Amerikas Agenten hätten die Anschläge vom 11. September verhindern können. CIA und deutsche Ermittler hatten einige Attentäter seit Jahren im Visier. Doch Konkurrenzkampf und Bürokratie kosteten 3066 Menschen das Leben. Von Oliver Schröm und Dirk Laabs

Der zweite Turm des World Trade Centers brennt lichterloh, nachdem er von einem Flugzeug getroffen wurde. Bei den Anschlägen vom 11. September 2011 kamen über 3000 Menschen ums Leben© Sara K. Schwittek/Files/Reuters
CIA-Direktor George Tenet sitzt gegen 8.50 Uhr beim Frühstück im St. Regis Hotel, nur wenige Häuserblocks vom Weißen Haus entfernt. Mit am Tisch David L. Boren, der frühere Senator von Oklahoma, ein alter Freund und Förderer. Ihm verdankt Tenet seinen Aufstieg wie kaum einem anderen. Der CIA-Direktor spricht wieder mal über sein Lieblingsthema: Osama bin Laden. Boren sorgt sich um seinen Schützling. Halb Washington zerreißt sich bereits das Maul über ihn, weil er seit Monaten vor Anschlägen warnt, ohne Beweise präsentieren zu können.
Tenet räumt ein, dass er sich immer wieder geirrt hat. So hatte er für den 4. Juli, Amerikas Nationalfeiertag, einen Anschlag vorhergesagt. Damals sei nichts passiert, aber Osama bin Laden bringe ihn dennoch um den Schlaf.
Das Gespräch wird jäh unterbrochen. Sicherheitsbeamte stürzen in den Frühstücksraum. "Mr Director", sagt einer von ihnen, "es gibt ein ernstes Problem."
"Was ist denn?", fragt Tenet.
Der Sicherheitsbeamte zögert. Tenet macht ihm ein Zeichen, dass er auch in Borens Anwesenheit offen sprechen könne.
"Ein Turm des World Trade Center ist angegriffen worden."
Ein anderer Leibwächter hält Tenet ein Handy hin. Der ruft sofort in der CIA-Zentrale in Langley an und erkundigt sich nach Details.
"Sie haben die Maschine direkt ins Gebäude gelenkt?", fragt er ungläubig. Er beordert seine engsten Mitarbeiter in den Konferenzraum und will selbst in 15 Minuten da sein. "Das sieht ganz nach bin Laden aus", sagt Tenet zu Senator Boren. Ohne dessen Reaktion abzuwarten, denkt der CIA-Chef laut nach: "Ich frage mich, ob es etwas mit dem Kerl zu tun hat, der eine Pilotenausbildung gemacht hat."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 34/2003