HOME

Sommerinterviews in ARD und ZDF: Vor und im Kanzleramt

Sie waren nicht krawallig, die beiden Sommerinterviews - aber der Riss zwischen CSU-Chef Horst Seehofer und Kanzlerin Angela Merkel ist offenkundig. Vor allem in der Europapolitik.

Von Lutz Kinkel

Die Inszenierung der Sommerinterviews war treffend, so, als hätten sich ARD und ZDF zuvor abgesprochen. Horst Seehofer nimmt in der ARD an diesem Sonntag auf der Terasse eines Bundestagsgebäudes Platz. Der Himmel ist bedeckt, am Ende beginnt es gar zu regnen, umso schärfer sticht der knallrote, etwas überdimensionierte Sessel ab, in dem der CSU-Parteichef sitzt. Im Hintergrund ist das Kanzleramt zu sehen, die Schaltzentrale, Seehofer kann sie nur von außen betrachten, seine Macht ist begrenzt. Deswegen plustert er sich gerne zum koalitionsinternen Krawallo auf, "Crazy Horst" hat ihn die "FAZ" jüngst getauft.

Merkel, deren Interview im ZDF nur rund 20 Minuten später ausgestrahlt wird, hat einen schlichten, mausgrauen Tisch an die Fensterfront des Kanzleramts rücken lassen. Sie sitzt auf einem Freischwinger, trägt einen lindgrünen Blazer, ihr Gesicht ist sanft ausgeleuchtet. Hier ist es trocken, vor den Fenstern erstreckt sich der Garten des Kanzleramts, Ton in Ton mit Merkels Blazer. Im Hintergrund ist der Hauptbahnhof zu sehen, ein Symbol für Fernverkehr und Reisen, er deutet an, dass der Wirkungskreis der Kanzlerin weit über Berlin hinausgeht. Sie ist "Miss Europa", im Inland geliebt, im Ausland gefürchtet. Als Moderatorin Bettina Schausten fragt, ob sie Horst Seehofer noch als Partner oder schon als Feind sehe, sagt sie: "Natürlich ist er Partner". Sie kann es sich leisten, großzügig zu sein.

Seehofer unter Druck

Horst Seehofer hat keine Frau vor sich, sondern zwei Männer, Ulrich Deppendorf, Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, und dessen Stellvertreter Rainald Becker. Sie schmieren ihm fingerdick aufs Brot, womit Seehofer zuletzt Schlagzeilen machte - seine permanenten Drohungen mit Koalitionsbruch, seinen Alleingang bei der PKW-Maut, sein brutales Insistieren auf dem Betreuungsgeld, das außerhalb Bayerns niemand will, seine Kehrtwende beim Meldegesetz. Aber Seehofer ist nicht nur ein Meister des öffentlichen politischen Muskelspiels. Er ist auch ein Meister darin, Kritik an sich abtropfen zu lassen. Die Bezeichnung "Crazy Horst" deutet er flugs in ein Kompliment um. "Crazy Horst war ja historisch ein Ehrentitel für Häuptlinge", sagt Seehofer. Mal schauen, ob das die CSU auch auf T-Shirts drucken lässt, so wie jüngst Seehofers Ausspruch "Das können Sie alles senden" am Ende seines Röttgen-Kleber-Polterabends.

Seehofer verteidigt seine politischen Projekte, das Betreuungsgeld, die PKW-Maut, in Sachen Meldegesetz behauptet er, dass er über die Änderungen beim Datenschutz schlicht nicht unterrichtet worden sei. Spannend wird's, als Deppendorf und Becker nach der Europapolitik fragen. "Ich möchte ein Europa der Regionen und keinen föderalen Bundesstaat", dekretiert Seehofer. Und dann malt er ein paar rote Linien vor den roten Sessel: keine Eurobonds, keine direkten Bankenhilfen. Sollte Griechenland aus der Eurozone ausscheiden, wäre das weder das Ende Europas noch das Ende des Euros. Seehofer Worte, soviel ist sicher, sind auch Ausdruck der innerbayerischen Stimmungslage: In seiner Partei steht der Eurorebell Peter Gauweiler hoch im Kurs, beinahe wäre er stellvertretender Parteivorsitzender geworden. Außerdem gehen die Freien Wähler mit einer euroskeptischen Rhetorik auf Stimmenfang. Geht deren Strategie auf, ist Seehofer nach der Landtagswahl 2013 womöglich politisch an die Wand gedrückt.

Flucht in die Floskel

Die Kanzlerin, die sich bei den Sommerinterviews das letzte Wort gesichert hat - beide Gespräche wurden vor Ausstrahlung aufgezeichnet, aber offenkundig so, dass Merkel noch auf Seehofer reagieren konnte - sieht die europapolitische Lage anders. Sie wirbt für mehr Integration, für mehr Verbindlichkeit, sie will, dass Brüssel die Fiskal- und Haushaltspolitiken der Mitgliedsstaaten kontrollieren und sanktionieren darf. Dafür aber, für eine "Stabilitätsunion, die sich weltweit behaupten kann" (Merkel) müssen die nationalen Parlamente ein Stück Souveränität abgeben. Das ist naturgemäß nicht im Sinne Seehofers: Je mächtiger Europa wird, desto mehr verzwergt Bayern.

Der Riss, der in der Europapolitik zwischen Merkel und Seehofer verläuft, ist trotz aller bedachtsam gewählten Worte nicht zu übersehen. Und er hat auch Auswirkungen auf das Abstimmungsverhalten im Parlament. Merkel hat zuletzt nicht mehr die symbolische Kanzlermehrheit erreicht, sie muss sich zunehmend auf die Stimmen der Opposition stützen. Als Bettina Schausten sie darauf anspricht, flüchtet sich Merkel in die Floskel, die auch ihre PR-Leute zuletzt immer wieder verbreiteten: "Wir bekommen immer die Mehrheiten, die wir brauchen." Korrekt wäre zu sagen: Wir bekamen bislang die Mehrheiten, die wir brauchten. Gesichert ist für die Zukunft nichts.

Wahlkampfthema Europa

Zumal Merkel in ihrem Interview ankündigt, dass sie die Europapolitik zum Wahlkampfthema 2013 machen will. "Wo steht Europa, welche Vorstellung haben wir von Europa" - das seien so die Fragen. Die Opposition, die mit Ausnahme der Linkspartei bisher bei allen kritischen Entscheidungen an der Seite der Kanzlerin stand, wird das aufmerksam registriert haben. Und sich schon jetzt überlegen, wie sie sich künftig stärker von Merkel abgrenzen kann.