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Tod von Lech Kaczynski: Pilot missachtete Warnungen

Nach dem Flugzeugabsturz und dem Tod von Polens Präsident Lech Kaczynski laufen in Smolensk die Bergungsarbeiten - und die Ermittlungen zur Unglücksursache. Klar scheint: Der Pilot ignorierte mehrere Warnungen.

Nach dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine über Russland ist die Leiche von Staatschef Lech Kaczynski geborgen worden. Das berichtete die russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti unter Berufung auf Sicherheitskräfte vor Ort. Kaczynski war auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für die Opfer des Weltkriegs-Massakers von Katyn, als die Tupolew 154 beim Anflug auf das westrussische Smolensk mehrere Bäume streifte und abstürzte. Keiner der Insassen überlebte das Unglück.

Dem russischen Katastrophenschutzministerium zufolge saßen 96 Insassen in der Maschine, darunter 88 teils hochrangige Mitglieder der polnischen Delegation. Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin ordnete an, die Leichen der Absturzopfer zur Identifikation nach Moskau zu bringen. Dies gelte auch für die Leiche Kaczynskis, sagte ein Sprecher Putins.

Bestürzte Reaktionen aus aller Welt

Unterdessen kondolierte Kremlchef Dmitri Medwedew dem polnischen Volk ebenso wie Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Der britische Premier Gordon Brown würdigte Kaczynski als eine der "Schlüsselfiguren in Polens jüngster politischen Geschichte".

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy nannte Kaczynski einen überzeugten Totalitarismus-Gegner und Kämpfer für Werte wie Demokratie und Freiheit. Der israelische Präsident Schimon Peres würdigte ihn als einen "wahren Freund des Staates Israel". Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen bezeichnet den Tod des Präsidenten als eine "Tragödie für Polen".

An Bord der aus Warschau kommenden Maschine war neben Kaczynski seine Frau Maria Mackiewicz. Auch Vize-Parlamentschef Jerzy Szmajdzinski, Vize-Außenminister Andrzej Kremer, der Chef des Generalstabs, Franciszek Gagor, mehrere Parlamentarier sowie die engsten Mitarbeiter von Lech Kaczynski kamen bei dem Absturz ums Leben. Gestorben sei die "Elite der Nation", sagte der fassungslose Ex-Präsident Lech Walesa.

War es ein Pilotenfehler?

Über die Absturzursache wird bereits heftig spekuliert. Inzwischen verdichten sich die Hinweise auf menschliches Versagen als Unglücksursache. Der Pilot der polnischen Regierungsmaschine habe beim Anflug auf den russischen Flughafen Smolensk mehrere Befehle der Fluglotsen ignoriert, die Landung abzubrechen und einen anderen Flughafen anzusteuern, sagte der Vize-Chef der russischen Luftwaffe, Alexander Aljoschin.

"Bei einer Entfernung von 2,5 Kilometern stellte der Leiter der Luftraumüberwachung fest, dass die Crew die Geschwindigkeit im Senkflug beschleunigte", sagte Aljoschin. Der Tower habe daraufhin den Befehl gegeben, das Flugzeug in eine horizontale Position zu bringen. Als die Crew diesem Befehl nicht gefolgt sei, hätten die Fluglotsen dem Piloten mehrmals angeordnet, einen anderen Flughafen anzusteuern. "Die Crew setzte den Landeanflug trotzdem fort. Unglücklicherweise endete dies in einer Tragödie", sagte Aljoschin. Laut Interfax stürzte die Maschine beim vierten Landeversuch ab.

Der Flugschreiber ist inzwischen sichergestellt. Die russische Generalstaatsanwaltschaft teilte mit, dass als Unglücksursache das neblige Wetter, ein technischer Defekt oder menschliches Versagen infrage kämen. Kremlchef Dmitri Medwedew setzte eine Untersuchungskommission unter Leitung von Regierungschef Wladimir Putin ein. Die historisch schwierigen Beziehungen zwischen Russen und Polen hatten sich zuletzt deutlich gebessert.

Der Premier weint, das Volk betet

Ersten Meldungen zufolge raste die Maschine beim Anflug auf den Flughafen in mehrere Bäume und fing Feuer. An der Unglücksstelle südlich von Smolensk lagen zahlreiche Wrackteile des in den polnischen Farben Rot und Weiß gestrichenen Flugzeugs verstreut. Feuerwehrleute versuchten, das brennende Wrack zu löschen. Zeitpunkt des Absturzes: 10.50 Uhr Ortszeit (8.50 MESZ).

In Warschau herrscht tiefe Betroffenheit. Regierungschef Donald Tusk brach in Tränen aus, als er von der Nachricht hörte. Er rief das Kabinett zu einer Sondersitzung zusammen. Tusk steht in direkter Verbindung mit Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski. Nach der polnischen Verfassung übernimmt der Chef des Abgeordnetenhauses nach dem Tod des Staatschefs dessen Amtsgeschäfte. Vor dem Präsidentenpalast in Warschau versammelten sich spontan Hunderte von Menschen zum Gebet. Angesichts der Tragödie flatterte die Staatsflagge auf Halbmast, während die Trauernden vor dem Gebäude Kerzen anzündeten.

Delegation war auf dem Weg zu Gedenkenfeier

Der 60-jährige Kaczynski wollte mit einer Delegation an der Gedenkfeier für die Ermordung polnischer Soldaten durch den sowjetischen Geheimdienst vor 70 Jahren im russischen Katyn teilnehmen. Dort hatte es bereits am Mittwoch eine Gedenkfeier mit Putin und Tusk gegeben.

Kaczynski war seit Dezember 2005 Präsident von Polen. Zusammen mit seinem Bruder Jaroslaw gründete er die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Er trat für einen starken Staat ein und betonte stets nationale Werte. Lech Kaczynski war seit 1978 mit seiner früheren Studienfreundin Maria verheiratet. Das Paar hat eine Tochter.

Erste Reaktionen aus Deutschland trafen bereits kurz nach dem Absturz ein. Sie sei "zutiefst bestürzt", sagte Bundeskanzerlin Angela Merkel, die am Mittag kondolierte. "Ganz Deutschland steht in dieser schweren Stunde in Mitgefühl und Solidarität an Ihrer und der Seite Polens", schrieb Merkel an Tusk. Außenminister Guido Westerwelle sprach von einer tragischen Stunde für das deutsche Nachbarvolk.

AFP/DPA/Reuters / DPA / Reuters