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Unruhen in Libyen: Gaddafi droht mit al Kaida zu paktieren

Der libysche Diktator Gaddafi droht dem Westen, sich mit mit dem Terrornetzwerk al Kaida zu verbünden - und nennt den französischen Präsidenten Sarkozy einen Gestörten. Derweil verlieren die Rebellen massiv an Boden, während sich die Vereinten Nationen weiter nicht auf eine Flugverbotszone einigen können.

Der libysche Diktator Muamma al Gaddafi stiftet mit einem merkwürdigen Interview Verwirrung. Der italienischen Zeitung "Il Giornale" sagte er, seine Regierung führe zwar Krieg gegen das Terrornetzwerk al Kaida. Aber wenn der Westen sich in Libyen verhalten sollte wie beim Vorgehen gegen Saddam Hussein im Irak, "dann wird Libyen die internationale Allianz gegen den Terrorismus verlassen". Tripolis werde sich dann mit al Kaida verbünden und den Heiligen Krieg erklären. Noch vor wenigen Tagen hatte Gaddafi ein Komplott der al Kaida für den Aufstand in Libyen gegen sein Regime verantwortlich gemacht. Ein Bündnis erscheint als wenig realistisch.

Den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy nannte er geistesgestört. Von Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi sei er enttäuscht, führte Gaddafi aus. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hatte die Führung der libyschen Rebellen offiziell als Regierung anerkannt. Berlusconi galt lange Zeit als Gaddafis engster Verbündeter in Europa.

G8 uneins über Flugverbotszone

Unterdessen kann sich die internationale Gemeinschaft auch weiterhin nicht auf ein Vorgehen gegen Gaddafi einigen. Bei einem Treffen der Außenminister aus sieben Industrienationen und Russland (G8) wurden am Montagabend in Paris abermals Differenzen über die Einrichtung einer Flugverbotszone deutlich. Bundesaußenminister Guido Westerwelle sprach anschließend von weiterem "Gesprächsbedarf". Die Außenminister vereinbarten weitere Beratungen im UN-Sicherheitsrat. Gaddafi-treue Truppen hatten das diplomatische Tauziehen um die Flugverbotszone bereits am Montag zu massiven Luftangriffen auf die Aufständischen genutzt.

Großbritannien und Frankreich erarbeiten Resolution

Nach Angaben Westerwelles soll es bei den Beratungen im Sicherheitsrat auch um "gezielte politische Sanktionen gehen", was Deutschland will. Die Bundesregierung sei jedoch immer noch "außerordentlich skeptisch" in Bezug auf ein militärisches Eingreifen. "Ich will nicht, dass Deutschland in Nordafrika dauerhaft in einen Krieg hineingezogen wird", sagte der FDP-Vorsitzende.

In New York hatte der Sicherheitsrat zuvor auf Drängen der Arabischen Liga erstmals Beratungen über ein Flugverbot aufgenommen. Der Libanon, derzeit einziges arabisches Land in dem Gremium, hatte die Sperrung des libyschen Luftraums offiziell beantrag. Es gebe aber noch viele Fragen, die niemand beantworten könne, sagte der libanesische UN-Botschafter Nawaf Salam anschließend vor Journalisten. Er wolle jetzt mit seinen Kollegen aus Großbritannien und Frankreich den Entwurf für eine Resolution ausarbeiten.

Rebellen fürchten um "letzte Verteidigungslinie"

Die Aufständischen in Libyen haben der Militärmacht von Staatschef Muammar al-Gaddafi immer weniger entgegenzusetzen. Nach den jüngsten Gebietsgewinnen im Osten gehen die Truppen des Regimes nun gegen die zuvor von ihnen eingekesselten Städte im Westen des Landes vor. Ein Augenzeuge berichtete am Dienstag, die Aufständischen hätten innerhalb weniger Stunden die Kontrolle über die Kleinstadt Suwara nahe der tunesischen Grenze verloren. Unter Beschuss liegt Misurata, eine andere Stadt im Westen.

Bei ihrem Vormarsch Richtung Osten wurden die Truppen Gaddafis auch am Montag von Kampfflugzeugen unterstützt. Neue Bombardements wurden sowohl aus der östlichen Küstenstadt Brega als auch aus Adschdabija gemeldet, einer strategisch wichtigen Stadt etwa 160 Kilometer südlich der Rebellen-Hochburg Bengasi. "Gaddafis Truppen rücken weiter vor und es sieht so aus, als gingen die Kämpfe weiter und rückten immer näher an Bengasi heran", meldete der arabische Sender Al-Dschasira. Demnach fürchten die Rebellen, dass mit Adschdabija ihre "letzte Verteidigungslinie" fallen könnte.

Gaddafi bietet Amnestie an

Möglicherweise stehe die entscheidende Phase dieses Konflikts bevor, hieß es. Angeblich bot Gaddafi den Rebellen, die ihre Waffen niederlegen, eine Amnestie an, wie das libysche Staatsfernsehen berichtete.

Mehrere Rebellenkommandeure hatten am Montag angedeutet, dass sie ein Blutbad befürchten, falls sich die internationale Gemeinschaft nicht zur Einrichtung einer Flugverbotszone durchringen sollte. Das Amnestie-Angebot der Führung für "reuige" Rebellen, die ihre Waffen abgeben, machte auf die Aufständischen nicht viel Eindruck. Ein Sprecher der Rebellen in Misurata sagte, Gaddafi habe inzwischen so viel Angst vor Verrat in den eigenen Reihen, dass er sich nur noch auf seine Söhne verlasse.

UN-Sondergesandter sprach mit Regimevertretern

Der UN-Sondergesandte für Libyen, Abdul Ilah Chatib, hat ein sofortiges Ende der Gewalt gegen die Aufständischen in dem Land gefordert. Bei einem Treffen mit dem libyschen Außenminister Mussa Kussa in Tripolis bekräftigte Chatib nach Angaben eines UN-Sprechers am Montag zudem, dass die Führung um Muammar el Gaddafi den humanitären UN-Organisationen "uneingeschränkten" Zugang zu Zivilisten gewähren müsse. Kussa und andere ranghohe libysche Vertreter versicherten demnach Chatib, dass Tripolis "umfassend" mit einer Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats zusammenarbeiten werde, die dem Verdacht von Verbrechen gegen die Menschlichkeit nachgehen soll. Die Vorwürfe beziehen sich auf den Einsatz von Bodentruppen und Luftwaffe gegen Zivilisten

seh mit AFP/DPA / DPA