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Howard Dean: Er will Amerika umkrempeln

Howard Dean wirbelt den US-Vorwahlkampf durcheinander. Als krasser Außenseiter gestartet, lehrt der Internist seine demokratischen Mitbewerber das Fürchten. Sein Erfolgsgeheimnis: nicht länger vor Präsident Bush kuschen.

Der kleine, kräftige Mann, der in diesen Tagen von einem Wahlkampftermin zum nächsten hetzt, von Bauernhöfen zu Steakhäusern, von New Yorker Schwulendiscos zu Kaffeekränzchen im ländlichen Iowa, verfügt über all das, was einen miserablen Präsidentschaftskandidaten ausmacht: Er ist vorlaut und brüsk und sagt offen, was er denkt. Er herzt keine Reporter und joggt nicht für Kameras, und auch über Gott verliert er kein Wort. Er hat früher mal Pot geraucht und sich in eine Therapie begeben und eine Frau an seiner Seite, die das devote Leben einer First Lady nicht mag und das auch noch sagt. Ein hoffnungsloser Fall, dieser Dr. Howard Dean III.

Er schimpft auf George W. Bush

Aber schlimmer noch: In diesen schwierigen, historischen Zeiten, in denen Präsidentenschelte als Sakrileg gilt und die Formel "United we stand" wie eine mahnende Gebotstafel über dem gesamten Land hängt, schimpft er George W. Bush den "radikalsten Präsidenten, den es je gab", einen "bösartig gesinnten" Menschen, der alle Freunde im Ausland "erniedrige" und gefährlicher für Amerika sei als jedes andere Individuum. Und selbst auf seine demokratischen Mitbewerber schlägt der ehemalige Gouverneur von Vermont ein. Er nennt sie langweilig oder zweitklassig und verpasst ihnen das Label "Bush Lite", als ob ein Nestbeschmutzer mit solch radikalen Sprüchen je Präsident werden könnte.

Er könnte.

Howard Dean, 54, Demokrat, verheiratet, zwei Kinder, ist der Mann der Stunde, "die einzige wirkliche Aufregung, die die Demokraten zu bieten haben"("Time"), ein "demagogischer, Bush prügelnder Einzelkämpfer", ein "Feuer spuckender Neo-Populist" ("Newsweek"). Kein anderer der neun demokratischen Herausforderer attackiert so unerbittlich, reißt die Massen so mit und rekrutiert so viele Aktivisten. Kein anderer Politiker schafft es gleichzeitig auf die Titelseiten von "Time" und "News-week" und erregt so viel Aufmerksamkeit - außer Arnold Schwarzenegger. Und beide, die unterschiedlicher nicht sein könnten, treten mit dem gleichen Ziel an: den politischen Saustall aufzuräumen.

Arnold in Sacramento, Kalifornien. Howard in Washington, D.C.

Wer den steilen Aufstieg des Howard Dean verstehen will, muss ihn sehen, muss ihn erleben, in der Provinz, an der Basis, und so pilgern inzwischen Hunderte, manchmal Tausende zu den Auftritten des Mannes, der vor einem Jahr noch allein durch Cafés tingelte und selbst getextete Wahlkampflieder auf seiner Gitarre klimperte.

Das Steakhouse Buc´s in Iowas Kleinstadt Washington ist überfüllt, als Dean den Saal betritt. Es ist sein 54. Besuch binnen eines Jahres in jenem Staat, wo am 19. Januar 2004 der erste "Caucus" stattfindet. Dean trägt eine gebügelte dunkelblaue Hose, Schlips und Hemd, die Ärmel stets hochgekrempelt; manchmal tritt er auch in Bluejeans und Polizeishirt auf. Er mag kein guter Interviewpartner sein - wie Jimmy Carter - und kein schlagfertiger Debattierer - wie Bill Clinton -, aber dafür greift er unaufhörlich an, als befände er sich in einem schweren Gefecht.

Manchmal etwas Herrschsüchtiges

Sein Gesicht wird rot, der Schweiß läuft, auf den kurzen, muskulösen Armen treten die Adern hervor, und wenn er spricht und brüllt, schwingt manchmal etwas Herrschsüchtiges in seiner Stimme mit. "Der Grund, warum die anderen Kandidaten der Demokraten es so schwer haben, ist, dass sie Angst haben", ruft er. Applaus. "Der Schlüssel für den Sieg über Bush ist: nicht wie er zu sein." Großer Applaus. "Ich habe festgestellt, dass die Demokraten im Land fast genauso sauer auf die Demokratische Partei sind wie auf die Republikanische Partei." Riesenapplaus.

So präsentiert sich der Nachfahre von New Yorker Walfängern gern: als Washington-Outsider, als Anti-Establishment-Fighter, als Wadenbeißer aus Vermont - und am Ende seiner Rede sind die Zuhörer kurz davor, ihn auf Schultern zu tragen. "Endlich mal ein Demokrat, der den Mut hat, das auszusprechen", sagt Jim Gorham, ein pensionierter Versicherungsmakler. "Er ist ein neues Gesicht. Er ist nicht Teil des Establishments", sagt Linda Boston, Büroleiterin der örtlichen United Methodist Church. So wie viele Demokraten im Land hat sie sich seit Monaten gefragt: Warum gibt keiner diesem durchgedrehten Texaner Kontra? Warum ist ganz Amerika - die Politik, die Medien, die Talkshows - in der Hand von rechten Hardlinern? Dean ruft ihnen zu: "Es ist Zeit, dass wir unser Land zurückerobern!" Und: "Es ist egal, als was ihr mich bezeichnet, so lang ihr mich Präsident nennt."

Eine zutiefst verunsicherte demokratische Partei

Der rasante Aufstieg des bis vor kurzem noch völlig unbekannten Internisten aus der Kleinstadt Burlington erzählt viel über ein zutiefst verunsichertes Land und seine zutiefst verunsicherte Demokratische Partei. Noch im März wurde Dean in der eigenen Partei wegen seiner Antikriegshaltung und seines kategorischen Widerstands gegen Bushs Steuersenkungspläne scharf kritisiert.

Mit einem Lächeln blickten die Favoriten (und Kriegsbefürworter) auf ihn nieder: John Kerry, der millionenschwere Senator aus Massachusetts, John Edwards, der smarte Newcomer aus North Carolina, Joe Lieberman, der strenggläubige Jude aus Connecticut, der Bush am liebsten rechts überholen würde. Nach dem schnellen militärischen Erfolg im Irak galt der "Birkenstock-Linke" Dean als gänzlich unvermittelbar.

Düstere Vorhersagen

Doch seine düsteren Vorhersagen zur Nachkriegszeit trafen zu, und seine Fragen, die er lauter stellte als alle anderen, trafen ins Herz der oft wankelmütigen, ungeduldigen Amerikaner: Wo sind die Beweise, dass Saddam eine unmittelbare Bedrohung für Amerika darstellt? Warum müssen wir mit einem unilateralen Krieg all unsere Verbündeten verprellen? Und wie solide sind die Geheimdienstinformationen? Dean will keine Ruhe geben, bis Bush dem Volk endlich Antworten gibt. "Solange ich im Rennen bin, müssen alle über die Themen sprechen, über die ich spreche", sagt er selbstbewusst.

Popularität des Präsidenten sinkt

Inzwischen sind die Popularitätswerte des Präsidenten auf dem niedrigsten Stand seit dem 11. September 2001. Galt Bush nach Kriegsende noch als unschlagbar, so fiel seine Quote innerhalb von drei Monaten um fast 20 Punkte auf jetzt 53 Prozent. Die hohe Arbeitslosigkeit, die unsichere wirtschaftliche Lage und die täglichen Meldungen von toten US-Soldaten im Irak drücken auf die Stimmung.

Deans Erfolg hat die anderen Herausforderer ins Grübeln gebracht. Doch die Attacken von Kerry, Lieberman & Co auf den Präsidenten sind weiter verhalten. Sie glauben: Nur ein souveräner, moderater Mann der Mitte könne Bush schlagen. Sie ahnen: Findet die Regierung morgen Massenvernichtungswaffen, ist Dean weg vom Fenster. Sie spekulieren: Abgerechnet wird erst in einem halben Jahr. Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben.

Deans Anhängerschaft wächst

Es ist ein Spiel mit dem Feuer, warnen viele Parteistrategen, denn Deans Anhängerschaft wächst täglich und geht weit über die Gruppe der Altlinken und Studenten hinaus. Allein im Internet hat er mehr als 260 000 Unterstützer rekrutiert, die zeitgleich im Land an fast 500 Orten sogenannte "Dean Meet-Ups" organisieren, bei denen es nur um eines geht: Howard noch populärer zu machen.

Dean hat im zweiten Quartal dieses Jahres mehr Geld aufgetrieben als jeder andere Kandidat: 7,6 Millionen Dollar. Und bei den ersten und bisher einzigen Online-Vorwahlen gewann er 44 Prozent der Stimmen. Dean nennt seine Bewegung "die große Grassroots-Bewegung der Neuzeit, getragen von Mouse Pads, Schuhleder und Hoffnung".

Ein Drei-Dollar-Truthahn-Sandwich

Selbst die Republikaner überrascht er im Augenblick wie kein anderer. Als Dean erfuhr, dass Vizepräsident Dick Cheney Ende Juli nach South Carolina fahren würde, um in Columbia bei einem Mittagessen für 2000 Dollar pro Gedeck 300 000 Dollar für den Wahlkampf von Bush zu kassieren, stellte er ein Foto auf seine Website. Darauf mampfte er ein Drei-Dollar-Truthahn-Sandwich. In drei Tagen brachte ihm die Aktion 500 000 Dollar.

Wenn seine demokratischen Konkurrenten nicht bald reagieren, da sind sich alle politischen Beobachter einig, könnte der krasse Außenseiter, wie einst Jimmy Carter, aus dem Nichts heraus die Vorwahlen gewinnen. Er könnte, wie einst Bill Clinton, als Gouverneur eines kleinen Staates, die hohen Favoriten hinter sich lassen. Er könnte, wie George McGovern 1972, die geballte Wut der Demokratischen Basis für sich nutzen. Aber danach, so prophezeien dieselben Beobachter, würde er, wie einst Dukakis, gnadenlos scheitern an dem höflichen, gottesfürchtigen und hohen Favoriten George W. Bush.

Duell zweier wohlhabender Männer

Es wäre das Duell zweier Männer, die aus ähnlichen, wohlhabenden Verhältnissen stammen. Beide wuchsen als Söhne reicher Geschäftsleute im Nordosten des Landes auf. Deans Vater war ein Wall-Street-Broker in Manhattan, dessen vier Söhne aber vor allem auf dem exklusiven Feriensitz in Long Island aufwuchsen. Wie Bush ging auch Dean auf elitäre Privatschulen und studierte in Yale, allerdings Medizin statt Jura. Beide durchlebten wilde Partyjahre, bevor sie dem Alkohol abschworen. Beide drückten sich vor dem Vietnam-Krieg und versuchten es in der Geschäftswelt, bevor sie schließlich in die Politik einstiegen, Dean erst nach acht Jahren als praktizierender Arzt in Vermont.

Aber so ähnlich ihre Lebensläufe sein mögen, so unterschiedlich sind ihre Charaktere. Zwar mögen beide eine ausgeprägte populistische Ader haben, aber während Bush sich gern hinter blumigen Aussagen versteckt, ist Dean gnadenlos direkt. Neigt Bush zum Phlegma, so neigt Dean zu Temperamentausbrüchen. Sitzt Bush am liebsten auf seiner Ranch und schaut Kriegsfilme wie "Top Gun", so spielt Dean lieber auf seiner Gitarre alte Rock-Songs. Während Bush das Ausland eher als Bedrohung empfindet, hat Dean die Welt mit Begeisterung bereist. Nach Bush werden Waffenläden benannt, nach Dean Eissorten: "Maple Powered Howard" heißt eine Kreation.

Für die Republikaner wäre Dean der ideale Gegenkandidat, einer, den man dem Volk als radikalen Linken verkaufen kann (der er nicht ist), als Pazifisten (der er nicht ist), als Abtreibungsbefürworter und Schwulenfreund (der er ist).

Er gilt nicht als Linker

Doch auch wenn sich Dean stets für weitgehende Abtreibungsrechte und die Gleichberechtigung homosexueller Lebensgemeinschaften stark gemacht hat, als Linker galt der geniale Stratege bis zum Irak-Krieg trotzdem nie. Er ist weder für die Abschaffung der Todesstrafe noch für generelle Waffenverbote, und seine Wirtschafts-und Finanzpolitik galt in den zwölf Jahren seiner Regentschaft als konservativ. In Vermont nannten sie ihn einen "Republikaner in Verkleidung". Er nennt sich lieber einen "Mann der Mitte" und manchmal auch einen "schrägen Vogel".

Will Dean wirklich eine Chance gegen Bush haben, das weiß er genau, müsste er in die Mitte steuern, die Landesverteidigung zur Chefsache machen, seine Wut bremsen, sein Lächeln zeigen, seine Bibel zücken und vielleicht sogar mal in einen Panzer kriechen. Die Meinung geändert hat Howard Dean schon oft in seiner politischen Karriere, das ist das kleinere Problem. Aber aus ihm einen höflichen, gottesfürchtigen Menschen zu machen, das wird eher schwer.

Jan-Christoph Wiechmann / print