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Weltwirtschaftsgipfel: G-8 - Die Ruhe vor dem Sturm

Anfang Juni empfängt Kanzlerin Angela Merkel die Chefs der mächtigsten Industrienationen zum Weltwirtschaftsgipfel in Heiligendamm. Drei Tage lang wird das kleine Ostseebad Nabel der Welt sein – mit Polizei in Rekordstärke, Kriegsschiffen und Tausenden Demonstranten. "Ja, und?", fragen die Einwohner

Von Jan Rosenkranz

Mitten in der Nacht, 399 Tage vor dem Gipfel, sitzt Monty Schädel in seiner Rostocker Wohnung, vor ihm liegt das "Anmeldeblatt für Veranstaltungen und Aufzüge". Die oberen Felder hat er schon ausgefüllt, aber jetzt, beim Punkt "erwartete Teilnehmerzahl", hängt er fest. Er überlegt. 250.000? Unrealistisch. Aber einige Tausend sollten es schon werden. Es geht schließlich gegen Bush und Blair, Krieg und Imperialismus, Flucht und Elend – das große Ganze eben, die G-8. Und er, Monty Schädel, 38, engagiert in der Deutschen Friedensgesellschaft und einem Dutzend anderen Vereinen, er will den Protest koordinieren und nebenbei der Welt beweisen, dass es in Mecklenburg- Vorpommern mehr gibt als Strand und Seen und Nazis. Widerstand zum Beispiel. Und der beginnt mit Kleinkram. Mit diesem Formular.

Er muss irgendwas eintragen. Doch woher soll ausgerechnet er wissen, wie viele anreisen werden in diesen Tagen des Gipfels Anfang Juni nächsten Jahres? Er hat doch auch keine Ahnung. Und so schreibt er schließlich eine Eins gefolgt von fünf Nullen. Einhunderttausend. Dann geht er ins Bett. Am Morgen, es ist der 4. Mai 2006, reicht Monty Schädel den Antrag beim Stadtamt Rostock ein. Wenig später ist die Zahl in der Welt, und alle sprechen von den 100.000 – 100.000 gegen acht. Eine dieser acht ist Angela Merkel. Der Gipfel soll nicht nur Monty Schädels, nein, er soll auch ihre große Stunde werden. Die Sonne wird sich im Blaugrün der Ostsee spiegeln und die Kanzlerin im Glanz der Macht. Deutschland hat 2007 den Vorsitz der G-8, dieses Klubs der mächtigsten Industrienationen der westlichen Welt, und Angela Merkel hat vom 6. bis zum 8. Juni die Staats- und Regierungschefs aus den USA, Frankreich und Großbritannien, aus Japan, Kanada, Italien und Russland zum Weltwirtschaftsgipfel geladen. Und diese größte PR-Show der Politik soll ausgerechnet in Heiligendamm gefeiert werden – in der Weißen Stadt am Meer, dem ältesten deutschen Seebad, dem toten Kaff mit 291 Einwohnern und einem Kempinski- Grandhotel. Für zweieinhalb Tage liegt hier der Mittelpunkt der Welt, hier, wo die Mächtigen miteinander reden – über Hedgefonds und Klimawandel, über Afrika- Hilfe und globalen Schutz vor Markenpiraten. Die Gegner werden vor den Toren toben, die Polizei dahinter patrouillieren. Und mittendrin die Anwohner.

Eine Invasion von Gipfelgegnern

Irgendwie erinnert alles an ein bizarres Experiment aus der Chaosforschung: Was passiert, wenn das unheimliche Quartett aus Politik und Protokoll, Protest und Polizei in ein verschlafenes Ostseenest einfällt und einen ganzen Landstrich lähmt? Acht Staatenlenker, 2000 Delegationsmitglieder, 4000 Journalisten, 16.000 Polizisten und womöglich ja tatsächlich 100.000 Gipfelgegner – es ist eine Invasion.

Das Experiment hat längst begonnen. Seit Monaten schon dirigiert Staatssekretär Bernd Pfaffenbach in Berlin einen Arbeitsstab beträchtlichen Ausmaßes. Der Gipfelbeauftragte, auch Sherpa genannt, soll der Kanzlerin den Anstieg auf den Gipfel politisch erleichtern. Protokollchef Jürgen Mertens und sein Team haben jeden Schritt vermessen und mit derselben Akribie auch das "Partnerbegleitprogramm" entworfen. Dunkle Limousinen gleiten durch den Ort und bringen Anzugträger aller Länder, die zwecks "Sight Inspection" durchs Gelände pirschen. Man erwartet Sherpas und Sous-Sherpas, Dolmetscher und Food-Agents, die sich um die Essgewohnheiten der Herrschenden kümmern. Das Bundeskriminalamt ist schon in der baufälligen Kunstschule einquartiert. Und der BND will sich bei den Stollins im Dachgeschoss einmieten, sie warten noch auf die Bestätigung per Fax. Der japanische Staats-Jumbo übt schon mal den Anflug auf den Flughafen Rostock-Laage. Gipfelgegner streifen durch den Wald und proben Sitzblockaden. Und seit Wochen trennt nun schon ein moderner Limes das Seebad von der profanen Welt - ein gigantischer Zaun von zwölf Kilometer Länge und 2,50 Meter Höhe, den die Sicherheitskräfte beharrlich "komplexe technische Sperre" nennen. Kein Wunder, dass die Einheimischen langsam nervös werden.

Knut Abramowski ist einer von denen, die teilnehmen an diesem Großversuch. Er leitet für die Polizei die Besondere Aufbauorganisation "Kavala", benannt nach der griechischen Hafenstadt, die ebenfalls den Titel "Weiße Stadt am Meer" trägt. Seit Ende 2005 plant, organisiert und koordiniert er den Großeinsatz G-8. Er ist viel rumgekommen. Hat die letzten Gipfelorte bereist. Hat sich bei der Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Hongkong umgetan, mit den Sicherheitsexperten der ganzen Welt getroffen. Wenn es jetzt losgeht in Heiligendamm, wird der Polizeiführer 16.000 Beamte aus dem ganzen Bundesgebiet befehligen. Es ist der größte Polizeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik.

An diesem kalten Mittwoch im Januar ist "Kavala"-Chef Abramowski nach Bad Doberan gefahren, wo der Kreistag tagt. Er soll das Sicherheitskonzept vorstellen. Pflichttermin. Und so zieht der Polizeiführer also die Uniform straff und erklärt, dass die "technische Sperre" allein der Terrorabwehr diene. Er spricht von "hohem Verkehrsaufkommen", von geplanten Blockaden und den vielen Demonstrationen, die man "alle sehr ernst nehmen" müsse. Und die Abgeordneten blättern in der Haushaltsvorlage. Viele gähnen. Einige schlummern.

Es ist schon merkwürdig: Die ganze Region ist in Aufruhr, und ihre Abgeordneten dösen, als ginge sie das Ganze nichts an. Nach 20 Minuten kann sich Abramowski im Vorraum eine Lucky Strike anzünden. Er weiß, dass die Ruhe trügerisch ist. Er weiß, dass sich alle über ihn und seinen Zaun seit Monaten das Maul zerreißen. Über diesen gigantischen Zaun, der Heiligendamm umzingelt.

Kalt blitzt der Nato-Stacheldraht

Fährt man die Dammchaussee von Bad Doberan in Richtung Küste, rechts kühle Buchen im "Großen Wohld", links die schmalen Gleise, auf denen der "Molli", die Kleinbahn, Dampf schnaufend Touristen an die See befördert - dann steht er plötzlich einfach da. Der Zaun. Kalt blitzt der Nato-Stacheldraht auf seiner Krone. Getragen von mächtigen Betonklötzen trennt er den Acker messerscharf in Drinnen und Draußen. Die Schrauben sind verschweißt, der Unterkriechschutz reicht einen halben Meter tief ins Erdreich. Bewegungsmelder und Kameras werden noch montiert. Eine "komplexe technische Sperre" eben. Auch wegen der beiden Eingänge, eine auf Höhe der Pferderennbahn und eine am Klärwerk in Hinter Bollhagen. Man baut Schleusen wie am Flughafen, Röntgenapparate, Metalldetektoren, versenkbare Tore - das große Besteck. Anfang Januar, gleich hinterm Deich, da hat der Bau begonnen. Europaweit war der Auftrag ausgeschrieben. Doch die Firma MZS aus dem nahen Bargeshagen bekam den Zuschlag. "Jahrhundertauftrag!", hatte Frank Neumann, der Geschäftsführer des Kleinbetriebes in Dutzende Kameras und Mikrofone gesagt. Zum ersten Mal musste er in diesem Winter keinen Mann nach Hause zu schicken, er brauchte sogar mehr. Sie bauten ja diesen Zaun. Und im Sommer nach dem Gipfel bauen sie ihn wieder ab.

"Zwölf Millionen kostet der Wahnsinn!", wettert eine Heiligendammerin in hellblauem Anorak. Sie will ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen – "ich hab 'n Vier-Euro-Job, den will ich auch behalten". Sie hat versucht, auszurechnen, wie lange sie für zwölf Millionen arbeiten müsste. Sie scheiterte, weil ihr alter Taschenrechner so viele Stellen gar nicht hat. "Zwölf Millionen!" Im Büro des Bürgermeisters Hartmut Polzin lehnen drei blitzende Spaten mit Fähnchen in den Farben des Landes an der Wand. Sie erinnern stumm an die vielen Millionen Euro, die in den vergangenen Monaten in und um Heiligendamm verbaut wurden – für eine neue Ortsdurchfahrt, für die neue Seepromenade und den kombinierten Fuß- und Radwanderweg. "Der Ort hat sich eben fein gemacht – so als würde man zu Hause Besuch bekommen. Aufräumen, putzen, schick anziehen", sagt Polzin.

"Wir werden keine Winkelemente kaufen"

Sie mögen ihn hier, ihn und seine ruhige Art. Die meisten sind ja selbst so. Unaufgeregt. Wortkarg. Man spricht wenig und wenn, dann gern in kurzen Sätzen. "Muss ja", ist einer, den man öfter hört. "Lohnt sich", hört man auch, nur seltener. Ja, freut sich denn hier keiner? "Was erwarten Sie denn?", fragt der Bürgermeister zurück. "Wir werden sicher keine Winkelemente kaufen, das war einmal." Heiligendamm ist eben eine kühle Weiße. Ein Kleinod an der See. Von der Terrasse des Kurhauses aus lässt sich erahnen, wie es dereinst verlief, das süße Badeleben. Wie Vierspänner über die Kiesvorfahrt knirschten, behütete Damen entstiegen, die Herren mit Stock, geblendet vom Kalkweiß der Palais.

Im Hier und Jetzt eines nasskalten Januartages schiebt ein rostig gelber Bagger die Reste der Villa "Perle" zusammen. Sie war nicht mehr recht vorzeigbar. Schlimmer noch, sie verstellte die Aussicht. Das Grandhotel hat nun 20 Meerblickzimmer mehr. Und das Bundespresseamt endlich einen Standort für die Pressetribüne. Wenn sich die mächtigen acht zum Gruppenfoto vor dem Kurhaus sortieren und mit Blick Richtung Meer die Zähne zum Lächeln blecken, steht schönen Bildern nun nichts mehr im Wege. Nach denen sehnt man sich im Kanzleramt so sehr. Und in der Zentrale des "Kempinski" hat man sie bitter nötig. Das Grandhotel ist schlecht gebucht. Und für Investor Anno August Jagdfeld, der mit seiner Fundus- Gruppe 1997 das komplette Ensemble samt üppigen Fördergeldern übernommen hat, sind sie sogar überlebenswichtig. Er steckt in argen Geldnöten. Der Gipfel ist Jagdfelds letzte Chance.

Sicher, das Hotel ist aufs feinste saniert, "Haus Mecklenburg" erstrahlt in altem Glanz, ebenso die "Burg Hohenzollern" mit ihren Türmchen, in der wie schon im vorigen Jahr der US-Präsident residieren wird. Und als Zentralgestirn des Ortes leuchtet das Kurhaus mit den Tempelsäulen – hier soll der Gipfel selbst stattfinden. Doch wehe dem, der etwas abseits spaziert. Da blättert Farbe, weht der Wind durch morsche Fenster, und Bäumchen wachsen aus Dachrinnen. In Berlin erzählt man sich, Angela Merkel persönlich habe verhindert, dass der Ruin mit Farbe überpinselt wird. Sie will nicht, dass Potemkinsche Dörfer errichtet werden, wie einst bei DDR-Staatsbesuchen üblich. Die Gäste der Kanzlerin sollen den Kontrast ruhig sehen – zwischen Glanz und Verfall. Zwischen Glamour und normalem Leben. Jenseits der Postkartenidylle von Weißer Stadt und Strand, die Straße ein Stück hinauf, hinter den Bahnschranken, liegt das andere Heiligendamm. Dort, wo sich zwei Plattenbauten und ein paar Dutzend Einfamilienhäuser drängen. Dort, wo die ganz normalen Leute leben. Leute wie die Peißkers. Sie wohnen dem Gipfel am nächsten. Sie könnten winken, sofern sie das wollten.

"Wie kommt der Notarzt dann hierher?"

Herr Peißker werkelt gerade am Boot in der Garage, als die "Kavala"-Polizisten klopfen. Sie sind zu zweit. Ludewig und Morales, der eine in Uniform, der andere in Zivil. Sie kommen von der Abteilung Bürgerinformation. Sie wollen über die Berechtigungskarten reden. Ende Mai, wenn der Zaun geschlossen und Heiligendamm zur Festung wird, hat ohne die hier niemand was zu suchen, auch die Peißkers - beide Rentner, unbescholtene Bürger - nicht. Es ist wichtig, sagen die Polizisten. Antrag, Sicherheitscheck, Foto und so weiter. Frau Peißker sitzt im Campingstuhl hinterm Haus im Garten, die erste Sonne im Gesicht. Aus einer kleinen Tasche neben ihr schlängelt sich ein dünner Schlauch, der direkt in ihrer Nase endet. Sauerstoff. Sie ist schwer krank. Die Lunge. Als sich die Polizisten Namen, Ausweisnummern und Kennzeichen notiert haben, da sagt Frau Peißker: "Schön!" Es ist ein "Schön", das meint: Jetzt ist sie dran. Und so legt sie los. Sie bekomme Atemnot, wenn sie nur dran denke, für eine Woche eingesperrt zu sein. Ihr Hals schnüre sich zu, und Panik steige auf, und Angst um ihr Leben befalle sie - so sei das dann. "Wie kommt der Notarzt dann hierher?", fragt sie. "Es geht dann um Minuten." Ludewig und Morales schauen betroffen.

"Da kümmere ich mich persönlich drum", verspricht Ludewig. Frau Peißker wiegt skeptisch den Kopf. Und als die beiden gerade gehen wollen, fällt ihr noch eine letzte Frage ein. Man liest und hört so viel. "Wie sicher ist es denn eigentlich hier?" - "Da machen Se sich mann keine Sorgen", sagt Ludewig. "Fort Knox ist ’ne Bruchbude dagegen." Ungebetene Gäste werden es in der Tat schwer haben, zu Tony, George und Angie vorzudringen. Auf der Autobahn lange vor Rostock werden verdächtige Autos gestoppt, in den Zügen kontrolliert die Bundespolizei. Auch die Seeseite ist mit allen Schikanen gesichert. Ost und West – kilometerweite Sperrzone. Taucher, Wasserschutzpolizei, Marine. Außerdem werden zwei US-Kriegsschiffe patrouillieren, ein Kreuzer und ein Zerstörer. An Bord: Radare mit 300 Kilometer Reichweite und Wärmebildkameras, die auch noch vier Seemeilen entfernt Menschen am Strand und hinter dünnen Mauern erfassen können. Und die USA, Russland und Frankreich richten ihre Spionagesatelliten auf die Region Rostock aus.

Sie haben Angst vor Demonstranten

Es ist eine Belagerung. Die Sicherheitsmaßnahmen sollen beruhigen. Doch so viel Sicherheit macht unruhig. Dabei fürchten sich die Menschen an der Küste nicht vor Terroristen. Sie haben Angst vor Demonstranten, vor den "Chaoten", wie man sie nicht nur hier oben gern nennt. Auch wenn die sich alle Mühe geben, Vertrauen zu verbreiten. Auch wenn sie ihr Konzept den Bürgern sogar vorstellen. An diesem windigen Frühlingstag sind sie nach Kröpelin gekommen, eine Kleinstadt zehn Kilometer vom Gipfelort entfernt. Sie haben Laptop und Beamer ins Seniorenzentrum der Arbeiterwohlfahrt geschleppt. Im Publikum gespannte Mienen.

Das sind sie also, die Gefürchteten: Dieter Rahmann mit dem Vollbart von der Camp-AG, der verzweifelt versucht, Lokalpolitikern Zeltplätze abzuschwatzen. Alexis Passadakis mit dem Lockenzopf von "Gerechtigkeit Jetzt!", der für fairen Welthandel kämpft. Und Matthias Monroy im grünen Kapuzenpulli von der "Gipfelsoli Infogruppe", die europaweit Aktivisten mobilisiert. Er repräsentiert das radikalere Spektrum.

"Es geht nicht darum, Politiker zu lynchen"

"Wer sich den Gipfel einlädt, lädt sich auch den Protest ein", sagt Monroy. Es klingt wie eine Drohung. Es ist unabwendbar. Schmale Münder im Publikum. Die Menschen hier haben niemanden eingeladen, weder den Gipfel noch den Protest. Bald aber werden sie beides haben. Sie fragen: "Wie sollen wir zur Arbeit kommen und die Kinder zur Schule, wenn Sie hier alles blockieren?" Und: "Können Sie garantieren, dass mein Zaun im Garten bleibt und keine Fenster eingeworfen werden?" Da ist sie wieder, die leidige Gewaltdebatte. Matthias Monroy atmet erst einmal tief durch. Was soll er dazu sagen, außer dass es eben Leute gebe, für die Gewalt nicht schon beim Werfen von Farbbeuteln beginnt? "Es geht doch nicht darum, Politiker zu lynchen", versucht er zu beschwichtigen. Im Publikum Grummeln.

Die drei Vorzeigeprotestler bewegen sich auf dünnem Eis. Sie sind zu dritt und müssen doch für ein Bündnis aus Hunderten von Gruppen ihre Köpfe hinhalten – für ein fragiles Gebilde unterschiedlichster Milieus: Kirchen-, Umwelt- und Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschafter und Autonome, von Greenpeace bis zur Antifa. Sie träumen von der Renaissance einer neuen Linken. Sie hoffen, dass das Bündnis hält. Sie sagen: So viel Einigkeit gab’s seit den Achtzigern nicht mehr. Doch hinter den Kulissen gibt es Zank und Streit. Sie nennen das "Diskussionen". Die einen wollen reden mit der Macht. Die anderen warnen vor Umarmung. Den einen erscheinen die Planungen zu chaotisch, den anderen zu autoritär. Und früher oder später landen sie alle bei der immer gleichen Frage: Sollen sie sich "prinzipiell friedlich" verhalten oder nur "im Prinzip friedlich"? Es geht um Formelkompromisse.

"Treffen der selbst ernannten Weltherrscher"

Und trotzdem trainieren sie gemeinsam Sitzblockaden und bauen Großpuppen aus Pappmaché, bilden Demo-Sanitäter aus und organisieren eine "Trauma- Ambulanz". Sie stellen sogar einen Gegengipfel auf die Beine. Doch wie viele kommen werden, ob sie zu Gewalt bereit sind oder nur ein wenig Bongo trommeln – niemand kann das sagen. Nicht einmal Monty Schädel. Zurzeit sieht man den obersten Gegen- Organisator nur noch in seiner blauen Trainingsjacke mit dem "Shalom"-Schriftzug auf der Brust. Er hat jetzt ein Büro in Rostock. Dort telefoniert er und schreibt E-Mails und verhandelt mit der Polizei. Es geht noch immer um die 100.000. Die verflixten 100.000. Denn wenn wirklich so viele zur Auftaktdemo kommen, um gegen dieses "Treffen der selbst ernannten Weltherrscher" zu protestieren, dann sitzt mindestens die Hälfte von ihnen in Bussen. 1000 Busse! Für Monty Schädel geht es jetzt nicht um Kapitalismus, Krieg und Klimawandel. Er braucht Stellplätze für diese Karawane.

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