Sie sitzen seit 2002 in Guantánamo, könnten aber schon seit fünf Jahren wieder frei sein. Doch niemand will sie: In ihrer Heimat China droht den 17 Uiguren Folter oder gar die Hinrichtung, Deutschland diskutiert über ihre Aufnahme. Wer sind eigentlich diese moslemischen Chinesen, derentwegen sich Washington und Berlin streiten? Von Katja Gloger und Niels Kruse

Uiguren vor einer Moschee in Peking: "Uns geht es schlimmer als den Tibetern"© Teh Eng Koon/AFP/DDP
Er war geflohen wie viele junge Männer. Er fürchtete, dass man ihn wieder verhaften würde. Die chinesische Polizei hatte den Bauern Adel Noori während einer Razzia in der Provinz Xinjinag aufgegriffen, sie ging gegen die moslemischen Uiguren in der unruhigen Provinz im Nordwesten vor. Sechs Monate saß Adel Noori in einem Gefängnis, er hatte Glück, überlebte, dann floh er aus Xinjiang nach Richtung Westen. Erst nach Kirgistan, dann nach Kasachstan, er musste stets mit seiner Auslieferung nach China rechnen. Irgendwann Mitte der 90er Jahre floh er nach Afghanistan, in ein moslemisches Land. Viele seiner Landsleute waren schon dort. Dort könne man billig leben, vor allem: Afghanistan würde Uiguren nicht an China ausliefern.
Adel Noori fand Unterkunft in einem Haus in Kabul, zusammen mit anderen Uiguren. Doch er hoffte weiter, dass es für ihn eines Tages ein Ticket in den Westen geben würde, am liebsten eines für Amerika oder Deutschland.
Dies ist die Geschichte, die die New Yorker Anwältin Seema Saifee über ihren in Guantánamo einsitzenden Mandanten Adel Noori erzählt. Sie vertritt ihn seit Jahren, sie sagt, dieser Mann sei kein Terrorist. Sie sagt, er sei ein friedlicher Mann, der ein friedliches Leben leben will. So wie die anderen Anwälte der insgesamt 17 Uiguren im US-Militärgefängnis Guantánamo, die jetzt mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit traten: Keiner ihrer Mandanten sei ein Terrorist. Alle wollten friedlich leben. Die Frage ist nur: wie friedlich?
Adel Noori, 39, ist im Westen angekommen. Allerdings nicht in der ersehnten freien Welt, sondern dort, wo der Westen alles verraten hat, was ihm heilig ist: in Guantánamo Bay. Seit sieben Jahren wird er in der US-Militärbasis gefangen gehalten, er gehört zu den am längsten dort einsitzenden Gefangenen. Eigentlich könnte Adel Noori schon seit mehr als fünf Jahren ein freier Mann sein, so lange schon wollen ihn die US-Behörden gehen lassen, weil sie ihn als nicht gefährlich betrachten. Nur wohin?
Die Bush-Regierung hatte die Einreise der Uiguren auf US-Staatsgebiet verweigert. Sie fürchtete, dass Rechtsanwälte einen Präzedenzfall wittern und im Namen von anderen Guantánamo-Gefangenen dafür klagen würden, sie in den USA vor ein ordentliches Gericht zu stellen und nicht, wie für die Inhaftierten üblich, vor eine geheimen Militärkommission.
Deshalb sitzen Noori und die anderen Uiguren noch immer in Kuba fest. Bislang ist nur klar: Sie können nicht nach Hause. In China drohen ihnen Haft, Folter, Exekution. "Dort ist unsere Situation noch schlimmer als die der Tibeter", sagt Dolkun Isa, Generalsekretär des "Weltkongress der Uiguren". "Wir dürfen unsere Sprache nicht sprechen und nicht einmal in die Moschee gehen." Isa, der in den 80er Jahren als Studentenführer verhaftet wurde, wohnt mittlerweile in Bayern.
Rund acht Millionen Uiguren leben in China, der Großteil davon in der Provinz Xinjinag, nördlich von Tibet, auch Adel Noori und Dolkun Isa stammen von dort. Sie selbst nennen ihr Land Ostturkestan - als Zeichen ihrer Abstammung von den Turkvölkern. Die Uiguren sind Moslems, was sie in den Augen des Pekinger Regimes verdächtig macht. Islam und Kommunismus passen nicht zusammen, das sehen auch die Uiguren so, Überwachung, Repressalien und Unterdrückung sind Alltag. Das Verbot, Moscheen zu besuchen, begründet die Regierung damit, dass sich dort Zentren des Widerstands bilden könnten. Und es gibt sie auch, die militanten Uiguren in Xinjiang.
Eine Gruppe nennt sich "Bewegung für die Unabhängigkeit Ost-Turkestans", kurz: "Etim". Eine winzige Organisation soll es sein, glauben US-Experten. Einige von ihnen legten Bomben: 1997 sprengten sie einen Bus in die Luft, bei dem Attentat starben neun Menschen. Nach einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wurden in den vergangenen zehn Jahren mehr als 200 Uiguren hingerichtet - alles angebliche Separatisten. "Die Probleme der Tibeter bekümmern die ganze Welt", sagt Dolkun Isa, "doch von unseren nimmt kaum jemand Notiz".
Das könnte sich für einige Tage ändern, denn in Washington findet nun eine Generalversammlung des uigurischen Weltkongresses statt. Die "Ostturken" treffen mit US-Politikern sowie Vertretern von Uno und Menschenrechtsorganisationen zusammen, und natürlich wird auch das ungeklärte Schicksal der Guantánamo-Uiguren ein Thema sein. Unabhängig davon wird US-Präsident Barack Obama eine lang erwartete Rede über die Zukunft des Gefangenenlagers halten, das er so gerne schließen würde. Allerdings weiß weder er noch sonst jemand im Weißen Haus wohin mit den verbleibenden 240 Häftlingen.
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