann mache. "Lassen wir uns nicht täuschen von dem angeblichen Lerneffekt von Roland Koch", ruft Ypsilanti. "Ich glaube, er hat nur Kreide gefressen."

Ypsilanti klingt überheblich, vor allem wenn sie Schäfer-Gümbel als Ableitung ihrer Politik definiert. Trotzdem kriegt sie massig Szenenapplaus. An der SPD-Basis ist Ypsilanti noch wer, dort wird sie geschätzt für ihren Kampfesmut und ihre klaren Sätze. Aber sie ist eben nicht mehr die Nummer Eins. Der rote "Y"-Sticker, das Emblem ihrer Wahlkämpfe, wurde verschrottet. Stattdessen sind "TSG"-Buttons Pflicht, selbst Ypsilanti hat sich demütig einen ans Revers geheftet. So sitzt sie nach den sieben Minuten wieder auf ihrem Platz, gleich neben ihrem Generalsekretär Norbert Schmitt, der bereits seinen Rücktritt angekündigt hat. Hans Eichel und Heidi Wieczorek-Zeul haben sich ein Block weiter hingehockt, sie sind offenbar nicht mehr scharf darauf, mit Ypsilanti fotografiert zu werden.

Frank-Walter Steinmeier und Thorsten-Schäfer-Gümbel sind es auch nicht. Nachdem sie unter großem Getöse endlich eingelaufen sind, reden sie auf dem Podium jeweils gut eine halbe Stunde. Der Name "Ypsilanti" fällt kein einziges Mal. Dafür spricht TSG vom "Frank Walter", Steinmeier vom "Thorsten", beide tun so, als hätten sie schon im Sandkasten gemeinsam rote Sternchen gebacken. Steinmeier beteuert, er habe vor Thorsten den "allergrößten Respekt", er habe den Mut gehabt, in einer schwierigen Situation Verantwortung zu übernehmen, und jetzt sei er "das Gesicht einer neuen Generation der hessischen SPD". Die alte Generation, Andrea Ypsilanti, hört zu und schweigt. Es ist, als würde sie in dieser Stunde bereits in die Vergangenheit verklappt.

Vor zwei Monaten noch schien Ypsilanti fest an ihre Zukunft zu glauben. Auf einer Pressekonferenz präsentierte sie "ihren" Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel und diktierte auch gleich, was er zu tun habe. Bei "Kerner" wiederholte sie diese Nummer, es sah aus, als hätte sie ein Fernbedienung für TSG in der Tasche. Doch der Mann emanzipierte sich überraschend schnell. Trennte sich von ihrem umstrittenen Schattenminister Hermann20Scheer. Gestand den Fehler des Wortbruchs unmissverständlich ein. Gab sich wirtschaftsfreundlicher als gedacht. Und vermied vor allem weitere gemeinsame Auftritte mit Ypsilanti. So baute er eine unsichtbare Mauer zwischen sich und der Parteichefin. Die medialen Zuschreibungen sortierten sich wie von selbst. Drüben das alte linke Chaos. Hüben der freche Newcomer mit den Glasbausteinen auf der Nase.

Dass diese Konstruktion nur eine Notlösung ist, pfiffen die Spatzen von den Dächern. Aber wie soll es mit Ypsilanti nach der Wahl weitergehen? In Hintergrundgesprächen geben die hessischen Spitzengenossen vier Hinweise. Erstens: TSG werde den Fraktionsvorsitz übernehmen. Zweitens: Bekomme die SPD weniger als 30 Prozent, werde Ypsilantis auch kaum Parteichefin bleiben können. Drittens: Wenn einer den linken und den rechten Parteiflügel miteinander versöhnen könne, dann Schäfer-Gümbel. Und viertens: Ypsilantis Projekt, ein rot-rot-grünes Bündnis, ist tot. Ein enger Vertrauter von Ypsilanti fügt hinzu, dass sie auch nie erkärt habe, ihre Positionen auf alle Fälle behalten zu wollen. Sie habe vielmehr angekündigt, die Verantwortung für das Wahlergebnis zu tragen. Ob und wie sie dann weiter Politik macht - für eine Antwort auf diese Frage fehlt den Genossen derzeit die Fantasie. In einem Interview mit der "taz" erklärte Ypsilanti selbst: "Ich werde schon nicht untergehen. 0D Was für mich zählt, sind die Inhalte."

Wer Inhalte durchsetzen will, braucht Macht und Einfluss. Und als die Abschlusskundgebung in Frankfurt beendet ist, stürzen sich die Kamerateams auf Frank-Walter Steinmeier und Thorsten Schäfer-Gümbel, Mikrophone recken sich ihnen entgegen, Blitzlichter erhellen ihre Gesichter. Hinter den Reportertrauben läuft Ypsilanti entlang, mutterseelenallein, Richtung Seitenausgang. Über das Bild legt sich eine Erinnerung. An Kurt Beck. Wie er die Klausurtagung am Schwielowsee verließ.

Mitarbeit: Tiemo Rink


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