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Metin Kaplan: Gefährlich dumm

Untergetaucht oder krankgemeldet? Tagelang hielt Islamistenführer Metin Kaplan die Republik zum Narren. Zur Groteske allein taugt der Fall nicht: Kaplan, intellektuell eher schlicht, predigt Hass.

Auch Kalifen haben einmal klein an gefangen. In einer Etagenwohnung in Köln-Nippes zum Beispiel. Ein Dutzend bärtiger Männer hockt im Schneidersitz auf grauem Teppichboden. Gestandene Muslime, unter denen Metin Kaplan trotz seiner 32 Jahre wie ein pubertierender Jüngling wirkt. Sein Bart ist dünn und fransig, der weiße Turban in die Stirn gerutscht. Immer wieder fallen ihm die Augen zu. Metins Vater predigt mal wieder. Und das kann dauern.

Lang und breit erklärt Cemaleddin Kaplan seinen Mannen, wie er aus der heimatlichen Türkei wieder einen Gottesstaat machen würde: Die Atatürk-Anhänger müssten entmachtet, Juden und Christen vertrieben, das alte Kalifat am Bosporus neu errichtet werden. Die Bärtigen murmeln Zustimmung. Wenn der alte Kaplan Stimme und Zeigefinger hebt, greift Metin wie ein ängstliches Kind nach der Hand des Vaters. Gotteskrieger sehen anders aus.

"Der kleine Muck" nennen einige den schmal gewachsenen Metin. Er soll, so heißt es, gar nicht der leibliche Spross des alten Kaplan sein. Metin sei der Sohn von Cemaleddins Schwester. Der Prediger habe ihn 1952, wenige Wochen nach der Geburt, als seinen Sohn amtlich registrieren lassen. Er selbst hat das immer bestritten.

Verlust an Gehirnsubstanz "in auffälligem Ausmaß"

Bereits früh wurden bei Metin Kaplan neurologische Probleme auffällig. Eine "frontale corticale Hirnatrophie" attestieren deutsche Ärzte später im Rahmen eines Prozesses - einen Verlust an Gehirnsubstanz "in auffälligem Ausmaß". Die Imam- und Predigerschulen in Ankara und Adana hat Kaplan junior mit Müh und Not und "ausreichend" absolviert. Hier, im Kölner Exil, hat der Alte Metin zu seinem Privatsekretär gemacht. Der Filius gibt den islamischen Kalender der Kaplan-Gemeinde heraus. Viel falsch machen kann er da nicht.

Was an diesem Tag Mitte der achtziger Jahre auf dem Teppichboden in Köln-Nippes keiner in der Runde der Bärtigen für möglich gehalten hätte: Der blasse und ängstliche "kleine Muck" wird 20 Jahre später der prominenteste Islamistenführer in Deutschland sein und als "Staatsfeind Nummer eins" in den Schlagzeilen stehen. Er wird den Innenminister eines der größten deutschen Bundesländer in Bedrängnis, den mühselig gefundenen Zuwanderungskompromiss zum Wanken bringen und die Bundesrepublik Deutschland dem internationalen Gespött preisgeben.

Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber sieht in Metin Kaplan einen Hassprediger, mit dem kurzer Prozess gemacht werden müsste. Der Verfassungsschutz hält Kaplan und seine Anhänger für die zumindest "verbal radikalste" aller islamistischen Organisationen in Deutschland. Der Bundesnachrichtendienst schließlich will gar Kontakte der Kaplan-Anhänger zum Terrornetzwerk al Qaeda festgestellt haben. Hartgesottene Islamisten, die in Afghanistan und Tschetschenien im "Heiligen Krieg" kämpften, nennen Kaplan und seine Anhänger allerdings verächtlich "Schwätzer".

Für Metin Kaplan waren die Fußstapfen seines Vaters, in die er nach dessen Tod im Mai 1995 trat, immer ein paar Nummern zu groß. Der war ein Kämpfer.

Köln als Residenzstadt des Kalifen

Er kandidiert 1977 in der Türkei bei den Wahlen zum Parlament für die Nationale Heilspartei. 1981 reist er als so genannter Verkünder der "Vereinigung der Neuen Weltsicht in Europa" (Milli Görüs) nach Deutschland. Nach dem Bruch mit Milli Görüs gründet er 1992 auf einer Großveranstaltung in Koblenz den "Islamischen Bundesstaat Anatolien". 1994 ernennt sich Cemaleddin Kaplan in der Kölner Ulu-Moschee selbst zum "Emir der Gläubigen und Kalif der Muslime". Er ruft den "Kalifatstaat" mit der Hauptstadt Istanbul aus. Allein die widrigen Verhältnisse in der von der türkischen Regierung "besetzten" Stadt machten es notwendig, vorübergehend Köln am Rhein als Residenzstadt des Kalifen zu betrachten.

Als Cemaleddin Kaplan ein Jahr später auf dem Sterbebett liegt, der Kalifatstaat nach Meinung der "rechtgläubigen" Muslime aber nicht einen Tag ohne Kalif sein darf, bedrängen ihn seine Jünger: "Wer soll dein Nachfolger werden, o Emir?" Weil der schwer herzkranke Prediger kaum noch sprechen kann, soufflieren seine Vertrauten ihm immer wieder den Namen des Sohnes: Metin. Schließlich, behaupten Metin Kaplans Männer noch heute, habe der Sterbende genickt.

Glaubt man dem türkischen Geheimdienst, dann gingen Kaplans Kämpfer kurz nach Metins Machtantritt 1995 von rabiater Rhetorik zur Planung terroristischer Taten über. 23 Kaplanisten wurden in der Türkei verhaftet. Die Anklage: In einem Sportflugzeug hätte sich ein Teil der Gruppe am 75. Geburtstag der modernen Türkei auf das Atatürk-Mausoleum stürzen wollen. Zeitgleich habe die Fatih-Moschee in Istanbul gestürmt werden sollen. Westliche Sicherheitskreise haben arge Zweifel an dieser Darstellung. Nach ihrer Meinung reichte die Logistik des Kaplan-Verbandes nie und nimmer für ein solches Unternehmen.

Reichtum durch Abkassieren der Mitglieder

Der "Staat" des Kalifen Kaplan hatte es durch das bei Sekten übliche Abkassieren der Mitglieder in den 90er Jahren zu beträchtlichem Reichtum gebracht. Moscheen und Grundstücke wie das 4300 Quadratmeter große Gelände in Köln-Nippes gehörten dazu. Dort wurden heilige Schriften verkauft, aber auch das beste Lammfleisch Kölns. Kaplan hatte eigens die Handelsorganisation "Kar Bir" gegründet, die diese Läden betrieb. Der Einkauf dort war für einen gläubigen Muslim Pflicht. "Mit dem Kar-Bir-Handel wird beabsichtigt, dass unsere Leute ehrlich erworbene Lebensmittel essen und dass man ein paar Groschen verdient, um die Verkündungsarbeit fortzusetzen", ließ Metin seine Gemeinde in der Verbandszeitung "Ümmet-i Muhammed" wissen.

Seine Jünger spazierten in weiten Pluderhosen und mit schwarzen Turbanen durch die Domstadt. Der Kalif selbst trug zur Betonung seiner Würde stets einen weißen Turban zu feinem dunklem Anzug mit einem grauen Umhang, der Burda, darüber. Wie einst der Prophet.

Im S-Klasse-Mercedes ließ Metin sich zu den Gemeinden fahren, um dort zu predigen und zu sammeln. Die Spendengelder flossen so reichlich, dass die Polizei 1999 bei einer Durchsuchung seiner Wohnung Gold und Geld im Wert von zwei Millionen Mark fand. Güldene Armreife lagen unter der Schmutzwäsche des Kalifen. Zwei graue Plastiktüten waren voll gestopft mit Geldbündeln.

Als religiöser Führer eine Niete

Geld allein aber macht auch einen Kalifen weder glücklich noch erfolgreich. Als religiöser Führer war Metin Kaplan immer eine Niete. Mit der Machtübernahme verlor sein "Staat" scharenweise die Bürger. Auf nur noch 550 schätzte der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz im Jahr 2000 die Zahl der Untertanen. Viele Abtrünnige hatten von Anfang an einen anderen Favoriten für das Kalifenamt: Generaljugendemir Ibrahim Sofu.

Der hat in Berlin Medizin studiert und brütet gerade über seiner Doktorarbeit, als der alte Kaplan stirbt. Sofu, den sie im Verband schon während seines Studiums nur "Dr. Yusuf" nannten, ist der Lieblingsschüler des Alten, in den Monaten vor dessen Tod auch sein Leibarzt. Der bauernschlaue Sohn Kaplan erkennt in Vaters Liebling sofort den Rivalen. Er will Sofu von Berlin nach Köln zurückbeordern. Als der sich weigert, setzt Kaplan ihn als Generaljugendemir ab. Sofu erklärt sich daraufhin selbst zum neuen Kalifen, nennt sich "Dr. Yusuf Ibrahim Sofu, Emir der Gläubigen und Kalif der Muslime". Es kommt zum Kampf der Kalifen.

Metin Kaplan veröffentlicht im Juli 1996 eine so genannte Todes-Fatwa: "Was geschieht mit jemandem, der sich zum zweiten Kalifen erklärt, obwohl es bereits einen gibt? Antwort: Jener Mann wird aufgefordert, der Untat abzuschwören. Wenn er es nicht tut, wird er getötet." Als Sofu auch drauf nicht reagiert, beschließt Metin Kaplan, in der Berliner Hochburg des abtrünnigen Sofu Flagge zu zeigen. Die Hochzeit eines jungen türkischen Ringers erscheint ihm als geeignete Bühne. Am 1. September bricht Kaplan mit 50 Mann Gefolge nach Berlin auf. Ein Chor begleitet ihn, und auch die verbandseigenen Videofilmer müssen mit.

Ein Prediger unter Dampf

In Berlin warten im Festsaal schon 200 Türken auf die hohen Gäste. Die Damen feiern getrennt in einem Frauensaal. Kaplan hat nicht vor, auch nur ein Wort über das Glück des Brautpaares zu sagen. Als er an das Rednerpult tritt, das mit der grünen Fahne des Kalifatstaates geschmückt ist, steht er unter Dampf, wie sich einer der Hochzeitsgäste erinnert: "Schluss mit dem falschen Kalifen", habe er in den Saal geschrien. Und: "Nimm deine fünf Sinne zusammen. Nimm deinen Verstand zusammen, bevor der Tod anklopft. Man weiß nie, wer den Morgen erlebt und wer nicht."

Die Aufrufe Kaplans, die Tötung des bei der Hochzeitsfeier nicht anwesenden Sofu "selbst in die Hand zu nehmen", bleiben nicht ungehört. Am 8. Mai 1997 wird Ibrahim Sofu hingerichtet. Ein Killerkommando dringt nachts in seine Wohnung ein. Die Männer tragen schwarze Masken. Neun Schüsse feuern sie in das Gesicht des Mannes, der zwischen seiner Frau und seinem jüngsten Kind liegt, einem wenige Monate alten Säugling. Die Täter sind bis heute nicht gefasst.

Nach dem Mord an Sofu ermittelt der Generalbundesanwalt gegen "den muslimischen Theologen Muhammed Metin Kaplan", weil der "in einer Versammlung zu einer rechtswidrigen Tat aufgefordert" habe. Im März 1999 wird Kaplan festgenommen. Ein knappes Jahr später beginnt vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht der Prozess gegen den selbst ernannten Kalifen. Kaplan verteidigt sich: Er habe lediglich Koranverse zitiert und sich damit im Rahmen der grundgesetzlich geschützten Religionsfreiheit bewegt.

Das Gericht ist nicht beeindruckt. "Dass in Deutschland die Aufforderung zur Tötung eines Menschen verboten ist, war auch dem Angeklagten klar", sagt der Richter nach 56 Verhandlungstagen in der Urteilsbegründung. Kaplan wird zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Dass Kaplan trotz seines Gehirnschadens Menschen radikalisieren und für sich einnehmen konnte, ist für den psychiatrischen Sachverständigen Professor Norbert Leygraf kein Widerspruch: "Der neurologische Befund zeigt deutlich erkennbare Zeichen einer vegetativen Übererregbarkeit."

"Zum Helden und Märtyrer mutiert"

Noch während der Haftstrafe lässt Bundesinnenminister Otto Schily im Herbst 2001 Kaplans Religionsverein verbieten. Seither fordert er die Abschiebung des Predigers in die Türkei. Im Mai 2003 hat Kaplan seine Strafe verbüßt. Seitdem lebt er mit seiner Frau und vier Kindern im fünften Stock eines Hochhauses in Köln-Chorweiler. 258 Familien wohnen in dem Haus, darunter viele Freunde Kaplans, die Nationalitäten sind bunt gemischt. Die Behörden nennen dies und zwei weitere Häuser an der Osloer Straße "sozialen Brennpunkt". Kaplan aber fühlt sich hier wohl, wie Vertraute versichern. "Nach seinem Gefängnisaufenthalt ist Kaplan bei seinen Anhängern zum Helden und Märtyrer mutiert", sagt ein Verfassungsschützer.

Der Gewalt hat Kaplan gleich nach der Haftentlassung abgeschworen. Er wolle künftig mit den Deutschen in Frieden zusammenleben, erklärte er. Er ist sehr darauf bedacht, seinen Asylstatus nicht zu gefährden. In letzter Zeit jedoch konnte Metin Kaplan seiner wöchentlichen Meldepflicht wegen seiner Erkrankung oft nicht nachkommen. Der Prediger leidet an Prostatakrebs, sein gesundheitlicher Zustand ist schlecht. Inzwischen sind nach Auskunft von Kaplans Anwältin auch Leber und Darm von Krebs befallen. Am Pfingstmontag meldete er sich beim zuständigen Polizeirevier und beendete das Rätselraten um seinen Verbleib.

Im Düsseldorfer Innenministerium bereitet man sich nun auf eine neue "lange Leidensgeschichte" in Sachen Kaplan vor. Die Krankheit des "Kalifen von Köln" könne zwar auch in der Türkei behandelt werden. Es stelle sich aber die Frage: "Ist Metin Kaplan reisefähig - und wenn ja, wie lange noch."

Gerd Elendt und Werner Schmitz / print