Genau 16 Monate nach seinem viel zu frühen Tod feiert Heath Ledgers letzter Film in Cannes Premiere. "The Imaginarium of Doctor Parnassus" sei ein "Akt der Liebe", sagt Regisseur Terry Gilliam. Und es ist ein bombastischer Abschied geworden. Von Sophie Albers, Cannes

Heath Ledger in seiner letzten Rolle© Poopoo Pictures/AP
Das Kino ist das Königreich der Vorstellungskraft, regiert von der Macht der Fantasie. Deshalb ist es zu Beginn des Films "The Imaginarium of Doctor Parnassus" ein magischer wie tragischer Augenblick, als Heath Ledger zum Leben erweckt wird. Denn dies ist eben auch der Augenblick, in dem die Realität die Fantasie wachküsst.
Die Dreharbeiten waren voll im Gange, als Regisseur Terry Gilliam vom Tod seines Darstellers erfuhr. Der 28-jährige Ledger starb am 22. Januar 2008 in einem Apartment in New York an einer Medikamentenüberdosis. "Ich wollte hinschmeißen", sagt Gilliam. "Ich wusste nicht, wie ich den Film ohne Heath zu Ende bringen sollte. Doch zum Glück war ich von Menschen umgeben, die mich angetrieben haben: 'Es ist nicht dein Film, es ist sein Film!', haben sie gesagt." Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law sprangen schließlich für Ledger ein. Es sei ein Akt der Liebe, dass er doch noch fertig wurde, so der Regisseur. Nun feiert "The Imaginarium of Doctor Parnassus" beim Filmfest in Cannes Premiere und ermöglicht Heath Ledger einen bildgewaltigen, vor Fantasie schier platzenden Abschied von seinem Publikum, das ihn in Filmen wie "Brokeback Mountain" und vor allem "The Dark Knight" schätzen gelernt hat.
Die, die ihn in seinem letzten Film retten, sind Zirkusleute: das Mädchen Valentina (überzeugend schön: Model Lily Cole) und der Junge Anton (wunderbar wild: Andrew Garfield), die mit Doktor Parnassus (magisch alt: Christopher Plummer) und seinem Theater auf Rädern durch das moderne London ziehen, als sie den leblosen Ledger finden. Valentina ist Parnassus' 16-jährige Tochter, Anton in sie verliebt. Und dann gibt es noch Mister Nick (wie immer brillant: Tom Waits), der in Wahrheit der Teufel ist, mit dem Parnassus einst einen Pakt schloss, der Liebe wegen, der ihm nun die Liebe zu nehmen droht. Das ist Faust, das sind Grimms Märchen, und es ist ein Streifzug durch Gilliams frühere Arbeiten, angefangen mit Monty Python bis Münchhausen. Und es ist auch ein bisschen Anleihe bei George Pals "Der mysteriöse Dr. Lao" von 1964.
Denn so wie in Dr. Laos Kuriositätenkabinett, das seine Besucher mit ihren Wünschen und Abgründen konfrontiert, steht auf Doktor Parnassus' Bühne ein Spiegel, der den, der hindurchgeht, in eine Fantasiewelt der eigenen Vorstellungen führt. Nach dem Eintritt in diese andere, eigene Welt, geht es darum, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Terry Gilliam findet dafür wunderschöne, verrückte, grenzenlos imaginative Bilder. Heath Ledger taucht darin immer wieder als Tony auf, ein undurchsichtiger Mann, der offenbar sein Gedächtnis verloren hat und Parnassus helfen will, während er mit dem Teufel um Seelen ringt.
Doch ist es eben auch Ledger, der diesen Film immer wieder zurückholt, Gilliams Fantasiewelten mit der Realität kollidieren lässt. Als das erste Mal Johnny Depp als Tony auftaucht, weiß man, dass Ledger nun tot ist, dass er ersetzt werden musste. Jede Großaufnahme von diesem markanten Gesicht mit dem intensiven Blick erinnert an den realen Verlust. So ähnlich muss es sich angefühlt haben, als das Publikum 1956 "Giganten" gesehen hat. James Deans letzten Film, dessen Premiere er nicht mehr erlebte, weil er vorher im Alter von gerade mal 24 Jahren bei einem Autounfall starb. Daran hat offenbar auch Gilliam denken müssen, der in einer Szene Dean, Rudolph Valentino und Prinzessin Diana gedenkt, deren früher Tod sie "unsterblich gemacht" habe, die nun "jenseits der Angst" lebten, "für immer jung" seien, "Göttern" gleich, wie Tony/ Johnny Depp ausführt.
"Jeder ist über sich selbst hinaus gewachsen", sagt Gilliam über die Dreharbeiten in der Zeit nach Ledgers Tod. "Um die Leere zu füllen". Da ist es fast ein wenig gespenstisch, das der nächste Film des Tages im Festivalprogramm "Eintritt in die Leere" heißt. Gaspard Noés Tour de Force über einen Mann, der sein Sterben nicht akzeptieren will. "Heaths Tod hat den Umgang mit der Realität verändert", so Gilliam. Und das macht "The Imaginarium of Doctor Parnassus" so traurig - aber auch so magisch.