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ISLAM: Mohammeds zornige Erben

Mal verbrennen sie johlend Strohpuppen des US-Präsidenten. Mal tragen sie jubelnd Bin-Laden-Poster durch die Straßen. Seit den Bombenangriffen auf Afghanistan zeigt sich, wie tief das Misstrauen der Muslime gegenüber dem Westen ist. Und die Kluft wird mit jedem Tag des Krieges größer. Aus stern Nr. 44/2001.

Es sieht ganz so aus, als hätte Osama bin Laden die erste Schlacht bereits gewonnen. Da mögen amerikanische Bomber Nacht für Nacht die Flugabwehr-Stellungen der Taliban demolieren und Hubschrauber die Verstecke der Al-Qaeda-Kämpfer unter Beschuss nehmen. Da mag George W. Bush so viel Zustimmung im eigenen Land erfahren wie kaum ein Präsident je vor ihm. Mit jedem Tag, an dem die Alliierten Afghanistan noch mehr in Schutt und Asche legen, wächst die Kluft zwischen Morgenland und Abendland, zwischen Dritter Welt und Erster Welt, zwischen Islam und Christenheit. Genau darauf hat Osama bin Laden von Anfang an gesetzt. Schon sein erster erfolgreicher Gegenangriff, Stunden nach Beginn der Luftschläge vor drei Wochen, brauchte keine Waffen, sondern nur ein Video. Denn sein Heiliger Krieg zielt nicht auf die Eroberung eines Landes, er zielt auf die Eroberung von Hirnen und Herzen.

Fast jeder Muslim kennt eine Szene wie diese von Kindheit an: Osama bin Laden vor einer Felsenhöhle, umgeben von den Treuesten der Treuen, bedrängt von seinen Feinden, in der Stunde größter Not auf einer Art Gebetsteppich kniend, die Stimme voller Zuversicht - wie Mohammed, der Prophet der Propheten, im Jahre 622, als er vor den Ungläubigen aus Mekka geflohen war. In einer Grotte hatte er mit seinem engsten Gefährten Abu Bakr Unterschlupf gefunden und war damit den Mörderbanden knapp entgangen. Es war der Moment der größten Gefahr für den Propheten, eine Bedrohung durch die Kräfte des Bösen, aus der er bald siegreich hervorgehen sollte. Es war der Beginn einer neuen, der islamischen Zeitrechnung.

Natürlich wäre es unsinnig, Osama bin Ladens Popularität unter den Muslimen der Welt auf die symbolische Kraft eines Videos zu reduzieren. Aber dass die Worte so viel stärker als die Waffen wirken, hat viele überrascht. Vor allem die Amerikaner. Geblendet von der Überlegenheit ihrer Wirtschaft, ihrer Technik, ihrer Gesellschaftsordnung, hatten sie das tiefe Misstrauen in weiten Teilen der Welt gegen ihren »Way of life« gar nicht mehr zur Kenntnis genommen.

»Wer kann die Wut stoppen?«

Nun geht in der pakistanischen Stadt Islamabad ein Schnellrestaurant der US-Imbiss-Kette »Kentucky Fried Chicken« in Flammen auf. In Makassar und Yogyakarta in Indonesien verwüsten Demonstranten McDonald's-Filialen. Coca-Cola-Manager fürchten um den Absatz ihrer Limonade, seit ein muslimischer Mob Werbetafeln in mehreren Ländern umstürzte. Und überall in der islamischen Welt werden Strohpuppen des US-Präsidenten und Sternenbanner verbrannt. »Weshalb sie Amerika hassen« - das Thema war dem Nachrichten-Magazin »Newsweek« in der vergangenen Woche eine Titelgeschichte wert. Und das Konkurrenzblatt »Time« erschien mit der ratlos klingenden Frage »Wer kann die Wut stoppen?«

Denn es sind nicht bloß ein paar Verblendete, die den Hass auf Amerika und seine Verbündeten predigen. Während die einen durch die Straßen von Quetta oder Gaza ziehen und unter Bin-Laden-Postern »Tod den Ungläubigen« skandieren, sitzen andere beim Cappuccino im »Starbucks« von Doha am Persischen Golf oder bei süßem Tee in einem Cafe des feinen Kairoer Vororts Heliopolis und können eine klammheimliche Freude nicht verhehlen.

»Wir lehnen den Terror islamischer Fundamentalisten vollkommen ab, aber der Terror Israels ist für uns genauso schlimm«, sagt Abdulaziz, ein junger Mann in Katar, der wie viele andere junge Araber aus den Golfstaaten bis zum 11. September in Amerika studiert hat. Tags drauf kam das FBI und fragte ihn, ob er Bin-Laden-Leute kenne. Abdulaziz verkaufte überstürzt seinen Lexus, flog nach Hause und diskutiert seither mit den ebenfalls zurückgekehrten Freunden jenes Thema, um das sich seit Wochen jedes Gespräch, jede Talkshow und jeder Zeitungskommentar in arabischen Staaten dreht: Amerikas Doppelmoral.

Selbst in den Zeitungen der arabischen Alliierten der USA ist das Thema präsent. So zitiert die saudische Zeitung »Riyadh Daily« Präsident Bush, weil er vom »einsamen Pfad« der Taliban-Terroristen redet, und fügt im nächsten Satz hinzu: »Israel verfolgt diesen einsamen Pfad seit Gründung des Staates.«

»Politisches Manöver«

Nach Umfragen des arabischen Fernsehsenders »Al Jazeera« sind 90 Prozent der arabischen Bevölkerung gegen eine Beteiligung islamischer Staaten am westlichen Anti-Terror-Krieg. Nur knapp ein Zehntel sieht in den Bemühungen des US-Präsidenten, einen unabhängigen Palästinenser-Staat zu schaffen, eine Kursänderung. Für 90,3 Prozent ist es ein »politisches Manöver«.

Eisern versuchen viele arabische Staaten, die antiamerikanische Stimmung unter der Decke zu halten. So sind in den Golf-Staaten, im Jemen und in Saudi-Arabien Demonstrationen gegen das US-Bombardement in Afghanistan verboten. Aus Angst vor Unruhen im eigenen Land will kein islamischer Staat Basis alliierter Militäroperationen sein. 80 Prozent der Bevölkerung im Nato-Land Türkei sind grundsätzlich gegen die Aktion. In den meisten anderen islamischen Ländern gibt es keine Umfragen; wahrscheinlich, weil man die Ergebnisse scheut. Denn allabendlich sehen Millionen Muslime zwischen Nigeria und Indonesien im Fernsehen, wie amerikanische Flaggen und Bush-Puppen in Flammen aufgehen.

»Amerika ein Hort des Bösen«

Zwar distanzieren sich die wankelmütigen arabischen Eliten vom Protest des Pöbels, doch in den Unterschichten herrscht vielfach blinder Hass. »Afghanistan ist gut, Amerika ist ein Hort des Bösen«, sagt ein Gemüsehändler auf dem Markt von Doha. Genüsslich verfolgt ein libanesischer Ingenieur auf CNN die Berichte über die Angst vor Anthrax in Manhattan. »In New York geht es jetzt zu wie in Israel«, sagt der CNN-Reporter. Da freut sich der Libanese: »Amerikaner haben lange genug auf der Welt den lieben Gott gespielt, endlich haben die auch mal so richtig die Hosen voll.«

Die Genugtuung kommt nicht von ungefähr. Seit jeher fühlen sich vor allem arabische Muslime vom Westen erniedrigt, ausgegrenzt, nicht ernst genommen. »Wir alle«, befand während der Islamischen Weltkonferenz der katarische Außenminister Hamad al-Thani, »sollen uns jetzt am Krieg gegen den Terrorismus beteiligen, weil die Amerikaner attackiert wurden. Aber wenn es Opfer unter den Palästinensern gibt, kümmert das niemanden.«

Es ist vor allem die selektive Art amerikanischer Außenpolitik, hier Menschenrechte einzufordern und dort korrupte Potentaten an der Macht zu halten, mal von Demokratie zu reden und dann wieder knallhart die Interessen der Öl-Industrie zu unterstützen, die viele bis aufs Blut reizt. Der Frust ob all der Ohnmacht, gepaart mit kulturellem Stillstand und dem Fehlen jeglicher Demokratie im eigenen Land, bildet den idealen Nährboden für den islamischen Extremismus. Und für Verschwörungstheorien.

»Eine amerikanischjüdisch-indische Weltverschwörung«

Immer wieder sind in diesen Tagen zwischen Dubai und Damaskus die unglaublichsten Geschichten zu hören: Mal hat Israels Geheimdienst die Anschläge in den USA geplant, und seine Agenten haben die Flugzeuge gesteuert. Dann haben jüdische Geschäftsleute das World Trade Center zum Einsturz gebracht. Und im fernen Pakistan erklärt Sayed Khalid Ahmed Banori, Leiter einer der größten Koranschulen, in bestem Englisch und zwischen Schlucken von Coca-Cola, dass die USA kein Recht hätten, Afghanistan anzugreifen, weil bin Laden nicht hinter den Anschlägen vom 11. September stecke. »4000 Juden, die in den beiden Türmen arbeiteten, sind an diesem Tag zu Hause geblieben! Das Ganze ist eine amerikanischjüdisch-indische Weltverschwörung!«

Niemand profitiert von diesem Gemisch aus Unterlegenheitsgefühl und Rachlust mehr als Osama bin Laden. In seinen Videos tritt er als Herold der unterdrückten Palästinenser auf, wohl wissend, dass ihm dies viel neuen Zulauf beschert. Dann wieder

spricht er von den »mehr als achtzig Jahren Erniedrigung und Schande« in der muslimischen Welt - eine Erinnerung an die Friedenskonferenz von 1920, als die Siegermächte des Ersten Weltkriegs, Großbritannien und Frankreich, den Arabern nicht den versprochenen eigenen Staat gaben. Sie teilten den Nahen Osten lieber unter sich auf. Die Bemerkung bin Ladens mag Zuhörern in Amerika und Europa weit hergeholt scheinen. Die Menschen in Arabien haben ein längeres Gedächtnis, als vielen im Westen lieb ist.

Kein Wort davon

Wenig ist allerdings in arabischen Medien davon zu erfahren, dass sich der Gotteskrieger in der Vergangenheit kaum je um die Nöte der eher weltlichen Palästinenser gekümmert hat. Selten auch weisen arabische Zeitungen darauf hin, dass die Terroranschläge vom 11. September zu einer Zeit geplant wurden, als in Nahost nicht die Intifada wütete, sondern ein Frieden in greifbarer Nähe schien. Kein Wort davon, dass die Träume von der panarabischen Nation nicht bloß am bösen Westen, sondern auch an den Widerständen im eigenen Lager gescheitert sind. Umso mehr wirkt bin Laden wie der Prophet im Besitz der Wahrheit.

»Die arabischen Regime befinden sich in einer sehr schwierigen Lage«, sagt Ahmed Salama, Kolumnist der Kairoer Zeitung »Al Ahram«, »bin Laden macht sich eine Problemzone nach der anderen zunutze: Palästina, Irak, die US-Präsenz in Saudi-Arabien.« Damit könnte er manches Land aus dem Gleichgewicht bringen.

Aus den Reihen des »Ägyptischen Islamischen Dschihad« und der »Gamaat al-Islamiya« stammen etwa ein Drittel jener Terroristen, die das amerikanische FBI seit den Anschlägen vom 11. September sucht. Einige sind mit Osama bin Laden in Afghanistan abgetaucht. Denn im eigenen Land sind die Führer der radikalen Bewegungen entweder zerstritten oder sitzen, zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt, im Gefängnis. Dafür hat Präsident Hosni Mubarak gesorgt, als er mit »außergewöhnlicher Brutalität« (so der Kairoer Soziologe Mohamed Said) das Netzwerk der Terroristen zerschlagen ließ.

Seither herrscht Ruhe im Land. Doch der innenpolitische Druck auf Mubarak - von den USA als verlässlicher Verbündeter mit jährlich zwei Milliarden Dollar Militär- und Wirtschaftshilfe belohnt - wächst. Ein Großteil seiner Untertanen lebt weiter in bitterer Armut und spürt kaum Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung - genau die rechte Mischung für islamistische Eiferer.

Größte Gefahr für das Regime

Die fundamentalistischen Muslimbrüder, 1928 vom ägyptischen Lehrer Hassan al-Banna gegründet, sind gut organisiert und stellen für das Regime heute die größte Gefahr dar. Ihre Kritik an der wuchernden Korruption und Unfähigkeit von Behörden und Regierung findet immer mehr Zuspruch, vor allem im Bürgertum. Deshalb versucht Staatschef Mubarak mit einer riskanten Doppelstrategie, den Erfolg der Islamisten zu unterlaufen. Einerseits stellt er seine Herrschaft als die wahre islamische dar, andererseits gibt er manchen ihrer Forderungen nach. Und lässt Mitglieder der Muslimbruderschaft als unabhängige Kandidaten zur Wahl zu.

So wurde auch Jihan El-Halafawi ins Parlament in Kairo gewählt. Ungeschminkt, das Gesicht von einem grauen Kopftuch umhüllt, nippt die 50-Jährige in einem Caf? an der Strandpromenade von Alexandria am Mangosaft. Neben ihr liegt ein Handy. Sie ist mit dem Hautarzt Mohamed El-Zaafarani verheiratet und hat fünf Kinder. Ihr Mann war bei den Wahlen als unabhängiger Kandidat der Muslimbrüder angetreten. Kurz vorher wurde er vom Geheimdienst verhaftet und ohne Anklage drei Monate eingesperrt. Da entschloss sich die studierte Volkswirtin und Theologin Jihan, statt seiner anzutreten. Gleich im ersten Wahlgang erhielt sie über 50 Prozent der Stimmen. Doch der Staat annullierte, angeblich wegen Unregelmäßigkeiten bei der Stimmenzählung, den Entscheid. Nun müsste es laut Verfassung eine Nachwahl geben. Die ist aber auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.

»Spüren immer mehr brennenden Zorn«

Dass es in Ägypten außer einigen Studentendemonstrationen weitgehend ruhig geblieben ist, könnte sich bald ändern, sagt sie. »Wir spüren immer mehr brennenden Zorn«, ergänzt ihr Mann. Zorn über den Westen, der »uns Islamisten nun weltweit in die Ecke des Terrorismus stellt, obwohl wir strikt gegen Gewalt sind«. Zorn über die autoritären Herrscher im Nahen Osten, die sich »nur mit Hilfe des Westens an der Macht halten, islamische Werte verraten und uns Gläubige nun für ihre Sünden bestrafen lassen.« Und Zorn über die »Dummheit und Arroganz Amerikas und seiner Verbündeten, die mit ihren unbewiesenen Behauptungen Osama bin Laden erst zum großen Helden gemacht haben«.

Auf dem Basar von Peshawar verkaufen Kinder T-Shirts mit Bin-Laden-Bild. An den Kiosken in Beirut, Kairo oder Sanaa gibt es bunte Blätter, in denen der Terrorist als Robin Hood verherrlicht wird. So ist auf der ägyptischen Postille »al-Hawadeth« ein mild dreinblickender bin Laden zu sehen, Gebetskette zwischen den Fingern, bewaffnet mit einem armseligen Geschütz auf Holzrädern. Im Hintergrund fallen amerikanische Bomben. Dabei, heißt es in den Basaren, habe es der reiche Gotteskrieger gar nicht nötig, sich im rauen Afghanistan zu plagen. Aber der fromme Mann scheue keine Entbehrung, um die Belange des Islam zu fördern.

Propaganda zeigt Wirkung

Die Freitagsgebete der orthodoxen Geistlichen und die Propaganda ihres neuen Propheten zeigen Wirkung. Nach einer Online-Umfrage des TV-Senders »Al Jazeera« ist Osama bin Laden nur für 8,7 Prozent der 4600 Befragten ein Terrorist. Den meisten gilt er als »Mudschaheddin« - ein Kämpfer im Heiligen Krieg.

Bernd Dörler, Hans-Hermann Klare, Tilman Müller, Uli Rauss, Christoph Reuter