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Rückschläge für Russland Putin gesteht indirekt Misserfolge ein, während die Kritik an der Kriegsführung wächst

Russlands Präsident Wladimir Putin
Russlands Präsident Wladimir Putin
© Alexei Druzhinin/Pool Sputnik Kremlin/AP / DPA
Erneut hat Wladimir Putin eingeräumt, dass der russische Feldzug gegen die Ukraine nicht nach Plan verläuft. Das dürfte nicht zuletzt dem wachsenden Unmut der kremltreuen Kriegsbefürworter geschuldet sein. 

Wladimir Putin ist bisher nicht mit kleinlauten Aussagen aufgefallen. Selbst nach den ersten Rückschlägen infolge der ukrainischen Gegenoffensive präsentierte sich der russische Präsident stets breitbeinig. "Wir haben es nicht eilig", sagte er Mitte September. Folglich gebe es keinen Grund, an den eigenen Kriegszielen zu rütteln. Und zur Gegenoffensive: "Warten wir ab, wie sie sich entwickelt und wie sie endet." Das Momentum bleibt bei Russland, so die Botschaft. 

Nun, wenige Wochen später, hat sich die Lage verändert. Und auch der Ton des Kremlherrschers ist ein anderer. "Wir gehen davon aus, dass sich die Situation in den neuen Gebieten stabilisieren wird," so Putin am Mittwoch. Verläuft etwa doch nicht alles nach Plan, wie der Kreml abermals behauptet?

Tatsächlich befindet sich der Krieg in einer Phase, die sich alles andere als optimal für Russland darstellt: 

Es läuft nicht für Putin, der offenkundig von dem düsteren Bild an der Front abzulenken versucht, indem er Pseudo-Abstimmungen orchestriert, illegale Annexionen erklärt und nukleare Drohungen ausspricht. Alles in dem Bestreben, die seit Februar angehäuften Geländegewinne einzubetonieren, die von Tag zu Tag weiter wegbröckeln.

Und der Unmut darüber wächst. Vor Kurzem musste Putin "Fehler" bei der Teilmobilmachung einräumen, die er nun durch neue Einberufungskriterien zu korrigieren versucht. Auch sein indirektes Eingeständnis der jüngsten Fehlschläge, indem er eine Stabilisierung der Lage in den "neuen Gebieten" versicherte, dürfte der wachsenden Kritik an seiner Kriegsführung geschuldet sein. 

Beförderung für den "Bluthund"

Inmitten der militärischen Misserfolge beförderte Putin nun Ramsan Kadyrow zum Generaloberst, den dritthöchsten Dienstgrad der Kreml-Armee. Der berüchtigte Tschetschenenführer, der sich gern als Putins "Bluthund" inszeniert, tat sich seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine als einer der glühendsten Kriegsbefürworter hervor. 

Nach den jüngsten russischen Niederlagen hatte er jedoch scharfe Kritik geübt, unter anderem an der militärischen Führung, und weitreichende Konsequenzen gefordert. Kürzlich sprach er sich dafür aus, den Einsatz von Atomwaffen mit geringerer Sprengkraft in Betracht zu ziehen. Nun, nach seiner Beförderung, für die er Putin "unglaublich dankbar" sei, sicherte er dem Präsidenten seine volle Solidarität im Krieg zu. 

An der aus russischer Sicht schwierigen Lage an der Front, die selbst kremltreue Kriegskorrespondenten, Militärblogger und sogar Putin-Apologeten zunehmend kritisch kommentieren, ändert das freilich nichts.

Seit dem Rückzug aus dem Nordosten der Region Charkiw, dem Verlust der strategisch wichtigen Stadt Lyman und den ukrainischen Vorstößen in der Region Cherson wähnen sie den russischen Feldzug offenbar in einer personellen wie operativen Krise:

  • So beschrieb ein Blogger die Lage in Cherson als "kritisch", wie die "New York Times" berichtete. Ein anderer sagte, dass die russischen Streitkräfte zahlenmäßig weit unterlegen seien.

  • Roman Saponkov, ein Reporter des Staatsfernsehens, schrieb auf Telegram: "Freunde, ich weiß, dass ihr darauf wartet, dass ich die Situation kommentiere. Aber ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Der Rückzug aus dem Norden auf das rechte Ufer ist eine Katastrophe", wurde Saponkov vom "Guardian" zitiert.

  • Evgeniy Poddubnyy, ebenfalls ein Reporter vom Staatsfernsehen, sagte, dass "wir die schwerste Zeit an der Front durchmachen" und dass "es vorerst noch schwieriger werden wird", wie der US-Sender CNN berichtete.

  • "Wir haben einfach nicht genug Leute", zitierte CNN einen weiteren russischen Korrespondenten, der für das kremltreue Boulevardblatt "Komsomolskaya Pravda" aus Lyman berichtet hatte. Den Angaben des Reporters zufolge hatten die Streitkräfte in der Stadt unter Personalmangel, schlechter Kommunikation und Fehlern der befehlshabenden Offiziere gelitten. "Wir brauchten diesen unerwarteten Schlag, um zu verstehen, wie die Dinge in Wirklichkeit stehen", wurde er von dem US-Sender zitiert.

  • Nach dem Verlust von Lyman wählte auch Jewgeni Prigoschin, Gründer der Wagner-Gruppe und enger Vertrauter Putins, deutliche Worte. Er machte hochrangige Militärs verantwortlich: "Schickt diesen Müll barfuß mit Maschinengewehren an die Front", forderte er in einem Statement, aus dem die "New York Times" zitierte. Auch Putins beförderter "Bluthund" Kadyrow sagte laut "Reuters", ein führender General solle "an die Front geschickt werden, um seine Schande mit Blut abzuwaschen".

Zwar wird in russischen Medien auch Putins Unterzeichnung der (illegalen) Annexionen gelobt oder die Nato als eigentlicher Aggressor und Kriegstreiber verantwortlich gemacht, doch die kritischen Berichte über die russische Kriegsführung mehren sich. Für Putin stellt das in mehrfacher Hinsicht ein Problem dar.

Wladimir Putin unter Druck

Einerseits veranschaulicht die Kritik die zunehmende Unzufriedenheit der kremltreuen Kriegsbefürworter, die Putin auf seinem Feldzug unterstützen und seit jeher eine Eskalation des Krieges fordern. Andererseits gelangen somit auch immer mehr negative Informationen über die "militärische Spezialoperation", wie der Krieg in Russland immer noch genannt werden muss, von der Front in die russische Gesellschaft. Beides setzt den Kremlkriegstreiber unter (Erfolgs-)Druck. 

Die illegale Einverleibung weiterer Gebiete der Ukraine dürfte eine Konsequenz daraus gewesen sein: Sie soll Putin nach russischer Rechtslage die nukleare Option eröffnen, also die größtmögliche Eskalation des Krieges (mehr dazu lesen Sie hier). 

Sowohl die Teilmobilmachung als auch die Scheinreferenden weisen auf eine "deutliche militärische Schwäche Russlands hin", sagte der Politikwissenschaftler Gerhard Mangott an der Universität Innsbruck bereits Ende September zum stern. "Putin sieht sich zu den Maßnahmen gezwungen, trotz der vielen politischen Risiken und dem wachsenden Unmut in der eigenen Bevölkerung."

Auch seine Drohung, "alle zur Verfügung stehenden Mittel" nutzen zu wollen, ziele sicher auf die intensiveren Überlegungen im Westen ab, die Ukraine künftig mit Schützen- und Kampfpanzern sowie weitreichender Artillerie zu unterstützen. Der Experte: "Putin will damit signalisieren, dass er diesen Krieg weiterführen will – und letztlich muss er das auch, weil er zu einer Art von Erfolg verdammt ist."

Quellen: "The Guardian""New York Times", CNN, Reuters, "Washington Post"

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