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Terror: Osama Bin Laden - Die Jagd auf ein Phantom

Er hat al Qaeda geschaffen. Den Inbegriff des Schreckens seit dem 11. September 2001. Im Dezember vor fünf Jahren verlor sich jede Spur von ihm. Doch in seinem Namen wird weiter gebombt und gemordet. Ein stern-Team machte sich auf die Suche nach Spuren Osama bin Ladens in den unzugänglichen Bergen zwischen Afghanistan und Pakistan. Es traf auf ehemalige Kampfgenossen, Weggefährten und Gegner. In ihrem Krieg untereinander spielt der Saudi keine Rolle mehr. Er ist zum Mythos geworden.

Von Christoph Reuter

Kaum ein Hauch bewegt die kümmerlichen, verdorrten Grashalme. Es ist still zwischen den sonnendurchglühten Felsen, kein Tier, kein Mensch ist zu sehen. Nur ein paar angerostete Patronenhülsen vor einem Höhleneingang erinnern daran, dass hier im Dezember 2001 die große, entscheidende Schlacht im Krieg der USA gegen die Taliban stattfand: um Tora Bora, die Bergfeste an der Grenze zu Pakistan, wohin sich Osama bin Laden mit knapp tausend seiner Getreuen zurückgezogen hatte.

Seit Wochen bombardierte die US-Luftwaffe die Stellungen der Taliban, hatte Cofer Black, Chef der CIA-Anti-Terror-Abteilung, sich schon ausgemalt, bin Ladens Kopf "in einer Kiste mit Trockeneis dem Präsidenten zu präsentieren". Die Abhörspezialisten hörten die sanfte Stimme des Großterroristen, kleine Kommandos der Special Forces orteten seine Männer im Höhlenlabyrinth.

Aber dann ging alles schief. Denn drei Dutzend US-Spezialeinheiten waren die einzigen Amerikaner vor Ort. Ansonsten hatte das Pentagon praktiziert, was auch jeder Autokonzern tut: Outsourcing. Der Auftrag für die Bodenkämpfe war an zwei Warlords gegangen, Hazarat Ali und Haji Zaman. Lokale Bandenführer, skrupellos, gierig und korrupt bis auf die Knochen, die bald mehr damit beschäftigt waren, einander zu bekämpfen, als bin Laden zu jagen. Zumal ihre Männer sich das Entkommen Hunderter Al-Qaeda-Kämpfer mit Tausenden von Dollar bezahlen ließen. Haji Zaman bot bin Ladens Kommandeuren sogar einen Waffenstillstand an; die Amerikaner waren außer sich, aber es war zu spät. Am 16. Dezember entkam Osama bin Laden mit seiner Leibwache, auf Pferden und Maultieren durch das Tira-Tal nach Pakistan.

Vor knapp fünf Jahren verlor sich hier die Spur des meistgesuchten Mannes der Welt. Zwischen den schroffen Hängen jener Berge, die schon britische und sowjetische Armeen vergebens zu erobern versuchten. Über mehr als 2400 Kilometer verläuft die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan, ziehen sich die Bergketten von den Siebentausendern des Hindukusch herab nach Süden, gehen Gletscher über in Zedernwälder und münden schließlich in den kahlen Felsgraten Belutschistans.

Fünf Jahre, in denen bin Ladens Wahnidee vom Terror gegen den Rest der Welt immer neue Jünger angezogen hat, die verheerende Anschläge in London, Madrid, Istanbul, Moskau, Casablanca, in Saudi-Arabien, Indonesien, Pakistan, Tunesien, Jordanien, Ägypten verübten. Die allein im Irak Tausende bei Selbstmordanschlägen töteten. Die eine neue Angst über die Welt gebracht haben: Jeden kann es treffen, Deutsche, Briten, Pendler, Fluggäste, denn im Glauben der Attentäter ist jeder des Todes, der gegen sie ist. Zwei Kriege haben die USA in Afghanistan und im Irak - auch - gegen al Qaeda geführt, Bushs "war on terror" ist die Fortsetzung der Politik mit Folter und völkerrechtswidrigen Gefangenen- lagern. Im Namen der Freiheit werden Bürgerrechte aufgehoben. Und hinter allem steht ein Name: Osama bin Laden.

Aber wo ist er? Mit Satellitenbildern, raketenbestückten "Predator"-Drohnen und Tausenden Soldaten fahnden US-Militär und CIA nach ihm, haben alle Bäume, Gräser, Gesteinsformationen in seinen Videos analysiert, um den Ort der Aufnahmen zu ermitteln. 27 Millionen US-Dollar haben FBI und die US-Pilotenvereinigung für ihn ausgelobt. Wie zum Hohn auf alle Versuche, ihn zu fangen, meldet er sich zwar weiterhin mit rauschenden Tonbändern. Doch vom Mann selbst: keine Spur. Obwohl er seit Jahren nierenkrank ist. Und regelmäßig ans transportable Dialysegerät muss, das ihm nach Recherchen eines pakistanischen Journalisten vom Militärhospital in Rawalpindi nach einer letzten Blutwäsche just am 10. September 2001 überlassen wurde.

Ron Suskind, Ex-Reporter des "Wall Street Journal" und Bestsellerautor, hat in seinem neuesten Buch über die Jagd auf bin Laden & Co. die kargen bis surrealen Erfolge der CIA aufgelistet:
  • ein halbverwester Kopf, den einige Afghanen für 25 Millionen US-Dollar als Kopf von Al-Qaeda-Vize Ayman al-Zawahiri verkaufen wollten, war nicht der von al-Zawahiri;
  • die Festnahme eines "Hawala"-Bankiers in Dubai, der mittels Vertrauten ohne nachverfolgbare Überweisungen Geld transferiert und dies für al Qaeda getan haben soll, blieb ohne Ergebnis; ebenso die angebliche Entführung seines Bruders in Deutschland durch die CIA und sogar die Fortführung des Bankbetriebes durch pakistanischstämmige CIA-Agenten in Karachi - ein angeblicher Al-Qaeda-Plot, die New Yorker U-Bahn mit Blausäure zu vergasen, sei von al-Zawahiri persönlich wieder abgeblasen worden. Beweise dafür wurden allerdings nie gefunden.

Tora Bora, wo bin Laden 2001 in einer Winternacht verschwand, liegt im Sommer 2006 verlassen da wie das stille Auge eines Orkans: Denn nördlich und südlich des zerklüfteten Massivs ist Krieg auf beiden Seiten der Grenze. US-Truppen kämpfen gegen Taliban und versprengte Araber aus bin Ladens alter Gefolgschaft, Pakistans Armee tritt an gegen Stammeskrieger, die auf jeden schießen, der in ihr Terrain einmarschiert. Hier lebt eine Welt bedingungsloser Gastfreundschaft wie endloser Stammesfehden, der Treue unter Brüdern und des Hasses unter Cousins. Wo noch nie eine Regierung geherrscht hat, wo Hundertschaften Schwerbewaffneter zum Dschihad gegen alle Ungläubigen ausziehen und eine Kalaschnikow zärtlicher behandelt wird als eine Frau. Wo sich die Buhlknaben der Kommandeure mit Lidschatten und Blumen im Lauf ihrer Waffe schön machen. Eine Welt nicht ganz von dieser Welt. Osamas Welt. Irgendwo hier soll er sein.

Der Weg in diese Welt führt über eine Kette von Mittelsmännern und viele Treffen bei grünem Tee und Rosinen in eines der unzugänglichsten Bergtäler der Provinz Kunar: Kurangal. Taliban, heißt es, seien fast überall, aber die arabischen Kämpfer hielten sich dort auf. In Kunar und Umgebung haben die US-Truppen in anderthalb Jahren drei Hubschrauber und mehrere Dutzend Mann verloren. Kurangal versuchen sie seit Jahren ver- gebens unter Kontrolle zu bringen. Die Berge bieten ein fast perfektes Versteck. Und schon im Sommer 2001 fielen Araber in Pakistans Städten auf, die im großen Stil kleine Zelte, Schlafsäcke, Taschenlampen kauften und wieder verschwanden.

Nur wer ihre Gegner dort eigentlich sind, wird den US-Truppen auch nicht klar. "Wer auf uns schießt, ist unser Feind", wird Oberstleutnant Christopher Cavoli später konstatieren, der graumelierte Kommandeur der 700 Mann starken US-Truppe in Kunar: "Wen wir mit einer Panzerfaust im Gelände finden, ist unser Feind." Aber ob es sich um Taliban, al Qaeda oder wütende Stammesangehörige handelt, Schulterzucken: "Wir suchen sie, wir finden sie, wir töten sie." Doch allein schon das Finden ist schwierig: Unter dem blickdichten Grün der Wälder, in den Höhlen der Berghänge sind die Kämpfer kaum auszumachen, nur zu hören. Cavolis Funkexperten können die Walkie-Talkies und das Sprachengewirr aus Paschtu, Urdu, Arabisch abhören, aber die Geräte nicht orten. Nur der Kommandeur von Kurangal ist bekannt: Kaschmiri Khan, ein Veteran aller Kriege Afghanistans, der auf wundersamen Wegen steten Nachschub an Männern und Munition erhält.

Der gangbarste Weg nach Kurangal ist ein Umweg, von der anderen Seite des Massivs hoch bis in den Urwald, in dem das Tal der Dschihadis beginnt. Er führt von Jalalabad im Nordosten Afghanistans über eine ausgewaschene Piste und durch Staubwolken, die in jede Rit- ze dringen. Apache-Helikopter ziehen dicht über die Hänge, Minenkrater er- fordern akrobatische Lenkmanöver am Abhang. Dann geht es auf Maultieren weiter. Bald schmiegen sich zimmerkleine, frisch abgeerntete Opiumfelder ins enge Tal. Wo keine Straße ist, trauen sich auch die afghanischen Soldaten nicht hoch, da ist kein Staat, sondern regieren die "Maliks": die Herren der Stämme, Clans und Dörfer. Nach einem Tag wird es selbst den Maultieren zu steil, geht es einen weiteren Tag nur noch zu Fuß weiter.

"Hier herrsche ich!", empfängt schließlich mit dem Selbstbewusstsein eines Staatsoberhauptes Malik Asker Khan, der Herrscher über ein halbes Dutzend im Hang klebender Dörfer am Talende. Gegen die afghanische Regierung, selbst gegen die amerikanische habe er nichts, aber bestehe auf Augenhöhe bei etwaigen Verhandlungen: "Wenn sie hier einfach mit Soldaten hochkommen, bringen wir die um!" Genug Waffen hat er: Da es ihm Ehre und Pflicht zugleich sei, uns Gäste zu begleiten, nimmt er ein Dutzend seiner Männer mit auf das letzte Stück Weg; inklusive Kalaschnikows, einer Panzerfaust und mehreren Ersatz-Gefechtsköpfen, die bei jeder Rast behutsam ins Gras gebettet werden. Der Wald gehöre zwar ihm, dem Herren des Talendes - aber man wisse ja nie, ob man da oben nicht seinen Nachbarn begegne: einigen hundert Taliban und ein paar Dutzend Arabern.

Über sein Walkie-Talkie spricht Asker Khan mit seinen Männern an anderen Stellen des Tals, bis er plötzlich nervös wird: Beim Drehen am Frequenzsucher krächzt der süßliche Akzent aus Kandahar aus dem Gerät. Taliban. Höchstens anderthalb Stunden Fußmarsch entfernt. Es sei besser umzukehren ...

Bin Laden? Kopfschütteln, Lachen: "Nein. Das ist lange her. Bin Laden gibt hier keine Befehle mehr. Hekmatyar zieht hier die Fäden." Gulbuddin Hekmatyar, der Inbegriff des "Warlords": in den 80er Jahren einer der größten Empfänger amerikanischer Dollar-Millionen und Stinger-Raketen, waren es die Truppen seiner "Hezb-e-Islami", die ab 1992 im Bürgerkrieg halb Kabul einäscherten. 1996 floh er vor den Taliban ins Exil nach Teheran - und witterte 2002 seine Chance, deren Restbestände neu zu formieren. Er ging zurück nach Afghanistan und kooperiert blendend mit seinen Feinden von gestern. Washington sei Dank.

George W. Bushs Regierung mag immer noch glauben, unverrückbar geradeaus unterwegs zu sein im "war on terror". Doch im Laufe von fünf Jahren sind die US-Truppen vor Ort längst der Krümmung des politischen Raumes zum Opfer gefallen: und werden benutzt für die Ziele der Geheimdienste, Milizen, Stämme. Es begann schon 2001, als konkurrierende Clanchefs in Afghanistan nur zum Satellitentelefon greifen und ihre Widersacher als "al Qaeda" ausgeben mussten, um sie zuverlässig im US-Bombardement verschwinden zu sehen. Als jeder Pate des Heroin-Großhandels nur "bin Laden" raunen musste, um für ein paar erfundene Informationen nicht bloß in Ruhe gelassen zu werden, sondern noch kofferweise US-Dollar obendrein zu bekommen.

Viele haben den vollmundig verkündeten "Krieg gegen den Terror" im Allgemeinen und bin Laden im Besonderen für ihre Zwecke eingespannt - bis zu bin Laden selbst, der noch vier Tage vor den US-Präsidentschaftswahlen 2004 die Angst mit einem Video schürte: Amerika habe sich die Anschläge vom 11. 9. selbst zuzuschreiben: "Wenn wir die Freiheit hassen, warum haben wir nicht beispielsweise Schweden angegriffen?" Bush gewann die Wahl, einen größeren Gefallen (bis auf seine Festnahme) hätte ihm bin Laden kaum bereiten können. Vielleicht wollte er tatsächlich nicht auf den Präsidenten verzichten, der ihn vom Kriminellen zum Gegner auf Augenhöhe gemacht hat. Ein Joint-Venture zweier Todfeinde, die beide aus Angst und Hass Kapital schlagen.

Osama bin Ladens Anschläge haben die Welt verändert. Sein Credo vom allgegenwärtigen Kampf hat sich verbreitet wie ein Virus: der sich selbst repliziert unter jungen, zornigen Muslimen von London bis Jakarta und der keiner Fernsteuerung mehr bedarf. Doch darüber hinaus hat der Wanderprediger des Infernos letztlich nichts aufzubieten. "Er ist weder sehr charismatisch noch sonderlich intelligent", urteilt ein Pakistani, der jahrelang an seiner Seite gegen die Sowjets kämpfte: "Niemand allerdings hat sich bedingungsloser seiner Sache verschrieben, ist eher bereit, sich zu opfern, als er." Bin Laden ist ein Halbgott des Hasses auf alles Westliche, aber er ist kein Stratege wie Lenin. Er hat das Feld bereitet, aber es sind längst andere wie Hekmatyar, die es bestellen, die seinen Mythos umformen zur Macht.

Auch Hekmatyar hänge ab von einer höheren Macht, fährt der redselige Talherrscher auf dem Rückweg fort: "Ohne die Pakistanis läuft nichts!" Der ISI, "Inter Services Intelligence", Pakistans Geheimdienst, der schon in den 90er Jahren die Taliban aufbaute, schicke heimlich Männer und Material über die Grenze. Auf den Einwand, dass Pakistan doch auf Seiten der USA stehe, kommt nur eine wegwerfende Handbewegung und ein Schnalzen. Er höre doch die Funksprüche, seine Späher berichten ihm von Maultiertrecks und brandneuen Waffen. "Die Pakistanis wollen Afghanistan wieder unter ihre Kontrolle bringen. Dafür brauchen sie die Taliban."

Oberst Chris Vernon, der britische Befehlshaber in Südafghanistan, warf Pakistan im Mai offen vor, die Taliban zu unterstützen: "Ihr Hauptquartier ist im pakistanischen Quetta, von dort aus dirigieren sie ihr Netzwerk in Aghanistan!" Pakistans Militär dementierte empört, "das ist völlig absurd", so Generalmajor Shaukat Sultan, "wir wären doch verrückt, die Taliban-Kommandeure nicht zu verhaften, wenn sie in Quetta sind. Gebt uns präzise Hinweise, dass wir sie finden können".

Im Basar vor der US-Basis in Bagram bei Kabul erwarb ein Reporter der "Los Angeles Times" gestohlene USB-Speicherstifte mit als "geheim" markierten Lageberichten und Spitzellisten der US-Geheimdienste. Darauf fanden sich reihenweise jene Einschätzungen, die Washington tunlichst für sich behalten möchte: dass Pakistans ISI Taliban und deren Waffen nach Afghanistan schmuggle, dass deren Führung in Quetta residiere.

Aber warum das Doppelspiel? In Pe- shawar, der pakistanischen Grenzstadt, in der bin Laden in den 80er Jahren seine erste Basis aufschlug und bis heute glühende Anhänger hat, findet sich ein Mann mit exzellenten Beziehungen zum ISI, der erklärt, worum es geht. Für die Hardliner im Geheimdienst gebe es einen Feind, der viel gefährlicher sei als Osama bin Laden und alle Terroristen zusammen: "India", raunt der Mann, als handle es sich um eine geheime Verschwörergruppe. Indien, der ewige, übermächtige Angstgegner mit dem Pakistan drei Kriege ums geteilte Kaschmir geführt hat.

Washington mag glauben, dass es um bin Laden gehe. Für Pakistan ist er nur eine Figur im großen Spiel, ein Köder für die Amerikaner: den man jagen, aber deswegen noch lange nicht fangen sollte. Denn dann könnte es mit Washingtons dollarschwerem Wohlwollen rasch wieder vorbei sein. "Sollte das pakistanische Militär ihn aufspüren", setzt der Mann an, "wird sie ihn kaum festnehmen - sondern auf die andere Seite der Grenze treiben."

Ayman al-Zawahiri, der ägyptische Arzt und Chefideologe von al Qaeda, sei tatsächlich Anfang dieses Jahres in Waziristan auf pakistanischer Seite ge- wesen, sei dort gesehen worden. Auf seinen Befehl brachen mehrere hundert junge Männer aus Waziristan zum Kampf nach Afghanistan auf. Er ist bislang auch immer wieder entkommen, aber er hinterlässt zumindest Spuren. Bin Laden nicht.

Die meisten aus der alten Al-Qaeda-Führung sind tot oder sitzen in geheimen Knästen der CIA, vielleicht in den USA, vielleicht außerhalb, aber jeder Rechtsprechung entzogen. Und jedes Mal glaubten Bush, Cheney & Co. den Erfolg schon in greifbarer Nähe: als Ramzi Binalshibh, der Cheflogistiker des 11. 9., in Karachi verhaftet wurde; als die angebliche Nr. 3 von al Qaeda, Chalid Scheich Mohammed, in Rawalpindi gefasst wurde; als im Mai 2005 sein Nachfolger Abu Faraj al-Libbi von pakistanischen Agenten unter Burkas auf einem Friedhof geschnappt wurde. Doch was immer sie gestanden - und sie werden, falls sie die Verhöre überlebten, nicht viel für sich behalten haben -, der Aufenthaltsort bin Ladens war nicht darunter.

Vielleicht hatte er nie damit gerechnet, den 11. September lange zu überleben. "Ganz gleich, ob Osama getötet wird oder überlebt", ließ er am 27. Dezember 2001 auf al Jazeera verkünden, "das Erwachen hat begonnen, gelobt sei Gott!" Doch mittlerweile, da er nicht zum Märtyrer geworden ist, sondern bei lebendigem Leibe langsam an Bedeutung verliert, scheint ihm seine Rolle unbehaglich zu werden. Das zumindest legen seine immer rascher folgenden Botschaften nahe, die weniger Angst als Erstaunen hervorrufen. Mal bietet er den USA großmütig einen Waffenstillstand an, dann sammelt er die Offerte Monate später wieder ein. Mal kommentiert er den Bürgerkrieg im Sudan, mal den Wahlsieg der Hamas.

Al Qaeda hat keinen Ort mehr und auch kein Land, das sie erobern könnte, kein im entferntesten erreichbares Ziel. Das hat ihre Jüngerschaft allerdings nicht versiegen lassen, sondern vielmehr verändert. Das Profil der neuen Attentäter verengt sich auf die Gläubigen einer Sekte - aber dafür kommen die aus der halben Welt, aus Ländern und sozialen Schichten jenseits der Kampfzonen: Saudi-Arabien, Jordanien, Großbritannien, Deutschland; es finden sich in Europa geborene Muslime darunter ebenso wie Konvertiten. Ihre Heimwerkerbomben mögen in vielen Fällen versagen. Aber wenn sie explodieren, wie am 7. Juli 2005 in London, zeigen sie eines: dass es gar keines globalen Terrornetzwerkes oder überragender Intelligenz bedarf, um ein Inferno anzurichten, sondern haushaltsüblicher Zutaten, einiger aus dem Internet erhältlicher Rezepturen und des Willens zur Tat. Dass in London 52 Menschen ermordet wurden, ist tragisch genug. Aber im kleinen Kreis sagten die Zuständigen von Scotland Yard und MI 5, was sie auch und trotzdem waren: erleichtert. Eine Spur mehr Raffinesse bei Platzierung und Timing der Sprengsätze, eine Blockade mehrerer voll besetzter Züge in einem Tunnel, Feuer an den Ausgängen, und Hunderte hätten sterben können.

Es sind nicht nur die zornigen Jünger aus London und Casablanca, die längst ohne bin Laden auskommen. Viele Taliban, einst loyal bis zum eigenen Untergang, wollen lieber ohne ihn wieder an die Macht. Zumindest sagt das einer ihrer Kommandeure, Herr über 300 Kämpfer, der nach wochenlangen Vermittlungen bereit ist zu reden. Und dies an einem gewagten Ort: keine fünf Kilometer von der Überlandstraße und einer Polizeistation entfernt. An einer Tankstelle, zu der ein jählings auftauchendes Motorrad uns nach stundenlanger Fahrt durch die Steppe lotst. Reglos sitzen drei Greise im Schatten der Zapfsäule. Bis, mit einem Mal, 15 Motorräder aus allen Richtungen knattern, zwei, drei Bewaffnete auf jedem, weiß geflaggt, eine Kakophonie schlecht eingestellter Vergaser. "Commander Sharif" ist erst Ende 20 und zeigt sein Gesicht. Bis vor einem Jahr, sagt er, seien sie nur nachts unterwegs gewesen, vermummt, immer auf der Hut. Heute nicht mehr.

Schleichend, meist nicht durch Kampf, sondern durch Verhandlungen bei Tee und Rosinen, kommen sie an die Macht in Dörfern, Kleinstädten, nehmen den Polizisten Autos und Waffen ab und gewähren freies Geleit. Wieder, wie vor zehn Jahren: "Die Zeit ist auf unserer Seite! Die amerikanische Besatzung schweißt jetzt alle zusammen!" Sharifs Lächeln gefriert auf die Frage, ob sie auch Schulen niederbrennen wie die Taliban im Süden. "Nein, schaut dort hinten: eine Schule. Wir hier sind nicht gegen Schulen!" Sie hätten gelernt, beteuert er, sie wollten die Macht zurück und die Fehler von damals vermeiden. Vor allem einen: "Das mit Scheich Osama war falsch!" Ihre Nibelungentreue zum Terrorpaten hat sie damals die Macht gekostet, und um die geht es schließlich.

Mit al Qaeda wolle man nichts zu tun haben. Genauso wenig will dies die Hamas, die sich jede Einmischung verbat. Als Hisbollah-Chef Nasrallah am 20. Juli al Jazeera ein dreistündiges Interview gewährte und sich feiern ließ als Held der arabischen Welt, musste Ayman al-Zawahiri eine Woche später regelrecht betteln, bis auch er ein paar Minuten Sendezeit bekam.

Bin Ladens Dschihadisten waren so lange im Aufwind, wie sie den Nimbus der von "Kreuzzüglern" des Westens verfolgten Muslime aufrechterhalten konnten. Doch je wahlloser in ihrem Namen vor allem in muslimischen Ländern gemordet wird, je "erfolgreicher" sie zuschlagen, desto mehr verlieren sie - als kehre sich das Paradox des Märtyrers, der nur in der Niederlage siegreich sein kann, nun gegen sie. Gegen die Anschläge 2005 in Jordanien gingen Zehntausende auf die Straße, und als im Irak zwei marokkanische Diplomaten entführt wurden, protestierten 150 000 in Casablanca gegen die Drohung, die beiden zu ermorden.

Vielleicht hat der libanesische Dichter Adonis Recht gehabt, als er schon 2001 schrieb: "Bin Laden wird nicht von außen beseitigt werden können, gleichgültig, wie vernichtend dieses Äußere auch sein mag. Er wird nur von innen besiegt werden können, von der Gesellschaft, der er angehört, von der Kultur, aus der er hervorgeht."

Je länger man selbst in seinem angeblichen Rückzugsgebiet nach Spuren sucht, desto blasser werden sie. Als sei da nur noch die brüchiger werdende Stimme, die alle paar Monate auf al Jazeera zu hören ist wie ein Orakel. Selbst die für ihn geschaffene Fahndungstruppe der CIA ist Ende vergangenen Jahres aufgelöst worden - nicht nur, weil sie ihr Ergebnis schuldig blieb. Sondern auch, weil bin Ladens Fanatismus auf eine Art derart ansteckend zu sein schien, dass die Mitglieder der Abteilung sich selbst - nach Charles Mansons satanistischer Sekte - "the Manson Family" nannten, da sie selbst innerhalb der CIA als besessen galten.

"Um ihn ernsthaft zu suchen, brauchten wir eine Spur, Informanten, Intelligence", sprach ein frustrierter Fahnder: "Sobald wir den kleinsten Hinweis haben, reagieren wir. Aber alle Spuren sind kalt." Wie sagte es doch der Geheimdienstchef von Jalalabad bei geeisten Melonenstückchen und Lammeintopf: "Er wird mit einer Handvoll Leute an einem Ort sein und sich nicht von der Stelle bewegen."

Aber an welchem Ort?

Der Geheimdienstchef wanderte mit den Fingern über eine imaginäre Landkarte: "Nicht hier. Wahrscheinlich auch nicht in Pakistan, nirgendwo dort, wo die Amerikaner nach ihm suchen können. Sondern in einer unwegsamen Gegend, wo radikale Muslime leben, aber keiner ihn vermutet. Wie wäre es mit China?"

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