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Deutsche Opfer im Gaza-Konflikt: "Ich hatte Angst um ihn. Er hatte nie Angst"

Ibrahim Kilani starb bei einem Raketenbeschuss in Gaza. Kilani lebte lange in Deutschland, wollte seiner alten Heimat helfen. Der Versuch, seine Familie zu schützen, wurde zur tödlichen Falle.

Von Ingrid Eißele und Frank Gerstenberg

Die Ruinen der Häuser zeugen in Gaza Stadt von den Einschlägen der israelischen Raketen

Die Ruinen der Häuser zeugen in Gaza Stadt von den Einschlägen der israelischen Raketen

Attia Rajab erfuhr zwei Stunden später von dem Einschlag, via Facebook und durch den Anruf eines Freundes. Er sah die Fotos des zerstörten Hochhauses in Gaza, Trümmer, Bilder von toten Körpern. "Es ist nichts geblieben außer einem Haufen Fleisch", sagt er schockiert. Er und seine Frau Verena, die vor vielen Jahren das Stuttgarter Palästina-Komitee gegründet hat, schrieben eine Pressemitteilung. Es sei "jetzt wichtig, laut und deutlich zu werden" und "irgendetwas" gegen dieses Massaker in Palästina zu tun. 5300 Verletzte gebe es jetzt schon in Gaza, sagt Attia Rajab. Und fast 800 Tote laut Donia Al Watan, einer unabhängigen Quellen aus Ramallah.

Einer der Toten ist sein Freund. Ibrahim Kilani, der mit seiner Frau und seinen fünf Kindern unter den einstürzenden Trümmern starb. "Ich hatte immer Angst um ihn", sagt Rajab, ganz leise. "Er aber hatte keine Angst."

Aus armen Verhältnissen zum Akademiker

Attia Rajab sitzt im Café der Volkshochschule in Stuttgart, in einem hellen Hemd mit schmalen Streifen. Er könnte einer der Dozenten sein, die hier aus- und eingehen. Ein Bauingenieur, 52, mit grauweißem Haar und leiser Stimme. Ibrahim Kilani und er wuchsen zusammen in einem Städtchen im Norden von Gaza auf, Beit Lahia, 60.000 Einwohner, direkt an der Grenze zu Israel. Ibrahim lebte ein paar Häuser entfernt, mit den sechs Geschwistern und seiner Mutter, die ihre Kinder allein groß zog. Sie arbeitete auf den Feldern, verkaufte Kleider, Geld war knapp und es sei absolut nicht üblich gewesen, dass eine Frau arbeitet.

Aber Ibrahims Mutter hatte keine Alternative, ihr Mann erkrankte und starb, als Ibrahim vier Jahre alt war. Ibrahim suchte sich mit 15 Jahren einen Job, zusammen mit Rajab fuhr er nach Tel Aviv, wo sie auf Baustellen schufteten, dort arbeitete auch Rajabs Vater als Bauarbeiter in der Kanalisation. Mit 19 Jahren gingen sie zur deutschen Botschaft, sie wollten nach Deutschland und dort studieren. Die beiden jungen Palästinenser bekamen ein Visum, wohnten in einem Studentenwohnheim in Marburg, absolvierten ein Vorbereitungsjahr. Ibrahim studierte in Siegen Architektur, Rajab in Stuttgart Ingenieurwissenschaften. Ibrahim kam während des Studiums oft nach Stuttgart, meist zum Arbeiten, Ferienjobs bei Daimler und Bosch. Beit Lahia war weit weg. Sie waren zielstrebig, sie wollten raus aus der Armut, sie gründeten Familien, bekamen Kinder.

Hoffnungsvoll zurück nach Gaza

Natürlich hätten sie auch zusammen Spaß gehabt, sagt der Freund. Ibrahim Kilani nahm sich und die Welt nicht allzu ernst, aber keiner habe ihm das übel genommen. "Ibrahim hatte diesen Humor, er hat einen immer zum Lachen gebracht." In Siegen baute Kilani ein Haus für sich und seine deutsche Frau Kerstin Kilani sowie die Kinder Layla und Ramsis um. Als der letzte Stein verbaut war, sei die Ehe zerbrochen. Kilani überschrieb den Anteil seines Hauses an seine Kinder Layla und Ramsis und tauchte mit einem Koffer bei seinem Freund in Stuttgart auf. "Er sagte, ich verlasse Deutschland", sagt Rajab. Es wollte zurück nach Gaza, es war das Jahr 2001 und es gab ja "die Illusion einer Veränderung in Palästina." Der Oslo-Prozess war im Gange, ein eigener Staat endlich in Sicht. Ibrahim wollte dabei sein und noch einmal neu anfangen, die Kinder blieben bei der Mutter.

Kontakt nach Deutschland blieb eng

Der Kontakt zu Kerstin Kilani und zu den Kindern Ramsis und Layla blieb eng. Ibrahim sei liberal und weltoffen gewesen, sagt Kerstin Kilani. Er hatte die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen, die Kinder wurden evangelisch getauft. Im Wohnzimmer hängt zwar das Gemälde einer Frau im schwarzen Niqab, deren dunkle Augen im schmalen Schleierschlitz sehr an den Film "Nicht ohne meine Tochter" erinnern. Doch: "Das einzige, was wir an arabischer Kultur eingebracht haben, waren die Falafel für die Feste im Kindergarten", sagt Kerstin Kilani.

Ibrahim Kilani und seine erste Frau Kerstin zusammen mit den Kindern Ramsis und Layla

Ibrahim Kilani und seine erste Frau Kerstin zusammen mit den Kindern Ramsis und Layla

Ibrahim wollte Kerstin und seine Kinder aus erster Ehe wieder treffen, Zweimal hatten sie versucht, sich wiederzusehen. Im Jahr 2009 wollten Kerstin und die beiden Kinder den Vater in Ägypten treffen. Kerstin hatte mit der deutschen Botschaft verhandelt. Die Auskunft: "Er kommt aus dem Gazastreifen raus, aber es ist nicht sicher, ob er wieder rein darf." Das Treffen kam nicht zustande. Auch ein zweiter Versuch scheiterte. Nach dem Abitur 2011 wollte Ramsis den Vater allein besuchen. Dazu sollte er durch einen der Tunnel von Ägypten nach Gaza gehen. Die Mutter erzählt, wie sie ihr Veto einlegte: "Das ist zu gefährlich. Ich will dich nicht tot aus einem Tunnel holen."

"Er war ein freier Mensch, richtig frei"

Ibrahim hatte sich in Gaza wieder eingelebt. Er entwarf Häuser für Palästinenser, die im Ausland zu Wohlstand gekommen waren, im "Ibrahim-Stil", wie das Rajab nennt. Keine Boxen, wie sonst üblich. Sondern schöne Villen, orientalisch und westlich zugleich. Er gründete mit einer Lehrerin eine Familie. "Er war ein freier Mensch, richtig frei", sagt sein Freund. Freiheit, das hieß auch, frei zu sein von traditionellen Rollenbildern. Ibrahim schob auch mal den Kinderwagen, er habe sich über gesellschaftliche Regeln, die ihm zu eng erschienen, einfach hinweg gesetzt.

Mehrfach hatte Kerstin ihrem Ex-Mann angeboten, nach Deutschland zurückzukommen und seine Familie mitzubringen. Seine Antwort sei jedoch jedes Mal die gleiche gewesen: "In Deutschland scheint mir zu wenig die Sonne." Seine älteste Tochter hätte sich überdies schon daran gewöhnt, vor den Bomben zu fliehen.

"Er war völlig unpolitisch"

Der Krieg habe schon vor Jahren begonnen, sagt Ibrahims Freund Rajab, lange vor den Bomben der Israeli und den Raketen der Hamas. Dass nur ein paar hundert von fast zwei Millionen Menschen das Land verlassen dürften, auch das ist für ihn Krieg. Dass es keine Kläranlagen gibt, das Grundwasser immer stärker verseucht wird, dass junge Leute an Nie-renversagen sterben, dass es keine Ersatzteile gibt für die Stromversorgung. Dass das Land vor die Hunde geht. "In wenigen Jahren ist das kein Platz mehr, um zu leben."

Vor zwei Wochen forderte die israelische Regierung alle Bewohner von Beit Lahia auf, die Stadt zu verlassen. Keiner habe die Flugblätter am Anfang ernst genommen, sagt der Bau-ingenieur aus Stuttgart. Doch dann flüchtet Ibrahim mit seiner Familie in das Hochhaus in Gaza-Stadt. Ibrahim hatte die Wohnung schon vor einiger Zeit gemietet. Die Familie saß beim Iftar, dem Abendessen im Ramadan, als die israelische Rakete in das 15-stöckige Ge-bäude einschlug, erzählt Kerstin Kilani. Die zierliche Frau mit den hellbraunen Haaren beugt sich nach vorne, ihre Stimme wird so energisch wie 2011, als sie ihrem Sohn verbot, durch den Tunnel zu kriechen: "Das ist eine dermaßene Schweinerei. Eine unschuldige Familie verliert beim Abendessen ihr Leben. Dieses sinnlose Morden muss jetzt aufhören." Eine Schweinerei seien auch die Gerüchte über Kämpfe in dem Hochhaus. "Ibrahim war völlig unpolitisch." Dies sei auch der Grund, warum die Familie sofort nach der Nachricht vom Tod des Vaters beschlossen habe, an die Öffentlichkeit zu gehen. "Wir wollen, dass nichts Falsches über unseren Vater geschrieben wird. Und wir wollen sagen: Schaut hin! Schaut, was an Ungerechtigkeit im Nahen Osten passiert", so Layla Kilani. Und zwar auf beiden Seiten, wie Ramsis betont. Dieser sinnlose Krieg zerstöre einmal mehr alles, für das die palästinensischen und israelischen Friedensaktivisten, zu denen er auch gehöre, seit Jahren kämpften.

Kaum Trauergäste - aus Angst

Ibrahims Familie wurde am Tag nach ihrem Tod in der Heimatstadt beerdigt. Es kamen nur wenige Trauernde, aus Angst vor dem Beschuss. Zu einem späteren Zeitpunkt werde es eine Trauerfeier für Ibrahim geben, sagt sein Freund Attia Rajab, "dann werden bestimmt Tausende kommen." Auch Attia Rajabs Familie ist vor den Bomben geflüchtet, sie lebt jetzt in einem Flüchtlingslager in Gaza. Ihr Haus in Beit Lahia ist zerstört. Das Städtchen besteht vor allem aus Ruinen. Nur das Haus von Ibrahim Kilani steht noch. Es ist das einzige, was von der Familie geblieben ist.

Von:

Ingrid Eißele und Frank Gerstenberg