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18. Dezember 2003, 16:02 Uhr

Der Unkaputtbare

Ein Job, den jeder kann

Beschweren darf sich der Kanzler nicht. Verkehrsminister ist in seinen Augen wohl ein Job, den jeder kann. Seine Verkehrsminister wechselt er im Jahrestakt. Stolpe ist schon die Nummer vier, aber wenigstens beliebter als seine Vorgänger Franz Müntefering, Reinhard Klimmt und Kurt Bodewig. Kommt Stolpe morgens in die Invalidenstraße, begrüßt er freundlich die Pförtner - manchmal sogar mit Handschlag. Er läuft durchs "Invalidenhaus", klopft hier an eine Tür, hält da ein Schwätzchen. Zu Fasching führt der Minister die Polonaise seiner Mitarbeiter an. So einen beschützen die Leibwächter des Bundeskriminalamtes gern. "Er ist ein sehr angenehmer Chef", lobt ein Bodyguard. "Der ist mit den Leuten", schwärmt ein Staatssekretär.

Das Wohlwollen hat Gründe. Stolpe ist nicht der Chef, der knallharte Anweisungen erteilt. Er formuliert lieber freundliche Bitten. "Ist es möglich, dass sich jemand darum kümmert", schreibt er auf kleine Zettel an seine Mitarbeiter - inklusive der nachgeordneten Behörden sind es 28000.

Stolpe steht vor dem ehemaligen Grenzbahnhof Friedrichstraße, seinem Lieblingsplatz in Berlin. "Weil man hier spürt, wie Ost und West zusammenwächst", sagt er mit sonorer Stimme. Stolpe klingt wie der legendäre Märchenerzähler Hans Paetsch. Doch die kräftige Stimme und der wache Blick passen nicht zu seiner Körpersprache. Er wirkt müde. Tiefe Furchen haben sich in sein Gesicht gegraben. Der Minister geht langsam, macht kleine Schritte, setzt behutsam einen Fuß vor den anderen. Stolpe ist 67. Sein Tag hat 14 Stunden. So ein Amt zehrt. Doch das würde sich der Minister nie eingestehen. Er steht jeden Morgen um 5 Uhr 30 auf. 40 Kniebeugen, 30 Liegestütze. So beginnt sein Tag. "Meine Planung ist, dass es immer zehn Prozent mehr sein sollten, aber das halte ich selten durch."

Am Bahnhof Friedrichstraße begegnet der Stolpe von heute dem Stolpe von gestern. Schon vor dem Mauerbau weilte er hier gern. "Das war für mich der Inbegriff von Weltstadt. Ein Trubel und Gewusel, dass man die deutsche Teilung gar nicht bemerkte."

Er verteidigte Menschenrechtsverletzungen

Der Stolpe von damals redet ganz anders als der von heute. Als Konsistorialpräsident der evangelischen Kirche in der DDR stichelte er gegen die Wiedervereinigung. "Ich finde, es ist auch eine Ermutigung zu erleben, dass es dieses doppelte Deutschland gibt", sagte er. Noch 1989, kurz bevor die Mauer fiel, warnte Stolpe vor dem "friedensgefährdenden Versuch, unabsehbare Irritation in Gang zu setzen". Der Kirchenmann profilierte sich als eifriger Fürsprecher des SED-Regimes, verteidigte sogar Menschenrechtsverletzungen. Stolpe wollte die Toten an der Mauer nicht gezählt wissen. "Friedensfördernd ist das sicher nicht", schimpfte er über die westdeutsche Erfassungsstelle der DDR-Verbrechen in Salzgitter.

Dieser Stolpe hatte gut reden. Als Kirchenmann genoss er das Privileg, jederzeit in den Westen reisen zu dürfen. Dass seine Mitbürger hinter der Mauer eingesperrt waren, fand Stolpe ganz in Ordnung. Menschen, die ausreisen wollten, verspottete er als "sensible Naturen", die ihre "persönlichen Probleme auf ihre Umwelt projizieren". Stacheldraht und Schießbefehl waren damals für Stolpe offenbar kein Problem, sondern eine sinnvolle Sache. "Die Mauer wurde errichtet, um den Einfluss von Störungen und den Abfluss von Menschen zu verhindern." Nach dem Mauerfall war ein gewendeter Stolpe zu besichtigen. Einer, der "das Wunder der Wiedervereinigung" bejubelte. Dem plötzlich Sätze einfielen wie: "Für mich gab es niemals einen Zweifel, dass die Deutschen zusammengehören."

Sind Sie ein Opportunist, Herr Stolpe? Der Minister lächelt gütig. Solche Fragen können ihn nicht aus der Reserve locken. Im Gegenteil. Er senkt die Stimme, blickt sanft und milde, wird noch freundlicher. "Das sind aber interessante Fragen", schmeichelt er. Er übt Selbstkritik, nicht zu viel natürlich, spricht von sich in der dritten Person. "Man hat vielleicht manchmal ein bisschen zu wenig das Gesicht verzogen", sagt er. An die Wiedervereinigung habe er eben einfach nicht geglaubt. Im Übrigen dürfe man seine Worte von damals nicht so auf die Goldwaage legen. "Bestimmte Anpassungsformen in den Äußerungen" seien in der DDR notwendig gewesen. Aber eines weiß er genau: "Ich habe gleichzeitig mehreren tausend Menschen geholfen, dass sie rausgekommen sind."

Mit der Stasi eingelassen

Für dieses Ziel hat Stolpe sich mit der Stasi eingelassen. 20 Jahre lang saß er regelmäßig mit Stasi-Offizieren in konspirativen Wohnungen zusammen. Und wurde am Ende "für große Verdienste" und "hohe persönliche Einsatzbereitschaft" mit der DDR-Verdienstmedaille belohnt. Nur etwas Nähe zum System? Oder ein Helfershelfer?

Ein Untersuchungsausschuss im Landtag versuchte zu erhellen, ob Stolpe - inzwischen Ministerpräsident von Brandenburg - als Wohltäter oder Spitzel agiert hatte. Seine Akte ist verschwunden. An den Orden von Stasi-Chef Mielke konnte er sich zunächst nicht mehr erinnern. Die Mehrheit von SPD, PDS und FDP glaubte ihm, dass er die Stasi nur als Mittel zum Zweck genutzt hatte, um den Menschen zu helfen. Für die CDU und die Bürgerrechtler von Bündnis 90 war Stolpe dagegen als IM-Sekretär enttarnt.

BEAMTE Nix zu tun
Auch ohne Maut: 800 Kontrolleure sind schon da

Der Erlass stammt aus dem Jahr 2002, und er kam von ganz oben: Verkehrsminister Manfred Stolpe wies das Bundesamt für Güterverkehr in Köln an, eine neue Abteilung "Lkw-Maut" aufzubauen, die Maut-Vermeider aufspüren und die Firma Toll Collect überwachen soll. Zahl der Planstellen: 975. Die Bundesbehörde tat wie geheißen. So kommt es, dass seit September 2003 knapp tausend Kontrolleure für die Maut da sind, aber keine Maut.
Rund 36 Millionen Euro kostet es nun allein in diesem Jahr, das zur Untätigkeit verdammte Mautpersonal und -material, darunter 278 Mercedes-Vito-Transporter, zu bezahlen. Um das wieder hereinzuholen, müssten rund 400 000 mautpflichtige Lkw von Aachen nach Kufstein rollen. Doch wann die Maut kommt, weiß keiner. Der Flurfunk im Kölner Amt lässt sich so zusammenfassen: Das System ist nicht zu retten.
Die arbeitslosen Mautkontrolleure dürfen natürlich nicht einfach zu Hause bleiben. Sie würden eingearbeitet, erklärt das Amt gegenüber dem stern, oder müssten liegen gebliebene Altarbeiten erledigen. So würden sie etwa Erstattungsansprüche für überbezahlte Euro-Vignetten bearbeiten - das sind die alten Zahlscheine, die am 31. August zugunsten der Maut abgeschafft wurden. Außerdem, so das Amt weiter, helfen die neuen Kollegen, rund die Hälfte von ihnen Beamte, bei klassischen Lkw-Kontrollen, und sie verteilen Mautprospekte ("Lkw-Maut - einfach und praktisch") an Brummifahrer.
Eines ist dem Bundesamt für Güterverkehr noch wichtig: 90 Prozent der Mautmannschaft bekämen so oder so Geld vom Staat - sie waren zuvor in unkündbaren Jobs bei der Post, Postbank, Bahn und Bundeswehr.

 
 
 
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