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Michael Streck: Last Call: Schwule Esel und Menschen, die auf Pfützen starren

Es war kein gutes Jahr, ganz gewiss nicht. Aber vor allem die Briten schenkten uns auch ein paar erinnerungswürdige Momente. Michael Streck blickt auf sie zurück.

Der Brexit: Für stern-Korrespondent Michael Streck die Dämlichkeit des Jahres.

Der Brexit: für stern-Korrespondent Michael Streck die Dämlichkeit des Jahres.

Alle sagen, dass 2016 ein Kackjahr war. Ich auch. Und zu allem Überfluss ist es sogar noch eine Sekunde länger als üblich. Wie soll man das aushalten? Vielleicht, indem man sich an ein paar unvergessliche Momente erinnert, jenseits von und Terror. Viele dieser unvergesslichen Momente des Jahres bescherte uns das Vereinte Königreich. Eine sehr persönliche Hitparade.

Versager des Jahres:

Das Ausscheiden Englands gegen Island bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Auch in persönlicher Hinsicht ein Highlight, denn es war nur drei Tage nach dem Brexit und hob die Laune immens. Während das Spiel lief, saßen wir im Theater, und als wir das Theater verließen und auf die Straße traten, lag schon eine herrliche Stille über dem Leicester Square. Kein Jubel aus Pubs, Stille nur. Joe, Freund der Tochter, wollte das Ergebnis nicht wissen, wir hatten das Spiel eigens für ihn aufgezeichnet. Wir fuhren also nach Hause, Island führte beim Einsteigen in die Tube und hatte beim Aussteigen gewonnen. Wir schauten das Spiel dann alle gemeinsam. Nach dem Spiel brauchte Joe einen Whisky. Ich liebe die englische Nationalmannschaft. Auf nichts ist mehr Verlass in diesen Zeiten. Fortsetzung folgt bei der WM in Russland. Versprochen.


Thor des Jahres: 

David Cameron. Versprach seinem Volk ein Referendum über die EU. Hielt das Versprechen. Glaubte an einen Sieg. Wurde aber nichts draus. Er ist nun die EU los und seinen Job natürlich auch. Was wird wohl auf seinem Grabstein stehen?


Thor des Jahres II:

Boris Johnson. Die ganze Welt darf zuschauen, wie ein Mann, der mal an Europa glaubte, dafür warb, Europa zu verlassen. Nun darf er als Außenminister die Scherben zusammenkehren


Tor des Jahres:

Und noch einmal, weil es so schön ist. Das 2:1 der Isländer gegen durch, natürlich, wen auch sonst?, Sigthorsson. 


Dämlichkeit des Jahres I: 

John Rees-Evans bewarb sich um den Vorsitz der europafeindlichen Rechtspopulisten von . Er wuchs in Afrika auf, besitzt neben einem Anwesen in Frankreich auch eines in Bulgarien, auf dem er im Falle eines Krieges gern einen Bunker errichten würde. So recht traut er den Bulgaren aber nicht. Einmal, heißt es, trug er einen Revolver in einen bulgarischen Ikea-Laden, man weiß ja nie. In diesem Jahr schenkte er der Welt einen bemerkenswerte Beobachtung: Ein schwuler Esel habe seinen Hengst besteigen wollen. "Ich habe das selbst beobachtet." Wohlmeinende nennen ihn exzentrisch, weniger Wohlmeinende halten ihn für einen Esel.


Dämlichkeit des Jahres II:

Brexit.


Stunt des Jahres: 

Jamie Rawsthorne und sein Freund Zac Alsop verkleideten sich beim Umzug der britischen Olympiamannschaft in Manchester als Olympioniken, trugen die originalen Trainingsanzüge und dazu falsche Medaillen um den Hals. Sie bestiegen einen offenen Bus, winkten den Menschen am Straßenrand zu und gaben sogar Interviews. Sie flogen aber auf. Die beiden hatten sich als Fechter ausgegeben, in dem Glauben, britische Fechter würde ohnehin keiner kennen. Sie hatten Recht und Unrecht zugleich. Unglücklicherweise bestiegen sie den falschen Bus. Nämlich ausgerechnet den mit den britischen Fechtern drauf.


Name des Jahres:

Boaty McBoatface. Im April kam es bereits zu einem Testlauf für das Referendum. Auch dessen Ausgang war eher unbefriedigend. Der britische Forschungsrat hatte die Öffentlichkeit aufgefordert, einen Namen für sein neues Polarschiff zu finden.

In der Online-Umfrage siegte das großartig sinnfreie "Boaty McBoatface" mit fast 125.000 Stimmen überwältigend deutlich. Das Ergebnis wurde dennoch kurzerhand für hinfällig erklärt – was vielleicht auch eine Lösung für das andere Referendum wäre. Der Kahn heißt nunmehr langweilig, aber politisch korrekt "RRS Sir David Attenborough", nach einem ziemlich berühmten Tierfilmer.


Fernsehereignis des Jahres:

Planet Earth II, erzählt von dem ziemlich berühmten Tierfilmer Sir . Famose BBC-Dokumentation in sechs Teilen. Nie zuvor gesehene Aufnahmen von Vögeln, Schlangen, Echsen, Insekten, Schneeleoparden und Leoparden in indischen Großstädten. Zum Schreien gut. Ein Ausschnitt hier, nur ganz leicht verfremdet.



Aufsteiger des Jahres:

Leicester City. Die im Vorjahr noch abstiegsbedrohte Mannschaft wurde sensationell englischer Fußballmeister.


Absteiger des Jahres:

Leicester City. Der englische Meister spielt jetzt wieder gegen den Abstieg.


Geste des Jahres:

Joe Bartley aus Devon, 89 Jahre alt und nimmermüde, schaltete eine Anzeige in seiner Lokalzeitung, in der er sich um einen Job bewarb: "Rentner sucht Anstellung in der Paignton-Gegend. 20 Stunden + pro Woche. Kann putzen und leichte Gartenarbeit erledigen und alle Arten von Reparaturen. Alter Soldat, Witwer. Retten Sie mich vor dem Tod durch Langeweile!" Er wurde gerettet und serviert nunmehr in einem kleinen Café.


Arschloch des Jahres:

Die bei Weitem schwierigste Kategorie, weil die Mutter aller Arschlöcher immer schwanger ist. Und ergo die Auswahl groß. Weltweit sowieso, aber auch auf der Insel. But the winner is: Nigel Farage. Der UKIP-Mann räumte in der ominösen Brexit-Nacht erst eine Niederlage ein, zog sein Statement wieder zurück, forderte später, dass fortan der 23. Juni nationaler Feiertag werden sollte, "Independence Day". Dann trat er zurück als UKIP-Chef. Seine Begründung: "Ich will mein Leben zurück."


Replik des Jahres:

"Und ich möchte meine Europäische Union zurück, du Stück Scheiße!" Die walisische Sängerin Charlotte Church antwortet Nigel Farage.


Zahl des Jahres I:

17.410.742. Stimmenanzahl für den Brexit.


Zahl des Jahres II:

20.000. Zahl der Briten, die im Januar via Periscope auf eine Pfütze in Newcastle starrten.


Politiker des Jahres:

Gary Lineker, Sportmoderator, ehemaliger Weltklassespieler und Stimme der Vernunft in einer zur Zeit reichlich unvernünftigen Nation. Lineker legte sich erst mit Rechtsauslegern an, die das Alter von Flüchtlingskindern aus Calais bezweifelt hatten. "Das Verhalten von einigen gegenüber den jungen Flüchtlingen ist abscheulich rassistisch und völlig herzlos. Was passiert mit unserem Land?", fragte er auf Twitter. Danach brach die Hölle los, und Lineker wurde aus dem braunen Sumpf heraus bepöbelt. Das hält ihn aber glücklicherweise nicht davon ab, weiter standhaft zu bleiben. Neulich legte er in der satirischen Fernsehsendung "Have I Got News for You" nach. Er sprach: "Der britische EU-Botschafter Sir Ivan Rogers, hat angekündigt, dass der Brexit-Deal bis zu zehn Jahre dauern könnte. Das ist nicht fair. Denn die meisten Leute, die dafür gestimmt haben, wären dann tot." Es gab den üblichen Aufschrei. Egal. Lineker ist politisch jedenfalls deutlich luzider und präsenter als der Chef der Labour-Party.


Tweet des Jahres:

"Wenn Ihr glaubt, 2016 war schlecht – ich veröffentliche 2017 ein neues Album." Der britische Pop-Sänger James Blunt:


Nun ist 2016 bald vorbei und diese Kolumne zu Ende. Der englische Comedian John Oliver verabschiedete das laufende Jahr bereits im November und ließ ihm von allen möglichen Leuten ein zünftiges "Fuck you 2016!" nachrufen. Einer sagte dann noch: "And fuck you 2017. I hate you already." Ich schließe mich den Wünschen meiner Vorredner vorbehaltlos an.