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Stern Investigativ - Rüstung und Militär

Christian Ganczarski: Osamas deutscher General

Seit 1998 hatten Ermittler Christian Ganczarski im Visier. Jetzt decken stern-Reporter auf, wie nah der Duisburger dem meistgesuchten Terroristen der Welt wirklich war: als Kurier, Computerspezialist, Drahtzieher für Anschläge - und als Mann, der bin Laden mit Insulin versorgte.

Von Uli Rauss und Oliver Schröm

Die Freitagsgebete in Osama bin Ladens Wohnkomplex am Flughafen von Kandahar sind beendet, als Christian Ganczarski in einem Geländewagen vorgefahren wird. Die Wachen am Lagertor winken ihn durch, wie immer, wenn der Deutsche hier auftaucht. Auch die Posten neben der Moschee lassen ihn passieren. Am Eingang eines großen Gebäudes streicht er sein verschwitztes Langhemd glatt, richtet den Vollbart. Dann betritt er den Saal.

Drinnen hält er ein paar Sekunden inne: Mehr als 200 Männer hocken da in kleinen Gruppen auf Teppichen. Sie tragen Tarnuniformen, Kampfstiefel, Langhemden, alle haben Bärte.

Es sind Araber, Tschetschenen, die Leibgarde bin Ladens. Ihre Kalaschnikow-Gewehre haben sie beiseite gelegt. Sie essen zu Mittag, trinken süßen Tee, reden im Flüsterton. Hinten rechts, in der Ecke des Saales, entdeckt Ganczarski den Mann, den er sucht: den "Scheich".

Der Deutsche geht zu ihm. Zögernd folgt sein australischer Begleiter, Jack Roche, ein Neuling. Bin Laden begrüßt Ganczarski herzlich. Aus respektvollem Abstand hört Roche die beiden reden; er versteht kein Arabisch. Der Gedanke schießt ihm durch den Kopf: "Wow, das ist doch der Typ aus dem Fernsehen!" Der Deutsche übergibt bin Laden ein handgeschriebenes Papier, "Bruder Mukhtar" habe es ihm in Karatschi anvertraut. "Mukhtar" ist bin Ladens Operationschef, jener Mann, der für al Qaeda spektakuläre Terroranschläge plant, lenkt, logistisch betreut; jener Mann, der das Personal gefunden und vorbereitet hat für die Anschläge am 11. September 2001 in Amerika: Chalid Scheich Mohammed, das Gehirn von al Qaeda.

Ganczarski ist längst kein naiver Neuling mehr

Das Papier, das Ganczarski überreicht, ist ein Empfehlungsschreiben.

Der Australier hinter ihm soll in Sydney eine Zelle anwerben, Israels Botschaft in Canberra filmen, den jüdischen Multimillionär Joe Gutnick ausspionieren, Chef des Melbourner Football-Clubs. Zunächst aber soll er in Afghanistan das Sprengstoffhandwerk lernen. Bin Laden nickt Roche zu.

Helfer weisen ihn einen Platz zum Essen an.

Zweieinhalb Tage ist der Australier bei Chalid Scheich Mohammed im pakistanischen Karatschi gewesen. Christian Ganczarski wurde ihm dort ohne viele Worte vorgestellt. Der dunkelblonde Deutsche ist wie Roche ein Konvertit und mit 33 zwar 13 Jahre jünger, aber längst kein naiver Neuling mehr.

Roche merkte während der 13 Stunden langen Busreise nach Afghanistan, "dass der anscheinend jeden kennt": die Leute an den Busstationen, die er anherrschte, die Araber im Gästehaus in Quetta, die Taxifahrer, den Burschen auf dem Moped, der ihn über die Grenze nach Afghanistan fuhr, während Roche sein Gepäck in der Hitze zu Fuß schleppen musste. Den Fahrer des Autos, das hinter der Grenze wartete, begrüßte Ganczarski freundlich; es war ein Sohn bin Ladens. Da wundert es Roche auch nicht mehr, dass Ganczarski sein Mittagsmahl zur Rechten des meistgesuchten Mannes der Welt einnehmen darf.

Wer ist dieser Deutsche, der sich Anfang April 2000 in der Führungsspitze der Terrororgansation al Qaeda bewegt wie in einer Familie? Der Mann, der zwei Jahre später, eine Stunde vor dem Sprengstoffanschlag im tunesischen Djerba, mit dem Selbstmordbomber telefoniert?

"Für bin Laden persönlich extrem wichtig"

Christian Ganczarski sitzt seit zwei Jahren im Pariser Hochsicherheitsgefängnis Fresnes. Ermittlungsrichter Jean-Louis Bruguière hat ihn am 3. Juni 2003 festnehmen lassen und sammelt Beweise für einen Prozess im kommenden Jahr. Französische Fahnder halten den Deutschen für "den größten Fisch, der bislang in Europa ins Netz ging". Zum stern sagten Ermittler in Paris: "Dieser Mann war für bin Laden persönlich extrem wichtig.

Er hatte mit ihm täglich Kontakt, Tag und Nacht Zugang. Nicht einmal engste Vertraute bin Ladens konnten ihm dies verwehren, er brauchte ihre Erlaubnis nicht. Und er arbeitete sehr, sehr eng mit al Qaedas Mastermind Chalid Scheich Mohammed zusammen." Ganczarski war als Kurier bin Ladens tätig, er war sein Computerexperte, sein Funkspezialist und Materialbeschaffer. Bis heute konnten die Ermittler nicht vollständig ergründen, weshalb er dem notorisch misstrauischen Mann so nahe stand. Doch was sie bisher gefunden haben, belegt: Im "heiligen Krieg gegen die Ungläubigen" war Ganczarski so etwas wie ein Nachschub- General für bin Laden. Und er diente ihm nicht bloß als Logistiker, als Beschaffer und Mittler im Hintergrund, den es braucht, um die Infrastruktur des weltweiten Terrors aufrechtzuerhalten.

Ganczarski steht außerdem im Verdacht, das letzte Okay zum Attentat von Djerba gegeben zu haben, bei dem 14 Deutsche starben, so viele wie bei keinem anderen Terroranschlag.

Nach den Aussagen eines verhafteten Komplizen haben Ganczarski und andere darüber hinaus im Ruhrgebiet einen weiteren Anschlag auf Touristen geplant und vorbereitet - auf der französischen Ferieninsel Réunion. Weshalb Ganczarski es wagte, drei Wochen nach den Anschlägen des 11. September nach Afghanistan zu reisen und das Land erst verließ, als sich bin Laden im Dezember 2001 auf der Flucht vor den Amerikanern in das Bergmassisv von Tora Bora zurückzog - darüber rätseln die Ermittler noch immer.

Wo die Geschichte begann

Die unglaubliche Geschichte von bin Ladens deutschem General beginnt am 1. Oktober 1966 im Süden Polens, am Rande des Oberschlesischen Industriereviers. In Gliwice, das bis 1945 deutsch war und Gleiwitz hieß, wird Christian Manfred Ganczarski geboren. Vater Manfred ist 31 und gelernter Dreher, die Mutter Hausfrau, die Schwester drei Jahre alt. Die Eltern, brave Kirchgänger, vermitteln ihm Werte auf eine Weise, die der Junge später als "streng katholisch" beschreibt.

Unter den 200.000 Einwohnern der Bergarbeiterstadt gehören die Ganczarskis zur deutschen Minderheit. Die hat es nicht leicht im kommunistischen Polen. Wie andere Gleiwitzer zieht es 1976 auch Familie Ganczarski ins Ruhrgebiet. Bald haben die Spätaussiedler deutsche Pässe, sie ziehen aus dem Auffanglager Unna-Massen in eine Wohnung in Mülheim an der Ruhr, der Vater kann als Dreher arbeiten. Christian kommt in ein Internat nach Duisburg. Er spricht bis dahin nur Polnisch, hat schlechte Noten und wechselt mitten im Schuljahr in die 4. Klasse einer Grundschule in Mülheim. Danach geht er zur Hauptschule, drei Jahre, kein Abschlusszeugnis. Pädagogen raten zum Berufsvorbereitungsjahr an der Mülheimer Schule An der Klust.

Es folgen Jahre zwischen Lehre und Kriminalität. Bald geht der 15-Jährige sonntags nicht mehr zur Kirche. Tagsüber arbeitet er als Emaillierer-Lehrling bei Mannesmann, abends will er sich in der Clique beweisen: Autos knacken, Drogendelikte, Hehlerei - der Name des Jungen taucht in Polizeiakten auf. Seine Ausbildung jedoch schließt er als Klassenbester ab und findet einen Job als Emaillierer.

Das kann er ja: reden, argumentieren, überzeugen

Bei der Firma Düwag in Krefeld arbeiten viele muslimische Gastarbeiter. Die Pausen richten sich nach ihren Gebetszeiten.

Christian freundet sich mit einem Tunesier an. "Mein Arbeitskollege hat mich motiviert, den Koran zu lesen", wird er in einem Verhörprotokoll zitiert, das dem stern vorliegt. "Ich habe den Islam als den echten Glauben erkannt, bin schließlich zum Islam konvertiert, im Sommer 1986." In der Moschee des Islamischen Zentrums in Wuppertal legt der 20-Jährige die "Schahada" ab: "Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Mohammed sein Prophet ist." Er lässt sich beschneiden. Und nennt sich fortan Ibrahim.

Die Zahl der deutschstämmigen Muslime liegt bei 14.000, Jahr für Jahr kommen etwa 300 Konvertiten hinzu. Bei vielen ist der Glaubenswechsel kulturelle Maskerade, bei Christian Ganczarski nicht. Er entdeckt eine neue Welt in den Moscheen des Ruhrgebiets und geht auf im Zusammenhalt dieser Gemeinschaft von Außenseitern. Er leistet seinen Wehrdienst in der Wuppertaler Generaloberst-Höppner-Kaserne, 3. Pionierbataillon.

Später verliert er nach einer Woche eine mühsam vermittelte Stelle: "Man wollte mir das Beten verbieten." In der Moschee Klöttschen 24 in Mülheim ruft ihn eine Frau an, die sich mit ihrer Tochter zerstritten hat. Christian lernt Nicola kennen und bringt sie wieder mit ihren Eltern zusammen.

Das kann er ja: reden, argumentieren, überzeugen. Nicola ist 20 und geschieden, seit ihrem Übertritt zum Islam nennt sie sich Maymuna. Sie hat eine Tischlerlehre aufgegeben wegen einer Leimallergie, lernt nun Näherin und baut auf eine Zukunft mit dem blonden, schlanken Ganczarski, der vier Jahre älter ist und inzwischen als Schmelzschweißer arbeitet. Die beiden heiraten in einer Moschee in Dortmund, finden eine Wohnung in einem Hochhaus am Hans-Böckler-Platz in Mülheim. Ihre erste Tochter T. wird 1991 geboren. Das Kind leidet an Diabetes. Die Kleine muss lernen, mit Insulinspritzen zu leben.

Bald ist das Familienglück perfekt

Dann nimmt Ganczarskis Leben eine ungeahnte Wendung.

Der saudische Frauenarzt Nadeem Elyas, Vorstand der Bilal- Moschee in Aachen, wendet sich an den Mülheimer Imam: Er sucht Bewerber für ein Stipendium an der Universität für Islamische Wissenschaften in Medina. Das Königshaus in Saudi- Arabien, bei Islamisten unter Druck wegen des Golfkriegs, pumpt Milliarden in die weltweite Verbreitung der erzkonservativen Wahabiten-Ideologie. In Deutschland soll Nadeem Elyas Konvertiten rekrutieren. "Davon war ich natürlich begeistert, zumal für mich das Studium in Saudi-Arabien eine attraktive Perspektive bot", erklärt Ganczarski später in einem Verhör. Er geht "zu Dr. Elyas in die Moschee nach Aachen, als dort Professoren der Universität in Medina waren". Der Deutsche ohne Schulabschluss wird für das von König Saud 1961 gegründete Institut geworben. Um Unterkunft oder Geld braucht er sich nicht zu kümmern.

Er gibt seine Arbeit als Lehrschweißer bei der Firma Düwag auf, kassiert 4000 Mark Abfindung, holt sich das Flugticket in der saudischen Botschaft und fliegt für zwei Wochen nach Mekka und Medina. Die Jama-Islamiya-Universität hat 3000 Studenten, über 130 Nationen sind vertreten. Alle Studenten sind in weiße Langhemden gehüllt. Sie werden zu "Dias" ausgebildet, Predigern, die nach dem Abschluss in Moscheen und Islamischen Zentren weltweit einen Islam lehren sollen, der den Koran wörtlich interpretiert, ultrakonservativ, radikal. Viele Studenten aus Medina sind glühende Anhänger bin Ladens geworden.

Die Bedingungen sagen Christian Ganczarski zu: freie Logis im Haus eines Professors, kostenlose medizinische Versorgung, pro Monat 800 Rial für Verheiratete, umgerechnet 200 Euro. Im Spätsommer 1992 holt er Maymuna und T. nach Medina, und bald ist das Familienglück perfekt:

Ihren ersten Sohn nennen sie Mohammed, wie der Prophet, der in Medina begraben liegt.

Zurück in Deutschland

Aber "Ibrahim, der Deutsche" kann dem Arabisch- Unterricht am Universitätskolleg kaum folgen. Mangels ausreichender Sprachkenntnisse schafft er es nicht, das Studium abzuschließen. 1994 gibt er auf. Die nun vierköpfige Familie zieht zurück nach Deutschland. Sie findet eine Wohnung in Duisburg, Kappenstraße 14. Ganczarski versucht sich als Unternehmer, verhökert vor Moscheen in Duisburg und Mülheim Muskat- und Kümmelöl.

Die Geschäftsidee ist ein Flop. Die Familie lebt von Sozialhilfe.

Einem jungen Mauretanier in Duisburg fällt Ganczarski auf:

Mohamedou Ould Slahi, 24, hat gerade am Fraunhofer-Institut der Gerhard-Mercator-Universität sein Diplom in Elektrotechnik abgelegt. Der Mauretanier ist hager, groß, leger gekleidet, stets nett und hilfsbereit. Er führt ein Doppelleben.

Immer wieder fehlte er wochenlang an der Universität, seine Abwesenheit 1990 und 1992 erklärte er mal mit Studienreisen, mal mit einer Malariaerkrankung. In Wahrheit hält sich Slahi in Al-Qaeda-Lagern in Afghanistan auf. Sein Schwager ist Chalid al-Shanquiti, bekannt unter dem Kampfnamen "Abu Hafs, der Mauretanier" - einer der Ranghöchsten bei al Qaeda: spiritueller Berater bin Ladens, Rechtsautorität, Verfasser von Fatwas gegen "Ungläubige und Kreuzritter".

Sein Verwandter in Deutschland vertraut sich nur engsten Freunden an. Ihnen zeigt er Videocassetten von Kämpfen der Mudschaheddin gegen die Russen und ermutigt sie, nach Afghanistan zu reisen.

Christian Ganczarski lässt sich von den Reden des Mauretaniers genauso mitreißen wie Karim Mehdi, ein junger Marokkaner, der in Bosnien paramilitärisch ausgebildet wurde.

Ganczarski ist kaum noch bei seiner Familie

Slahi, Mehdi und Ganczarski hocken oft zusammen in der Duisburger Al-Taqwa-Moschee, im Hinterhof eines dreistöckigen, rußig-schwarzen Gebäudes an der Tersteegenstraße, neben einem Café, einem Zuhältertreff und dem Verein "International Treff e. V." Oder in der Moschee am Klöttschen in Mülheim. Gegenüber wohnt Uwe D., ein vorbestrafter Schläger. Auch er ist zum Islam konvertiert und nennt sich Nadin. Wie bei Ganczarski und Mehdi erkennt Slahi auch bei Uwe D. das Potenzial. Er begeistert sie alle für den Dschihad.

Nun sind es vier, die in der heruntergekommenen Dachwohnung Klöttschen 25 ein- und ausgehen.

Ganczarski ist kaum noch bei seiner Familie, er arbeitet "als Filialleiter und Hardware-Techniker" bei einer Computerfirma, verbringt aber viel mehr Zeit mit seinen Glaubensbrüdern.

Osama bin Laden hat es als Pflicht jedes gläubigen Muslims bezeichnet, Amerikaner umzubringen. Im August 1998 verüben Anhänger des Al-Qaeda-Chefs Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania: 224 Menschen sterben, mehr als 4500 werden verletzt. Kurz danach werden Staatsschützer in Deutschland aufmerksam auf Slahi und seine Clique. Das LKA Düsseldorf nimmt Slahi, Mehdi sowie die Deutschen Uwe D. und Christian Ganczarski ins Visier.

Ihr besonderes Augenmerk gilt Slahi, der ein Jahr vor den Anschlägen in Ostafrika eine Firma gegründet hat. Über deren Konto fließen Gelder in fünfstelliger Höhe. Die Firma des Sozialhilfeempfängers heißt Ould Slahi GmbH, Stammkapital 50.000 Mark, und betreibt laut Handelsregister Ex- und Import mit "Textilien, nichtedlen Metallen und Computern". Firmensitz ist Slahis Erdgeschosswohnung in Duisburg-Hochfeld. Die Gelder kommen aus dem Sudan, von Slahis Schwager Abu Hafs.

Der spirituelle Einflüsterer von bin Laden war laut FBI in die Anschläge in Ostafrika verwickelt.

Die Hamburger Zelle

Gegen Slahi wird ein Ermittlungsverfahren wegen Sozialhilfebetruges eingeleitet. Der lässt sich nicht beeindrucken und kommt weiter seiner Mission nach. Längst ist der Mauretanier so etwas wie der Chefrekrutierer von al Qaeda in Deutschland. In seiner Zweieinhalbzimmerwohnung in Duisburg-Hochfeld kommt es zu einem mehrstündigen Treffen mit Folgen: Karim Mehdi ist dabei und wird Zeuge, wie Slahi zwei "Brüder", Studenten aus Hamburg, überzeugt, nach Afghanistan zu reisen.

Vernehmungsprotokolle der CIA und der französischen Justiz, die dem stern vorliegen, belegen, wer die beiden sind: Ramzi Binalshibh, Kopf der Hamburger Zelle, und Ziad Jarrah, einer der Todespiloten des 11. September.

Mehdi bleibt zurückhaltend. "Ich hatte gerade geheiratet, wollte selbst nicht in den Krieg", wird er später zu Protokoll geben. Mit den beiden Hamburgern tauscht er die Telefonnummern.

Zwei Wochen später habe es ein erneutes Treffen bei Slahi gegeben. "Sie hatten Pakistan-Visa", sagt Mehdi. Wieder ein paar Tage später habe Slahi gesagt, die beiden anderen seien nach Afghanistan abgereist.

Tatsächlich machen sich Ende November 1999 Ziad Jarrah sowie seine Hamburger Freunde Mohammed Atta und Marwan al-Shehhi auf den Weg nach Afghanistan. In Pakistan nimmt Chalid Scheich Mohammed sie unter seine Fittiche. Mit den Studenten findet er endlich das geeignete Personal für seinen lang gehegten Plan: Symbole wie das New Yorker World Trade Center mit Kamikaze-Piloten anzugreifen. Denn sie sind intelligent genug für eine Pilotenausbildung, Ziad Jarrah studiert sogar Flugzeugbau.

Ganczarski genießt Sonderbehandlung

Slahi setzt sich nach Kanada ab, wo er in der Moschee in Montreal einen Schläfer aktiviert: Ahmed Ressam soll zur Jahrtausendwende ein Attentat auf dem Flughafen in Los Angeles verüben. Auch Christian Ganczarski bricht Ende 1999 seine Zelte in Deutschland ab. Er will einen wirklichen Beitrag zum Dschihad leisten. In einem Reisebüro in Mülheim kauft er für 700 Mark ein Rückflugticket Frankfurt-Karatschi. Mit Pakistan Airlines fliegt er nach Karatschi, reist von dort weiter nach Quetta, wird mit einer Rikscha in ein Gästehaus gebracht. Das Haus steht unter Kontrolle von al Qaeda.

Ganczarski genießt dort Sonderbehandlung, sogar der Innenminister der Talibanregierung besucht ihn.

Der Deutsche will in einer Kampfeinheit der Taliban am Dschihad teilnehmen.

Sein Pass wird konfisziert, dann wird er über die Grenze nach Afghanistan gebracht, im Gästehaus Nummer 2 in Kandahar empfangen, in ein Taxi nach Kabul gesetzt. Sie drücken ihm eine Kalaschnikow, Magazine und Granaten in die Hand und schicken ihn an die Front in den Norden. In einer Truppe von drei Dutzend Kämpfern - Befehle auf Englisch, "es waren viele Nationen vertreten" - findet sich Ganczarski bald am Fuße des Hindukusch wieder.

Dort kämpfen die Taliban gegen die Truppen von Schah Massud.

"Der war schon immer eine Memme"

Nach zweieinhalb Wochen hat der Deutsche die Nase voll. "Gegen Muslime kämpfen", das "halte ich für keine gute Idee", sagt er. Jemand aus seiner Familie in Mülheim hält das für eine Ausrede: "Der war schon immer eine Memme. Der hat keinen Mumm." Im Gästehaus Nummer 2 in Kandahar, das sie "Haus der Logistik" nennen, verabschiedet sich Ganczarski von Abu Hafs, dem Schwager seines Freundes Slahi, kündigt aber an zurückzukommen: Er habe "den festen Entschluss gefasst, mit meiner Familie in Afghanistan zu leben".

Zurück in Mülheim, kündigt er fristgerecht die Wohnung in der Kappenstraße.

Nachbarn in dem dreistöckigen Haus erzählt er, die Familie ziehe nach Saudi-Arabien. Er meldet T., die mit Kopftuch in die zweite Klasse geht, und Sohn Mohammed von der Schule ab. Für seine zuckerkranke Tochter besorgt er eine große Menge Insulin, berechnet für ein Jahr. Mittlerweile ist ein weiteres Baby geboren, ein Junge.

Mit seinem Freund Karim Mehdi geht er zu "Otto's Funk Shop" in Düsseldorf, "um eine große Antenne und Walkie-Talkies zu kaufen" für die Mudschaheddin in Kabul, wie Mehdi später bei Verhören aussagen wird. In der "Modellbau-Oase" in Duisburg habe Christian zudem eine Fernbedienung gekauft "und ein schwarzes Boot als Bausatz, das er in Kabul zusammenbauen wollte. Christian sagte mir, dass es darum gehe, eine neue Art von Anschlag zu testen. Die Idee war: Sprengstoff auf dem Boot zu montieren und es in beträchtlicher Entfernung zu sprengen". Die Boote sollten "Wasserfahrzeuge treffen".

Die Familie zieht in ein Lager bei Kandahar

Familie Ganczarski steht kurz vor Weihnachten 1999 im Abflugterminal des Düsseldorfer Flughafens. Christians Schwiegervater eilt herbei, um seine Enkel zu verabschieden. Das Gepäck ist eingecheckt. Die achtjährige T. klammert sich an ihren Opa, sie schreit, sie weint. "Hat doch keinen Sinn, das Kind ist krank!", schimpft der Mann - und weiß, dass es zwecklos ist: "Christian hat ja auch meine Tochter fanatisch gemacht." Sein Schwiegersohn hat ihm gesagt, er habe in Pakistan für ein Jahr Arbeit gefunden: "Den Arbeitgeber darf ich nicht nennen. Er ist sehr, sehr reich." In Wahrheit zieht die Familie in ein Lager bei Kandahar, dort, wo Osama bin Laden mit Frauen und Kindern haust.

Der Gebäudekomplex am Flughafen ist rundum vermint.

Innen stehen Luftabwehrstellungen mit Al-Qaeda-Kämpfern.

Es gibt strikt getrennte Wohnbereiche für Familien und Ledige, Gästehäuser, Gemeinschaftsküchen.

Die Ganczarskis leben im Familienbereich, ziehen dann um in eine schlichte Behausung mit kleinem Garten.

Im abgeschirmten Bereich neben der Moschee ist der Versammlungssaal, wo bin Laden mit den Seinen zu Mittag isst. Daneben haben Schura-Mitglieder ihre Büros.

Die Schura ist ein fünfköpfiges Beratergremium, das Anschlagsziele auswählt und Anschläge beschließt. Ganczarski arbeitet im "Haus der Logistik", wo sich nur Führungskader und westliche Konvertiten aufhalten dürfen. Dort hat auch "Abu Hafs, der Mauretanier" sein Büro, Slahis einflussreicher Schwager.

"Ibrahim der Deutsche"

Ganczarski wird auch in einem weiteren Lager bin Ladens in Kandahar gesehen, einem Camp mit Waffendepots, Funkraum, unterirdischen Gängen. In der so genannten Praxis gibt es einen Fernsehraum. Dort werden Propagandafilme gezeigt, erzählt ein Augenzeuge später deutschen Ermittlern - Nachrichtenmitschnitte etwa vom Anschlag auf das US-Militärschiff "USS Cole" im Jemen.

Zeugenaussagen über Ganczarskis Tätigkeiten in Afghanistan, die dem stern vorliegen, bestätigen seine eigentümliche Rolle. "Hoch angesehen" bei bin Laden sei "Ibrahim der Deutsche" gewesen, sagt ein Jordanier aus Krefeld, der zeitweise in der Leibgarde des Al-Qaeda-Chefs arbeitete. Er glaubt, diese "herausragende Position" beruhe auf den Computerkenntnissen des Deutschen.

Der arbeitet angeblich mit saudischen Handlangern für den "Ausschuss für Dokumentation", stellt Traktake und Videos ins Internet, sei zuständig für "Öffentlichkeitsarbeit".

Nach acht Monaten in Afghanistan ist das Insulin aufgebraucht

Al Qaedas PR beaufsichtigt bin Ladens Stellvertreter Saif al-Adl, ein ägyptischer Ex- Militär, der sich auch um bin Ladens Sicherheit kümmert. Nach späteren Zeugenaussagen soll Ganczarski mit diesem Mann auch Geschäfte betrieben haben - mal ging es um den Import von Kühlschrankmotoren, mal um den Export von Edelsteinen wie Lapislazuli. Der Deutsche gilt zudem als Funkspezialist, kennt sich aus mit ICOM-Geräten und Scannern zum Abhören. Karim Mehdi, sein Komplize aus Mülheim, sagt: "Ganczarski ist ein einflussreiches Mitglied der al Qaeda." Ermittler glauben, dass etwas anderes den Zugang des Deutschen zum gefährlichsten Terroristen der Welt begründet: "Etwas ganz Menschliches", sagt ein Fahnder zum stern. Er verweist darauf, dass bin Laden nierenkrank ist. Die Ursache dafür ist Diabetes. "Die beiden haben sich halt mit Insulin ausgeholfen.

Die Krankheit von Ganczarskis Tochter hat sie zu Leidensgenossen gemacht." Im Sommer 2000, nach acht Monaten in Afghanistan, ist das Insulin aufgebraucht. Ganczarski steckt zudem in Geldnot.

Einmal ruft er seinen Freund Mehdi in Deutschland an und bittet um Unterstützung. "4080 Mark", sagt Mehdi, "habe ich in zwei Wochen gesammelt und ihm an eine Bank in Pakistan überwiesen." Bei diesem Telefonat berichtet Ganczarski auch von Tests mit dem Modellboot, das die beiden vor seiner Abreise in Duisburg gekauft haben. Das "Projekt", eine Bombe auf das Boot zu montieren und damit ferngesteuert Ziele anzugreifen, "wurde auf einem See in der Nähe von Kabul getestet", so Mehdi, "und die Ergebnisse waren ermutigend". Mit Booten oder ferngelenkten Modellflugzeugen "Militärstützpunkte, Schiffe oder Botschaften zu treffen" war ein "altes Vorhaben der al Qaeda" und "insbesondere von meinem Freund Christian".

Der kehrt bald mit seiner Familie zurück nach Deutschland.

Ehefrau Maymuna zieht mit den drei Kindern nach Haan in eine Dreizimmerwohnung. Christian kehrt in seine alte WG gegenüber der Mülheimer Moschee zurück. Mit seinem Freund Slahi, der mittlerweile wieder in Mauretanien lebt, hält Ganczarski per E-Mail Kontakt.

Wer ist Monir?

Slahi hat in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott ein Internetcafé eröffnet. Regelmäßig bittet er Ganczarski um Hilfe und technischen Rat. Das geht aus etwa 3000 E-Mails und Dokumenten auf der Festplatte von Slahis Computer hervor, die dem stern vorliegen. Nach einer längeren Pause schreibt Ganczarski am 13. Februar 2001 an Slahi: "An lieber Bruder Abu Musab, Alhamdu lillahi. Nach so langer Zeit es ist mir gelungen, dir par Zeilen zu senden. Ich habe gerade Bruder Monir bei mir und er hat mich da dran erinnert das wir nach dir fragen und wir vermissen Dich sehr. Wir hoffen, dich bald zu treffen Inscha allah.

Viele Grüße von Monir und von Mir und AN deine Familie. PS Auf bald."

Wer ist Monir? Es könnte sich um Mounir el Motassadeq handeln, einen Freund der Attentäter vom 11. September, in dessen Prozess vor dem Hamburger Oberlandesgericht nächste Woche die Plädoyers beginnen.

Motassadeq schweigt dazu. Unterlagen amerikanischer und französischer Behörden zufolge hatte die Gruppe um Slahi, Mehdi und Ganczarski engeren Kontakt mit der Hamburger Zelle als bislang angenommen.

Bei Mehdi wurde die Kontonummer von Motassadeqs Ehefrau gefunden. Zum Zeitpunkt der E-Mail-Grüße von Ganczarski haben Motassadeqs Freunde ihre Pilotenausbildung in den USA abgeschlossen und warten auf den Einsatz; weitere 15 Gotteskrieger sind auf dem Weg in die USA, um bei den Flugzeugentführungen des 11. September zu helfen.

Versorgung des zuckerkranken bin Laden ist herausfordernd

Den Al-Qaeda-Kadern ist klar, dass ihr Anführer nach dem Anschlag der meistgejagte Mann der Welt sein wird - wie soll die medizinische Versorgung des zuckerkranken Osama bin Laden in dessen Versteck im Hindukusch dann sichergestellt werden? Nach Recherchen des stern nimmt sich Mohamedou Ould Slahi des Problems an. Er gründet eine Organisation für Diabetiker, sucht Kontakt zu Gesundheitsministerien und Ärzten. Um die Behandlung von bin Laden zu ermöglichen, will der Mauretanier Errungenschaften modernster Technik nutzen: die Telemedizin. Durch sie können Tausende Kilometer Distanz zwischen Arzt und Patient überbrückt werden.

Per E-Mail holt Slahi weltweit Angebote für die nötigen Geräte ein. Eine der führenden Firmen für Telemedizin ist im Ruhrgebiet. "Sehr geehrte Damen und Herren", schreibt Slahi, "Ich bitte Sie mir ein Angebot ueber folgendes zu unterbreiten: 2 PCs, gut ausgeruestet fuer Telemedizin. Diese PCs werden dazu benutzt um zweier Krankenhaeuser mit einander zu verbinden.

Mit freundlichen Gruessen Mohamedou."

Letztlich bestellt er die Geräte bei einer Firma in Australien.

In Kandahar nennt er sich "Saif", Schwert

Kurz zuvor, im Februar 2001, ist Christian Ganczarski erneut in Afghanistan, kehrt nach 14 Tagen zurück und macht sich am 8. August wieder auf den Weg zum Hindukusch. Diesmal begleitet ihn Uwe D. Nach Erkenntnissen deutscher Ermittlungsbehörden soll der sich "eine Woche lang in einem dortigen Ausbildungslager aufgehalten haben" - vermutlich bei einer Sprengstoffausbildung für Fortgeschrittene. Auch Ganczarski besucht ein Militärcamp. Dann wohnt er wieder in bin Ladens Lager am Flughafen von Kandahar. Er trifft Chalid Scheich Mohammed, al Qaedas Operationschef.

Im "Haus der Logistik" lernt er zudem einen Tunesier kennen: Nizar Nawar, 24. Nawar hat sich von seiner Familie in Tunesien Geld geliehen, angeblich für einen Aufenthalt in Kanada.

Hier in Kandahar nennt er sich "Saif", Schwert. Ganczarski gibt später an, "ihn über einen Zeitraum von einer Woche getroffen" zu haben. Er sagt, Saif sei "sehr hart" gewesen, voller Hass gegen Ungläubige. Als Ganczarski von Attentaten in Palästina und Tschetschenien redet, sagt Saif, das Beste sei es, "eine Atombombe zu werfen".

Der Deutsche taucht am 5. September wieder im Ruhrgebiet auf, meldet seinen Pass als verloren.

Sechs Tage später ereignen sich die Anschläge in den USA. Die weltweite Jagd nach den Drahtziehern beginnt.

Sein Name steht auf der "Gefährderliste"

Ungehindert reist Christian Ganczarski am 4. Oktober aus Deutschland aus, drei Tage bevor die Amerikaner ihre ersten Bomben in Afghanistan werfen. Ganczarski bleibt dort bis kurz vor der Flucht von Osama bin Laden nach Pakistan Mitte Dezember.

In Deutschland steht sein Name seit dem 30. September 2001 auf der neu eingerichteten "Gefährderliste" der Sicherheitsbehörden. Potenzielle Attentäter wie er werden überwacht und abgehört. Einige Monate später, am 11. April 2002, morgens um 7.17 Uhr, hält das Aufnahmegerät der Verfassungsschützer folgendes Gespräch fest: "Kennst du mich?", fragt der Anrufer. "Nein, ich kenne Sie nicht", antwortet Ganczarski. "Ich bin der Saif, ich bin der Saif." "Ach so. Willkommen. Wie geht es dir?" "Gut. Vergiss nicht, für mich zu beten." "Wo bist du, hier?" "Nein, ich bin draußen." "Aha, so Gott will. Benötigst du irgendwas?", fragt Christian Ganczarski. "Nein, danke. Ich brauche nur Daa'wa." (Daa'wa ist eine Segensformel.) "So Gott will." "Danke." "Gehe mit Frieden, Gottes Gnade und Segen sei mit dir", sagt Ganczarski und legt auf.

77 Minuten später explodiert auf der tunesischen Ferieninsel Djerba vor der Synagoge La Ghriba ein Tanklastwagen mit 5000 Liter Flüssiggas. 21 Menschen werden getötet, darunter 14 Deutsche und zwei Franzosen.Wenig später finden Ermittler die verkohlte Leiche von Nawar. Er hatte mit einer Stange Dynamit das Gas zur Explosion gebracht.

Das Okay für den Anschlag in Djerba

Ermittler glauben, dass Ganczarski mit seiner "Daa'wa" das Okay für den Anschlag in Djerba gab. Generalbundesanwalt Kay Nehm lässt sofort Ganczarski und dessen Freunde Mehdi und Dominik D. festnehmen. Wohnungen werden durchsucht, darunter die Mülheimer Islamisten-WG. In Mehdis Notizbuch finden die Staatsschützer die Telefonnummern von Todespilot Jarrah und dem weltweit gesuchten Logistiker Binalshibh.

Der Generalbundesanwalt muss die Terrorverdächtigen wieder laufen lassen, er kann ihnen keine Straftat nachweisen. Die Mitgliedschaft in einer ausländischen Terrororganisation ist in Deutschland nicht strafbar. Ein Gesetzentwurf wird seit langem von Teilen der SPD und den Grünen blockiert. Unmittelbar nach dem Djerba-Attentat ändern die Blockierer ihre Meinung. Aber das neue Gesetz ist nicht rückwirkend anwendbar.

So kann Ganczarski bei Vernehmungen im Juni und Juli 2002 ungestraft plaudern.Mit Terroranschlägen will er nichts zu tun haben: Er könne sich auch nicht erklären, warum der Selbstmordattentäter von Djerba ausgerechnet ihn vor der Tat anrief: "Es war ein unerwarteter Anruf." Die deutschen Staatsschützer observieren Ganczarski weiter, hören seine Telefonate ab. Einmal findet Ganczarski in seinem Auto eine Wanze, zertritt sie. Aber die Dauerbeschattung zeigt Wirkung. Am 13. November 2002 setzt er sich mit seiner Familie ab - nach Saudi-Arabien. Ganczarski hält sich in Dschidda auf, reist zur Universität nach Medina. "Wir haben in Hotels gelebt und einen Prinzen kennen gelernt.

Ein reicher Onkel hat uns Geld, 300 Rial, für eine Playstation gegeben", erzählen seine Kinder später im Kreis der Verwandten.

Mehdi wurde 96 Stunden verhört

Derweil trifft Ganczarskis Komplize Karim Mehdi in Deutschland Vorbereitungen für einen neuen Terroranschlag.

Wie dies geschieht und welche Rolle Christian Ganczarski dabei spielt, geht aus 18 Vernehmungsprotokollen hervor, die dem stern vorliegen. Mehdi wurde 96 Stunden verhört, ohne Anwalt, mit nur wenigen Ruhepausen - in Frankreich ist so etwas möglich. Er widersprach sich und nahm Gesagtes später teils zurück. Die Quintessenz seiner detaillierten Aussagen, da sind die französischen Fahnder sicher, dürfte stimmen.

Es geht um einen Anschlag auf Réunion, einer beliebten Ferieninsel im Indischen Ozean, im Sommer des vergangenen Jahres. Der Plan: Ein Selbstmordbomber sprengt sich in einem Auto vor einem Touristenhotel in die Luft. Zeitgleich wird in der Nähe ein zweites Sprengstoffauto ferngezündet. Zudem ist daran gedacht, ein mit Sprengstoff beladenes Modellboot - Marke "Sea", Länge 60 Zentimeter - an einer Strandpromenade einzusetzen. Ende Mai 2003 will Mehdi nach Réunion fliegen, um Möglichkeiten und Anschlagsziele zu erkunden.

Ganczarski sollte die Finanzierung sicherstellen

Die Terrorzelle im Ruhrgebiet hat die Insel ausgewählt, weil es dort Touristen gibt, weil für die Einreise kein Visum nötig ist und weil man in der muslimischen Bevölkerung untertauchen kann. Zu der Idee hat Mehdi ein anderer Anschlag "definitiv motiviert": Zwei Monate zuvor, am 12. Oktober 2002, sind bei Anschlägen auf Nachtclubs in Bali 202 Menschen gestorben, darunter sechs Deutsche. Die Idee kam Mehdi, "als ich sah, wie verheerend das in Bezug auf die Opfer" und "auf die öffentliche Meinung sein kann".

Er habe Ganczarski vor dessen Abreise nach Saudi-Arabien eingeweiht. Der sollte den Kontakt zu al Qaeda herstellen und die Finanzierung sicherstellen. Er riet, Uwe D. einzubeziehen.

Der soll in Kenia den Selbstmordattentäter abholen, den Sprengstoff besorgen, per Schiff via Madagaskar einschmuggeln und auf Réunion die Bombe bauen.

Von Freunden aus der Islamistenszene besorgt sich Mehdi Kontaktadressen auf der Insel. Er will in der Koranschule Dar Ul-Ulum wohnen und am Strand von St. Pierre Ziele auskundschaften.

Am 10. Februar 2003 kauft sich Mehdi ein Flugticket nach Réunion. Im April erkundigt er sich in der "Modell-Oase" in Duisburg nach einer Fernsteuerung. Fünf Minuten nachdem er den Laden verlassen hat, drängen sich Ermittler vor dem Verkäufer.

Sie sagen, der Typ plane einen Anschlag im Duisburger Binnenhafen.

Mehdi wird in Paris verhaftet

Mehdi leiht sich von seinem türkischen Schwiegervater eine Kamera und kauft in einem Supermarkt einen Agfa-Film. Er macht zwei Aufnahmen. Eine zeigt die Kontrolle seines Handgepäcks am Düsseldorfer Flughafen; ein Beamter bestand darauf zu prüfen, ob der Fotoapparat keine Attrappe ist. Die zweite Aufnahme macht Mehdi beim Anflug auf Paris.

Dort wird er Minuten später verhaftet und in den folgenden vier Tagen verhört, Tag und Nacht.

Am Tag nach Mehdis Festnahme wird Ganczarski mit seiner Familie von den Saudis ausgewiesen. "Sie haben eine Stunde Zeit, Ihre Sachen zu packen", sagt man ihnen. "Das Flugzeug steht bereit." Sie würden nach Deutschland fliegen. Die Ganczarskis werden in eine Air-France-Maschine gesetzt. Als sie in Paris landen und umsteigen wollen, werden sie im Flughafen Charles de Gaulle, Transitbereich, Terminal A, festgenommen.

Die vier Kinder und seine Frau, im sechsten Monat schwanger, können nach zwei Tagen weiterreisen.

Ganczarski bleibt in Haft. Das war in Deutschland nicht möglich, obwohl Generalbundesanwalt Kay Nehm sagt: "Er war für den engsten Kreis von al Qaeda tätig." "Steht jemand im Verdacht, zu einer Terrorzelle zu gehören, reicht das bei uns in Frankreich für eine Verhaftung", sagt Richter Jean-Louis Bruguière. "Anders als bei Ihnen ist es nicht nötig, Beweise für bevorstehende Anschläge vorzulegen." So sitzt der bekannteste Terroristenjäger der Welt in seinem engen Büro im Pariser Justizpalast dem Deutschen aus Mülheim gegenüber. In Protokollen der Vernehmungen findet sich nach den Fragen von Richter Bruguière wieder und wieder die Notiz: "Wir vermerken, dass die zu überprüfende Person schweigt." Aber der Richter hat die Protokolle der Aussagen zur Verfügung, die Christian Ganczarski in Deutschland gemacht hat. Für die Behörden dort waren sie strafrechtlich nicht relevant - in Paris können sie ihm zum Verhängnis werden.

Ganczarskis Freund Slahi, Rekrutierer der Attentäter vom 11. September, sitzt als "High Value"-Gefangener der USA in Guantánamo Bay, wo er als einflussreicher Vorbeter aufgefallen ist. Sein Freund Karim Mehdi hat in Frankreich ausgepackt und hofft auf ein mildes Strafmaß. Ganczarskis Frau ist mit den mittlerweile fünf Kindern nach Wuppertal gezogen. Sie leben von Sozialhilfe. Seinem Freund Uwe D., der weiterhin als "Gefährder" gilt, wurde der Pass entzogen. Er befindet sich auf freiem Fuß.

Mitarbeit: Gerd Elendt / print