HOME

Serie Teil 3: 1962 bis 1991: Die Bühne der Kalten Krieger

In der Kubakrise steht die Welt am Abgrund eines Atomkriegs, der Sicherheitsrat muss ohnmächtig zusehen. Nach dem Niedergang der UdSSR erwerben die UN wieder politische Autorität. Erster Konflikt: der Golfkrieg 1991

Haben Sie Raketen auf Kuba, ja oder nein? Ich werde auf Ihre Antwort warten, bis die Hölle gefriert", schleudert Adlai Stevenson, einer der angesehensten Diplomaten der UN-Geschichte, seinem sowjetischen Gegenspieler im Sicherheitsrat entgegen. Walerian Sorins Gesicht erstarrt. Niemals zuvor und niemals danach steht die Welt so kurz vor einem Atomkrieg, und niemals haben die Menschen, die vor ihren Radios und Fernsehern um den Weltfrieden zittern, den amerikanischen UN-Botschafter Stevenson so wütend erlebt.

In Deutschland,

wo die Bürger in Ost und West sich gerade erst vom Schock des Mauerbaus und des Beinahe-Krieges um Berlin erholt haben, versucht Bundeskanzler Konrad Adenauer die Deutschen in einer Fernsehansprache zu beruhigen. Die "Bild"-Zeitung meldet aufgeregt: "Urlaubssperre für Rote Armee", und Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister von Berlin, sagt zu Vertrauten: "Kinder, es kann sein, dass ihr demnächst warme Socken mitbringen müsst." Denn im Fall eines amerikanischen Angriffs auf Kuba rechnen viele mit einer sowjetischen Attacke auf das isolierte West-Berlin.

Bereits im Juli 1962

hat die Sowjetunion begonnen, eine tödliche Streitmacht nach Kuba zu verschiffen. Seit der Revolution Fidel Castros schäumen die Amerikaner darüber, dass ihr einstiger Satellitenstaat mehr und mehr unter den Einfluss Moskaus gerät. Kein amerikanischer Politiker, erst recht nicht der neu gewählte und unerfahrene Präsident John F. Kennedy, kann es sich leisten, gegenüber Kuba als nachgiebig zu gelten. Die Zuckerinsel liegt nur 170 Kilometer von Florida und der amerikanischen Küste entfernt, ein kommunistischer Vorposten im Hinterhof der westlichen Führungsmacht.

Sowjetische Frachtschiffe,

insgesamt 65, laufen die Insel an. Sie bringen 42 MiG-21-Abfangjäger, 42 Il-28-Bomber, zwei T-55 Panzerbataillone, 42 000 Soldaten und Techniker - und Raketen. Die zwei Dutzend SS-4 könnten Washington und New Orleans erreichen, die 16 SS-5 haben eine Reichweite von 3500 Kilometern und bedrohen jede amerikanische Großstadt außer Seattle. Ihre Zerstörungskraft ist 80-mal größer als die der Hiroshima-Bombe.

Um die Truppenbewegungen geheim zu halten,

werden die Sowjetsoldaten im Glauben gelassen, ihr Einsatz führe sie ins Nordmeer. Sie haben Winterparkas und Skiausrüstung im Gepäck. Raketen aber lassen sich schlecht als Palmen tarnen, und Abschussrampen nicht als Wohnhäuser. Am 14. Oktober fotografiert ein amerikanisches U-2-Spionageflugzeug Raketensilos, die nahe San Christobal in West-Kuba gebaut werden.

Präsident Kennedy verhängt

eine Seeblockade, macht 100 000 Soldaten in Florida mobil, lässt die Flugzeugträger "Enterprise" und "Independence" gen Kuba fahren und 182 Interkontinentalraketen gefechtsklar machen. Kennedy ist bereit, einen nuklearen Schlagabtausch zu riskieren.

Im Sicherheitsrat

der Vereinten Nationen windet sich Sowjetbotschafter Sorin: "Herr Stevenson, ich stehe hier nicht vor einem US-Gericht. Sie bekommen Ihre Antwort zu gegebener Zeit." "Aber Sie stehen vor dem Tribunal der Weltöffentlichkeit", donnert Adlai Stevenson und präsentiert Aufklärungsfotos, eindeutige Beweise für die Raketenstationierung.

Im Poker um die Weltherrschaft

und im Ringen zwischen Kommunismus und Kapitalismus haben die beiden Supermächte die Vereinten Nationen zur Schaubühne degradiert, auf der die Propagandaschlachten zwischen Ost und West ausgetragen werden. Auch in der Kubakrise fallen die Entscheidungen nicht im Sicherheitsrat, sondern in Washington und Moskau. Vergebens fordert UN-Generalsekretär U Thant, ein ehemaliger Geschichtslehrer aus Burma mit einer Neigung zur Astrologie, die USA sollten ihre Seeblockade aufheben und die Russen ihre Waffenlieferungen nach Kuba stoppen.

Anderthalb Jahrzehnte

nach dem Zweiten Weltkrieg stehen sich die beiden Supermächte hochgerüstet gegenüber. Auf einer vor Nordsibirien gelegenen Insel mit Namen "Neue Erde" zünden die Russen eine Wasserstoffbombe mit einer Sprengkraft, die größer ist als die aller im Zweiten Weltkrieg abgeworfenen Bomben.

Der Sowjetführer Nikita Chruschtschow,

der hemdsärmelige Nachfolger Stalins, kündigt an, sie "wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Imperialisten hängen zu lassen". General Thomas Power, Kommandeur des Strategischen Luftkommandos und Herr über Atombomber, höhnt über Kriegsskeptiker im Westen: "Was seid ihr so besorgt, Leben zu bewahren? Die ganze Idee ist es, diese Bastarde zu töten. Wenn am Ende des Krieges ein Russe, aber zwei Amerikaner übrig bleiben, haben wir gewonnen."

Amerika stationiert

mehr als eine Million Soldaten in 200 Garnisonen von Grönland über Portugal bis zu den Philippinen. Das Gleichgewicht des Schreckens aus Hunderten von Atomwaffen soll den Gegner vom Angriff abhalten. In den westlichen Ländern formiert sich die Friedensbewegung gegen das Wettrüsten. Hunderttausende demonstrieren bei den so genannten Ostermärschen für Abrüstung. Stanley Kubricks makabres Weltuntergangsszenario "Doktor Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben" wird zum Kino-Kassenschlager.

Obwohl beide Supermächte

die Erde gleich mehrfach zerstören könnten, fürchtet jede von ihnen, den Kalten Krieg zu verlieren. Wie sein Vorgänger Dwight D. Eisenhower und seine Nachfolger Lyndon B. Johnson und Richard Nixon muss Kennedy mit ansehen, wie Staaten, die gerade ihre Unabhängigkeit von den Kolonialmächten erkämpft haben, ins rote Lager überlaufen: Vietnam, Angola, Laos. Chruschtschow prahlt zwar, "Raketen wie Würstchen" zu produzieren, aber der sowjetische Generalsekretär weiß, dass die Amerikaner überlegen sind. Sie haben 17-mal mehr Raketen als die Sowjetunion.

Chruschtschow fühlt sich eingekreist.

"Was sehen Sie", fragt er Besucher während seiner Urlaube am Schwarzen Meer häufig und reicht ihnen ein Fernglas. "Wasser und Segelschiffe", antworten die Gäste. "Ich sehe amerikanische Jupiter-Atomraketen, die auf meine Datscha gerichtet sind", erregt sich der Russe. Er beschließt, "die Amerikaner von ihrer eigenen Medizin kosten zu lassen", und beginnt das Kuba-Abenteuer.

Am 27. Oktober,

der als Schwarzer Samstag in die Geschichte eingeht, droht die 13 Tage währende Krise zu eskalieren. Am Morgen tobt über Kuba ein Tropensturm. Am Nachmittag schießen russische Soldaten ein US-Spionage-Flugzeug ab. In Washington scheint zwar die Sonne, aber die Stimmung ist düster. Der Dritte Weltkrieg droht.

Verteidigungsminister Robert McNamara tritt aus seinem Büro, um "noch einmal die frische Luft zu riechen, weil ich dachte, dass dies der letzte Samstag ist, den ich erlebe". Die Falken unter den Kennedy-Beratern dringen auf Krieg, aber hinter den Kulissen lässt der Präsident seinen Bruder Robert einen Kompromiss mit Chruschtschow aushandeln.

Die Russen

ziehen ihre Streitmacht von Kuba ab. Dafür verspricht Kennedy, dass spätestens in fünf Monaten auch die US-Raketen aus der Türkei verschwinden. Um vor der eigenen Bevölkerung, den Nato-Bündnispartnern und der Welt nicht als schwach dazustehen, bestehen die Amerikaner darauf, dass der Türkei-Deal geheim gehalten wird. Würde Chruschtschow dies ablehnen, sieht Plan B vor, dass UN-Generalsekretär U Thant den von den USA ausgearbeiteten Kuba-Türkei-Vorschlag als seine eigene Kompromiss-Idee der Weltöffentlichkeit präsentiert. Der Erste Mann der Vereinten Nationen ist zu einer Schachfigur im Spiel der Supermächte geschrumpft.

Zwei Jahre später

kann sich U Thant, ein Buddhist, der jeden Morgen meditiert, über eine erfolgreiche Friedensmission freuen. Auf der Mittelmeerinsel Zypern sucht die griechische Bevölkerungsmehrheit seit langem den Anschluss an Athen. Als der zypriotische Präsident Erzbischof Makarios die Rechte der türkischen Minderheit auf der Insel einschränkt, kommt es zum Bürgerkrieg. 1964 trennen Blauhelme die beiden Bevölkerungsgruppen. 1974 besetzen türkische Truppen ein Drittel der Insel. Die Vereinten Nationen erreichen erneut einen Waffenstillstand.

Die Friedenstruppen patrouillieren

bis heute an der Demarkationslinie. Seit 1964 starben 170 Blauhelme. Im März 2003 scheitern die jüngsten Verhandlungen über eine friedliche Wiedervereinigung der geteilten Insel. Trotzdem gilt die UN-Mission als Erfolg.

In den meisten großen Konflikten

des Kalten Krieges aber spielen die Vereinten Nationen nur eine untergeordnete Rolle. Im Krieg zwischen Indien und Pakistan um die Provinz Kaschmir erreicht der sowjetische Ministerpräsident Alexej Kossygin einen Waffenstillstand - nach vergeblichen Bemühungen U Thants.

Der Burmese hat nach seiner Wahl

im Oktober 1961 zunächst gute Beziehungen zu den Führern beider Supermächte: Beim Schwimmen auf der Ferieninsel Jalta leiht Chruschtschow ihm eine Badehose, "groß genug für einen japanischen Sumo-Ringer", erinnert sich der schmächtige Asiate. Präsident Johnson, Nachfolger des ermordeten Kennedy, hofiert U Thant im Weißen Haus.

Die USA schicken 500 000 Soldaten nach Vietnam und weiten den Krieg nach Kambodscha aus. Als U Thant die Vietnampolitik öffentlich kritisiert, bürstet ihn US-Außenminister Dean Rusk am Telefon ab: "Was denken Sie, wer Sie sind, ein Staat?"

Dann gerät der Sechs-Tage-Krieg

zwischen Arabern und Israel für die Vereinten Nationen zum Debakel. Seit der Suezkrise im Jahr 1956 wahren Blauhelme auf der Sinai-Halbinsel die Waffenruhe. 1967 aber verlangt der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser, beseelt von arabischen Großmachtträumen und im falschen Glauben, dass Israel seine Truppen zu einem Angriff auf Syrien zusammenziehe, den Abzug der Friedenstruppen. Ohne auch nur eine Sitzung des Sicherheitsrates einzuberufen, knickt U Thant ein, zum Entsetzen des Westens und der Israelis. Deren Außenminister Abba Eban tobt in der UN-Vollversammlung: "Was ist der Nutzen der Feuerwehr, wenn sie bei den ersten Anzeichen von Rauch von der Bildfläche verschwindet?"

Als im Juni der Krieg ausbricht,

titelt die englische Zeitschrift "Spectator" schlicht "U Thants Krieg". In einem Überraschungsangriff zerstören die Israelis bereits in den ersten Stunden mehr als 400 Kampfflugzeuge in Ägypten, Jordanien, Syrien und dem Irak. Die Kämpfe dauern nur sechs Tage, Israel drängt die Ägypter aus dem Sinai, besetzt das Westjordanland, den Gazastreifen, Ostjerusalem und die syrischen Golanhöhen. Mit einer Bevölkerung von gerade 2,5 Millionen hat der David Israel den arabischen Goliath mit seinen 110 Millionen Menschen besiegt und sich im Nahen Osten als Militärmacht Nummer eins etabliert.

"Der Krieg ist vorbei",

sagt Verteidigungsminister Moshe Dayan. "Jetzt beginnen die Probleme." Die Vereinten Nationen hoffen, sie lösen zu können, und beschließen Resolution 242, das wohl am meisten zitierte UN-Dokument. Es verlangt den Rückzug der israelischen Armee aus den besetzten Gebieten und von den Arabern die Anerkennung Israels. Die Resolution dient als Grundlage für den israelisch-ägyptischen Friedensvertrag, den der Ägypter Anwar as-Sadat und der Israeli Menachem Begin auf Vermittlung von US-Präsident Jimmy Carter 1979 im amerikanischen Camp David unterzeichnen. Die Resolution liegt auch dem Friedensabkommen von 1993 zwischen Israel und Jassir Arafats Palästinensischer Befreiungsorganisation (PLO) zugrunde. Verwirklicht aber ist sie bis heute nicht.

Gescheitert an ihrer Hauptaufgabe,

Frieden zu erhalten und zu schaffen, wenden sich die Vereinten Nationen in den siebziger und achtziger Jahren verstärkt anderen Zielen zu. Sie wollen "den sozialen Fortschritt und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit fördern", wie es in der UN-Präambel heißt. Sie gründen die Internationale Atomenergiebehörde IAEO und WIPO, die Weltagentur für geistiges Eigentum. Auf der Welthandelskonferenz Unctad kämpfen die immer stärker verarmenden Entwicklungsländer für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung.

1972 tagt die erste UN-Umweltkonferenz,

1980 erklärt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Pocken für besiegt. Diese Anstrengungen der UN sollen den Anspruch untermauern, irgendwann zu einer Weltregierung zu werden. Jahr für Jahr verkünden die Weihnachstkarten des Weltkinderschutzwerkes Unicef die frohe Botschaft, dass sich die Vereinten Nationen um die Schwächsten kümmern.

Anfang der neunziger Jahre

gibt es 19 Sonderorganisationen im Stile der Weltkulturorganisation Unesco mit insgesamt 40 000 Beamten. Im Sekretariat der UN arbeiten 14 000 Menschen. Ausufernde Bürokratie, Korruption und ideologische Grabenkämpfe zwischen Ost und West sowie Erster und Dritter Welt behindern den Kampf gegen Armut und Elend. Die Amerikaner treten 1984 aus der Unesco aus. Sie sind es leid, mit 22 Prozent den Löwenanteil des Budgets zu tragen und trotzdem in einer Resolution nach der anderen von einem Bündnis aus kommunistischen Staaten und Ländern der Dritten Welt abgewatscht zu werden.

Auch in der Generalversammlung

werden die Debatten oft mehr von Ideologie als von Sachkenntnis beherrscht. Die Staaten der Dritten Welt, die inzwischen die Mehrheit stellen und sich in der Gruppe 77 zusammengeschlossen haben, machen die Vereinten Nationen zu einem Tribunal gegen den kapitalistischen Westen - mitunter mit grotesken Ergebnissen. So verurteilen die Vereinten Nationen zwar die Politik der Rassendiskriminierung der weißen Regierung Südafrikas, schweigen aber zum Völkermord in Burundi. In dem zentralafrikanischen Land lässt die vom Tutsi-Volk beherrschte Regierung die Elite des Hutu-Volkes, das mit 80 Prozent die Bevölkerungsmehrheit stellt, massakrieren. Es sterben bis zu 200 000 Menschen.

Das Gesicht des Sicherheitsrates

verändert sich Anfang der siebziger Jahre. Die Volksrepublik China wird anstelle von Taiwan Mitglied der Vereinten Nationen und übernimmt im Sicherheitsrat den Sitz der Inselrepublik, die Peking seit dem Bürgerkrieg als abtrünnig betrachtet. 21 Jahre haben sich die Amerikaner gegen die Aufnahme Pekings gewehrt, nun wird die Resolution mit 76 zu 35 Stimmen angenommen. Die Delegation Tansanias veranstaltet einen Freudentanz. Die Entscheidung signalisiert das Ende der amerikanischen UN-Dominanz. 1973 treten die DDR und die Bundesrepublik Deutschland den Vereinten Nationen als Mitglieder 133 und 134 bei.

Wenig hat westliche UN-Botschafter

derart zur Weißglut getrieben wie eine Rede im Herbst 1975. Die Generalversammlung feiert einen Massenmörder mit stehenden Ovationen. Der 125 Kilo schwere Hüne am Rednerpult ist ein fanatischer Muslim. Idi Amin Dada, Präsident der Republik Uganda und Vorsitzender der 41 Mitglieder starken Organisation für Afrikanische Einheit (OAU). Er hat mehr als 200 000 Asiaten aus seinem Land vertrieben. Gegner seiner Diktatur lässt er foltern und hinrichten.

Als 1972 palästinensische Terroristen

elf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen von München ermorden, schickt er ein Telegramm an den UN-Generalsekretär, das den Mordanschlag und Hitlers Holocaust preist. Idi Amin spricht zunächst in Luganda, einer der Sprachen seines Landes. Er halte nichts von "irgendwelchen kolonialen und imperialistischen Sprachen", betont er. Dann fordert er unter dem Beifall der Versammlung, "Israel aus den Vereinten Nationen auszuschließen und als Staat auszulöschen".

Die Weltfrauenkonferenz in Mexiko

verwendet die meiste Zeit darauf, über eine Resolution zu diskutieren, die den weltweiten Zionismus verurteilt, eigentlich kein Thema, das viel mit Frauenrechten zu tun hat. Das israelfeindliche Dokument wird dennoch mit großer Mehrheit angenommen und passiert später das Dritte Komitee der Generalversammlung, das sich mit sozialen und kulturellen Fragen beschäftigt.

Am Abend nach der Entscheidung

schwingt UN-Generalsekretär Kurt Waldheim auf einem Ball im noblen New Yorker Waldorf-Astoria Hotel fröhlich das Tanzbein. Auch als die Generalversammlung die Antizionismus-Resolution annimmt, schweigt der Österreicher. Waldheim, von der Presse ob seiner unterwürfigen Beflissenheit gegenüber den Großmächten als "Oberkellner" verspottet, steht den UN seit 1972 vor. Er wäre allerdings niemals Generalsekretär geworden, hätte sich jemand die Mühe gemacht, einmal im Keller des UN-Gebäudes nachzuschauen.

Dort lagert Dokument Nr. R/N/684

der Kriegsverbrecherkommission. 14 Jahre später, Waldheim ist kurz davor, zum österreichischen Bundespräsidenten gewählt zu werden, kommen die Papiere ans Licht. Sie scheinen zu beweisen, dass Waldheim während des Dritten Reiches nicht der unschuldige Wehrmachtsoffizier gewesen ist, für den er sich immer ausgibt, sondern in Kriegsverbrechen auf dem Balkan verwickelt war. Waldheims Nachfolger, der peruanische Karrierediplomat Javier Pérez de Cuéllar, liefert bei seinem Amtsantritt eine schonungslose Bestandsaufnahme. Der Sicherheitsrat, schreibt er, sei "unfähig, entschieden zu reagieren, um internationale Konflikte zu lösen". Pérez beklagt, dass Resolutionen mehr und mehr von denen missachtet würden, "die sich stark genug fühlen", und warnt vor "einer neuen internationalen Anarchie".

Der Mann, der so ruhig wirkt,

dass Spötter behaupten, "er würde keine Wellen machen, wenn er von einem Boot fiele", setzt auf stille Diplomatie. Er gewinnt die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates dafür, sich regelmäßig hinter verschlossenen Türen zu treffen. Die Verständigungspolitik des neuen sowjetischen Führers Michail Gorbatschow und das Ende des Kalten Krieges eröffnen erstmals die Chance, dass Ost und West an einem Strang ziehen. Die Macht der fünf Vetostaaten im Sicherheitsrat nimmt zu, die der Generalversammlung ab.

Als 1988 der iranisch-irakische Krieg endet

und UN-Friedenstruppen den Waffenstillstand überwachen, sehen Optimisten bereits ein goldenes Zeitalter der Vereinten Nationen heraufziehen. Im selben Jahr erhalten die Blauhelme den Friedensnobelpreis. Seit dem ersten Einsatz 1956 in der Suezkrise blicken sie auf 55 Missionen mit mehr als 800 000 Soldaten zurück. Pérez de Cuéllar erweitert die Peacekeeping-Missionen um Peacemaking-Einsätze. UN-Soldaten überwachen fortan nicht nur Waffenstillstände, sondern auch Wahlen. Sie entwaffnen Bürgerkriegsgegner und sollen Menschenrechtsverletzungen verhindern.

Der irakische Diktator Saddam Hussein

überrennt 1990 das Nachbarland Kuwait. US-Präsident George Bush gelingt es, ein breites internationales Bündnis gegen Bagdad zu schmieden. Pérez de Cuéllar macht bei einer Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg deutlich: "Dies war kein Krieg der Vereinten Nationen. Der amerikanische Befehlshaber General Schwarzkopf trug keinen Blauhelm." Aber der Militäreinsatz, der die Iraker aus Kuwait vertreibt, erfolgte im Einklang mit dem Völkerrecht. Er war vom UN-Sicherheitsrat gebilligt.

Matthias Schepp / print