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CIA-Folterbericht der USA: Amerikas dunkelste Stunden

525 Seiten ist die Zusammenfassung des Folterberichts dick, den die USA nun veröffentlicht hat. Der stern rekonstruierte die CIA-Praktiken bereits 2009 in einer preisgekrönten Dokumentation.

Von G. di Grazia, K. Gloger und J. Wiechmann

Die Schand-Ikone der Bush-Jahre: ein gefolteter Gefangener in Abu Ghraib bei Bagdad

Die Schand-Ikone der Bush-Jahre: ein gefolteter Gefangener in Abu Ghraib bei Bagdad

Fünf Jahre nach der Veröffentlichung der Fotos aus Abu Ghraib hat die Vergangenheit Amerika wieder eingeholt. Der ehemalige Vizepräsident Dick Cheney spricht in seinem Haussender Fox News voller Stolz von den Erfolgen des Waterboarding. Bei einem Schulbesuch fragen Viertklässler Condoleezza Rice nach ihrer Unterstützung der Folterpolitik. Menschenrechtsgruppen fordern Prozesse gegen Verantwortliche der Bush- Regierung, und in Spanien ermitteln Staatsanwälte gegen hochrangige US-Politiker.

Zwischen all dem steht der neue Präsident Barack Obama, der sich schwertut, die Taten seines Vorgängers aufzuklären. Obama verbietet Folter, sagt aber den CIA-Verhörern Straffreiheit zu. Er schließt das Gefangenenlager in Guantánamo, will aber Militärtribunale aufrechterhalten. Er beugt sich dem Druck der Linken, die Foltervergangenheit aufzurollen, will aber grausame Fotos aus den Gefängnissen nicht veröffentlichen. Ein Prozess gegen George Bush oder Dick Cheney, so warnen ihn Experten, werde das Land zerreißen.

In diesen Frühjahrstagen 2009 arbeitet Amerika eines der dunkelsten Kapitel seiner Geschichte auf: Wie konnte Folter zur offiziellen Politik der ältesten Demokratie werden? Wie konnte die Regierung Gesetze aushebeln, die das Land der Freiheit von Schurkenstaaten unterschied?

Dies ist die Geschichte einer Rekonstruktion. Sie spielt in Washington und Bagdad, in West Virginia und Kalifornien, in Guantánamo und Bagram. Sie erzählt, wie die Idee zur Folter in den Köpfen einiger weniger entsteht und schließlich zur offiziellen Landespolitik wird. Wie sie aus den Sitzungsräumen des Weißen Hauses ihren Weg in die Gefängnisse von Guantánamo, Abu Ghraib und die Welt findet. Wie die Regierung lügt und verschleiert. Wie einige Soldaten zu Gesichtern der Folter werden und verantwortliche Schreibtischtäter sich aus dem Staub machen. Es war, das bestätigt auch der Bericht des US-Senats, nicht etwa die Tat einiger Sadisten, sondern offizielle Regierungspolitik.

In den etwa zwei Dutzend Interviews, die der stern mit Tätern, Ministerialbeamten, FBI-Vernehmern und Soldaten führte, kommt es zu bewegenden Szenen. Ein stellvertretender Chefjurist im Pentagon bekennt seine Mitschuld. Ein Folterer legt ein Geständnis ab und raucht unentwegt Joints. Ein Vernehmer der Air Force bricht in Tränen aus. Lynndie England, das Gesicht von Abu Ghraib, fordert zornig ihre Rehabilitierung. Und immer wieder tauchen alte Fragen auf. Nach Zivilcourage. Und Schuldigen. Und den Ursprüngen: Wie konnte es dazu kommen?

Dick Cheney, September 2001, Weißes Haus

Noch brennen die Trümmer des World Trade Centers in New York, noch trauert die Welt um 3000 Opfer, als sich Dick Cheney ins Fernsehstudio des Senders NBC begibt. Es ist Tag 5 einer neuen Zeitrechnung, schon gibt es Pläne für den Krieg in Afghanistan, schon gibt es Visionen von einer Neuordnung des Mittleren Ostens, doch im Kopf des Masterminds der Regierung spuken noch ganz andere Ideen. "Wir müssen unsere dunkle Seite annehmen", sagt er. "Wir müssen uns im Schatten der Geheimdienstwelt bewegen. Vieles wird heimlich passieren müssen, ohne jegliche Diskussion."

Cheney spricht die Worte sachlich und bestimmt, so wie er es immer tut, so wie er auch fast acht Jahre später über Amerikas Folterpolitik sagen wird: "Es war ein sehr erfolgreiches Unterfangen, die Resultate sprechen für sich."

Cheney scheint die Ruhe selbst, auch in jenen turbulenten Tagen, er zieht sich zurück in die Bunker der Hauptstadt, er plant am Schreibtisch eine neue Weltordnung, in der Amerika sich nicht mehr an lästige internationale Gesetze halten muss. Aber er braucht Alliierte. Im Pentagon setzt er auf seinen alten, folgsamen Freund Donald Rumsfeld, und in die zu erwartenden Schlachten mit dem State Department und dem Nationalen Sicherheitsrat schickt er seinen Freund und Chefjuristen David Addington, einen lautstarken, scharfzüngigen Mann von imposanter Gestalt. Addington gebietet faktisch über Cheneys vielköpfigen Stab, eine Art Geheimregierung. Er soll die Vision von der Allmacht des Präsidenten in Schriftsätze fassen, stets topsecret.

Schon in jenen historischen Septembertagen legt der mächtigste Vizepräsident aller Zeiten die Grundlage für eine Politik, die Amerika noch jahrelang verfolgen wird und die das Leben vieler Menschen zerstört.

Lynndie England, September 2001, West Virginia

Sie wollte mal Rambo werden oder Chuck Norris, einmal im Leben eine Heldin sein, für einen Tag, eine Woche, aber hier im ländlichen West Virginia sieht sie keinen Platz für Rambos. Lynndie England sieht nur die Arbeit im Schlachthaus, tote Hühner zerkleinern, in sechs Stücke, maßgerecht, sie übernimmt die Nachtschicht, dafür gibt es 50 Cent mehr pro Stunde. Der Hühnergestank sitzt in ihren Haaren und Kleidern, auch unter den Nägeln, manchmal glaubt sie, ihn nie wieder loszuwerden.

Also meldet sich England zur Armee, zur Reserve der Militärpolizei, durch den Matsch robben, der Traum ihrer Jugend, kein Rambo-Leben, aber immerhin: das Abenteuer. Und vielleicht gar der Krieg. Davon reden sie im Herbst 2001. Einem Krieg.

England zieht ins Manöver in diesem Herbst, der Drill wird härter, man spricht von einer Entsendung nach Afghanistan, vielleicht in weitere Länder, und England ist nicht abgeneigt. Als Frau wird sie zwar nicht direkt an der Front dienen können, jedoch gleich dahinter, vielleicht Schusswechsel erleben, Kampfhandlungen sehen, das Kontrastprogramm zur Monotonie von Fort Ashby, West Virginia, 1354 Einwohner.

Richard Shiffrin, September 2001, Pentagon

Shiffrin saß im Korridor 9 des Pentagon, als die entführte Maschine der American Airlines, Flug 77, in den Westflügel kracht. Er spürte die Erschütterung, er sah die Trümmer, und wie viele im Verteidigungsministerium dachte er: "Wir sind im Krieg." Es ist dieses Gefühl ständiger Bedrohung, mehr ein Gefühl denn Gewissheit, das die Haltung Amerikas fortan bestimmen wird. Auch die von Richard Shiffrin.

Shiffrin ist stellvertretender Chefjurist im Pentagon, er ist Spezialist für Geheimdienste und ein ausgesprochener Kenner von Verhörtechniken. Er erwartet nun das, was er aus acht Jahren im Regierungsapparat kennt: Diskussionen, Brainstorming, frenetisches Suchen nach Lösungen, doch schon bald stellt er fest: Er wird von wichtigen Sitzungen ausgeschlossen. Und nicht nur er. Die meisten Juristen werden ausgeschlossen. Irgendetwas liegt in der Luft.

Still und heimlich hat sich unter Führung von David Addington eine kleine Gruppe erzkonservativer Juristen gebildet, die sich hinter Türen verschanzen und alles bisher Dagewesene für "Bullshit" erklären. Shiffrin beschleicht eine furchtbare Ahnung: Die wollen die Revolution. Die wollen ihre radikale ideologische Agenda umsetzen. Die biegen sich das Recht nach Gutdünken. Es handelt sich um eine Gruppe von schweigsamen, willfährigen Juristen, ohne die keine Revolution auskommt. Sein Chef William Haynes ist dabei, John Rizzo, der Rechtsberater der CIA, und John Yoo vom Justizministerium.

War Council nennen sie ihre Gruppe. Kriegsrat. "9/11", befürchtet Shiffrin, "ist der perfekte Anlass, der ihnen den Putsch erlaubt."

John Yoo, September 2001, Justizministerium

Bisher war ein Abkommen zum Schutz von Eisbären sein größter Fall. Seit zwei Monaten arbeitet Yoo als stellvertretender Direktor im Büro für Rechtsangelegenheiten im Justizministerium, eine mächtige Schaltstelle im politischen System. Hier werden Rechtsgutachten zu Gesetzesvorhaben erstellt. Und diese Gutachten sind für alle Ministerien bindend. Yoo ist in Südkorea geboren und in Philadelphia aufgewachsen. Er hat als Professor an der Berkeley-Universität gelehrt, er schreibt Artikel und Bücher mit extremen Thesen zur faktischen Allmacht des US-Präsidenten, vor allem in Kriegszeiten. Darin, behauptet er, zeige sich die wahre Stärke Amerikas.

Es ist sein Schreibtisch, auf dem nun die Fragen aus dem Weißen Haus landen: Ist das ein Krieg? Darf der Präsident die Armee einsetzen? Und: Was machen wir mit Gefangenen? Yoo ist 34 und kann nun Weltpolitik machen.

Monate später wird der Einwanderersohn jenes Papier schreiben, mit dem die USA zum Folterstaat werden.

Damien Corsetti, Oktober 2001, Fort Benning, Georgia

Er ist eigentlich ein Hippie, raucht den ganzen Tag Marihuana. Am College in Fairfax, Virginia, hat er lustlos vor sich hin studiert. Ein paar Monate als Soldat, hofft er, könnten ihm helfen, später einen gut bezahlten Job zu bekommen.

Private First Class Corsetti findet das Leben im Militärgeheimdienst cool. Er lernt Fallschirmspringen und Schießen, und über Kriegseinsätze macht er sich keine Gedanken. Er hat weder von Bagram gehört noch von Abu Ghraib - Orte, an denen sie ihn schon bald "King of Torture" nennen werden, König der Folter.

Richard Shiffrin, November 2001, Pentagon

Guantánamo, warum nicht Guantánamo, denkt Richard Shiffrin, als Verteidigungsminister Rumsfeld nach einem Platz für Kriegsgefangene fragt. Die Regierung ist auf der Suche nach einem Ort, der sich außerhalb des US-Staatsgebiets und amerikanischer Rechtssprechung befindet. Shiffrin geht die Optionen durch: Guam, Johnston Atoll ... Aber er entscheidet sich schließlich für das amerikanische Pachtgebiet auf Kuba, wo bisher Flüchtlinge aus Haiti beherbergt wurden. "Gitmo" hat viele Vorteile, rät Shiffrin, es gibt bereits ein Gefängnis, Strom, Abwasser. "Aus praktischen und juristischen Gründen", folgert er, "ist es die beste Wahl".

Jetzt, Ende 2001, werden in Afghanistan mehr als 6000 Gefangene gemacht. Taliban, al-Qaida, Mitläufer, Flüchtlinge, denunzierte Unschuldige, wer weiß es schon so genau. Tausende werden an die US-Truppen gegen großzügiges Kopfgeld verkauft.

Eine Menschenpyramide mit hämisch grinsenden Aufpassern.

Eine Menschenpyramide mit hämisch grinsenden Aufpassern.

Am 13. November unterschreibt Präsident Bush eine Verfügung, dass die USA ausländische Terroristen vor ein Militärtribunal stellen werden, nach Regeln, die das Weiße Haus bestimmt. Damit ist der Weg frei für außergerichtliche Prozesse. Shiffrin ist nicht wohl bei der Entscheidung, es ist der erste Schritt Richtung Folter, aber er trägt sie als hoher Pentagon-Jurist mit.

Was er nicht weiß: Zur gleichen Zeit und hinter seinem Rücken gibt sein Chef Rumsfeld erste Anweisungen zur Folter. Nach Festnahme des "American Taliban" John Walker Lindh übermittelt er dem Militärgeheimdienst eine unmissverständliche Botschaft: "Take the gloves off." Zieht die Samthandschuhe aus. Lindh wird, wie später auch die Gefangenen in Abu Ghraib, nackt ausgezogen, angekettet und dabei fotografiert.

Fühlt sich Shiffrin heute schuldig? Da wartet er mit der Antwort. Er sagt: "Meine Empfehlung hat zum Missbrauch der Gefangenen beigetragen. Zu meiner Verteidigung sage ich: Wir standen alle noch unter dem Eindruck der Terroranschläge. Dennoch haben Juristen in meiner Position eine Verantwortung. Ich war ein Komplize."

Michael Gelles, Januar 2002, Guantánamo

Hier soll es nun also passieren, denkt sich Michael Gelles. Hier werden die Verhöre also stattfinden. Gelles, Anfang 40, arbeitet seit zwölf Jahren bei der NCIS, der Militärstrafverfolgungsbehörde der Navy. Er ist Verhaltenspsychologe und ein Experte für Verhöre. Gelles ist groß und kräftig, er kann furchteinflößend schauen, aber er führt keine Verhöre. Er schaut nur zu. Manchmal ist er im Raum, manchmal steht er hinter einer Glasscheibe. Er analysiert, berät, arbeitet mit den Ermittlern die nächsten Fragetechniken aus. Er versucht zu verstehen, in welcher Situation sich der Verdächtige befindet. Und er soll ein Korrektiv sein, wenn es zu Misshandlungen kommt. Aber daran mag er nicht denken. Er geht selbstverständlich davon aus, dass die Genfer Konvention gilt, auch in Guantánamo.

Dick Cheney, Januar/Februar 2002, Weißes Haus

Der Vizepräsident ist bei vielen Sitzungen nicht dabei. Er trifft sich lieber allein mit Bush, schon nennt man ihn "The Dark Side". Vielen seiner Weggefährten, wie Colonel Lawrence Wilkerson, erscheint Cheney in diesen bedrückenden Wochen wie ausgewechselt. Wilkerson, 56, ist Stabschef von US-Außenminister Colin Powell und damit so etwas wie dessen Augen und Ohren in der Regierung. Aus Cheney, dem vernünftigen, abwägenden Bürokraten, den er von früher kannte, sei ein Überzeugungstäter geworden, ein Kriegstreiber. "Der wahre Präsident hieß Richard Cheney", sagt Wilkerson. "Er sah die Chance, seine Vision von der Allmacht des US-Präsidenten zu verwirklichen. Ohne Kontrolle des Kongresses, der Medien, des Volkes. Und Cheney hatte seinen Rasputin: Addington. Sie waren so rücksichtslos wie erfolgreich darin, ihre Vision durchzusetzen. Wir nannten sie die Nazis", erzählt Wilkerson, "manchmal auch die Waffen-SS."

So ist es auch, als es in der Regierung um die heikle Frage geht, ob man die Genfer Konvention aushebeln kann. Die Einwände sind gewaltig, vor allem bei Colin Powell im State Department. Der Außenminister trifft sich sogar mit Bush, er erklärt, bittet. Doch Cheneys Leute haben ihn bei Bush angeschwärzt. Wenn es nach Powell ginge, müsste jeder Kriegsgefangene wohl auch noch eine "Sportuniform" bekommen, höhnen Addington und Bushs Rechtsberater Alberto Gonzales.

Addington sitzt in den Meetings oft da wie ein Unbeteiligter, bis er irgendwann aufspringt und brüllt: "Das ist alles Bullshit. Wir machen jetzt alles anders." "Wir nannten ihn ‚den unheimlichen David‘", erinnert sich Wilkerson. "Er war auf seine Weise brillant, unglaublich arrogant. Und vollkommen skrupellos."

Am 7. Februar verfügt Bush, Taliban- und Al-Qaida-Gefangenen die Rechte gemäß Genfer Konvention zu entziehen. Artikel 3 dieser Konvention verbietet Folter und die grausame und erniedrigende Behandlung von Kriegsgefangenen. Bushs Begründung lautet: Die USA handeln nach "militärischer Notwendigkeit."

Wilkerson ist entsetzt. Cheney und seine Männer gehen tatsächlich auf die "dunkle Seite", denkt er sich. "Und sie ziehen das ganze Land mit in den Abgrund."

Steven Kleinman, Februar 2002, Fort Belvoir, Virginia

Der Auftrag, den er vom Pentagon erhält, erscheint Colonel Steven Kleinman, 45, höchst eigenartig. Er soll die Wirksamkeit von "enhanced interrogation methods" gegen Terroristen einschätzen. Verbesserte Verhörmethoden, der Begriff ist ein Euphemismus für Folter. Kleinman ist entsetzt. Er erinnert sich an seinen Vater, Pilot der Air Force, der im Zweiten Weltkrieg den Nazis in die Hände fiel und selbst von denen nicht gefoltert wurde. Der gewissenhafte Kleinman ist Reservist der Air Force, er gilt seit dem ersten Irak-Krieg 1990 als einer der besten Vernehmer des US-Militärs. Er ist außerdem ein Instrukteur der Joint Personnel Recovery Agency (JPRA). Dort bildet er US-Elitesoldaten darin aus, den Foltermethoden der Feinde zu widerstehen. Das Programm nennt sich SERE (Survival, Evasion, Resistance, Escape), es basiert auf Verhörtechniken der Chinesen und Russen, der kommunistischen Feinde im Kalten Krieg. Kleinman und seine Kollegen setzen die Soldaten in Rollenspielen unter psychischen Druck, sie ziehen ihnen Kapuzen über den Kopf, schlagen sie leicht, unterziehen sie Schlafentzug und Stresspositionen. Nur auf eines verzichten sie im Training: Waterboarding, jene Foltermethode aus dem Mittelalter, bei der Gefangenen das Gefühl des Ertrinkens vermittelt wird. So weit, denken Kleinman und seine Leute, gehen selbst die Kriegsgegner heute nicht mehr.

Und jetzt also wir?, fragt er sich. Folter? In Amerika? Auf unzähligen Seiten belegt der Colonel dem Pentagon, warum die Methoden nicht nur aus moralischen, sondern auch aus operativen Gründen kontraproduktiv sind. Er folgert: "So sehr du dich nach Rache sehnst, du musst die Integrität haben, nein zu sagen."

Vom Pentagon hört Kleinman nie wieder. Seine Empfehlungen werden ignoriert. Zwei Kollegen, die einige Monate zuvor aus dem Militärdienst ausgeschieden waren, haben den Auftrag erhalten, James Mitchell und Bruce Jessen. Die beiden inzwischen freiberuflichen Psychologen schreiben das SERE-Programm um, aus der Trainingsanleitung erstellen sie ein Folterhandbuch. Und noch bevor der erste hochrangige Terrorist in US-Gefangenschaft ist, geben sie Crash-Kurse für CIA-Agenten.

Ali Soufan, März 2002, geheimes CIA-Gefängnis, Thailand

In Faisalabad, einer Industriestadt in Ostpakistan, umstellen am 28. März nachts um 3 Uhr Beamte der CIA und des FBI sowie eine Eliteeinheit der pakistanischen Polizei ein weitläufiges, gut gesichertes Gelände, auf dem mehrere Häuser stehen. Es gibt eine wüste Schießerei, 60 Mitglieder und Helfer von al-Qaida werden festgenommen. Einer von ihnen ist Abu Subaida. Er ist Anfang 30, soll so etwas wie der Personalchef von al-Qaida und einer der Stellvertreter bin Ladens sein. Der lang ersehnte erste Erfolg im Kampf gegen den Terror. Abu Subaida erleidet bei der Gefangennahme Schusswunden in der Leistengegend, im Bauch und im Bein.

Ein paar Tage später wird er in ein geheimes CIA-Gefängnis nach Thailand verschleppt. FBI-Agent Ali Soufan und ein Kollege pflegen ihn, sie halten Eis auf seine Lippen, sie desinfizieren sei- ne Wunden, füttern ihn, waschen ihn. Als sie merken, dass sein Zustand schlechter wird, bringen sie ihn ins Krankenhaus. Ärzte aus den USA werden eingeflogen, um sein Leben zu retten.

Ali Soufan ist einer der besten Vernehmer der USA. Er ist Muslim, im Libanon aufgewachsen, und wenn er redet, klingt noch der Tonfall seines Geburtslandes durch. Er ist einer der wenigen beim FBI, der Arabisch spricht. Folter lehnt er ab. "Einer, der gefoltert wird, wird dir alles sagen, damit du damit aufhörst. Er wird dir das sagen, was du hören willst, und nicht das, was er wirklich weiß."

Im Krankenhaus befragt Soufan den Top-Terroristen Abu Subaida weiter. Der weiß, wem er sein Leben verdankt. Als Soufan ihm Fotos mutmaßlicher Al-Qaida-Terroristen zeigt, murmelt Abu Subaida bei einem Bild: "Das ist Moktar." Der mysteriöse Moktar, den die Amerikaner schon so lange identifizieren wollen: Chalid Scheich Muhammad. Abu Subaida erzählt den FBI-Agenten, dass Moktar die Angriffe am 11. September plante, dass er der Mastermind von al-Qaida sei.

Es ist eine der wertvollsten Informationen, die die Amerikaner über al-Qaida bis heute erhalten haben.

Lynndie England, Frühjahr 2002, West Virginia

Ihre Ehe mit einem Supermarkt-Angestellten geht in die Brüche, ein neuer Mann tritt in ihr Leben: Charles Graner, ein charmanter Corporal der Armee. Aber auch ein Mann mit sadistischen Zügen, der perversen Sex von ihr fordert. Sie bleibt trotzdem bei ihm, sie sehnt sich nach Liebe. Er verspricht ihr die Welt, Kinder und Familie. Aber zunächst will Graner ein Held werden, ein Kriegsheld. Und er möchte sie dabei haben.

Ali Soufan, April 2002, CIA-Gefängnis in Thailand

Die CIA ist neidisch auf den Erfolg des FBI. Sie sendet nun ihre Verhörer nach Thailand, allerdings nicht eigene Leute, man beauftragt private Sicherheitsexperten. Einer von ihnen ist James Mitchell. Von der CIA erhält Mitchell dafür 1000 Dollar am Tag, plus Spesen und Extrazahlungen.

Mitchell wendet nun die SERE-Methoden gegen Abu Subaida an. Er nennt sie "harsch". Aber das, was Ali Soufan beobachtet, ist für ihn "an der Grenze zur Folter". Abu Subaida liegt gefesselt auf einer Krankentrage. Er wird erniedrigt, nackt ausgezogen, er wird extrem kalten und extrem warmen Temperaturen ausgesetzt, mit lautstarker Musik bombardiert. Soufan will damit nichts zu tun haben. Er schreit Mitchell an: "Das bringt nichts, und es verstößt gegen alle Werte unseres Landes. Wir sind die USA, wir machen das nicht." Mitchell bleibt gelassen: "Das ist von höchsten Kreisen in Washington abgesegnet." Soufan ist fassungslos. Mitchell wedelt mit einem Dokument vor seiner Nase, zeigt es ihm aber nicht, sagt nur: "Die Genehmigung kommt von Gonzales." Er meint damit Alberto Gonzales, Freund von Präsident George W. Bush und dessen Rechtsberater im Weißen Haus. 2005 wird Bush Gonzales zum Justizminister ernennen.

Der Streit eskaliert, als Soufan in Subaidas Zelle eine dunkle Holzkiste entdeckt, Mitchell hat sie für Subaida gebaut, sie sieht aus wie ein Sarg. Soufan wird wütend, er vermutet, dass Mitchell den Terroristen zum Schein begraben will. Soufan ruft seine Vorgesetzten an, und FBI-Chef Robert Mueller ordnet daraufhin seine sofortige Rückkehr in die USA an.

Jetzt gibt es niemanden mehr, der Mitchell stoppt. Er sperrt Abu Subaida in die Kiste, der kriegt kaum Luft. Mitchell lässt ihn nicht mehr richtig zum Schlafen kommen. Er schleudert ihn mehrmals bei Verhören gegen die Wand. Und wendet nun auch Waterboarding an, das simulierte Ertränken, das nicht nur Menschenrechtsorganisationen als Folter bezeichnen. Abu Subaida wird insgesamt 83-mal dem Waterboarding unterzogen. Er verrät trotzdem nichts mehr. Es gibt in diesem Gefängnis keinen mehr, dem er vertraut.

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Mitchell macht unbeirrt weiter. Im Namen der CIA.

John Bellinger, Frühjahr 2002, Nationaler Sicherheitsrat

Die CIA will sich die Finger gern schmutzig machen - aber nur, wenn sie rechtlich abgesichert ist. Also wird CIA-Chef George Tenet in den kommenden Monaten die "principals" gleich mehrmals in die praktizierten Verhörmethoden einweihen - und zwar in allen schmutzigen Details. Er preist das Programm regelrecht an. Zu den "principals", den besonders wichtigen Ministern, gehören neben Vizepräsident Cheney auch Rumsfeld, Powell, Condoleezza Rice, Justizminister John Ashcroft. Präsident Bush wird ebenfalls ausführlich informiert. Man bittet ihn, nicht über das Programm zu sprechen. Als ob man Sorge hat, er würde sich verplappern.

Auch John Bellinger III, der besonnene Chefjurist des Nationalen Sicherheitsrates, nimmt an den CIA-"Briefings" teil. Als Rechtsberater von Condoleezza Rice, der Nationalen Sicherheitsberaterin und engen Bush-Vertrauten, hält Bellinger eine Schlüsselposition im Weißen Haus. Doch Cheneys Männer übergehen ihn einfach.

Im Mai 2002 hört Bellinger wohl auch vom Waterboarding. Er weiß nicht genau, was das ist, will es offenbar auch nicht herausfinden. Er fühlt sich ohnmächtig, einsam. Niemand außer ihm scheint zu zweifeln.

Alle befürworten das Programm oder kritisieren es zumindest nicht. In diesen ersten Jahren sind es mehrere Geheimdienstchefs, zwei Justizminister, die Nationale Sicherheitsberaterin, der Verteidigungsminister, der Vizepräsident, die Rechtsberater. Auch hochrangige Abgeordnete im US-Kongress werden informiert, unter ihnen Nancy Pelosi, heute mächtige Vorsitzende des Repräsentantenhauses. Und niemand ruft: "Stopp!"

John Bellinger denkt an Rücktritt. Aber dann bleibt er doch. Er könne mehr erreichen, wenn er von innen heraus für Veränderung eintritt, sagt er sich. Es ist die immergleiche Erklärung. Sie ist richtig und falsch zugleich. Denn es ist auch die Rechtfertigung des Mitläufers.

John Yoo, Mai 2002, Justizministerium

Endlich schreiben Yoo und seine Kollegen Geschichte. Unwiderruflich, wie sie glauben. Sie sollen die bindenden Rechtsgutachten zum CIA-Verhörprogramm liefern. Diese streng geheimen Memoranden werden später als "Folter-Memos" bezeichnet.

Es ist die Hoch-Zeit für Yoo und seine Kollegen Jay Bybee und Steven Bradbury im Büro für Rechtsangelegenheiten. Sie glühen vor Tatendrang. Ständig wird der junge Yoo zu geheimen Konsultationen ins Weiße Haus gerufen. Diskutiert Foltertechniken mit Addington, gemeinsam erarbeiten sie Entwürfe. Natürlich sprechen sie dabei nicht von Folter. Auch wenn sie im Nachhinein juristisch absegnen, was die CIA längst an ihrem Gefangenen Abu Subaida praktiziert. Es handelt sich für sie ja nicht um Folter.

Richard Shiffrin, Juli 2002, Pentagon

Der Druck von oben wächst. Shiffrin kriegt das täglich zu spüren. Er ist hin und her gerissen zwischen der Loyalität zu seiner Regierung und seinem Gewissen. Sein Boss Rumsfeld bezeichnet Geheimdienstinformationen, die er bekommt, gern als "Stück Scheiße" und haut auf den Tisch, dass Shiffrin glaubt, er könne zerbrechen. "Der Minister war sehr eifersüchtig auf die CIA", sagt Shiffrin. "Er ist so ehrgeizig, dass er dieselben Verhörtechniken wie die der CIA haben wollte. Er sieht in allem einen Wettbewerb, selbst bei der Folter."

Die Pentagon-Bosse wenden sich nun an Shiffrin, der Erfahrung hat mit dem SERE-Programm. Er stellt den Kontakt zur SERE-Schule in Virginia her, ein Schritt, der sich als verhängnisvoll herausstellen wird. Schon bald lagern in Shiffrins Büro im Ostflügel des Pentagon drei Meter Bücher über harsche Verhörtechniken. Die Foltermethoden bis hin zum Waterboarding beziehen sich ja nur auf den Kalten Krieg, beruhigt sich Shiffrin. Er hält sie für unbrauchbar und meldet das auch nach oben. Doch schon bald muss er feststellen, dass eben diese Methoden ihren Weg aus seinem Büro hinaus zu den Streitkräften nach Bagram und Abu Ghraib finden.

John Yoo, August 2002, Justizministerium

Am 1. August erhält CIA-Anwalt John Rizzo ein Dokument. "TOP SECRET" steht in großen Lettern über dem Memorandum mit der Betreffzeile "Verhör eines Al-Qaida-Agenten". Das Schreiben wird zu einem der bestgehüteten Geheimnisse in Washington. Es ist die juristische Rechtfertigung der Folter, eine Fleißarbeit. 18 Seiten lang, voller Definitionen, Paragrafen, Gerichtsurteile und Fußnoten. Geschrieben ist es in einer kalten, gruseligen, sich absichernden Schreibtischtäter-Sprache: "Wenn dem Opfer Schmerzen zugefügt" würden, handele es sich nur dann um Folter, wenn diese "zum Tod, Organversagen oder zur dauerhaften Schädigung einer wichtigen Körperfunktion" führten. Und bei seelischen Schmerzen, wenn sie "zu wesentlichen Schäden von beträchtlicher Dauer führen", die "Monate oder Jahre anhalten".

Geschrieben hat es John Yoo, unterschrieben hat es sein Vorgesetzter, Vize-Justizminister Jay S. Bybee. Damit ist der Inhalt nun Rechtsauffassung der US-Regierung. Yoo ist der Überzeugungstäter; Bybee der Opportunist. Bush ernennt Bybee 2003 zum Richter auf Lebenszeit am Berufungsgericht in San Francisco.

John Yoo ist kein reaktionärer Mann und kein religiöser Fanatiker wie viele der Bush-Leute. Yoo setzt sich für das Recht auf Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe ein. Er hält das Verbrennen der US-Flagge für freie Meinungsäußerung. Yoo sagt: "Ich persönlich finde Folter widerlich."

Yoo und Bybee erstellen einen Katalog des Grauens. Einen Katalog, sagt Yoo, der von der CIA gekommen sei. Nicht mehr als elf Tage am Stück darf der Gefangene seines Schlafes beraubt werden. Er darf monatelang nackt in eine Gefängniszelle gesperrt werden. Er darf auch geschlagen werden, ins Gesicht und in den Unterleib, aber nur mit der flachen Hand, die Finger dabei leicht gespreizt, Ringe und anderer Schmuck sind auszuziehen.

Zum Waterboarding schreiben sie: Vier mal sieben Fuß sollte das Brett messen, schräg montiert, damit die Füße des Gepeinigten erhöht liegen. "Ein Tuch wird auf das Gesicht und die Augen gelegt. Dann wird Wasser in kontrollierter Weise auf das Tuch gebracht." Ist die "Luftzufuhr leicht eingeschränkt", beginnt die Uhr zu ticken: 20 bis 40 Sekunden soll dieser Zustand bei ständiger Wasserzufuhr anhalten. Das verursache einen erhöhten Kohlendioxidanteil im Blut, was wiederum "ein verstärktes Bemühen zu atmen" auslöse. Bei dem Betroffenen setzt ein Würgereflex ein, er glaubt zu ertrinken.

Nach spätestens 40 Sekunden soll das Tuch entfernt werden, der Gefangene darf nun drei Atemzüge machen: "Dann kann die Prozedur wiederholt werden."

Nicht öfter als sechsmal hintereinander, die Gesamt-"Sitzung" darf nicht länger als zwei Stunden dauern.

Die CIA wird bis 2005 von Juristen der Regierung noch drei weitere Memoranden zu verschärften Verhörtechniken erhalten, zum Beispiel, dass die Temperatur des eisigen Wassers, mit dem der Gefangene abgespritzt wird, nicht niedriger als fünf Grad sein darf. Sie sind unterschrieben von Steven Bradbury, Bushs Chefanwalt im Weißen Haus, heute in einer privaten Sozietät tätig. Er hat eine saubere, gut lesbare Unterschrift.

Damien Corsetti, Spätsommer 2002, Bagram, Afghanistan

Der Gestank, dieser Gestank haut ihn um. Und dann diese Stille. Corsetti geht durch die dunklen, weiten Räume des Gefängnisses von Bagram. Zellen, die wie Käfige aussehen. Elektrischer Stacheldraht drumherum. Sechs Isolationsräume, zwei fensterlose Zimmer, an deren Eisentür ein Fetzen Karton klebt, darauf steht mit dunklem Filzstift geschrieben "Special guests". 600 Gefangene sind hier. Das ist Corsettis neuer Arbeitsplatz. Der Gestank wird für immer bleiben, die Stille nicht.

Michael Gelles, November 2002, Guantánamo

Als Michael Gelles, der Navy-Psychologe, wieder nach Guantánamo kommt, sind dort mittlerweile mehr als 1000 Gefangene. Er soll junge, unerfahrene Soldaten im Schnellkurs zu Verhörern ausbilden. Gelles hält nichts davon, die Dschihadisten zu foltern. Sie seien Kämpfer in einem heiligen Krieg, bereit, dafür zu sterben. Harte Verhöre machten ihren Widerstand nur stärker. Man müsse sie in Konflikte stürzen: Ist meine Rolle wirklich vereinbar mit dem Koran? Mache ich meiner Religion damit nicht Schande? Es gibt immer einen Punkt, an dem sie ihr Gewissen erleichtern wollen.

Doch Gelles' Methoden brauchen Zeit. Nach wenigen Tagen in Guantánamo wird ihm bewusst: Alle hier stehen unter Druck, die jungen Soldaten, die CIA-Leute. Der Druck kommt aus dem Weißen Haus, aus dem Pentagon. Vor allem Rumsfeld verlangt sofortige Ergebnisse. Er lässt sich persönlich über die Entwicklung einiger Gefangener unterrichten.

Gelles sieht, dass die CIA und das Militär bei ihren Verhören nun das SERE-Programm anwenden. Er fliegt zurück nach Washington und informiert Alberto Mora, den Rechtsberater der Navy. Mora hört sich den Bericht wie versteinert an. Dann sagt er: "Das ist nicht korrekt. Da hat einer nicht aufgepasst, wir müssen das korrigieren." Er spricht mit Kollegen beim FBI, der Air Force, der Army. Die haben sich bereits alle im Pentagon beschwert. Zwischen Streitkräften und Pentagon bricht nun ein Machtkampf um die Behandlung der Gefangenen aus. Mora ruft persönlich bei Rumsfeld an und warnt den Verteidigungsminister: "Das kann in Folter ausarten."

Damien Corsetti, Dezember 2002, Bagram

Fünf Stunden schaut er bei einem Verhör von CIA-Spezialisten zu, dann muss er selbst ran. Corsetti ist 23 und hat keine Ausbildung dafür. Er wird ausgewählt, weil er groß ist, laut und einschüchternd wirkt. Corsetti sieht aus wie Marlon Brando in "Apocalypse Now", wie der im Dschungel von Kambodscha durchgeknallte US-Colonel Kurtz. Er bekommt schnell einen schrecklichen Ruf in Bagram. Wenn Gefangene nicht spuren, drohen Corsettis Kameraden: Dann holen wir den fetten Italiener. Corsetti spielt das böse Spiel mit. Er hat mehrere Tattoos am Körper, auf seinem Bauch steht: Monster. Er zeigt den Festgenommenen gern seinen Bauch.

Das hier sind die bösesten der Bösen, wird den Soldaten gesagt. Lasst euch etwas einfallen. Irgendwann sehen sie die Gefangenen nicht mehr als Menschen an. Sie sind für sie Bestien, und so behandeln sie die. Corsetti wird später erzählen: "Du merkst dabei nicht, dass du dich selbst wie eine Bestie benimmst."

Corsetti und seine Kameraden hören von den neuen Verhörtechniken aus Guantánamo. Sie wenden sie nun an. Stressposition. Langer Schlafentzug. All das. Und Corsetti lässt seine Fantasie spielen. Einem Gefangenen zieht er die Hosen runter, er schlägt ihm dann mit einer kleinen, leeren Plastikflasche auf die Gesäßbacken. Er demütigt die Verhörten, sie schreien nach Allah. Einmal holt Corsetti seinen Penis heraus, sagt zu einem Gefangenen: Das ist dein wahrer Gott.

Doch selbst die Hölle von Bagram hat noch ihre eigene Unterwelt, die "black sites", die geheimen CIA-Gefängnisse. Hier werden die wichtigsten Gefangenen vernommen, Corsetti schaut bei einigen Verhören zu. Psychologen drohen dem Gefangenen: Wir werden deine Kinder töten, deine Frau vergewaltigen. Sie sagen ihm die Namen seiner Kinder und seiner Frau. Sie zeigen ihm auf Satellitenfotos, wo sie sich gerade aufhalten.

Wenn Corsetti abends auf seinem Bett liegt, fragt er sich: Was mache ich bloß hier? 98 Prozent der Verhörten haben doch überhaupt nichts zu tun mit Taliban oder al-Qaida. Und ich werde dabei wirklich zum Monster.

Richard Shiffrin, Dezember 2002, Pentagon

Shiffrin nimmt an einer Reihe von Sitzungen teil und stellt mit Erschrecken fest, dass viele junge Juristen in der Regierung eine abenteuerliche Vorstellung von Verhören haben. Alle sind fasziniert von der neuen Fernsehserie "24". In ihr foltert der Protagonist Jack Bauer Terroristen, um die Menschheit zu retten. "Die haben gedacht, so funktioniert das im Leben wirklich. Du rettest die Menschheit, indem du folterst."

Mit Fotos wie diesem wurde Lynndie England zum Gesicht des Folterskandals

Mit Fotos wie diesem wurde Lynndie England zum Gesicht des Folterskandals

Noch entsetzter ist Shiffrin, als er feststellt, dass das Pentagon unter Führung von Haynes trotz Widerstandes aller Streitkräfte an den Foltermethoden festhalten will. Am 2. Dezember genehmigt Rumsfeld per Dekret mehr als ein Dutzend aggressive Verhörmethoden für Guantánamo. Darunter: Einschüchterung durch Hunde, 28-Stunden-Verhöre und den Gebrauch "eines nassen Handtuches und tropfenden Wassers, um das Gefühl des Erstickens zu erzeugen." Auf diesem sogenannten Action Memo fügt Rumsfeld handschriftlich hinzu: "Ich stehe 8 bis 10 Stunden pro Tag. Warum soll Stehen auf vier Stunden reduziert sein?"

Rumsfeld hat mit den neuen Verhörtechniken vor allem einen Gefangenen im Sinn: Muhammad al-Kahtani.

Michael Gelles, Januar 2003, Guantánamo

Gelles besorgt sich die Aufzeichnungen der Verhöre mit Muhammad al-Kahtani. Er ist der wichtigste Gefangene in Gitmo. Er sollte am 11. September eigentlich der 20. Flugzeug-Kidnapper sein. Rumsfeld ruft dauernd in Guantánamo an, um zu erfahren, ob Kahtani von weiteren Anschlägen weiß.

Von November 2002 bis Januar 2003 wird Kahtani dem kompletten Folterprogramm unterzogen. 50 Tage lang, ohne Ausnahme, er sitzt in Isolationshaft. Kahtani bricht zusammen, sein Herz ist nur noch bei 35 Schlägen pro Minute. Sie müssen ihn wiederbeleben.

So etwas hat der Psychologe in seiner Militärlaufbahn noch nie erlebt. Gelles fliegt wieder zu Mora, zeigt ihm die Kahtani-Berichte. Mora ist geschockt. Er ruft den Rechtsberater der Army an. "Wissen Sie etwas davon?" - "Ja, ich weiß eine Menge. Kommen Sie runter in mein Büro." Dort zeigt er ihm die bis dahin geheimen Memos von Yoo und Bybee. Der wütende Mora konfrontiert Yoo: "Wollen Sie damit sagen, dass der Präsident die Macht hat, Folter anzuweisen?" Yoo antwortet ihm kühl: "Ja."

Mora droht, dass er seine Bedenken öffentlich machen wird, und erst da gibt Rumsfeld nach. Er nimmt die Genehmigung für die neuen Techniken zurück. Knapp eineinhalb Jahre lang hört Mora keine Geschichten mehr über Misshandlungen von Gefangenen. Dann erscheinen die Bilder aus Abu Ghraib.

Damien Corsetti, Frühjahr 2003, Bagram

Es gibt in Bagram keine Regeln mehr. Obwohl im Militär sonst alles geregelt ist, selbst die Farbe von Handtüchern, existieren für die Verhöre keine schriftlichen Anleitungen. Corsetti ahnt, warum. Wenn etwas rauskommt, werden die da oben schön ihren Arsch retten. Und wir müssen dran glauben. Dabei wissen alle davon. Rumsfeld war in Bagram, mehrere Generäle, hochrangige Offiziere. Die Soldaten nennen Bagram: "Die größte Show der Welt."

Rumsfelds Büro ruft oft in Bagram an. Erkundigt sich laufend nach den Verhören. Offiziere, die vorbeischauen, sind beeindruckt. Sehen, dass die Gefangenen an Ketten gefesselt stehen müssen. Sehen, wie übel sie zugerichtet sind. Sie sagen zu Corsetti und Kameraden: "Weiter so. Ihr macht einen großartigen Job."

Viele Soldaten aus Bagram werden versetzt. Damien Corsetti auch. Nach Abu Ghraib.

20. März 2003, Bagdad

Der Krieg im Irak beginnt.

George W. Bush, 26. Juni 2003, Weißes Haus

In einem Statement am Internationalen Gedenktag für Folteropfer sagt der Präsident: "Die Vereinigten Staaten treten für die weltweite Eliminierung von Folter ein, und wir gehen bei dem Kampf voran."

Richard Shiffrin, Juli 2003, Pentagon

Shiffrin quittiert den Dienst. "Keine Minute länger ertrage ich hier." Er ist angewidert angesichts der Versuche einer kleinen radikalen Elite, das Gesetz auszuhöhlen. Und angesichts eines Präsidenten, "der nicht in der Lage zu unabhängigem Denken ist. Für das, was wir hier machen, haben wir Japaner im Zweiten Weltkrieg zum Tode verurteilt."

Es setzt nun das ein, was Shiffrin den langen Weg zu sich selbst nennt. Er kennt die dunklen Geheimnisse der Regierung, an die Öffentlichkeit aber geht er nicht.

Lynndie England, Juli 2003, Irak

Lynndie England erreicht mit der 372. Einheit der Militärpolizei den Irak. Sie ist zum ersten Mal im Ausland, früher hat sie es nicht einmal bis ins 200 Kilometer entfernte Washington geschafft. Nun also Irak, der Krieg, und gleich ein Kulturschock. Die Menschen kommen ihr fremdartig vor, die Sprache ulkig, keiner hier versteht Englisch. Es ist heiß, es stinkt, sie hatte sich Krieg etwas glamouröser vorgestellt, lebhafter. Aber noch bleiben neun Monate der Stationierung, tröstet sie sich.

Steven Kleinman, August 2003, Irak

< Die Lage im Irak eskaliert. Anschläge auf Amerikaner nehmen zu, Verhöre verlaufen ohne Ergebnisse. Das US Central Command bittet seinen einstigen Top-Vernehmer, Colonel Steven Kleinman, um Hilfe. Gemeinsam mit zwei Kollegen fliegt er nach Bagdad, Camp Cropper, er nimmt an einer ersten Vernehmung teil, ein dunkler Raum, gleißendes Licht, ein Gefangener auf Knien und in Ketten, die Szene erinnert ihn an Bilder aus einem B-Movie. Vor ihm steht ein unerfahrener Soldat mit einer Eisenstange in der Hand, er schlägt dem Gefangenen ins Gesicht, nach jeder Antwort ein neuer Schlag, bis sich die Zähne im Gebiss lockern und Kleinman das Verhör abbricht. "Ich will das nie wieder sehen", sagt er dem Soldaten. "Das ist ein Befehl."

Zur gleichen Zeit zirkuliert eine E-Mail aus dem US-Hauptquartier CJTF7 an alle Außenstellen im Irak. Die Botschaft: "The Gloves are coming off. We want these detainees broken."

Lynndie England, September 2003, Abu Ghraib

Ihr erster Gedanke ist: Angst. Hier bleibe ich nicht. Das Gefängnis Abu Ghraib, in dem Saddam Hussein einst seine politischen Gegner foltern ließ, ist geschaffen für 5000 Gefangene, doch nun sind es mindestens 7000, sie hausen in Zelten, sie schlafen im Freien, und die Amerikaner haben Mühe, die Kontrolle zu behalten. Ständig werden sie von Mörsergranaten beschossen. England hat Angst, über den Hof zu gehen. Sie sehnt sich zurück nach West Virginia.

England besucht oft ihren Verlobten, Corporal Charles Graner, 35, im Block 1a. Der grobe, stämmige Graner ist bei der Militärpolizei. Er hat von CIA und Militärgeheimdienst eine Art Großauftrag erhalten. Er soll die Gefangenen vor den Verhören weichkochen, kleinkriegen. Diese Wörter fallen oft: "Soften them up, roughen them up." Graner lässt sie nackt in der Zelle hocken, er stülpt ihnen Frauenslips über die Köpfe, er kettet sie an Bettgestelle, er folgt dem Handbuch des SERE und der Standard Operating Procedure, abgesegnet von Lieutenant General Ricardo Sanchez, dem Oberkommandierenden im Irak, am 14. September. CIA und Militär sind zufrieden. Sein Company Commander Christopher Brinson, der ihn bei der Arbeit beobachtet, schreibt: "Corporal Graner, Sie machen gute Arbeit."

Brinson ist heute Assistent des republikanischen Kongressabgeordneten Mike Rogers.

Steven Kleinman, September 2003, Bagdad

Die Soldaten blicken ihn komisch an. Sie meiden ihn. Sie setzen sich weg, wenn er an ihren Tisch tritt. Colonel Kleinman spürt die Feindseligkeit, die ihm entgegenschlägt, und einmal spürt er tatsächlich so etwas wie Todesangst. Ein Soldat schleift sein Messer und empfiehlt ihm, "einen leichten Schlaf zu haben". Nach nur einer Woche im Irak ist der Top-Verhörer Kleinman eine persona non grata. Er gilt den anderen als Terroristenfreund.

Fünf Jahre später, vor dem Senat, wird er so etwas wie der Kronzeuge der Anklage sein.

In jenen Wochen in Bagdad telefoniert er empört mit seinem Boss, Commander Colonel Moulton, doch der hat eine überraschende Antwort: "Es ist alles in Ordnung so." "Aber das ist illegal, Sir", sagt Kleinman. "Nein, Ihr seid beauftragt, alle Verhörmethoden anzuwenden." - "Sir, was heißt das?" - "Schlafentzug, gegen die Wand schleudern. Von oben abgesegnet." - "Von ganz oben?" fragt Kleinman. "Ganz oben!"

Der Präsident, fährt es Kleinman durch den Kopf. Das geht hoch bis zum Präsidenten. "Sir, das ist eine Verletzung der Genfer Konvention, das kann ich nicht tun." Kleinman widersetzt sich dem Befehl seines Bosses und reist aus dem Irak ab.

Lynndie England, Oktober 2003, Abu Ghraib

Diese Nacht ist anders. In dieser Nacht bringt der Geheimdienst gleich sieben Gefangene vorbei und bittet Graner, sie weichzukochen. Sieben gleichzeitig, das wird nicht einfach, denkt sich England, aber Graner hat eine Idee. Er stapelt die nackten Männer zur Pyramide. So könne er sie besser in Schach halten. Er bittet England, für ein Foto zu posieren, und sie folgt ihm. Sie hebt den Daumen, sie lacht, ein Foto für ihren Verlobten Graner, ein Foto für die Ewigkeit.

Sie machen weitere Fotos, Gefangene an der Leine, Gefangene beim Masturbieren, eine Scheinhinrichtung mit Elektroden, sie füllen ihren Auftrag mit etwas Pepp, wie sie sagen, sie wollen ein bisschen Spaß haben in diesem Kreislauf aus Erniedrigung, Folter und Todesangst.

John Yoo, Dezember 2003, Justizministerium

Als Yoo Ende 2003 das Justizministerium verlässt, schlägt er als Nachfolger seinen Freund Jack Goldsmith vor, einen Harvard- Professor. Goldsmith greift sich gleich Yoos Memoranden, er mag nicht glauben, was er da liest. Goldsmith nimmt im Dezember 2003 eines der Memos zurück, ein halbes Jahr später auch das zweite. Yoo sei für die Bush-Regierung ein "Gottesgeschenk" gewesen, wird Goldsmith später schreiben. Sie sind heute keine Freunde mehr.

Lynndie England, April 2004, Fort Bragg, North Carolina

Der "New Yorker" und der Sender CBS zeigen die Folterfotos aus Abu Ghraib. Ein Aufschrei geht um die Welt. Donald Rumsfeld spricht von ein paar "bad apples", einigen faulen Äpfeln, er sagt, er habe keine Ahnung gehabt, dass so etwas in den Gefängnissen passiere. Präsident Bush erklärt: Wir foltern nicht. Dick Cheney schweigt.

Lynndie England erfährt von der Veröffentlichung in Fort Bragg, North Carolina. Sie ist zurück aus dem Irak, gegen sie und sechs weitere Soldaten laufen Ermittlungen wegen Erniedrigung und grausamer Behandlung von Kriegsgefangenen. Sie ruft ihre Mutter an, vor deren Trailer die Journalisten campieren. "Da sind Hunderte Reporter draußen", sagt die Mutter. "Du bist überall in den Nachrichten, auf CNN, in den Zeitungen." Die Mutter erwähnt die Fotos, und Lynndie England denkt nur: "Scheiße, wie kamen die denn raus?"

Steven Kleinman, 52, Colonel der Luftwaffe, Psychologe im Anti-Folter-Programm. Aus Bagdad wird der Foltergegner als "Weichei" weggemobbt

Steven Kleinman, 52, Colonel der Luftwaffe, Psychologe im Anti-Folter-Programm. Aus Bagdad wird der Foltergegner als "Weichei" weggemobbt

Gestern war sie ein Mädchen, das etwas Abenteuer wollte. Heute ist sie das Gesicht der Folter.

John Bellinger, Juni 2005, State Department

Nach Bushs Wiederwahl ist John Bellinger seiner Chefin Rice als oberster Rechtsberater ins Außenministerium gefolgt. Jetzt, glaubt er, zahlt sich aus, dass er so lange ausgehalten hat, jetzt kann er was verändern.

Es ist, als wolle John Bellinger etwas wiedergutmachen. In zwei Memoranden fordert er die Auflösung von Guantánamo und ein "end game" für die geheimen Gefangenen der CIA. Wenigstens soll ihre Existenz öffentlich gemacht werden. Cheney ist entsetzt: "Dann wird doch jeder fragen: Was habt ihr mit ihnen gemacht?" David Addington tobt, die Wiedereinsetzung der Genfer Konvention sei eine "Abscheulichkeit". Es scheint da schon ein Sieg, als Bush im September 2006 die Verlegung der geheimen CIA-Gefangenen nach Guantánamo verkündet.

Lynndie England, September 2005, Fort Hood, Texas

Ein Militärgericht in Fort Hood verurteilt Lynndie England zu drei Jahren Haft wegen der Misshandlung von Gefangenen. Ihr Ex-Verlobter Graner bekommt zehn Jahre. Fünf weitere Soldaten niederen Rangs werden verurteilt. CIA-Agenten und ihre Vorgesetzten, die weit Schlimmeres taten, genießen Straffreiheit.

Damien Corsetti, Juni 2006, Fort Bliss, Texas

Zwei Männer sterben in Bagram. Corsetti wird mit 15 anderen Soldaten wegen Misshandlung und sexueller Belästigung von Gefangenen angeklagt. Ein Militärgericht spricht ihn am Ende frei. Corsetti habe sich in einer Grauzone bewegt mit seinem Verhalten, stellt die Militärjury fest. Kameraden und selbst Gefangene sagen für Corsetti aus. "Er ist eigentlich ein netter Kerl, wie ein großer Teddybär." Corsetti wird nur wegen Haschischkonsums verurteilt.

George W. Bush, 8. März 2008, Weißes Haus

Der Präsident legt sein Veto ein gegen ein Gesetz, das Waterboarding und andere harte Verhörmethoden untersagt. "Dies ist nicht die Zeit, um Praktiken, die erwiesenermaßen Amerika geschützt haben, abzuschwören."

April und Mai 2009, Leben mit der Schuld

Der Untersuchungsbericht des Streitkräfteausschusses des Senats kommt nach Einsicht von 200.000 Dokumenten zu dem Schluss, dass der Missbrauch von Gefangenen nicht einigen "bad apples" zugeordnet werden kann. "Es ist eine Tatsache, dass hohe Beamte in der Regierung Informationen für aggressive Techniken anforderten, das Gesetz verfeinerten, um ihnen den Anschein der Legalität zu geben, und dem Einsatz der Methoden gegen Gefangene zustimmten. Rumsfelds Autorisierung von aggressiven Verhörmethoden in Guantánamo war eine direkte Ursache des Gefangenenmissbrauchs in Abu Ghraib."

Als John Yoo im kleinen Auditorium der Chapman Law School ans Rednerpult tritt, schreien einige Studenten "Kriegsverbrecher!" Yoos Gesicht ist meist ausdruckslos, man kann selten darin ablesen, was er wirklich denkt. Er sagt mit ruhiger, sanfter Stimme: "3000 unserer Bürger waren durch die Attacke eines ausländischen Feindes getötet worden. Wir mussten das Land vor weiteren Anschlägen beschützen. War es das wert? Wir haben seit mehr als sieben Jahre keine Attentate mehr erlebt."

Yoo ist mittlerweile 41. Es gibt Studenten, die ihn als freundlichen, spannenden Professor loben. Und es gibt Studenten, die zu seinen Vorlesungen in Guantánamo-orangefarbenen Overalls erscheinen. Barack Obama will Yoo und seine Kollegen nicht verfolgen. Aber angeblich empfiehlt die interne Untersuchungskommission des Justizministeriums, standesrechtliche Schritte einzuleiten. Yoo könnte seine Zulassung als Anwalt verlieren.

Damien Corsetti sitzt an der Theke der Sports-Bar "Hard Times Café" in Fairfax, trinkt alkoholfreies Bier. In Bagram war er zum Alkoholiker geworden. Bagram hat sowieso aus ihm einen "son of a bitch" gemacht, wie Damien Corsetti sagt. "Ich war ein schlimmer Mensch."

Zu Hause konnte er nicht aufhören, ein schlimmer Mensch zu sein. Er darf sich seiner Frau und seinem Sohn nicht mehr nähern. Er sagt: "Die Dämonen von Bagram bekommst du nicht so schnell los." Die Schreie der Gefangenen sind in seinem Kopf, Schreie nach ihrer Mutter, nach Allah. Sein Lieblingsplatz in Washington war der Zoo, das Elefantenhaus. Er kann dort nicht mehr hin. Der Geruch erinnert ihn an Bagram.

Er hat mehrere Therapien hinter sich. Während des Gesprächs fehlen ihm manchmal die Worte, er geht raus, raucht einen Joint. Corsetti will etwas wiedergutmachen. Er setzt sich nun für einen jungen Gefangenen in Guantánamo ein.

Ali Soufan hatte nach der Folter an Abu Subaida genug von der Rivalität der Geheimdienste. Er verließ das FBI und gründete seine eigene Sicherheitsfirma. Vor zwei Wochen sagte er vor einem Justizausschuss des Senats als Zeuge aus, hinter einer Holzwand, um unerkannt zu bleiben.

Auch Michael Gelles, der Psychologe, will nicht mehr fürs Militär arbeiten, er ist heute bei einer Unternehmensberatung.

Colonel Steven Kleinman hält an Militäruniversitäten Vorträge über die Wirksamkeit intelligenter Verhöre und die humane Behandlung von Kriegsgefangenen. Seine Freunde im Militär halten ihn für einen Verräter, sie haben ihn verlassen. Als er im Interview davon spricht, kommen ihm die Tränen.

John Bellinger hat gerade sein neues Büro in einer renommierten Anwaltskanzlei bezogen. Er würde gern nach Europa reisen, erklären, sich freisprechen. Doch dort könnten Staatsanwälte gegen ehemalige Mitglieder der Bush-Regierung ermitteln. Vielleicht auch gegen ihn? Bellinger ist unsicher, er blickt weg, er lächelt gequält. Er weiß, es ist noch lange nicht vorbei.

Richard Shiffrin tritt auf den Balkon. Ein Hubschrauber fliegt über seine Wohnanlage in Florida am Golf von Mexiko hinweg. "Die suchen dich", ruft seine Freundin. "Hat Sie jemand im Auto hierher verfolgt?", fragt er besorgt. Da sitzt ein selbstkritischer Pensionär, der einzige hohe Regierungsbeamte, der ausgepackt hat. Der einstige stellvertretende Chefjurist im Pentagon hat sich eine neue Beschäftigung gesucht. Er vertritt als Anwalt die Gefangenen von Guantánamo, ohne Honorar. Warum? "Ich fühle mich wohl irgendwie schuldig", sagt er.

Lynndie England lebt mit ihrem vierjährigen Sohn Carter in einem Trailer in West Virginia und findet keinen Job, "weil keiner mich je einstellen will". Sie leidet unter Depressionen. Sie würde heute vieles anders machen, aber gegen Folter habe sie nichts. "Wenn Terroristen euch Reporter hier auf der Wiese kidnappen, hätte ich nichts gegen die Anwendung von Folter, um euer Leben zu retten." Sagt es und fährt in ihrem alten Wagen der Abendsonne entgegen.

Dick Cheney, Mai 2009, Washington

Der Ex-Vizepräsident ist zum Chefkritiker Barack Obamas geworden. Er lässt keine Gelegenheit aus, ihm Schwäche vorzuwerfen. Über die Folter sagt er: "Es wäre unethisch und unmoralisch gewesen, es nicht zu tun. Ich fühle mich sehr gut angesichts der Dinge, die wir taten. Ich würde es jederzeit wieder tun."