Seit 1998 hatten Ermittler Christian Ganczarski im Visier. Jetzt decken stern-Reporter auf, wie nah der Duisburger dem meistgesuchten Terroristen der Welt wirklich war: als Kurier, Computerspezialist, Drahtzieher für Anschläge - und als Mann, der bin Laden mit Insulin versorgte. Von Uli Rauss und Oliver Schröm

Eine Gerichtszeichnung von Christian Ganczarski. In Paris muss sich der Konvertit wegen des Attentats von Djerba verantworten© AFP
Die Freitagsgebete in Osama bin Ladens Wohnkomplex am Flughafen von Kandahar sind beendet, als Christian Ganczarski in einem Geländewagen vorgefahren wird. Die Wachen am Lagertor winken ihn durch, wie immer, wenn der Deutsche hier auftaucht. Auch die Posten neben der Moschee lassen ihn passieren. Am Eingang eines großen Gebäudes streicht er sein verschwitztes Langhemd glatt, richtet den Vollbart. Dann betritt er den Saal.
Drinnen hält er ein paar Sekunden inne: Mehr als 200 Männer hocken da in kleinen Gruppen auf Teppichen. Sie tragen Tarnuniformen, Kampfstiefel, Langhemden, alle haben Bärte.
Es sind Araber, Tschetschenen, die Leibgarde bin Ladens. Ihre Kalaschnikow-Gewehre haben sie beiseite gelegt. Sie essen zu Mittag, trinken süßen Tee, reden im Flüsterton. Hinten rechts, in der Ecke des Saales, entdeckt Ganczarski den Mann, den er sucht: den "Scheich".
Der Deutsche geht zu ihm. Zögernd folgt sein australischer Begleiter, Jack Roche, ein Neuling. Bin Laden begrüßt Ganczarski herzlich. Aus respektvollem Abstand hört Roche die beiden reden; er versteht kein Arabisch. Der Gedanke schießt ihm durch den Kopf: "Wow, das ist doch der Typ aus dem Fernsehen!" Der Deutsche übergibt bin Laden ein handgeschriebenes Papier, "Bruder Mukhtar" habe es ihm in Karatschi anvertraut. "Mukhtar" ist bin Ladens Operationschef, jener Mann, der für al Qaeda spektakuläre Terroranschläge plant, lenkt, logistisch betreut; jener Mann, der das Personal gefunden und vorbereitet hat für die Anschläge am 11. September 2001 in Amerika: Chalid Scheich Mohammed, das Gehirn von al Qaeda.
Das Papier, das Ganczarski überreicht, ist ein Empfehlungsschreiben.
Der Australier hinter ihm soll in Sydney eine Zelle anwerben, Israels Botschaft in Canberra filmen, den jüdischen Multimillionär Joe Gutnick ausspionieren, Chef des Melbourner Football-Clubs. Zunächst aber soll er in Afghanistan das Sprengstoffhandwerk lernen. Bin Laden nickt Roche zu.
Helfer weisen ihn einen Platz zum Essen an.
Zweieinhalb Tage ist der Australier bei Chalid Scheich Mohammed im pakistanischen Karatschi gewesen. Christian Ganczarski wurde ihm dort ohne viele Worte vorgestellt. Der dunkelblonde Deutsche ist wie Roche ein Konvertit und mit 33 zwar 13 Jahre jünger, aber längst kein naiver Neuling mehr.
Roche merkte während der 13 Stunden langen Busreise nach Afghanistan, "dass der anscheinend jeden kennt": die Leute an den Busstationen, die er anherrschte, die Araber im Gästehaus in Quetta, die Taxifahrer, den Burschen auf dem Moped, der ihn über die Grenze nach Afghanistan fuhr, während Roche sein Gepäck in der Hitze zu Fuß schleppen musste. Den Fahrer des Autos, das hinter der Grenze wartete, begrüßte Ganczarski freundlich; es war ein Sohn bin Ladens. Da wundert es Roche auch nicht mehr, dass Ganczarski sein Mittagsmahl zur Rechten des meistgesuchten Mannes der Welt einnehmen darf.
Wer ist dieser Deutsche, der sich Anfang April 2000 in der Führungsspitze der Terrororgansation al Qaeda bewegt wie in einer Familie? Der Mann, der zwei Jahre später, eine Stunde vor dem Sprengstoffanschlag im tunesischen Djerba, mit dem Selbstmordbomber telefoniert?
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 32/2005