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7. August 2009, 17:36 Uhr

Auf den Spuren der Opfer

Vor einem Jahr brach der Krieg zwischen Russland und Georgien aus. Nun klärt die EU, wer diese Eskalation verschuldete. Fest steht: Vielen Georgiern hat der Konflikt dauerhaftes Leid gebracht. Andreas Albes hat Menschen besucht, deren Bilder damals die Welt bewegten.

Georgien, Südossetien, Konflikt, Russland, Krieg, Schicksale

Dieses Foto stand für die Leiden des Krieges: Es zeigt die schwer verletzte Sofia Muradowi nach einem Bombenangriff im August 2008 in den Trümmern ihres Hauses in Gori© David Mdzinarishvili/Reuters

Der Krieg hat Sofia Muradowi berühmt gemacht. Und ein wenig hatte sie gehofft, diese Berühmtheit würde ihr aus ihrem Elend helfen. Sofia ist nun schon seit elf Monaten ans Bett gefesselt. Aus ihren Beinen ragen von den Waden bis zur Hüfte Stifte und Schrauben. Manchmal fühlt sie ihre Füße nicht, dann wieder sticht der Schmerz so erbarmungslos, dass ihr Tränen in die Augen schießen. Die Ärzte wissen nicht, ob Sofia je wieder wird gehen können. Neunmal wurde die 54-Jährige bereits operiert.

Eigentlich sollten die Schrauben bald entfernt werden. Aber jede Operation kostet, und die Invalidenrente, die sie bekommt, keine 30 Euro im Monat, reicht so schon kaum zum Leben. Die georgische Regierung, die versprach, für alles aufzukommen, hat schon lange nicht mehr geholfen. "Erst hat man mich benutzt", sagt Sofia Muradowi, "und dann einfach vergessen."

Auch Zaza Rasmadze verdankt dem Krieg, dass man ihn überall in Georgien kennt. Er ist 35 und schluckt jeden Tag Psychopharmaka. Er sagt, nur so könne er die Erinnerungen an jenen Tag ertragen, als sein Bruder Zviadi und dessen im achten Monat schwangere Frau von Bombensplittern getötet wurden. Im Krankenhaus hatten sie noch versucht, das Ungeborene zu retten. Zu spät. Noch am selben Tag verkaufte Zaza seinen Lada, um die Beerdigung zu bezahlen. Die beiden Särge kosteten 300 Dollar, als Leichenwagen diente ein kleiner geborgter Lkw. Die Gräber hob er selbst aus. Danach zog er vier Monate in einen rostigen Container ohne Fenster, ohne Wasser, der als Aufenthaltsraum der kleinen Autowerkstatt diente, die Zaza mit seinem Bruder eröffnet hatte. "Wir haben seit unserer Kindheit fast jede Minute zusammen verbracht", sagt Zaza. Irgendwann schleppte ihn ein Freund zum Psychiater, und der verschrieb Zaza Tabletten, die sein Leben nun in ein merkwürdiges Wattegefühl packen.

Aus Bildern wird Propaganda

Es sind zwei Fotos, denen Sofia Muradowi und Zaza Rasmadze ihre Berühmtheit verdanken. Beide aufgenommen am 12. August vergangenen Jahres gegen 11:30 Uhr vormittags, wenige Minuten, nachdem eine russische Rakete in ihr Wohnviertel in der georgischen Kleinstadt Gori einschlug. Russland und Georgien führten Krieg um die kleine armselige Separatistenprovinz Südossetien. Das eine Bild zeigt, wie Sofia mit blutverschmiertem Gesicht hilflos in den Trümmern ihres Hauses sitzt. Auf dem anderen hält Zaza Rasmadze seinen toten Bruder im Arm, den Mund aufgerissen zu einem verzweifelten Schrei. Die Fotos entstanden keine zehn Meter voneinander entfernt.

Erst erschienen sie weltweit in den Zeitungen. Dann ließ Georgiens Regierung sie auf Plakate drucken. Bald gab es in der Hauptstadt Tiflis keine Straße mehr, in der Sofias und Zazas Gesichter nicht zu sehen waren. Unter jedem Bild stand: "Stop Russia!" Für Georgiens Präsident Michail Saakaschwili, der als Genie in Sachen PR gilt, waren diese Fotos der Beweis dafür, dass allein Russland diesen Krieg verschuldet hat.

Doch ein Jahr danach ist das längst nicht mehr so sicher. Eine EU-Kommission aus Militärexperten, Juristen, Historikern und Politologen, ausgestattet mit einem Budget von 1,6 Millionen Euro, untersucht seit Herbst, wie es zu diesem Krieg kam. Wochenlang durchkämmten sie das Konfliktgebiet, führten Hunderte Interviews, sichteten Berge von Geheimdienstakten. Schon jetzt steht fest, dass die Kriegsschuld nicht nur auf einer Seite zu suchen ist.

Wie alles begann

Die Ausgangssituation im Juni 2008: Südossetien, das etwa so groß ist wie Mallorca, liegt auf georgischem Territorium, doch die Mehrheit der Bewohner wäre lieber unabhängig. 1990 gab es schon einmal Krieg. Damals kämpfte Russland auf Seite der Osseten. Seitdem sind Friedenstruppen in der Separatistenrepublik stationiert: Russen, Osseten und Georgier - eine explosive Mischung. Schießereien gehören zum Alltag.

Im Juli 2008 eskaliert die Lage. Südossetiens Polizeichef wird durch eine Bombe getötet. Die Osseten setzen nun Granatwerfer ein. Georgische Soldaten finden später Hülsen, auf denen Etiketten der russischen Wurstmarke "Zarizino" kleben.

Am 15. Juli beginnt die 58. russische Armee an der ossetischen Grenze das Manöver "Kaukasus 2008". 8000 Soldaten, 700 gepanzerte Fahrzeuge sind im Einsatz. Ein Flugblatt wird verteilt: "Soldat, kenne deinen Feind!" Darin ist die Gesamtstärke des georgischen Militärs aufgeführt (32.000 Mann). Unter "Stärken" heißt es: Geschult durch Nato-Ausbilder, modernes amerikanisches und französisches Kriegsgerät. Bei "Schwächen" steht: Wenig Disziplin, schlechte Moral, Alkoholismus.

1. bis 6. August: Sechs georgische Polizisten werden bei einer Patrouillenfahrt durch eine Mine verletzt. Es kommt zu Kämpfen mit Toten und Verletzten auf beiden Seiten. Die südossetische Regierung in der Hauptstadt Zchinwali ordnet eine Generalmobilmachung an, 300 freiwillige Kämpfer aus dem russischen Nordossetien treffen ein. Busse werden organisiert, die Kinder und Frauen unter 40 aus der Stadt bringen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum sich Saakaschwili und Putin hassen.

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