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10. November 2009, 11:51 Uhr

Was macht eigentlich ... die Berliner Mauer?

Einst teilte sie Berlin, Deutschland, die Welt: die Mauer. Was ist aus den Einzelteilen des Bauwerks geworden? Wer sich auf eine globale Spurensuche begibt, entdeckt mitunter kuriose Ideen für eine Zweitverwertung. Von Kerstin Herrnkind

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1300 Meter lang ist die größte am Stück erhaltene Mauerfläche in der Berliner East Side Gallery, die hier ein Tourist fotografiert© Victoria Bonn-Meuser/DPA

In Las Vegas pinkeln Hotelgäste und Casinobesucher an die Berliner Mauer. Die Toiletten des Hotels und Casinos "Main Street Stations" hängen an einem Stück "original Berlin Wal". Die Gäste haben keinen Blick für die Gedenktafel an der Wand, die an die Todesopfer der Mauer erinnern soll. Sie haben ein dringenderes Bedürfnis.

In Berlin ist die Mauer gerade wieder aufgebaut worden. Vor dem Eingang des Westin Grand Hotels in der Friedrichstraße. Vier Meter hoch, knapp drei Tonnen schwer, einen Meter breit. Hotelgäste, die das Angebot "Mauerfall Berlin" gebucht haben, dürfen sich bei Currywurst und Champagner ein Stückchen Weltgeschichte abmeißeln und es als Souvenir mit nach Hause nehmen.

Auch das Hilton in Dallas setzt auf ein Stück Berliner Mauer als Attraktion. Der Brocken steht im Hotelgarten, zwischen dem Teich mit den japanischen Zierfischen und dem Imitat eines indischen Miniatur-Palastes aus weißem Marmor. Die Hotelgäste dürfen die Mauer in Texas allerdings nur bestaunen. Wehe dem Hotelgast, der zu Hammer und Meißel greift. Das ist nämlich verboten.

Die Mauer als Geschäftsmodell

Die Mauer steht sogar im Internet. Bei Ebay. Für 3,99 Euro inklusive Porto- und Verpackungskosten wird ein eingeschweißtes Mini-Mauerstück mit Echtheitszertifikat im Handtaschenformat zum Kauf angeboten. Auch Immobilienmakler Thomas Schlüchter aus dem westfälischen Lünen geht auf dem Internet-Flohmarkt im World Wide Web auf Käufersuche für seine beiden Mauerstücke. Je 25.000 Euro sollen die fast drei Tonnen schweren Stücke kosten. Plus Transportkosten. Er habe die Stücke nach der Wende in Berlin gekauft, sagt Schlüchter. Von wem? Betriebsgeheimnis. Drei Elemente habe er schon verkauft, sagt Schlüchter. Unter anderem an einen Bäcker aus der Nähe von München, der sich ein knapp vier Meter hohes Stück Mauer neben den heimischen Swimmingpool gesetzt haben soll.

Um herauszufinden, wohin es die Berliner Mauer verschlagen hat, die nach dem 9. November 1989 abgebrochen und in alle Welt exportiert wurde, begab sich die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur auf Spurensuche. Für das jetzt erschienene Buch: "Die Berliner Mauer in der Welt" haben die Autoren sich nicht nur mit der Frage beschäftigt, wo eigentlich das Geld aus dem Mauergeschäft geblieben ist (siehe Kasten: Der Ausverkauf der Berliner Mauer). Sie spürten die Reste in den entlegensten Winkeln der Welt auf und wissen viele Anekdoten rund um den Mauerverkauf zu erzählen.

Jack Janes, Direktor des Instituts für Deutschlandstudien an der School of Advaced International Studies (SAIS) in Washington D.C., war sehr stolz auf das Mauerstück, dass er sich im Sommer 1994 bei einem Berlin-Besuch ausgesucht hatte. Auf einem Graffito hatte der Professor die Buchstaben "FRE" erblickt und glaubte darin, das abgeschnittene Wort "frei" zu erkennen. Hoch erfreut, ein Mauerstück "mit besonderer Symbolkraft" ergattert zu haben, ließ Janes das tonnenschwere Segment in die USA verschiffen und an der John Hopkins Universität aufstellen - als Mahnmal für die Freiheit, die dem Volk der DDR fast 30 Jahre lang verwehrt worden war. Als sich Janes das Mauersegment nach dem Aufstellen allerdings noch einmal genauer ansah, musste er jedoch feststellen, dass auf dem Betonklotz nicht etwa jemand das Wort "frei" gesprüht hatte, sondern den Männernamen: "FRED".

US-Präsident Bill Clinton sollte ein meterhohes Segment der Berliner Mauer bekommen. Der Berliner Künstleragent Patrice Lux wollte ihm das gute Sück schenken. Die Dresdner Bank richtete 1998 anlässlich der Deutschlandreise des Präsidenten einen Empfang aus, auf dem Clinton das Geschenk symbolisch entgegen nehmen sollte. Doch Clinton konnte sich nicht satt sehen am Schloss Sanssouci in Potsdam, hatte nach der Besichtigung keine Zeit mehr für den Empfang und das Mauer-Präsent. Bundespräsident Herzog wartete auf ihn. Deshalb wurde das Mauerstück nach Baltimore verschifft. Lux reiste in die Staaten, um Clinton zu treffen. Doch inzwischen war der Präsident vollends damit beschäftigt, sich wegen seiner Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky zu verteidigen. Enttäuscht reiste Lux wieder nach Deutschland. Die Mauer wurde in einer Lagerhalle in Baltimore abgestellt. Und wenig später gestohlen. Sie tauchte nie wieder auf.

Hier finden Sie die Berliner Mauer
Deutschland: Stiftung Berliner Mauer, Bernauer Straße, Dauerausstellung ab 9. November 2009 auf dem Gelände des ehemaligen Todesstreifens (www.stiftung-berliner-mauer.de undwww.berlinermaueronline.de) Bösebrücke, Bornholmer Straße, Checkpoint Charly, Friedrichstraße, Zimmerstraße, East Side Gallery, Mühlestraße, Gartenstraße, Invalidenfriedhof, Scharnhorsterstr. 25, Mauerpark, Eberswalder Straße/Schwedter Straße, Niederkirchner Strasse, Puschikinallee, Schwartzkopfstraße, Liesenstraße.



Belgien: Nato-Hauptquartier, Casteau



Finnland: Vapriiki-Museumszentrum, Tampere



Frankreich: Espanade du 9 novembre 1989, 15. Arrondissement, Strasbourg, Platz der Menschenrechte im Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, Avenue de l'Europe



Großbritannien: Imperial War Museum, Lambeth Road, London, National Army Musium, Royal Hostitel Raod, Chelsea



Schweiz: Olympisches Museum, 1 Quai d'Ouchy, Lausanne



Russland: Andrej-Sacharow-Zentrum, Semljanoj Wal



Spanien: Parque de Berlin, Madrid

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Mehr zum Thema ... ... finden Sie im stern-Sonderheft zum Mauerfall.

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