Wer Meister wird, wer absteigt

24. August 2012, 11:02 Uhr

Vorhang auf für die Gold-Saison: Auch wir erwarten wieder einen Zweikampf um die Schale. Aber nicht nur der BVB und die Bayern wurden von uns gecheckt - und einsortiert. Vom stern.de-Sportteam

Ist Borussia Dortmund mit Marco Reus etwa noch stärker als in der vergangenen Saison oder haben sich die Bayern mit ihrem neuen Sportdirektor Matthias Sammer das Siegergen endlich zurückgeholt? Fakt ist: Alle rechnen in der 50. Bundesliga-Saison mit einem erneuten Titelduell zwischen Meister Dortmund und Rekordchampion FC Bayern. Im großen stern.de-Teamcheck vor Beginn der neuen Runde nehmen wir aber natürlich nicht nur die beiden deutschen Ausnahmeklubs etwas genauer unter die Lupe. Alle 18 Teams werden beleuchtet - und wir sind sogar so mutig und wagen eine Prognose. Wer seinen Verein besser oder vielleicht ja auch schlechter platziert sieht, kann uns gern schreiben. Diskutieren Sie einfach mit in der Fankurve, unserer Seite für Fußballfans auf Facebook.

Die Big Player

Borussia Dortmund
Wie lautet die Steigerung von "perfekt"? Nach einer Saison wie im Rausch, nach einem Bundesliga-Rekord mit 81 Punkten und insgesamt drei Siegen gegen die Bayern ist das Vertrauen und die Erwartung von vielen Fans und Fachleuten in die Borussia grenzenlos – und mit einem nochmals deutlich gereiften Mats Hummels, einem wieder gesunden Mario Götze, dem Topneuzugang Marco Reus und dem nicht mehr abwanderungswilligen Torjäger Robert Lewandowski bietet die Mannschaft ja auch ein Gerüst, das zum Schwärmen einlädt. Das in der Vorbereitung vor allem dann überzeugte, wenn es nach vorne ging. Aber es spricht für die Abgeklärtheit der Dortmunder, dass sie selbst nicht übersehen, dass auch bei Ihnen in bestimmten Bereichen noch Luft nach oben ist: von der mangelhaften Chancenauswertung, die vergangenes Jahr manch überlegenes Spiel noch unnötig spannend machte, über die bis auf Reus noch nicht perfekt integrierten Neuzugänge - bis hin zur Verteidigung, wo sich die Einzelkönner Subotic, Hummels, Pisczek und Schmelzer immer mal wieder mit dem Miteinander schwer tun. In der Sommerpause testete Jürgen Klopp auffallend viele, stark wechselnde Formationen – als Vorbereitung auf eine lange Saison auf möglichst vielen Hochzeiten, vor allem international. Denn die Schmach der missratenen Champions-League-Auftritte sitzt immer noch tief beim BVB. Um die zu tilgen, muss das Team jenen Reifeprozess weiter festigen, den es in der Rückrunde der letzten Bundesligasaison schon angedeutet hat. Dann ist neben einer guten CL-Saison auch die dritte Meisterschaft in Folge drin. Prognose: Platz 1 oder 2.

Bayern München
Mit aller Macht wollen die Bayern nach ihren drei Vizetiteln nun endlich wieder zurück nach ganz oben. Stars wie Xherdan Shaqiri und Mario Mandzukic sind für viel Geld gekommen, der Martinez-Deal wackelt noch ein bisschen. Der spektakulärste Neuzugang schnürt aber selbst nicht mehr die Fußballschuhe: Matthias Sammer. Der neue Sportchef soll die Richtung vorgeben - auch dem Trainer. Womit wir beim nicht ganz unproblematischen Thema Jupp Heynckes angekommen wären. Viele Niederlagen darf sich der Kumpel von Uli Hoeneß nicht mehr leisten. Geht der Start in die Binsen, ist sofort Druck für Heynckes da. Und dann? Übernimmt etwa Sammer und macht einen auf Magath? Auszuschließen ist das nicht. Wunderbare Gedankenspiele, über die man den Fußball fast vergessen kann. Deshalb zurück auf den Platz. Schweinsteiger, Alaba, Gomez, Rafinha und Contento – alle waren oder sind sie noch verletzt. Das Einspielen in der Vorbereitung hat das massiv gestört. Auch wurscht, die neuen Bayern mit Sammer an der Spitze werden sich schon finden. Und ins Rollen kommen. Dafür ist die Qualität auch in der Breite viel zu stark. Prognose: Es wird bis zum Schluss ein enges Rennen mit dem BVB. Platz 1 oder 2.

Die, die nach oben schielen

Schalke 04
Was war das für ein emotionaler Abschied: Der "Senor" geht in die Wüste. Ganz Gelsenkirchen, so hatte man den Eindruck, trug Schwarz statt Königsblau, als sich der Spanier Raul zu seiner letzten Ehrenrunde vor seinem Abenteuer in Katar aufmachte. Emotional wiegt der Verlust schwer, sportlich hingegen dürfte er wohl zu verschmerzen sein. Denn von Raul einmal abgesehen ist das erfolgreiche Team der vergangenen Saison zusammengeblieben. Peu a peu hat sich Manager Horst Held inzwischen von den größten (und teuersten) Irrtümern des Magath-Kaufrauschs befreit, gleichzeitig den Kader klug (und preisgünstig) ergänzt. Roman Neustädter (aus Mönchengladbach) und der Leverkusener Tranquillo Barnetta kamen ablösefrei und dürften das Schalker Mittelfeldspiel beleben. Gerade dort kann Trainer Stevens aus dem Vollen schöpfen: Holtby, Draxler, Jones, Höger und die beiden Neueinkäufe bilden zusammen ein beeindruckendes Ensemble. Defensiv gab es eh keinen Handlungsbedarf. Die Schalker Hintermannschaft war die Drittbeste der Vorsaison. Bemerkenswert: Mit Hildebrand, Unnerstall und Fährmann hat der Verein gleich drei Torhüter auf Top-Niveau. Und vorne lauert ja bekanntlich der "Hunter". Wobei ausgerechnet hinter Stürmer Klaas-Jan Huntelaar ein paar Fragezeichen stehen. Einige irritierende Zwischentöne über seine Vertragsgestaltung störten die ansonsten recht harmonische Vorbereitung. Und ob der Torgarant der Vorsaison (29 Treffer) sich wieder in so einen Lauf schießt, mag niemand auf Schalke prophezeien. Da wäre es schon von Vorteil, wenn auch Spieler wie Draxler, Farfan oder Pukki ihren Offensivdrang mit dem ein oder anderen Törchen mehr belohnen würden. Ganz klar: Schalke greift auch in diesem Jahr wieder oben an. An die Doppelbelastung von Liga und Champions League ist man inzwischen gewöhnt, der Kader ist eingespielt und ausgeglichen besetzt. Für den Platz an der Sonne reicht es aber erneut nicht ganz. Prognose: Platz 3 bis 5.

Borussia Mönchengladbach
Das Rückgrat ist weg, ein neues ist schon da: Reus, Dante und Neustädter wurden durch Luuk de Jong (Twente Enschede), Alvaro Dominguez (Atlético Madrid) und Granit Xhaka (FC Basel) ersetzt – für gut 30 Millionen Euro. Damit wurde die Gladbacher Borussia zum „Transfermeister“. Zeit, um sich zu finden, braucht das Team von Coach Lucien Favre trotzdem. Zeit, die die Fohlen allerdings nicht haben. Schon vor Beginn der Bundesliga steht die Qualifikation zur Champions League an. Ein Misserfolg gegen Dynamo Kiew, der nach der deutlichen Hinspiel-Pleite wahrscheinlich ist, könnte die Euphorie des letztjährigen Überraschungsteams schon ausbremsen. Die Mehrbelastung durch den Europapokal bleibt auf jeden Fall bis zur Winterpause. Das ist ungewohnt für die Gladbacher. Sie wären nicht die ersten, die darunter in der Bundesliga leiden. So dürfte die Borussia voraussichtlich zu Beginn der Saison eher holpern. Doch angesichts der erstklassigen Neuzugänge sollte Gladbach letztlich wieder ein Anwärter für die Europacupplätze sein. Prognose: Platz 4 bis 8.

Bayer Leverkusen
Es hätte sehr ernst werden können für Bayer Leverkusen: André Schürrle fand die Aussicht, beim FC Chelsea zu spielen, sehr attraktiv. Und Lars Bender wurde von den Münchner Bayern hartnäckig gelockt. Es wären Abgänge gewesen, die die Werkself im Mark getroffen hätten – anders als die Abschiede von Ballack, Barnetta, Derdiyok oder Adler. Doch Sportchef Rudi Völler blieb hart. Die beiden Nationalspieler sind wichtige Stützen des Teams, das in der neuen Saison wieder oben mitspielen soll. Die Qualifikation für die Champions League ist das Ziel, die Meisterschaft der Traum von "Vizekusen". Deshalb sollen die Neuen Carvajal (Real Madrid) und Wollscheid (Nürnberg) die Defensive stärken, Junior Fernandes (Universidad de Chile) im Sturm Kießling Druck machen. Große Hoffnungen setzen die Rheinländer auch darin, dass Renato Augusto zu alter Sträke zurückfindet. In erster Linie wird aber entscheidend sein, ob das unerfahrene Trainerduo Sami Hyypiä/Sascha Lewandowski das Zeug hat, die Bayer-Elf in hohe Tabellenregionen zu führen. Prognose: Platz 3 bis 6.

Möchtegern-Europäer

VfL Wolfsburg
Masse statt Klasse, nach diesem Prinzip hat Felix Magath gerne eingekauft. Aber, und das muss man dem Transfer-Wüterich zugestehen, er brachte dabei auch Stars wie Edin Dzeko oder Grafite hervor. Mit denen wurde der VfL 2009 überraschend deutscher Meister. Magath blieb auch vor der neuen Saison seiner Methode treu. Diese Mal setzte er den (Geld-)Hebel aber gezielter an. In der Abwehr. Mit Naldo, Pogatetz und Vagner wurde die Defensivreihe beinahe komplett neu besetzt. Das war auch dringend nötig. Vergangene Saison musste Keeper Diego Benaglio, der einzig Verbliebene aus der Meisterelf, 60 Mal hinter sich greifen. Nur drei Vereine waren schlechter. Mit dem erfahrenen Naldo als Leuchtturm kann es eigentlich nur besser werden. Vorne waren die Wölfe eh schon gut besetzt. Aber auch im Angriff (Hollands Toptorjäger Bas Dost sowie Ivica Olic) wurde nochmals nachgebessert. Hinzu kommt Diego. Es gehört zu den größten Wundern der jüngeren Bundesligageschichte, dass sich Felix Magath mit dem einst flüchtigen Regisseur wieder versöhnt hat. Nun ist der Brasilianer wieder ein vollwertiges Mitglied der Mannschaft. Was Diego kann, wenn er Lust hat und fit ist, wissen wir aus seinen Zeiten bei Werder. Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Diego und Magath birgt Risiken, aber es könnte auch der Schlüssel zum Erfolg in dieser Saison sein. Der Mainzer Trainer Thomas Tuchel tippte in eine Umfrage des "Kicker" unter den Bundesligatrainern als einziger Coach auf Wolfsburg als Meister. Ganz so weit wollen wir nicht gehen, glauben aber, dass der VfL 2012/2013 mit etwas Glück zu Borussia Mönchengladbach 2011/2012 werden kann. Prognose: Platz 4 bis 6.

Hannover 96
Hat das noch irgendjemand auf dem Schirm? Hannover verlor in der vergangenen Saison nicht ein einziges von 17 Heimspielen. Auch deshalb spielen die "Roten" heuer (wahrscheinlich) wieder in der Europa League. Es ist etwas gewachsen in Niederdachen. Dafür sind in erster Linie Trainer Slomka und Manager Schmadtke verantwortlich. Die beiden lieben sich nicht, ergänzen sich aber bei ihrer Arbeit perfekt. Wir können uns auch in der kommenden Saison wieder auf das schnelle Umschaltspiel der Hannoveraner freuen. Die Elf ist – und das ist eine ihrer großen Stärken – eingespielt. Der Kader wurde lediglich in der Breite ein wenig, aber wie immer klug, verstärkt. Die Fans freuen sich vor allem auf Rückkehrer Szabolcs Huszti, der im Mittelfeld wie Sergio Pinto für Spielkunst steht und gemeinsam mit seinem Kumpel von einst wieder für Spielfreude sorgen soll. Während hinten Ex-Abwehrboss Emanuel Pogatetz nach seinem Abgang zum VfL Wolfsburg sicher eine Lücke hinterlässt, setzt Slomka vorne wieder auf die furiosen Vier: Abdellaoue, Ya Konan, Diouf und Schlaudraff. Wenn das mal keine Sturmreihe ist! 96 hat in den vergangenen beiden Spielzeiten einen Reifeprozess durchgemacht. Und noch immer gibt es Luft nach oben. Prognose: Die "Roten" schaffen wieder einen Platz im internationalen Geschäft und landen auf Platz 5 oder 6.

VfB Stuttgart
Eines ist den Verantwortlichen des VfB Stuttgart seit Jahren ein Rätsel: Warum schafft es die Mannschaft nicht, über eine gesamte Saison ihre Stärke zu zeigen? Immer wieder folgt auf eine schwache Halbserie eine bärenstarke oder umgekehrt. Unterm Strich reicht es allerdings fast immer für die obere Tabellenhälfte; nicht selten sogar fürs internationale Geschäft. So bleibt Coach Bruno Labbadia und Sportdirektor Fredi Bobic nur die Hoffnung, dass die Truppe diesmal konstant spielt. Die Zeichen dafür stehen nicht schlecht. Zwar haben namhafte Kräfte den Verein verlassen (Boulahrouz, Delpierre, Schieber, Gebhart), doch die Achse mit Ulreich im Tor, Tasci und Kvist im Defensivverbund, Hajnal hinter den Spitzen und den starken Harnik und Ibisevic vorne ist geblieben und eingespielt. Zudem ist Top-Talent Didavi nach einem starken Jahr in Nürnberg wieder zurück. Insgesamt haben die Schwaben eine Mannschaft zusammen, die ernsthaft um die internationalen Plätze mitspielen sollte. Prognose: Platz 4 bis 7.

Die Wundertüten

Werder Bremen
Irgendetwas was bei Werder nicht neu ist in dieser Saison? Eigentlich nur der Vereinsname – und natürlich das Trainer-Managergespann Thomas Schaaf und Klaus Allofs. Ansonsten: neues System (man glaubt es kaum, aber Bremen spielt nicht mehr mit der Raute), neue, aber vor allem SCHNELLE Spieler (Kevin de Bruyne, Eljero Elia, Theo Gebre Selassie), neuer Hauptsponsor (über den schreiben wir nichts, versprochen!) – und eine neue jugendliche Unbekümmertheit. Es ist ein enorm großer Schnitt, den die Grün-Weißen nach der frustrierenden Saison 2011/2012 vollzogen haben. Der Kader wurde auch, aber nicht nur, aus wirtschaftlichen Gründen ausgemistet. Werder ohne Wiese, Naldo und Pizarro? Eigentlich unvorstellbar. Aber nach einer für Bremer Verhältnisse fast schon überragenden Vorbereitung spricht kaum noch jemand über die Identifikationsfiguren von früher. Die Testspiele haben gezeigt: Werder spielt wieder moderner und erinnert in der Offensive mit frischem Tempofußball schon wieder ein bisschen an alte Glanzzeiten. Aber gemach, gemach: Das Team ist jung, die Abwehr wackelt auch weiter – und die Laune von Thomas Schaaf kann sich auch ganz schnell wieder ändern. Gegen Preußen Münster gab’s im Pokal schon mal den ersten Dämpfer. Am Ende wäre ein Europa-League Platz also ein großer Erfolg. Realistischer ist aber alles zwischen Rang 6 und 9.

TSG 1899 Hoffenheim
Im beschaulichen Kraichgau ... ok ok, wir lassen das. Bleiben aber bei unsere Behauptung, dass sich am Image des Dorfclubs so schnell nichts ändern wird. Einmal neureicher Dorfklub, immer neureicher Dorfklub. Ob Hoffenheim wirklich die perfekte Trainerstation für Markus Babbel ist? Vielleicht ja. Verein und Coach stehen beide für Mittelmaß. Aber nun wollen beide endlich raus aus der Grauzone. Das ewige Problem der TSG: Saison für Saison sucht man vergeblich echte Typen im Team. Die Mannschaft strahlt nichts aus, es gibt keine gewachsene Mentalität. Das spiegelt sich dann auch in der Spielweise wider. Babbel selbst hat das angeprangert - und gehandelt: Mit dem lauten Tim Wiese, Abwehr-Routinier Mathieu Delpierre sowie Stürmer Eren Derdiyok wurden starke Persönlichkeiten verpflichtet. Wiese wurde gleich mal zum Kapitän gemacht. Wenn das mal kein Zeichen ist. Es bleibt abzuwarten, ob der personelle Hauruckstil des Trainers verbunden mit der von ihm angepeilten Spielphilosophie zwischen Kreativität und Kampfgeist erfolgreich sein wird. Die Gefahr, in alte Muster zu verfallen, ist bei 1899 Hoffenheim (leider) immer vorhanden. Siehe das peinliche 0:4 im Pokal beim Berliner AK. Und dann ist man am Ende nämlich doch nur wieder die Graue Maus. Das Pendel kann in beide Richtungen ausschlagen. Prognose: Platz 6 bis 12.

Graue Mäuse

Mainz 05
Wenn die 05er in der kommenden Saison aufs Feld laufen, werden die Mainzer Fans keine Schwierigkeiten haben, "ihre" Elf wiederzuerkennen. Personell hat sich kaum etwas getan; nur die Abgänge von Kultfigur Mohammed Zidan und Sami Allagui sind erwähnenswert. Allerdings waren die beiden Offensivkräfte zuletzt auch keine festen Größen in der Truppe von Trainer Thomas Tuchel. Auf namhafte Zugänge hat der selbst ernannte Karnevalsclub bewusst verzichtet. Stattdessen setzt man darauf, die vorhandenen Spieler zu fördern. Obwohl viel Potenzial in dem Team steckt, wären die Mainzer nicht die ersten, die erfahren müssten, dass auch eine gute Mannschaft frisches Blut braucht - zumal fraglich ist, ob Stoßstürmer Adam Szalai nach langer Verletzung zu alter Stärke zurückfindet. Andererseits hat schon immer fast alles gegen die Mainzer gesprochen, und doch haben sie sich mit akribischer Arbeit und ungebremster Begeisterung längst in der Liga etabliert. Daher lautet die Prognose: Platz 10 bis 12.

SC Freiburg
Das Wunder der vergangenen Saison fand an der Dreisam statt. Nach der Hinrunde mit gerade einmal 13 Punkten abgeschlagen Tabellenletzter. Niemand hätte auch nur einen Cent auf die Freiburger gesetzt - und dann kam Christian Streich. Der mitunter kauzig wirkende Übungsleiter hauchte dem Team wieder Leben ein, setzte auf junge, hungrige Spieler aus der zweiten Reihe wie etwa Linksverteidiger Oliver Sorg und coachte das Team noch zu 40 Punkten und Platz 12. Einen weiteren Ritt auf der Rasierklinge würden sich die Freiburger in dieser Spielzeit gern ersparen. Das Team ist im Kern zusammengeblieben, ergänzt wurde es u.a. durch Zweitliga-Diamant Max Kruse vom FC St. Pauli und den Außenbahnwühler Marc Terrazino vom KSC. Der Rest: eine Handvoll junger Nobodys. Aber das kennt man ja vom SC, der sich als Ausbildungsverein begreift. Folgerichtig wanderten die Millionen, die der Klub für Stürmer Papiss Cissé auch in den Nachwuchsbereich statt in den Kader. Ein Konzept, das sich jede Saison aufs Neue bewähren muss. Die Konstellation folgt einem gewissen Vorbild: ein junges, technisch und läuferisch außergewöhnliches Team, soeben dem Abstieg entronnen, ein kauziger Trainer - das alles erinnert an Borussia Mönchengladbach aus der letzten Saison. Zu wünschen wäre den sympathischen Freiburgern ein ähnlicher Parforceritt. Allein, der Glaube fehlt ein wenig, deshalb die Prognose: Platz 12 bis 15.

1. FC Nürnberg
Was soll man noch dazu sagen – außer: Hut ab, Dieter Hecking. Jedes Jahr aufs Neue muss der Übungsleiter ein neues Team formen, weil ihm die Leistungsträger schnöde den Rücken kehren oder die Ausleihe endet. Schieber, Gündogan, Ekici, jetzt wieder Wollscheid und Didavi. Der Mann ist eigentlich zu bedauern. Doch jedes Jahr aufs Neue macht sich der knorrige Niedersachse im weiß-roten Trainingsanzug daran, den Klub wieder einmal vor dem Abstieg zu bewahren. Sollte ihm das in der Spielzeit 12/13 erneut gelingen, hätte er einen Rekord beim Club aufgestellt: Nie saß ein Trainer länger auf der Bank bei den Franken. Allein die Vorzeichen sind haarig: Nach dem Weggang von Wollscheid und Maroh gehen die Nürnberger mit einer komplett neuen Innenverteidigung in die Runde. Neuzugang Marcos Antonio, der Schweizer Tim Klose und Per Nilson sollen es richten. Im Pokal beim Viertligisten Havelse konnte man sehen, dass es mit der Stabilität noch nicht so weit her ist. Immerhin: Im Mittelfeld und Angriff stießen mit Timo Gebhardt vom VfB und Sturmtalent Sebastian Polter aus Wolfsburg zwei Spieler dazu, die den Kader in der Breite wieder einen Tick verstärken dürften. Ansonsten ist Kontinuität Trumpf am Valznerweiher. Schäfer, Pinola, Chandler, Simons und Ballitsch bilden wie in der Vergangenheit das Gerüst der Mannschaft. Dazu der Trainer und Sportvorstand Martin Baader – in Nürnberg weißt man, was man hat, und was man ist: ein Anwärter für einen Platz im Mittelfeld. Ausschläge nach oben und unten sind dabei nie ausgeschlossen. Prognose: Platz 8 bis 14.

Abstiegskandidaten

Hamburger SV
Anspruch und Wirklichkeit, das sind schon seit Jahren zwei Paar Schuhe, die bei den Hanseaten nicht zusammenpassen. Gefühlt wähnt man sich am Volkspark immer noch mit den Bayern auf Augenhöhe, doch "auff'm" Platz benötigte der Bundesliga-Dino Glück zuletzt jede Menge Glück, dass die Stadionuhr, die in der Imtech-Arena die dauerhafte Zugehörigkeit zur deutschen Eliteklasse anzeigt, nicht stehengeblieben ist. Kein Teamgeist, keine Leidenschaft, ein Trainer, der zur Vollmundigkeit neigt, dazu wenig Fortune bei den Transfers und eine gierige Presselandschaft, die bereitwillig von eitlen Aufsichtsräten gefüttert wird. So war es im vergangenen Jahr, so wird es wieder sein. Als Saisonziel wurden 45 Punkte ausgegeben, man wolle ein paar Plätze in der Tabelle gut machen. Wie das gelingen soll, ist spätestens nach der Pokal-Blamage beim KSC rätselhaft. Sportdirektor Arnesen jagt seit Monaten vergeblich einen "Zehner", der dem HSV-Spiel Kontur und Tempo geben soll. Von Rafael van der Vaart träumt er beinahe täglich. Gefunden hat er bisher lediglich eine Nummer acht, Milan Badelj von Dinamo Zagreb. Vorne sollen der Lette Rudnevs und Düsseldorf-Rückkehrer Beister die Abgänge von Petric und Guerrero vergessen machen. Rudnevs jedoch konnte sich aber bislang nicht einmal gegen Markus Berg durchsetzten, jenen vermeintlichen Topstürmer, der seit Äonen beim HSV auf seinen Durchbruch wartet. Und selbst Ex-Nationalkeeper Adler machte bei seinem Pflichtspiel-Debüt im Tor der Hanseaten einen ungewohnt fahrigen Eindruck. Nein, beim HSV passt auch in der neuen Saison noch nicht viel zusammen. Durchhalteparolen wechseln sich mit Untergangsszenarien ab. Selbst Idol Uwe Seeler gibt unumwunden zu: "Ich habe Angst um meinen HSV." Endzeitstimmung an der Elbe. Zu Recht. Prognose: Platz 15 bis 18.

FC Augsburg
"Wir haben keine Chance, aber die wollen wir nutzen!" Nach diesem Motto hat der FC Augsburg seine erste Saison im Oberhaus bestritten, mit dieser Parole wollen sie nun auch die zweite Spielzeit in Angriff nehmen. Dabei haben sich die Bedingungen nicht eben verbessert. Mit Trainer Luhukay und Manager Rettig haben zwei anerkannte Fachmänner den Verein verlassen, für die Nachfolger - Trainer Markus Weinzierl und Manager Sport Manfred Paula - ist die Bundesliga Neuland. Auch das Team, das sich den Klassenerhalt durch Willen und Geschlossenheit verdient hat, bekommt ein neues Gesicht. Leistungsträger wie Bellinghausen, De Roeck und Hosogai haben dem Klub den Rücken gekehrt. Torjäger Mölders fällt zudem mit einem Knöchelbruch noch wochenlang aus. Positiv: Neuzugänge wie u.a. der Ex-Mainzer Aristide Bancé und Andreas Ottl darf man zutrauen, die Lücken zu füllen. Spieler wir Moravek, Baier und vor allem der vom VfL Wolfsburg ausgeliehene Koo haben allemal das Zeug für die erste Liga. Das Gerüst steht, entscheidend ist, ob es Trainer Weinzierl gelingt, aus dem Team wieder das kleine, schwäbische Dorf der Liga zu machen. Dann ist der Verbleib in der schwierigen zweiten Saison machbar. Prognose: Augsburg muss zittern – Platz 15 bis 18.

Greuther Fürth
Das Abenteuer Bundesliga beginnt für Greuther Fürth mit dem Saisonhöhepunkt: Heimspiel gegen Bayern München. In diesem Spiel gilt, was auch für den Rest der Saison stimmt: Fürth hat nichts zu verlieren. Nachdem die Franken jahrelang den Aufstieg knapp verpasst hatte und schon als „unaufsteigbar“ galten, haben sie den Aufstieg vor allem durch starken Offensivfußball geschafft – eine Spielphilosophie, die Trainer Mike Büskens auch in Liga 1 beibehalten will. Für 2.Liga-Torschützenkönig Olivier Occéan, der den Club in Richtung Frankfurt verließ, wurde der senegalesische Stürmer Djiby Fall aus Belgien verpflichtet. Zudem wurde mit Zoltán Stieber, ein Flügelspieler aus Mainz, geholt, der ebenfalls das Potenzial hat, in der Bundesliga Fuß zu fassen. Ansonsten verstärken den Aufsteiger eher junge No-Name Spieler. Weil in Fürth keine überzogene Erwartungshaltung herrscht und die Fans die Zeit in Deutschlands Eliteklasse einfach nur genießen wollen, können die Kleeblätter zunächst völlig befreit aufspielen – es ist ihnen durchaus zuzutrauen, sich vor Teams wie Freiburg oder Augsburg zu platzieren. In Fürth kann es nur darum gehen, die Klasse zu halten. Und falls der Abstiegsfall eintreffen sollte, wird es keine Drohungen an Verantwortliche oder Platzstürme geben. Alles in allem: Der Abstieg wäre keine Überraschung. Chancenlos sind die Fürther aber keinesfalls. Prognose: Platz 15-18.

Fortuna Düsseldorf
Bäumchen, wechsle dich: 18 Zu- und 13 Abgänge stehen bei der Fortuna zu Buche. Leistungsträger der vergangenen Jahre wie Beister, Lukimya und Rösler haben den Verein ohne Transfererlöse verlassen. Manager Wolf Werner muss nun versuchen, diese Abgänge mit wenig Geld zu kompensieren: Zwar ist nach 15 Jahren Bundesliga-Abstinenz die Vorfreude riesig – das Geld aber knapp. Mit dem, vorerst nur ausgeliehenen, Andrey Voronin (Dynamo Moskau) und dem Ur-Düsseldorfer Axel Bellinghausen (FC Augsburg), hat Werner einen Topstar und eine Identifikationsfigur an den Rhein gelotst, die beide über reichlich Bundesliga-Erfahrung verfügen. Düsseldorf kann sich jedenfalls keine Anlaufschwierigkeiten erlauben: Drei der ersten fünf Partien sind gegen direkte Konkurrenten im Abstiegskampf (Augsburg, Freiburg, Fürth), dazu noch das Niederrheinderby gegen die Gladbacher Borussia. Wenn der Klassenerhalt geschafft werden soll, müssen in diesen Spielen Punkte her. Dann kann die Fortuna auf ihren größten Trumpf zurückgreifen: Ein tolles Stadion und vollkommen euphorisierte Fans – die nach dem Relegationsspiel-Chaos auch die Grenzen der Freude kennengelernt haben. In diesem, im besten Fall ist Platz 16 drin, andernfalls ist die Bundesliga für diese neuformierte Düsseldorfer Mannschaft wahrscheinlich eine Nummer zu groß und die Fortuna Abstiegskandidat Nummer eins. Prognose: Platz 16-18.

Eintracht Frankfurt
Warum die Eintracht nach einem beispiellosen Absturz im Sommer 2011 ein Jahr in der zweiten Liga verbringen musste, hat in Frankfurt bis heute kaum jemand verstanden. Allerdings gab es auch kein Interesse an Ursachenforschung. Sofort zurück in die Bundesliga, lautete die Anforderung, die eher stoisch als glanzvoll erfüllt wurde. Genauso selbstverständlich verstehen sich die Hessen nicht als Liganeuling, sondern als Rückkehrer. Coach Armin Veh lebt das schmucklose Selbstbewusstsein vor, stellt auch schon mal lautstark Forderungen - vor allem in Sachen Personal. Neun Neue gab es schon - darunter die Wunschspieler Kevin Trapp (Tor), Olivier Occean (Sturm) sowie Bamba Anderson und Carlos Zambrano (Verteidigung). Ein Stürmer soll noch kommen. Veh will, dass sein Team auf dem Feld das Heft in die Hand nimmt und so gar nicht erst in Gefahr gerät, wieder abzustürzen. Trotz der Pokalpleite in Aue (0:3) zweifelt am Main derzeit niemand daran, dass das gelingt. Prognose: Platz 12 bis 15.

Lesen Sie auch
Sport
Sport-Liveticker
Fußball-Bundesliga - live Fußball-Bundesliga - <i>live</i> Die Jagd nach der Schale Zum Liveticker