HOME

Serie Teil 3: Hitlers eiskalter Vollstrecker

Reinhard Heydrich ebnet seinem "Führer" den Weg zum Krieg gegen Polen. Früh schon erweist er sich als gnadenloser Antreiber des Völkermords an Deutschlands und Europas Juden.

An jenem Abend, da Deutschland in die Barbarei zurückfiel, war das Ehepaar Heydrich zu Hause in Berlin-Schlachtensee früh zu Bett gegangen. Ein Pochen an der Schlafzimmertür weckte Lina Heydrich, während ihr Mann Reinhard, Chef der allmächtigen Sicherheitspolizei des Dritten Reiches, weiter schlummerte. "Der Gruppenführer möchte sofort im Amt anrufen!" Sie fragte: "Was ist denn los?" Der Leibwächter antwortete: "Die Synagogen brennen!" Sie weckte ihren Mann. Der stürzte in seine schwarze SS-Uniform und hetzte davon. Nach Stunden kam er zurück, "verstört und geistesabwesend", und erklärte ihr: "Sie haben alles zerschlagen, alle Geschäfte zerstört und geplündert? Von einem Abbau der Aggressionen gegen die Juden kann jetzt nicht mehr die Rede sein."

Linas "Leben mit einem Kriegsverbrecher"

So sah die Rolle Reinhard Heydrichs in der "Reichskristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938 aus - will man Lina Heydrich und ihren Memoiren "Leben mit einem Kriegsverbrecher" glauben. Nur stimmt darin so gut wie nichts.

Heydrich war an diesem Abend wie fast die gesamte Nazi-Elite in München. Dort wurde der 15. Jahrestag des "Marschs auf die Feldherrnhalle" gefeiert, mit dem Adolf Hitler 1923 in Bayern die Macht an sich reißen wollte; in Nazi-Deutschland wurde das Ereignis zur Taufe der "nationalsozialistischen Bewegung" hochstilisiert. Als der "Führer" und seine Paladine im Alten Rathaus zu Abend aßen, traf eine Nachricht ein, die Hitler, wie ein Augenzeuge berichtete, "stärkstens beeindruckte": In Paris war der deutsche Diplomat Ernst vom Rath seinen Schussverletzungen erlegen.

Der polnische Jude Herschel Grynszpan (Hermann Grünspan), ein 17-jähriger Emigrant, hatte am 7. November in der Deutschen Botschaft zwei Schüsse auf den Legationssekretär abgegeben, erzürnt über die Vertreibung seiner Familie aus Hannover an die Grenze zu Polen. Dort waren 17 000 im Reich wohnende polnische Juden unter elenden Bedingungen zusammengepfercht, sie sollten abgeschoben werden. Heydrichs Gestapo leitete die Aktion.

Heydrich hat nie zum "Abbau der Aggressionen gegen die Juden" beigetragen, sondern im Gegenteil den wüst um sich greifenden Antisemitismus genutzt, um mehr Macht zu erlangen. Während Juden im Führerstaat boykottiert, angegriffen und systematisch entrechtet wurden, nahm seine Gestapo willkürlich Verhaftungen vor, arbeitete sein Sicherheitsdienst (SD) rastlos an Plänen zur "Entjudung Deutschlands". Heydrich hatte viel eher als sein zaghafter Dienstherr, SS-Führer Heinrich Himmler, erkannt, dass es in Hitlers Rassenwahn nichts Wichtigeres gab. "Heydrich wollte Himmler hier übertreffen", erklärt der Stuttgarter Historiker Eberhard Jäckel. "Heydrichs Ehrgeiz und Machtgier ermöglichten Hitler, das zu tun, was er schon immer tun wollte."

Angriff auf Hab und Gut, auf Leib und Leben

Das Attentat von Paris gab den Vorwand für einen Sprung in der Judenpolitik - von den diskriminierenden "Nürnberger Gesetzen" zum Angriff auf Hab und Gut, auf Leib und Leben. Im Münchner Rathaus tuschelte Hitler lange mit Joseph Goebbels und verließ ohne die übliche Rede den Saal. Der Propagandaminister hetzte dann nicht nur wie gewöhnlich gegen das "Judenpack", sondern verwies auf "spontane Aktionen" gegen Juden in Kurhessen am Nachmittag: "Der Führer" habe entschieden, die NSDAP solle Übergriffe nicht fördern, ihnen sei "aber auch nicht entgegenzutreten". Die versammelten Nazi-Führer verstanden die Botschaft und riefen nach 23 Uhr per Telefon und Telex ihre Parteigenossen daheim zum Pogrom auf - aber ohne Hakenkreuzfahnen.

Kurz vor Mitternacht wies Gestapo-Chef Heinrich Müller aus Berlin - nach Rücksprache mit Heydrich - die Staatspolizei an: "Es werden in kürzester Frist in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden insbesondere gegen deren Synagogen stattfinden. Sie sind nicht zu stören." Die Polizei solle jedoch die Verhaftung von "20-30 000 Juden" vorbereiten. Nachdem Himmler, der zunächst seine Schutzstaffel heraushielt, von Hitler in dessen Münchner Privatwohnung eingewiesen worden war, gab er Heydrich Bescheid.

Am 10. November 1938 um 1.20 Uhr präzisierte der "Chef der Sicherheitspolizei und des SD" in einem geheimen Blitz-Fernschreiben die Befehle: "Es dürfen nur solche Maßnahmen getroffen werden, die keine Gefährdung deutschen Lebens und Eigentums mit sich bringen (z. B. Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung ist). Geschäfte und Wohnungen von Juden dürfen nur zerstört, nicht geplündert werden." Um 3.43 Uhr funkte Heydrich, die "Judenaktion" solle keine Strafermittlungen auslösen.

Zwei Tage lang wütete der braune Mob. Am 12. November zog Heydrich bei einer Ministerialkonferenz vor Reichsmarschall Hermann Göring Bilanz: 7500 Geschäfte und 177 Synagogen zerstört, "mehrere 100 Millionen Reichsmark" Sachschaden, 800 Fälle von Plünderungen. Die 91 Todesopfer scherten Wirtschaftslenker Göring nicht: "Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und nicht solche Werte vernichtet."

Flucht ins Ausland

"Es geht darum, dass der Jude aus Deutschland herauskommt" Hier schlug die Stunde des Antreibers Heydrich: Ihm genügte nicht, dass die deutschen Juden zu allem Unheil noch eine Milliarde Reichsmark "Sühneleistung" zahlen sollten. "Bei allem Herausnehmen des Juden aus der Wirtschaft", sagte er, "bleibt das Grundproblem letzten Endes doch immer, dass der Jude aus Deutschland herauskommt." Dazu empfahl er, eine "Reichszentrale für jüdische Auswanderung" zu gründen, um binnen zehn Jahren alle Juden zu vertreiben, vornehmlich nach Palästina. Von den 566 000 Juden, die 1933 im Reich lebten, war bis 1939 jeder zweite ins Ausland geflohen.

Heydrich pries die Wiener Auswanderungszentrale an, die sein SD unter Adolf Eichmann seit dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 betrieben hatte: Sie habe "immerhin 50 000 Juden herausgebracht". Weiter wollte Heydrich jedem Juden in Deutschland "ein bestimmtes Abzeichen" verpassen. "Eine Uniform!", frohlockte der lamettageile Göring. "Ein Abzeichen", insistierte Heydrich. Das ging damals selbst Hitler zu weit. Deutsche Juden mussten erst ab September 1941 den "Gelben Stern" tragen. Die Auswanderungszentrale unter Heydrich aber wurde am 24. Januar 1939 gebildet.

"Das Schwarze Korps", ein SS-Wochenblatt, das Heydrich unterstand, hatte schon Ende 1938 die wahren Absichten der Nazis offenbart: "Mit Feuer und Schwert" drohte sie den Juden "restlose Vernichtung" an. Und Hitler "prophezeite" am 30. Januar 1939 vor dem Reichstag: "Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa."

Der Krieg nahte 1939 unaufhaltsam. Längst hatte Hitler seine NSDAP und die seit 1934 auf ihn vereidigte Wehrmacht darauf getrimmt. Das deutsche Volk war beeindruckt, wie der "Führer" den "Diktatfrieden" von Versailles zerpflückte und die großen Mächte Frankreich, England und Italien vor dem wieder erstarkten Deutschland kuschen ließ: 1935 schluckten sie die Wiederaufrüstung, 1936 die Besetzung des Rheinlands, 1938 die Aneignung Österreichs und des Sudetenlands und schließlich 1939, unter Bruch des noch frischen Münchner Abkommens, die Besetzung der "Resttschechei".

"Der Führer braucht einen Kriegsgrund"

Stets hatte Heydrich seine Hand im Spiel. So wie Gestapo und SD halfen, die Nazi-Herrschaft in Österreich und im besetzten Tschechien, nun "Reichsprotektorat Böhmen und Mähren" genannt, mit Folter und Galgen zu errichteten, so wühlten seine Agenten auch gegen Polen. Anfang August 1939 kam Heydrich in Gleiwitz mit einer Gruppe hoher SS-Offiziere in der Tanzbar des Hotels "Haus Oberschlesien" zusammen. "Der Führer braucht einen Kriegsgrund", eröffnete er ihnen. Der Plan, den Hitler, Himmler und Heydrich ausgeheckt hatten, sah fingierte polnische Angriffe im deutschen Grenzgebiet vor. Als der Oppelner Gestapo-Leiter Emanuel Schaefer die "Überfalle" als zu fadenscheinig bezeichnete, knurrte Heydrich nur: "Wenn die Panzer erst rollen, spricht kein Mensch mehr darüber." Um die Aktion glaubwürdiger erscheinen zu lassen, ordnete Heydrich (Deckname: "C") an, einige Leichen am Tatort abzulegen. Dazu wurden sechs Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen heran geschafft, "Konserven" genannt. Sie starben, als polnische Soldaten verkleidet, am 31. August 1939 für die vorgetäuschte Schießerei am Zollhaus Hochlinden.

Mit dem Überfall auf den Sender Gleiwitz beauftragte "C" seinen Topagenten Alfred Naujocks. Der bestellte eine "Konserve" in Zivil. Gestapo-Chef Heinrich Müller sagte zu. Am Nachmittag des 31. August 1939 erhielten Naujocks und Müller über eine Telefondirektleitung Heydrichs Auslöseorder: "Großmutter gestorben." Abends besetzte Naujocks Trupp den Sender und setzte rasch eine Botschaft auf Polnisch ab. Das reichte für die Schlagzeile: "Polnische Aufständische überschritten die deutsche Grenze." Vor dem Eingang ließ Müller einen Totgespritzten legen, den tags zuvor verhafteten polenfreundlichen Oberschlesier Franz Honiok - das erste Opfer des Zweiten Weltkriegs.

Sein Tod war der Anfang einer Blutwelle, wie die Welt sie noch nie erlebt hatte. Der Wehrmacht, die am 1. September in Polen einfiel, folgten Einsatzgruppen des SD, die Heydrich seit Juli gebildet hatte. Ihren Auftrag formulierte er am 7. September so: "Die führende Bevölkerungsschicht in Polen soll so gut wie möglich unschädlich gemacht werden...Die kleinen Leute wollen wir schonen, der Adel, die Popen und die Juden aber müssen umgebracht werden." Von Kriegsbeginn bis Frühjahr 1940 ermordete die SS mehr als 60 000 Menschen. Offiziere der Wehrmacht empörten sich über die "maßlose Verrohung" der SS. Doch Hitler sagte nur, das Militär solle froh sei, dass es "mit diesem Teufelswerk nichts zu tun" habe.

Superbehörde RSHA

Zugleich trieb die SS ihre "Judenpolitik" voran, über die Vertreibung zur Vernichtung. Das Instrument dazu schuf sich Heydrich nach eigenen Plänen am 27. September 1939: das Reichssicherheitshauptamt (RSHA). In ihm vereinigte er das SS-Sicherheitshauptamt und die aus Gestapo und Kripo bestehende Sicherheitspolizei (Sipo) zu einer Superbehörde des Terrors mit rund 60 000 Mitarbeitern. Mit ihr wollte "C" die "Voraussetzung für den Krieg und die Gestaltung des großgermanischen Reiches" schaffen.

Für die Juden war darin kein Platz. Schon im November und Dezember 1939 ließ das RSHA etwa 87 000 Juden und Polen aus dem polnischen Westen ins Generalgouvernement deportieren, dem Rest, der verblieben war, nachdem Deutschland und die Sowjetunion Polen unter sich aufgeteilt hatten. Aufgrund der Pläne, die er zuvor Hitler dargelegt hatte, verfügte Heydrich in einem "Schnellbrief" am 21. September 1939, die Sipo habe alle Juden in den Ghettos "möglichst weniger" Städte an Bahnstrecken zusammenzufassen und "Judenräte" als Hilfsorgane zu bilden, "sodass die späteren Maßnahmen erleichtert werden". Das "Endziel, welches längere Fristen beansprucht", sei "streng geheim zu halten".

"Keim zum Völkermord"

Im Dezember machte Heydrich Eichmann als Leiter des "Sonderreferats" IV D 4 (später B 4) zu seinem "Judenbeauftragten". "Schon in diesen ersten Schritten", so der Historiker Michael Wildt, "lag der Keim zum Völkermord." Anfangs wähnten selbst die "Vordenker der Vernichtung" noch, sie könnten die Juden "irgendwohin" verjagen, wo sie ihrem Schicksal überlassen blieben. Das RSHA erwog ein "Judenreservat" im galizischen Nisko am San oder die afrikanische Insel Madagaskar als Exil. Doch in Polen hatten die Nazis 1939 plötzlich mehr Juden unter sich als je zuvor: 3,5 Millionen. Heydrichs große Deportationspläne blieben bald im Chaos stecken. Die "Judenfrage", konstatierte er im Juni 1940, könne "durch Auswanderung nicht mehr gelöst werden": "Eine territoriale Endlösung wird daher notwendig." Offen bleibt, ob er damit schon den Genozid meinte.

Heydrich schreckte vor nichts zurück. "Sein Gott war die Macht", urteilte SD-Mitarbeiter Wilhelm Höttl. "Das Leben anderer war für Heydrich kein in sich selbst beruhendes schützenswertes Gut; wenn der Machtzweck es verlangte, wurde es eben ausgelöscht." Dem Vertrauten Walter Schellenberg kam Heydrich "wie ein Raubtier" vor. Andererseits berichtete seine Frau: "Oft konnte er keinen Schlaf finden; eine Erklärung, warum, gab er nicht." Nach außen blieb Heydrich stets, wie ihn Hitler titulierte, "der Mann mit dem eisernen Herzen".

So trat er auch im Frühjahr 1941 auf dem Truppenübungsplatz Pretzsch an der Elbe vor die Chefs der neu gebildeten Einsatzgruppen von Sipo und SD, um sie auf ihren größten Mordauftrag einzustimmen: Der "Weltanschauungskrieg" gegen die von fünf Millionen Juden bewohnte Sowjetunion stehe bevor. "Das Ostjudentum", tönte Heydrich, "ist das intellektuelle Reservoir des Bolschewismus und muss deshalb nach Ansicht des Führers vernichtet werden." Bei einer Nachbesprechung in Berlin wollte ein Kommandoführer sich vergewissern: "Wir sollen die Juden erschießen?" Das sei doch wohl "selbstverständlich", fuhr Heydrich ihn an.

Herausforderung seiner Bosheit

In der "Judenfrage" stimmte sich der RSHA-Leiter beinahe täglich mit seinem Chef Himmler ab, der wiederum seine Befehle direkt von Hitler erhielt. Wo Himmler vor der "furchtbarsten Aufgabe, die eine Organisation bekommen konnte", nur schauderte, nahm Heydrich sie als Herausforderung seiner Bosheit an. Er stellte sogar einige der wichtigsten Abteilungsleiter seines RSHA an die Spitze von Einsatzgruppen, "um Stahl in ihre Adern zu gießen". Sie sollten "lernen, gnadenlos zu handeln" und "den Tod zu geben und zu nehmen". Ohne Widerwort mutierten Jurist Otto Ohlendorf, Kriminalist Arthur Nebe und Soziologe Otto Six von Schreibtischtätern zu Killer-Kommandeuren.

Sie befehligten das große Morden, sobald die Wehrmacht am 22. Juni 1941 in die UdSSR eingedrungen war. Direkt hinter der Front sammelten ihre Trupps "Reichsgegner", vor allem Juden, und exekutierten sie zu Tausenden und Abertausenden. Heydrich ließ sich per Funk und Fernschreiben laufend Resultate melden und gab mit Einsatzbefehlen die Marschrichtung der Einsatzgruppen A, B, C und D vor: Ausschreitungen der Bevölkerung gegen Juden, die er "Selbstreinigungsbestrebungen" nannte, seien "spurenlos" anzustiften (29. Juni); alle kommunistischen Berufspolitiker sowie Juden in Partei- und Staatsstellungen, Saboteure und Hetzer seien "zu exekutieren" (1. Juli); schließlich "alle Juden" (17. Juli); Funktionäre und Juden bei den Kriegsgefangenen sollten "möglichst unauffällig" und "nicht im Lager" erschossen werden (17. Juli). Heydrich forderte von seinen Killern "rücksichtsloses und energisches Durchgreifen", aber auch "hervorragendes Auftreten in und außer Dienst".

Ständig drängte er auf "Ergebnisse". Am 30. Juni besuchte er mit Himmler das litauische Grodno und rügte Mitglieder des Einsatzkommandos 9, weil sie "nur 96 Juden" liquidiert hätten. Am 9. Juli kamen die beiden SS-Chefs erneut; das Morden hatte nun "erheblich" zugenommen. Die Blutspur, die deutsche Einsatzkommandos durch das Baltikum und Weißrussland, Moldawien, die Ukraine und Russland zogen, haben Historiker bis heute nicht komplett erfassen können. Etwa 3000 Männer, unterstützt von Waffen-SS, regulären Polizeieinheiten und Wehrmachtstruppen, töteten mehr als eine halbe Million Menschen, ab Oktober 1941 auch Frauen und Kinder. Die größten Massaker sind auf Mahnmalen des Völkermords in Europa, Amerika und Israel verewigt: Kamenez-Podolsk 23 600 Tote, Babij Jar 33 700, Witebsk 16 000, Dnjepropetrowsk 10 000, Odessa 27 000, Dalnik 20 000, Rowno 21 000, Minsk 19 000, Riga 38 000, Wilna 33 500.

Mord nach Muster

Immer folgten die Mörder demselben Muster: Die Juden wurden zusammengetrieben, mussten Kleider und Wertsachen abgeben und dann in kleinen Gruppen an den Rand einer Grube treten, wo sie erschossen wurden - am Anfang durch Gewehrsalven oder Maschinengewehrfeuer, später durch Einzel- oder gar Genickschuss. Manchmal mussten sie sich sogar auf die zuvor Ermordeten legen, um den Todesschuss zu empfangen. Mitleid hatten die Mörder nur mit sich selbst. "Unsere Männer waren mehr mit den Nerven herunter als diejenigen, die dort erschossen werden mussten", behauptete nach dem Krieg Paul Blobel, der das Massaker an Kiews Juden in der Schlucht von Babij Jar befehligte.

"Der Tod, den wir ihnen gaben, war ein kurzer, schöner Tod", schrieb der Wiener Polizeisekretär Walter Mattner über eine "Aktion" im weißrussischen Mogiljow. "Säuglinge flogen im großen Bogen durch die Luft und wir knallten sie schon im Fliegen ab, bevor sie in die Grube oder ins Wasser flogen. Nur weg mit dieser Brut... Pfui Teufel! So viel Blut, Dreck, Horn und Fleisch habe ich noch nie gesehen! Jetzt kann ich auch das Wort Blutrausch verstehen." Am 2. und 3. Oktober 1941, als Mattner mitschoss, starben 2273 Juden.

Heydrich hat sich diese Gemetzel nie vor Ort angesehen. Einmal wurde ihm in Berlin eine Massenerschießung auf Schmalfilm vorgeführt. Erregt sprang er auf und forderte, eine andere Methode zu finden. Himmler, der oft zu den Fronten und KZs reiste, kam im August 1941 bei einer "Judenaktion" in Minsk zum selben Schluss: "So geht das nicht." Heydrichs Henker suchten danach die effektivste Art des Massenmords: Einsatzgruppenleiter Nebe experimentierte mit Dynamit; das RSHA ließ Gaswagen bauen, in deren abgedichtetem Laderaum bis zu 50 Juden pro Fahrt durch Abgase erstickt wurden. Sie kamen ab November 1941 zum Einsatz, Sprengstoff nie.

Todesgas Zyklon B

Zugleich wurden Gaskammern in festen Lagern aufgebaut. Dabei halfen Experten der "Aktion T 4", SS-Tötungsspezialisten, die schon seit 1939 Erfahrungen mit der von Hitler befohlenen Ermordung von über 100 000 Geisteskranken in Deutschland und Westpolen gesammelt hatten. Sie hatten erstmals getarnte Gaswagen in Heilanstalten benutzt. Am 3. September 1941 testeten SS-Leute im KZ Auschwitz, dessen gigantischen Ausbau Himmler im März befohlen hatte (Heydrich wusste bereits im Januar von "Auschwitz II"), erstmals eine Gaskammer an russischen Kriegsgefangenen. Kommandant Rudolf Höß ließ kristallisierte Blausäure anwenden. Das Insektengift Zyklon B wurde zum Todesgas für die meisten der 1,1 Millionen Opfer von Auschwitz und Birkenau. Im Oktober kündigte Himmler vor Einsatzkommandos in Mogiljow an: "Bald werden Juden nur noch vergast." Erster Massenvernichtungsort mit drei Gaswagen, als Möbellaster getarnt, wurde ab 7. Dezember Chelmno (Kulmhof) bei Lodz. In diesem Lager, das im Gegensatz zu Auschwitz oder Treblinka Heydrichs Sipo unterstand, starben in 15 Monaten 150 000 Menschen.

Fronterfahrung der sportlichen Art

In dieser Zeit des Mordens suchte der ehrgeizige Heydrich Fronterfahrung der sportlichen Art. 1939 ging er zu Görings Luftwaffe. Auf dem Fliegerhorst Werneuchen bei Berlin wurde er an dem Jagdflugzeug Messerschmidt Bf 109 D ausgebildet. Im Polen-Feldzug erlebte er als Kanzelschütze den ersten Feindflug. 1940 flog er allein Kampfeinsätze in Norwegen und Holland beim Jagdgeschwader 77, und 1941 in einer mit "SS" markierten Me-109 E-7 vor der Insel Wangerooge. Er war ein echter Bruchpilot: Am 13. Mai 1940 überschlug sich seine Me beim Start in Stavanger. Heydrich verletzte sich am Arm, das Flugzeug war Schrott. Auf Wangerooge beschädigte er seine Maschine beim Einparken in den Hangar.

Notlandung zwischen den Fronten

Obwohl ihm sein Chef Himmler mehrmals das Fliegen verbot, war Heydrich zu Beginn des "Unternehmens Barbarossa" in der UdSSR heimlich wieder am Start: Mit seiner privaten Me-109 erschien er beim JG 77 auf dem Stützpunkt Balti (Belzy) in Moldawien. Bei einem Angriff auf eine Dnjestr-Brücke nahe Jampol am 22. Juli 1941 traf sowjetische Flak seine Maschine. Heydrich musste zwischen den Fronten notlanden. Sein Geschwaderchef Anton Mader schwitzte Blut und Wasser: Der Gestapo-Chef in der Hand Stalins - Hitlers Zorn wäre furchtbar. Schließlich erlöste ihn ein Anruf von einer Fronteinheit: "Hier ist einer von euch runtergefallen, der muss einen abbekommen haben. Behauptet, er sei Reinhard Heydrich."

Die Deutschen, die den unversehrt gebliebenen Heydrich in Sicherheit brachten, waren seine Untergebenen: Ein Trupp des Sonderkommandos 10a der Einsatzgruppe D brachte ihn zu Kommandochef Heinz Seetzen, den Heydrich noch als Hamburger Gestapo-Chef kannte. Sein Sk 10a hatte eben bei der "Partisanenbekämpfung" 45 Juden und 30 Geiseln getötet. Nach dem Absturz beendete Himmler die Karriere des Luftwaffen-Majors Heydrich endgültig. "Er hatte fliegerisch keine große Erfahrung und damit auch keinen Abschusserfolg", erinnert sich Pilot Georg Schirmböck, der mit Heydrich flog.

Beim nahenden "Holocaust" war Heydrich seit Anfang 1941 immer mehr ins Zentrum der Entscheidungen gerückt. Historiker Jäckel: "Der Oberarchitekt des Genozids war nicht Himmler, sondern Heydrich. Er trieb selbst Hitler an." Heydrich legte nach Absprache mit Hitler dessen Stellvertreter Göring am 26. März einen Entwurf zur "Lösung der Judenfrage" vor. Am 31. Juli ließ er sich von Göring schriftlich beauftragen, "in Bälde einen Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen" - ein Freibrief zum Völkermord.

Schon um diese Zeit gingen Eingeweihte davon aus, dass die Massenmorde in der Sowjetunion nur der Auftakt für den allgemeinen Völkermord sein sollten. In einem Brief vom 8. August verwies der Chef der Einsatzgruppe A, Heydrichs Konfident Walter Stahlecker, auf "grundsätzliche, schriftlich nicht zu erörternde Befehle" der Sipo-Leitung zur "Gesamtreinigung des europäischen Raumes von allen Juden", die bald "spruchreif" wären. Da rätselte der Posener SD-Chef Rolf-Heinz Höppner noch, ob den Juden "ein gewisses Leben" bleiben solle oder ob sie "völlig ausgemerzt" würden.

Im Sommer 1941 bestellte Heydrich seinen Judendezernenten Eichmann zu sich und erklärte ihm: "Der Führer hat die physische Vernichtung der Juden befohlen." Dann machte der Schnellsprecher eine ungewöhnliche Pause, "als ob er jetzt die Wirkung seiner Worte prüfen wollte", wie Eichmann später im israelischen Polizeiverhör aussagte. "C" befahl ihn zu SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik nach Lublin: "Der Reichsführer-SS hat ihm schon entsprechende Weisungen gegeben. Sehen Sie sich an, wie weit er mit seinem Vorhaben gekommen ist." In der Tat hatte Globocnik mit dem Aufbau eines Lagersystems begonnen, das binnen Jahresfrist Belzec, Sobibor,Treblinka und Majdanek umfassen sollte, die Vernichtungsstätten für zwei Millionen Juden.

Am 15. Oktober 1941 liefen die lang geplanten Massendeportationen aus dem Reichsgebiet an, "in täglichen Transporten zu je 1000 Personen", wie Heydrich vier Tage später an Himmler meldete. Bis zum Wintereinbruch gelangten über 50 000 deutsche Juden nach Lodz (Litzmannstadt), Riga, Kauen (Kaunas) und Minsk. Die meisten blieben zunächst in überfüllten Ghettos.

"Es ist gut, wenn uns der Schrecken vorausgeht"

Doch als der SS-Führer Ostland, Fritz Jeckeln, am 30. November 1035 Berliner Juden direkt vom Zug in den Rumbuli-Wald bei Riga bringen und dort Heydrichs Befehl zuwider erschießen ließ, handelte er sich eine Strafandrohung Himmlers ein. Über Morde entschieden schon zu viele untergeordnete Stellen nach Belieben, Anzeichen dafür, wie Menschenverachtung von oben die Mordlust von unten schürte. Den "Führer" störte das nicht. "Es ist gut, wenn uns der Schrecken vorausgeht, dass wir das Judentum ausrotten", sagte er am 25. Oktober beim Abendessen zu Himmler und Heydrich.

Für Hitler begann der "Weltkrieg" nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor, als er in Bündnistreue zu Tokio Amerika den Krieg erklärte. Am 12. Dezember 1941 erinnerte er die Gauleiter im Privattrakt der Reichskanzlei an seine "Prophezeiung" von 1939. Goebbels schrieb danach in sein Tagebuch: "Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muss die notwendige Folge sein." Ein anderer Sitzungsteilnehmer, Polen-Gouverneur Hans Frank, berichtete in Krakau seinem Stab am 16. Dezember, die Pläne für den Juden-Abschub ins "Ostland" seien nunmehr hinfällig, zumal die Rote Armee vor Moskau zur Gegenoffensive angetreten war und die Siegeszuversicht an der Ostfront schwer erschüttert hatte. Franks Fazit: "Wir müssen die Juden vernichten, wo immer wir sie treffen."

Am 18. Dezember beriet Hitler in seinem Hauptquartier "Wolfsschanze" in Ostpreußen mit Himmler über das Schicksal der Juden. Kryptisch notierte der Reichsführer-SS dazu in seinen Dienstkalender: "Judenfrage | als Partisanen auszurotten". Was das im Einzelnen bedeutete, sollte auf einer Konferenz der Staatsekretäre geklärt werden, zu der das RSHA für den 20. Januar 1942 in das Berliner SS-Gästehaus Am Großen Wannsee 56-58 geladen hatte. Dort wollte Heydrich das Schicksal der Juden besiegeln.

Mario R. Dederichs / print