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stern-Reporter unterwegs in Nigeria: Ein Land im Griff des Terrors

Die Islamisten von Boko Haram erobern in Nigeria Stadt um Stadt, sie zünden Bombe um Bombe. Gibt es noch Hoffnung für die entführten Mädchen? Wer durch das Land reist, verliert schnell die Hoffnung.

Von Marc Goergen (Text) und Bénédicte Kurzen (Fotos)

Edle Gewänder, reich verzierte Säle: Der Prunk rund um den Emir von Kano wirkt Respekt einflößend. Politische Macht und Einfluss allerdings hat er nicht - schon gar nicht auf Boko Haram

Edle Gewänder, reich verzierte Säle: Der Prunk rund um den Emir von Kano wirkt Respekt einflößend. Politische Macht und Einfluss allerdings hat er nicht - schon gar nicht auf Boko Haram

Als wir Reverend Dauda Tumba gefunden haben, sind die Kämpfer von Boko Haram schon bedrohlich nahe an die Stadt herangerückt. Yola ist eigentlich eine beschauliche Ortschaft im Nordosten Nigerias, idyllisch gelegen am Ufer des träge fließenden Benue. Abends umhüllt Nebel wie ein Gazeschleier die Wälder. Die Menschen leben vom Fischfang oder vom Zuckerrohranbau. Seit ein paar Jahren unterrichten ausländische Professoren an einer "American University". Von Yola fahren Busse bis in die Nachbarländer Tschad und Kamerun, normalerweise.

Jetzt herrschen Angst und Chaos. Viele Straßen nach draußen - blockiert. Viele Professoren - evakuiert. Die Kreuzungen - bewacht von Soldaten. Hotels, Busse, Autos - voll mit Flüchtlingen. Seit Boko Haram immer mehr Dörfer in der Umgebung eingenommen hat, ist Yola zur Frontstadt geworden. Das Territorium der Islamisten, ihr Kalifat, ist nur noch zwei Stunden entfernt. Von dort kamen Zehntausende Flüchtlinge. Und fast alle wollen nur eines: möglichst schnell noch weiter weg.

Ahnung von den alltäglichen Gräueltaten

Auch der Reverend will fort. Dauda Tumba, 74, sitzt auf einem Plastikstuhl im Schatten eines Baumes. Ein gemütlicher Mann Gottes, stoppeliger Schädel, verschmitztes Lächeln; einer, den wenig aus der Ruhe bringt. Bleiben aber will er auf keinen Fall. Er weiß, was die Kämpfer von Boko Haram mit Menschen anstellen, die ihnen in die Hände fallen. Er war einer von ihnen.

Ein gutes halbes Jahr ist es her, dass Boko Haram auch in Europa die Schlagzeilen lieferte. Mitte April entführten die islamistischen Terroristen 276 Mädchen aus einer Schule im Nordosten Nigerias. Der Name des Ortes, Chibok, wurde zum Synonym für ebenso absurde wie perfide Gewalt.

Es war nicht der erste Überfall auf eine Schule, doch zum ersten Mal bekam die Welt eine Ahnung von den alltäglichen Gräueltaten in der Region. Über Twitter forderten Millionen "Bring back our girls", unter ihnen Michelle Obama und Angelina Jolie. Viele Menschen überall auf der Welt klammern sich bis heute an die Hoffnung, dass die Mädchen wieder freikommen werden.

Aus der Geißel ist eine Hydra geworden

Wer sich allerdings dieser Tage nach Nigeria aufmacht, wer mit Opfern spricht, mit Politikern, Soldaten und Aktivisten, merkt schnell: Der Terror wird Tag für Tag schlimmer. Die Regierung wirkt Tag für Tag hilfloser. Während Minister behaupten, man sei mit den Islamisten in Verhandlungen, zünden diese Bombe um Bombe, erobern sie Stadt um Stadt. Aus der Geißel Boko Haram ist eine Hydra geworden.

Reverend Dauda Tumba begegnete den Terroristen an einem Vormittag im September. Er stand auf der Straße in seiner Heimatstadt Michika, als er Schüsse hörte. Dann sah er schon die Motorräder und Toyota-Pick-ups voll maskierter Männer mit Gewehren und Granatwerfern: Boko Haram.

"Ich bin ja ein alter Mann und konnte nicht weglaufen", erzählt Tumba. "Da bin ich einfach stehen geblieben. Sie sind die Straße langgefahren und haben auf alle geschossen, die zu fliehen versuchten. Dann kamen sie zu mir. Einer sagte: Erledigen wir ihn gleich hier. Doch ein anderer sagte, warum, weiß ich nicht: Nein, wir nehmen ihn mit."

"Wenn Gott es will, werde ich Moslem"

Sie fesselten den Priester und warfen ihn mit einem seiner Nachbarn auf die Ladefläche eines Pickups. Sie fuhren bis zu einer Schule, die als eine Art Hauptquartier diente. Dort zerrten die Rebellen den Mann neben Tumba vom Pick-up. Dann zückte einer ein Messer.

"Es ging alles sehr schnell. Die haben ihm einfach den Kopf abgetrennt. Den haben sie dann hochgehalten und 'Allahu akbar' geschrien. Am Ende stellten sie den Kopf auf die Brust des Toten, genau so, dass die Augen mich angeschaut haben. Da war ich mir sicher, dass nun ich dran sei", sagt Tumba.

Doch es geschah: nichts. Sie ließen ihn liegen. Erst nach ein paar Stunden kam einer der Anführer und befahl: Du wirst heute Muslim. Tumba antwortete: Wenn Gott es will, dann sei es so. Aber ich lasse mich nicht dazu zwingen.

In den Wäldern auf der Flucht vor Boko Haram gebar Gloria John ihr Kind. Sie hat es "Miracle" getauft - Wunder

In den Wäldern auf der Flucht vor Boko Haram gebar Gloria John ihr Kind. Sie hat es "Miracle" getauft - Wunder

Angst liegt wie ein Spinnennetz über Nigeria

"Woher ich den Mut nahm, weiß ich auch nicht. Es war ein Reflex", sagt Tumba. Der Priester wirkt ruhig, wenn er von seinem Horror berichtet. Er erzählt, ohne sonderlich zu gestikulieren, ohne laut zu werden. Um ihn herum hat sich ein Kreis von Männern, Frauen und Kindern gebildet. Keiner sagt ein Wort. Alle lauschen gebannt.

Es geschieht selten, dass jemand von Boko Haram verschleppt wird und diese Erfahrung überlebt. Noch seltener, dass er offen darüber spricht. Auch wir haben Reverend Tumba erst nach mühsamer Suche im Haus seines Bruders gefunden. Hier, wo Yola in flachen Häusern langsam in den Busch ausläuft, hat er vorläufig Unterschlupf gefunden.

Meist folgen auf Fragen zu Boko Haram nur Ausflüchte. Die Angst hat sich wie ein Spinnennetz über weite Teile Nigerias gelegt. Wer es geschafft hat, aus den Terrorcamps zu fliehen, hält zu Journalisten Abstand. Zu groß die Furcht, Aufmerksamkeit zu erregen und erneut in die Hände der Islamisten zu geraten.

Wer nicht konvertiert, stirbt

Was dort geschieht, haben die Menschenrechtler von Human Rights Watch unlängst dokumentiert. Entführte Mädchen etwa werden fast immer zwangsverheiratet, selbst 15-Jährige. Manche müssen die mit Blut verschmierten Sachen der Kämpfer reinigen. Andere werden ausgepeitscht oder vergewaltigt. Wiederum anderen legt man einen Strick um den Hals und bedroht sie mit dem Tod, wenn sie ihren Glauben nicht widerrufen. Den Mädchen von Chibok dürfte Ähnliches widerfahren sein.

Warum fürchtet sich Reverend Dauda nicht, seine Geschichte zu erzählen? "Bei Boko Haram habe ich offen geredet. Das hat mir vielleicht mein Leben gerettet", sagt er. Noch zweimal habe man ihn gedrängt, zu konvertieren. Zweimal habe er Nein gesagt. Gegen Abend hätten ihn die Terroristen einfach auf einer Landstraße abgesetzt. "So wirklich verstehe ich das bis heute nicht. Vielleicht fand Gott, dass meine Zeit noch nicht reif sei. Ich bin anschließend eine Woche lang durch den Wald gelaufen, von Dorf zu Dorf. Dann erst hab ich mich wieder auf die Straße getraut."

Geboren im Schein einer Taschenlampe

In ein paar Tagen will Dauda Tumba weiter, zu Verwandten in die 800 Kilometer entfernte Hauptstadt Abuja. Wie er haben die meisten Flüchtlinge viele Etappen hinter sich und weitere vor sich. In den Garküchen von Yola, auf der Straße, in Bussen oder Hotels, überall hören wir ähnliche Geschichten. Die 24-jährige Gloria John treffen wir in einem ärmlichen Verschlag, auf ihrem Schoß hält sie einen Säugling. Auch sie war tagelang in den Wäldern unterwegs und gebar dort im Schein einer Taschenlampe ihr Kind. "Miracle" hat sie es getauft, und es scheint tatsächlich wie ein Wunder, dass es Mutter und Säugling bis nach Yola schafften. Jetzt teilt sie sich mit 14 anderen Menschen eine stickige Kammer ohne Fenster, vielleicht drei mal drei Meter groß. Sie gehört damit zu den Privilegierten.

Mehrere Zehntausend Menschen hausen mittlerweile in den Flüchtlingslagern rund um die Stadt. Die üblichen Begleiter solcher Krisen, die Heerscharen ausländischer Helfer, Fernsehteams oder auch die Jeeps mit dem blauen Logo der Vereinten Nationen sehen wir allerdings nicht. Ein paar Männer des nigerianischen Roten Kreuzes, die über Feuer in großen Kesseln Reis kochen - so sieht die logistische Aufbereitung dieser humanitären Katastrophe aus.

Wie bewältigt ein Land eine solche Katastrophe?

Nigeria ist ein stolzes Land, das sich gern als die mächtigste Nation Afrikas sieht. Hilfe aus dem Ausland passt nicht in dieses Bild. Selbst die Unterstützung bei der Suche nach den Mädchen von Chibok musste Präsident Goodluck Jonathan aufgedrängt werden. Und dass die Berater aus England, den USA oder Israel keine Ergebnisse zutage gebracht haben, lag, so berichten Diplomaten, vor allem daran, dass die nigerianische Seite nicht willens war zusammenzuarbeiten.

Wie aber soll ein Land eine solche Katastrophe allein bewältigen, wenn sich der frömmelnde Präsident öffentlich fragt, ob der Terror das Zeichen der Apokalypse ist, und der Armeechef seine Truppen mit Fußballern vergleicht, die eben auch mal ein Tor zulassen?

Ein gespaltenes Land zerbröckelt mehr und mehr

Jedes Tor - vulgo Anschlag - bedeutet oft Dutzende Opfer. Hier eine Schule, die überfallen wurde: 30 Tote. Dort die Bombe eines Selbstmordattentäters: 20 Tote. Das Gesamtbild, das sich daraus ergibt, ist dramatisch: In den vergangenen Jahren haben die Terroristen ein Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht, das etwa so groß ist wie ein Viertel von Deutschland. Die Soldaten, die sie aufhalten sollen - das berichtet auch Reverend Tumba -, lassen meist einfach ihre Gewehre fallen und schlagen sich in die Wälder. Ein ohnehin gespaltenes Land zerbröckelt mehr und mehr.

Nigeria ist dank riesiger Ölvorräte eigentlich reich und wird nach mehreren Militärdiktaturen in den 90er Jahren mittlerweile auch demokratisch regiert, nominell zumindest. Doch von den jährlich 95 Milliarden Dollar Einnahmen landet ein Großteil in den Taschen weniger Familien, deren Villen in der Wirtschaftsmetropole Lagos Stein und Stuck gewordene Exzesse sind. Außer als Melkkuh brauchen die Reichen den Staat kaum. Ihre Ärzte sitzen in Singapur, ihre Kinder besuchen Schulen in England.

Kaum jemand schert sich um das Chaos

Im Norden Nigerias dagegen leben drei Viertel der Menschen in tiefer Armut. Mehr als die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren sind wegen Unterernährung in der geistigen und körperlichen Entwicklung zurückgeblieben. Das Armutsgefälle verstärkt den Gegensatz zwischen dem islamischen Norden und dem christlichen Süden. Kaum jemand in Lagos schert sich um das Chaos im Norden.

Währenddessen ist der Glanz etwa der Wüstenmetropole Kano im Norden verblasst. Touristen trauen sich seit einem Bombenanschlag kaum noch her. Viele Firmen haben ihre Fabriken geschlossen. Allein der Emir hält noch immer Hof in einem labyrinthähnlichen Palast.

Der Emir zitiert Popper und Hegel

Lamido Sanusi scheint all die Gegensätze der Nation in sich zu vereinen. Er ist geboren in eine adeligislamische Familie - aber erzogen auf einem katholischen Internat. Er hat als Banker gearbeitet - und islamisches Recht studiert. Zuletzt war Sanusi Zentralbankchef. Im Februar aber prangerte er an, dass auf den Ölkonten 20 Milliarden Dollar fehlen würden. Prompt wurde er entlassen. Als nun im Juni der alte Emir starb, folgte ihm Lamido gemäß der Thronfolge als "Dan Majen Kano".

Die Audienz, die uns Sanusi gewährt, ist beeindruckend. Während wir auf dem Boden zu seinen Füßen sitzen, seziert der Emir, in mehrere Schichten Gewänder gehüllt, vom Thron herab die Probleme der Muslime. Wie schwer es sei, den Grat zu finden zwischen Anpassung an die Zeit und Bewahrung der Tradition. In diesem Dilemma liege die Wurzel des Islamismus, sagt Sanusi. Immer wieder bezieht er sich auf westliche Denker wie Popper oder Hegel, und das in bestem Oxford-Englisch. Und doch ist Lamido Sanusis Macht allein eine der Worte, die er, so gebietet es die Tradition, auch nur flüsternd und durch einen Schleier von sich geben darf. Gegen Misswirtschaft, Korruption und Inkompetenz helfen die alten Rituale nichts.

Von der Sekte zur Terrorarmee

In der Ungleichheit zwischen dem Norden und dem Süden liegt eine Keimzelle der Islamisten von Boko Haram. Am Anfang der Bewegung stand ein Prediger namens Mohammed Yusuf. Der prangerte seit 2001 in seiner Heimatstadt Maiduguri Armut und Korruption an. Die Übel führte er auf den westlichen Einfluss zurück. Yusuf bestritt die Evolutionstheorie und die Kugelform der Erde genauso wie die Tatsache, dass Regen aus verdunstetem Wasser entsteht. Dazu verdammte er westliche Lebensmittel wie den Suppenwürfel von Maggi. Jedoch: Yusuf hetzte nicht zu Gewalt auf.

Erst als die Polizei 2009 ihn und mehrere Jünger tötete, verwandelte sich die Sekte in eine Terrorgruppe. Sie begann, Soldaten zu massakrieren, bald detonierten Bomben. Yusuf hatte seine Gemeinschaft einst genannt: Dschama'at Ahl al Sunna Li-Da'awa wal-Dschihad - Gemeinschaft der Sunniten zur Verbreitung der Lehren des Islam und des Dschihad. Den Nigerianern war das zu kompliziert. Ihre pragmatische Abkürzung in der Umgangssprache Hausa: Boko Haram - alles Westliche ist verboten.

Und immer wieder versagt der Staat

Heute ist die Organisation 5000 Mann stark. Allein seit Frühjahr 2013 töteten die Gotteskrieger mehr als 4000 Menschen. Doch bei all der Wandlung von der bizarren Sekte zur brutalen Terrorgruppe - eines ist geblieben: Es ist wie ehedem das Versagen des Staates, seiner Politiker und Militärs, das dem Terror die Nahrung gibt.

Wer einen Eindruck davon haben will, wie mühsam der Kampf der Bürger gegen dieses Versagen ist, für den gibt es einen regelmäßigen Anlaufpunkt: 16 Uhr, Unity Fountain, Abuja. Jeden Tag treffen sich bei einem Brunnen im Herzen der Hauptstadt jene, die einst die "Bring back our girls"-Kampagne ins Leben gerufen haben. Noch heute kommen sie her, um dafür zu demonstrieren, dass der Staat endlich etwas unternehme, die Mädchen von Chibok freizubekommen.

Trotz Verbots kehren die Aktivisten zurück

Es sind sonderbare Veranstaltungen. Zwei Dutzend Menschen sitzen auf Plastikstühlen im Kreis auf dem Rasen. Jede Wortmeldung wird eröffnet mit dem Ruf "Bring back our girls". Darauf antwortet der Rest, es erinnert an Rituale sozialistischer Selbstkritik: "Now and alive" - jetzt und lebendig. Währenddessen brausen rechts und links Autos vorbei.

Doch so seltsam der Stuhlkreis auf der Verkehrsinsel wirkt, so wichtig sind diese nimmermüden Aktivisten für Nigeria. Immer wieder hat die Polizei versucht, die Proteste mit Schlagstöcken zu stoppen. Bilder wütender Eltern und Demonstranten - so etwas sollte die Welt nicht sehen. Zeitweilig war die Gruppe sogar gerichtlich verboten. Doch jedes Mal kehrten die Aktivisten zurück.

Geburtswehen einer Zivilgesellschaft

Mittlerweile nehmen sich andere die Bewegung als Beispiel. An einem Morgen blockieren 30 Rollstuhlfahrer, Beinamputierte und Brandversehrte gleich neben dem Versammlungsort der Chibok-Aktivisten die Straße. Sie sind Opfer von Bombenanschlägen und fordern vom Staat, die Behandlungskosten zu übernehmen. Sie selbst könnten die Krankenhausrechnungen nicht bezahlen. Die Protestaktion währt nur wenige Minuten. Dann kommt die Polizei. Aber es fühlt sich an wie Geburtswehen einer Zivilgesellschaft.

Kopf und Gesicht von "Bring back our girls" ist die ehemalige Ministerin Obiageli Ezekwesili. Von ihr stammt auch der Slogan. Kurz nach der Entführung der Mädchen hielt sie eine Rede. Darin forderte sie unter anderem: "Bring back our girls." Ein Zuhörer postete das auf Twitter, ein Claim war geboren.

"Wir hoffen noch immer, dass die Mädchen zu ihren Eltern zurückkehren, aber es wird immer schwerer, der Regierung zu vertrauen", sagt Ezekwesili. "Dreimal hat sie schon die Freilassung der Mädchen angekündigt. Dreimal wurde daraus nichts. Dabei sind diese Mädchen viel zu kostbar, um im politischen Spiel zerrieben zu werden!"

Ist der Boko-Haram-Chef schon tot?

Tatsächlich glauben immer mehr Nigerianer, dass das Drama um die Mädchen von Chibok längst zu einer Art Schachspiel geworden ist, mit dem Politiker unliebsame Gegner mattsetzen wollen - gerade vor der Präsidentschaftswahl, die im Februar 2015 ansteht. Niemand, mit dem wir gesprochen haben, kann sich vorstellen, dass Boko Haram einfach nur Boko Haram ist.

Wahlweise sind die Terroristen eine Schöpfung des Westens, des Auslands, von Politikern aus dem Norden, des Präsidenten oder der CIA. Ihr Anführer Abdulkader Shekau weilt entweder im Busch, in Saudi-Arabien oder ist schon lange tot und wird nur stets aufs Neue von Doppelgängern gemimt.

Nigeria wird immer schwerer zu greifen

Das Land ist durchdrungen von Spekulationen. Auch wir, Reporter und Fotografin, werden, je länger wir unterwegs sind, immer unsicherer. Manchmal glauben wir uns verfolgt. Dann werden Gewissheiten zu Gerüchten und umgekehrt. Eines Morgens beim Frühstück in Abuja berichtet uns eine Missionarin, der Anführer der Schiiten im Land sei heimlich Christ geworden. An einem anderen Abend in Yola ruft uns eine Geschäftsfrau an, die wir tagsüber kennengelernt haben. Sie ist aufgelöst. Die Terroristen seien in der Stadt! Ganz sicher! Ob wir was wüssten? Das Boko-Haram-Opfer Reverend Tumba wiederum behauptet, deren Anführer habe helle Haut gehabt. Und Lokalzeitungen nennen vollkommen unterschiedliche Todeszahlen zu den Attentaten, wobei je nach politischer Ausrichtung auch mal zehn Tote zusätzlich der Armee angelastet werden.

Angesichts belegter willkürlicher Verhaftungen und Folterungen ist das gut möglich - aber überprüfen lassen sich all diese Mutmaßungen kaum. Nigeria wird immer schwerer zu greifen. Wie soll das Land seine Gegensätze aushalten, wenn die Regierung kein Mindestmaß an Sicherheit gewährleisten kann? Wenn sich Bürgerwehren mit Pfeil und Bogen erfolgreicher gegen Boko Haram verteidigen als reguläre Soldaten? Wenn alles darauf hindeutet, dass die Mädchen von Chibok längst zwangsverheiratet wurden? Und wenn selbst die Aktivisten in Abuja nicht mehr wissen, wie es den Eltern der Mädchen überhaupt geht, dort in Chibok, weil der Ort nun von Boko Haram komplett umstellt ist und kein Handy mehr funktioniert?

"Things fall apart" - Wenn alles zerfällt

Es gibt einen Roman, ein schmales Büchlein eigentlich nur, aber es ist die berühmteste Erzählung des Landes. Darin beschreibt der Autor Chinua Achebe, wie die Gesellschaft eines Dorfes durch Kolonisierung und christliche Missionare vollkommen in sich zusammenfällt und sich schließlich auflöst. Das Buch ist ein Klassiker der afrikanischen Literatur, die Erstausgabe erschien 1958. Manche aber sehen es als eine zeitlos gültige Parabel. Der Titel lautet: "Things fall apart" - Wenn alles zerfällt.

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