Naturschutz
Ein Schatz unter Tage: Im Winterquartier der Fledermäuse

Einmal im Jahr dürfen Besucher die Gewölbe der Alten Brauerei besichtigen. Foto: Patrick Pleul/dpa
Einmal im Jahr dürfen Besucher die Gewölbe der Alten Brauerei besichtigen. Foto
© Patrick Pleul/dpa
In einem der wichtigsten Winterquartiere Deutschlands schlummern Hunderte Fledermäuse. Nur einmal im Jahr dürfen Besucher das Große Mausohr und seine Verwandtschaft sehen.

Wo einst Bier gebraut wurde, hängen heute Große Mausohren und Verwandte dicht beieinander und verbringen im tiefsten Winterschlaf die letzten Tage der kühlen Jahreszeit. Mitten in Frankfurt (Oder), in der ehemaligen Ostquell-Brauerei, liegt eines der kleinsten Naturschutzgebiete Brandenburgs – und dennoch eines mit internationaler Bedeutung.

In den tief unter der Erde gelegenen Kellern überwintern jedes Jahr Hunderte Fledermäuse, darunter auch Tiere aus Polen und Tschechien. "Winterquartiere wie diese sind Edelsteine in der Landschaft", sagt der Berliner Fledermausforscher Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW).

Wöchentlicher Abstieg in die Tiefe

"Hier herrscht eine fast hundertprozentige Luftfeuchtigkeit und es bleibt stets frostfrei. Für Fledermäuse sind das ideale Bedingungen", erklärt Norbert Bartel, der das Revier schon seit 1990 ehrenamtlich betreut. "In diesem Jahr haben wir hier 800 Fledermäuse, davon etwa 300 Große Mausohren". Bartel steigt jede Woche in die dunklen, zehn bis 15 Meter tief gelegenen Kellergewölbe hinab und schaut nach dem Rechten.

Viel hat er dabei schon erlebt: Kinder kokelten, Zigarettenschmuggler, die ihre Ware versteckten – eher kleine Fische im Vergleich zu einem Investor, der jahrelang vergeblich versuchte, das Gelände zu bebauen. "Jetzt gehört es der Stiftung Euronatur und ist sicher", so Bartel. Das Gebiet stehe inzwischen auch unter besonderem europäischem Schutz.

An die frühere Bierproduktion erinnert heute nur ein Haufen verrosteter Bügelverschlüsse. Einmal im Jahr führt Bartel Besuchergruppen durch die Gewölbe, Kammern und Verbindungsgänge, denn während des Winterschlafs dürfen die Tiere nicht gestört werden. An diesem Abend begleiten er und sein Mitstreiter Hans-Georg Gündel zwei Gruppen durch die Räume. Immer wieder lassen die Männer ihre Taschenlampen kurz über Decken oder Mauerritzen gleiten – und die Gäste betrachten neben dem Großen Mausohr auch Arten wie die Fransen-, Teich- oder Mopsfledermaus.

Hotspot für Große Mausohren

In Deutschland kommen aktuell 25 von weltweit rund 1.500 Arten aus der Gruppe der Fledertiere vor, die sich aus Fledermäusen und Flughunden zusammensetzen, wie Markus Melber vom Bundesverband für Fledermauskunde berichtet. In Frankfurt (Oder) wurden in den vergangenen Jahren gut ein Dutzend Arten gesichtet. "Für das Große Mausohr ist es eines der größten bekannten Überwinterungsquartiere Deutschlands überhaupt", ordnet Thomas Frey, Sprecher des Landesamts für Umwelt, ein.

Auch aus seiner Sicht ist die Lage des Quartiers "einzigartig". Vergleichbare Winterquartiere in urbanen Räumen der Region seien die Zitadelle Spandau und die großen Wasserwerke in Berlin Friedrichshagen und Tegel. In Brandenburg biete die Brauerei Wiesenburg vergleichbare Bedingungen.

Rätselhafter Rückgang der Wintergäste

Viele Jahre lang zählten Bartel und andere Ehrenamtliche etwa 2.000 überwinternde Tiere. "Seit 2017/18 haben wir einen langsamen Rückgang, aber in den vergangenen Jahren wurde er stärker und es ist nicht so richtig klar, woran es liegt", sagt Bartel. Es gebe verschiedene Erklärungsansätze, wahrscheinlich greife ein ganzes Bündel an Faktoren ineinander, so der ehrenamtliche Naturschützer vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Ein möglicher Grund: das veränderte Wassermanagement im Gebäude. Das marode Dach musste gesichert werden, nun wird Regenwasser gezielt in das Gebäude geleitet, um die Luftfeuchtigkeit zu erhalten. Gleichzeitig ist die Einflugschneise aus Polen inzwischen dichter bebaut, und durch den Insektenschwund fehlt den Tieren zunehmend Nahrung.

Christian Voigt hält den Rückgang für besorgniserregend – auch, weil er dem bundesweiten Trend widerspricht. Auch er sieht die Dachsanierung als möglichen Faktor: "Maßnahmen, die direkt am Quartier ergriffen werden, können sich massiv auf das Mikroklima auswirken, die Luftfeuchtigkeit ist entscheidend", so Voigt. Laut Bartel soll das Wassermanagement noch optimiert werden.

Deutschlandweit erholen sich die Bestände noch immer

Generell seien die Fledermausbestände in Deutschland noch immer in einer langen Erholungsphase. Um die heutige Situation zu verstehen, müsse man zurückblicken, so Voigt: "In den 1960er, 70er Jahren hatten wir heftige Bestandseinbrüche bei allen Fledermausarten im Zuge der Nutzung von DDT und anderen sehr toxischen Stoffen." Diese Giftstoffe hätten ganze Populationen dezimiert. Das sei auch der Grund, warum heute alle Fledermausarten streng geschützt sind.

Voigt betont: "Ein Weibchen bringt nur ein bis zwei Jungtiere im Jahr zur Welt – wenn so ein massiver Bestandseinbruch passiert ist, dauert es mehrere Jahrzehnte, bis man wieder bei normal angekommen ist." Bei Arten, die gut überwacht werden – vor allem solche, die in unterirdischen Quartieren überwintern – seien steigende Zahlen erkennbar.

Sorgen bereiten Arten, die auf Wälder und strukturreiche Lebensräume angewiesen sind. Deutschland trägt laut Voigt eine besondere Verantwortung für die Mopsfledermaus und die Bechsteinfledermaus, "die besonders jetzt durch die Intensivierung der Waldbewirtschaftung leiden." Deutlich negative Trends sieht er zudem beim Grauen Langohr, dessen Rückgang rätselhaft sei: "Wir verzeichnen über Jahre hinweg einen Bestandsrückgang, den wir uns schwierig erklären können." Ähnliches gelte für die Teichfledermaus.

Viele Fledermäuse sterben an Windrädern

Ein Blick auf wandernde Fledermausarten offenbare ein zusätzliches Problem. Diese Arten überwintern in Baumhöhlen und lassen sich daher kaum erfassen. Trotzdem beobachtet Voigt einen besorgniserregenden Trend: "Wir stellen fest, dass die Bestandszahlen dieser Fledermäuse tatsächlich abnehmen." Dieser Rückgang falle zeitlich zusammen mit dem Ausbau der Windenergie.

"Wir vermuten, dass der häufige Schlag von diesen Tieren an den Windkraftanlagen einen Tribut fordert", betont der Biologe und Spezialist für Fledermausökologie. "Wir haben im Schnitt zwölf bis 14 tote Fledermäuse pro Anlage und Jahr zu verzeichnen – bei 30.000 Anlagen kommt eine stattliche Summe zusammen", so der Forscher. Nur rund ein Drittel der Anlagen liefen mit einer Betriebssteuerung zum Fledermausschutz.

Geocacher und Lost-Places-Jäger stören Ruhe

Hinzu kämen weitere Gefährdungsfaktoren: Quartierverlust durch Gebäudesanierungen, Lichtverschmutzung, Insektenschwund und Störungen in Winterquartieren. Auch Freizeittrends wie Lost-Places-Touren oder Geocaching setzten überwinternden Tieren zu: "Wenn sie aufwachen, verbrennen sie Energie – und die fehlt ihnen am Ende des Winters."

Bundesverband für Fledermauskunde Stiftung Euronatur

dpa

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