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Geheimdienst: Antiterror-Zentrum BND

Den Sozialdemokraten galt er als Spielplatz Kalter Krieger, die Grünen wollten ihn abschaffen: Nach den jüngsten Anschlägen steht der Bundesnachrichtendienst so hoch im Kurs wie selten zuvor seit Kriegsende. Dem stern öffnete der Geheimdienst jetzt die Türen.

Eine Villa aus der Gründerzeit irgendwo in Berlin. Holzgetäfelte Wände, Parkettboden, ein Salon, der sich mit halbrunder Fensterfront zum winterlichen Garten hin öffnet. Der Tisch in der Mitte ist festlich gedeckt. Auf den silbernen Vorlegetellern prangt der Bundesadler. Eine fünfköpfige Runde ist ins Gespräch vertieft. Wenige Stunden zuvor hat in New York US-Außenminister Colin Powell seine "Beweise" gegen Saddam Hussein im UN-Sicherheitsrat präsentiert. Angeblich hieb- und stichfestes Material der CIA und des britischen Geheimdienstes MI6.

Aus dem Nebenraum huscht ab und zu eine Bedienung herein, um abzudecken und neu aufzutragen. "Nein", sagt schließlich der große grauhaarige Mann am Kopf des Tisches und wischt sich mit der Serviette den Mund, "nein, im Irak gibt es keine Atomrüstung, Saddam Hussein hat nichts zu tun mit al-Qaeda, und wir haben auch keine Beweise für sonstige Massenvernichtungswaffen." "No smoking gun", assistiert sein jüngerer Kollege und lächelt fast bedauernd.

Eine bescheidene Spionagetruppe

Der große Grauhaarige ist August Hanning, Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), einer bescheidenen Spionagetruppe, verglichen mit CIA und MI6, die zusammen über Zigtausende von Mitarbeitern und Milliarden von Etatmitteln verfügen. Doch wie nebenbei, zwischen Hauptgang und Dessert, kanzelt der Deutsche die Arbeit der Partnerdienste ab - die ja nur umsetzen, was ihnen die dortige Politik vorgibt. Heute, der Krieg ist längst vorbei, weiß jeder, wer Recht hatte.

Der amerikanische Sieg im Irak war ein Pyrrhussieg. "Er hat die gesamte Region destabilisiert und dem Terror von al-Qaeda neuen Auftrieb gegeben", heißt es beim BND angesichts der jüngsten Anschläge in Saudi-Arabien und der Türkei. Hanning sagt: "Militärische Erfolge allein werden zu keiner Lösung führen. 40 Prozent der Bevölkerung im arabischen Raum sind unter 15 Jahre alt. Wir müssen für diese Menschen ökonomische und gesellschaftliche Antworten finden und ihre Traditionen mehr achten. Wir müssen einen Kampf um die Köpfe und Herzen der Menschen führen. Und wir sind gerade dabei, ihn zu verlieren."

Hannings Klartext zeugt vom neuen Selbstbewusstsein der deutschen Schlapphüte. Ausgerechnet unter Rot-Grün schwimmt der BND im politischen Berlin wie das Fettauge auf der Suppe. Die Geiseldramen auf Jolo und in der Sahara, die Einsätze im Kosovo, in Afrika und in Afghanistan, die Dauerkrise im Nahen Osten, Drogenhandel und islamistischer Terror: Überall werden Hannings Leute gebraucht und mischen kräftig mit. Offenbar erfolgreich.

"Die sind richtig gut geworden"

"Die sind richtig gut geworden", gurrt das Kanzleramt. "Wenn man von denen was will, dann flutscht das einfach", lobt das Außenministerium. Während überall gespart wird, klettert Hannings Etat ständig nach oben. Eine halbe Milliarde Euro investiert Rot-Grün jährlich in den Einsatz der 6000 deutschen Spione, so viel wie noch keine Regierung zuvor.

Dabei stand der BND Mitte der neunziger Jahre schon vor dem Aus. Vielen schien nach der Wende nichts überflüssiger, als den Kalten Kriegern weitere Millionen zu überweisen. Etatkürzungen und ein fast 30-prozentiger Personalabbau wurden beschlossen. 1996 forderten die Grünen im Bundestag gar die endgültige Auflösung. Jahrelang waren die BND-Leute eher bekannt gewesen für Pleiten, Pech und Pannen, oft bespöttelt von Medien und Politik. "Dilettantenverein" nannte sie Ex-Kanzler Helmut Schmidt.

Lachhaft war schon die Tarnung des 68 Hektar großen Geländes in Pullach bei München, wo die "Schlapphüte" seit 1947 ihre Zentrale haben. Das von vier Kilometern Mauer und Stacheldraht umringte Areal hieß jahrzehntelang offiziell "Bundesvermögensverwaltung, Abteilung Sondervermögen, Außenstelle Pullach" und wurde von Hunderten angeblicher Gärtner, Bienenzüchter und Finanzbeamten bevölkert. Schierer Aberwitz, einen Blick ins Innere werfen zu wollen. Noch nicht einmal die Außenmauern durften fotografiert werden. Bis heute bedrohen die alten Schilder "Zuwiderhandlungen mit bis zu 10000 Mark Geldbuße".

Wer Glück hat, heißt jetzt "007"

Alles vorbei. Im politischen Aufwind hat der BND eine bisher unvorstellbare Öffnung vollzogen. Es gibt Fanartikel wie Schlüsselanhänger oder Tassen mit dem Adler-Logo, und plötzlich darf man sogar rein nach Pullach. Die Kontrollen am großen Tor sind vergleichsweise lax: Nur das Handy als potenzielles Lauschgerät wird einkassiert, und wer nicht gerade vom stern ist, muss sich von seinem Fotoapparat trennen. Den Personalausweis behält die Wache, dafür gibt es einen der durchnummerierten Besucherausweise. Wer Glück hat, heißt jetzt "007".

Erster Eindruck: Frei bewegen ist nicht. Die weibliche Begleitung, Spitzname "Sonnenschein", kommt immer mit. Auch bis vor die Toilettentür. Zweiter Eindruck: Auffallend oft läuft einem jemand mit Blumenstrauß über den Weg. Sonnenschein murmelt etwas von "Pensionierungen", die sich "häufen". Richtig, nicht alle wollen den großen Umzug in die Hauptstadt mitmachen. Die ersten 1000 sind schon dort. Bis 2008 soll der Rest folgen. Dann ist Pullach Geschichte und der BND "im Herzen von Berlin, ganz nahe bei der Regierung", wie Hanning schwärmt.

Doch vorläufig schlägt das Herz des BND noch in Pullach, im Gebäude Nummer 110, Raum 31A, einer multimedialen Betonburg, die gegen jeden Lausch- und Sichtangriff abgeschirmt ist. Rund um die Uhr haben hier im LIZ, im Lage- und Informationszentrum, ein Dutzend Frauen und Männer die Fieberkurve der Welt im Auge.

"Seit dem 11. September 2001..."

Außer dem Klappern von Tastaturen ist wenig zu hören. Die Stimmung ist ruhig, aber es flimmert auf allen Kanälen. Über unzählige Bildschirme laufen internationale Nachrichten, einer bringt arabische. "Seit dem 11. September 2001", sagt Sonnenschein. An der Wand eine große Weltkarte, darüber Uhren, die jeweils die Zeit in New York, London, Berlin, Moskau und Tokio anzeigen. Auf drei metergroße Leinwände sind weitere Infos zur Lage im Irak projiziert. Auf einigen Computer-Monitoren tanzt das BND-Logo als Screensaver. Auf anderen fließt der endlose Strom der Meldungen von 20 Nachrichtenagenturen.

Und bei wieder anderen ist Hingucken für Nicht-Spione verboten, denn sie zeigen Berichte aus geheimen Quellen. In zwei Tresoren lagern die auf Chipkarten gespeicherten Verschlüsselungscodes, ohne die auf den Bildschirmen nur wirrer Buchstabensalat zu sehen wäre. Verschlüsselte Standleitungen führen von hier aus direkt ins Bundeskanzleramt, zur BND-Kopfstelle in Berlin, ins Auswärtige Amt, ins Verteidigungsministerium und zu anderen Geheimdiensten.

Wenn die Fieberkurve so richtig aus-schlägt wie bei den Attentaten in der Türkei, kommt Schimming "und fährt den Laden hoch, im Nullkommanix von null auf hundert". Joachim Schimming ist der Boss hier. Er ist einer von rund 1000 Bundeswehrlern, die zum BND abkommandiert sind. Dienstgrad: Oberst im Generalstab. Ein mittelgroßer zackiger Typ mit intellektuellem Einschlag. Als es in der LIZ-Truppe ein bisschen leutseliger als sonst zugeht, weil der stern fotografiert, sagt Schimming knapp: "Kinners, keep cool", und sofort herrscht wieder Ruhe.

Den Mann hat nicht mal der 11. September 2001 aus der Ruhe gebracht. Als um 14.50 Uhr die ersten Meldungen aus New York eingehen, spult Schimming Routine ab. Telefonat mit AL6BK (Geheimdienstkoordinator Ernst Uhrlau im Bundeskanzleramt). Stopp des täglichen Lageberichts an Berlin, der eigentlich um 15 Uhr Redaktionsschluss hat. Telefonat mit PR (Hanning), gerade in Berlin bei einem Hintergrundgespräch mit Journalisten über islamistischen Terror.

Hannings Gesicht überlebensgroß auf der Leinwand

Zusammenstellen einer Arbeitsgruppe aus Politologen, Terrorexperten, Luftwaffenpiloten, Funkspezialisten und anderen, die ständig in Raum 31A tagt. Auswertung der Zulieferungen der Abteilungen 1 "Operative Aufklärung" (die eigentlichen Spione), 2 "Technische Beschaffung" (Abhörspezialisten) und 5 "Internationaler Terrorismus". Tatsächlich gelingt es, Satelliten-telefonate von Al-Qaeda-Leuten abzufangen. Zwischenberichte geben. Faxverkehr mit Partnerdiensten. Um 19 Uhr erscheint Hannings Gesicht überlebensgroß auf der Leinwand neben der Weltkarte. Letzte Abstimmung des von der Abteilung 5 vorgelegten Tagesberichtes per Videokonferenz. Kurz nach 19 Uhr geht "TB31A-1700/01 VS-Vertraulich" über eine verschlüsselte Faxleitung ans Kanzleramt: Dem Anschlag habe "ein hinreichendes Training auf Passagierflugzeugen zugrunde gelegen. Die Urheberschaft ist bin Laden und seinem Umfeld zuzuordnen."

Noch besser wäre natürlich gewesen, vorher von den Anschlägen gewusst zu haben. Der Oberst hebt die Schultern. Was in ihm vorgegangen sei, als er die einstürzenden Türme sah? Wie: "In mir vorgegangen"? "Was meint der Kerl?", wendet sich Schimming irritiert an Sonnenschein. Emotionen sind nicht seine Sache. Analytisches schon eher. Doch selbst damit ist er bis heute nicht dahintergekommen, "wieso es ausgerechnet unter Rot-Grün zu dieser Wertschätzung für den BND kam".

Ein Ex-Agent sieht das nüchtern: "Die hatten nach 16 Jahren Opposition ein riesiges Informationsdefizit und waren auf uns angewiesen." Vor allem deshalb sei Gerhard Schröder schon 1998, kurz nach seiner Wahl zum Kanzler, in Pullach aufgetaucht, um dort mit Sprüchen wie "Sie machen hier einen der schwierigsten Jobs" kräftig die wunden Seelen der verunsicherten Spione zu massieren.

Das Wunder von Pullach

Aber auch das ist nur einer von drei Gründen für das Wunder von Pullach. Wichtigster ist sicher die "neue internationale Unübersichtlichkeit", wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler die Zeit nach der Auflösung der Ost-West-Blöcke nennt, was letztlich auch zum internationalen Terrorismus führte. "Der Kampf gegen den Terrorismus braucht analytische Lagebilder aus den einzelnen Ländern. Diese können nur von Geheimdiensten erstellt werden", heißt es in einem aktuellen Papier der grünen Bundestagsfraktion.

Dritter Grund schließlich ist das glückliche Händchen des Kanzlers bei der ebenfalls 1998 getroffenen Personalentscheidung, August Hanning zum neuen BND-Chef zu machen und gleichzeitig Ernst Uhrlau zum Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt. Der parteilose Hanning war unter Kohl im Kanzleramt für Pullach zuständig, das SPD-Mitglied Uhrlau jahrelang Chef des Hamburger Verfassungsschutzes. Beide genossen selbst bei BND-Kritikern Respekt und bildeten von Anfang an ein gut funktionierendes Duo mit dem gemeinsamen Ziel, den BND "zu einem nachfrageorientierten Dienstleister für die Politik" (Uhrlau) umzubauen.

Unter dem Pullacher Lagezentrum erstmals ein Hauch von James Bond. Hier, in zwei mit schweren Gittertüren gesicherten Räumen, sammelt der BND Waffen, die seine 1800 Auslandsspione in Krisengebieten auf der ganzen Welt zusammenkaufen. Von der Pistole bis zum Raketenwerfer ist alles vertreten. Nach Schießtests durch die Bundeswehr wandern die schönsten Stücke als Anschauungsmaterial wieder hierher zurück.

Der Agent am Hindukusch

Der ältere Beamte, der die Sammlung hütet, steckt voller Geschichten. Da ist zum Beispiel die von der Panzerfaust, die einem Agenten im Hindukusch angeboten wurde. Der griff freudig zu, doch das Teil war so präpariert, dass jeder, der es näher untersucht hätte, unweigerlich in die Luft geflogen wäre. "Im Waffengeschäft gibt es keine Freunde", raunt der Wächter. Jener Agent aber war auch ein alter Hase und setzte vor dem Schraubenzieher sein Röntgengerät ein, weswegen er heute noch unter uns weilt.

Im "Bücherturm" in Haus 109 stapeln sich Zeitungen, Zeitschriften und Bücher aus aller Herren Länder mehrere Stockwerke hoch. Wie fast alle Geheimdienste gewinnt der BND 80 Prozent seiner Erkenntnisse aus öffentlich zugänglichen Quellen. Nur fünf Prozent gehen auf echte eigene Spionage zurück, und sieben Prozent werden bei Abhöraktionen aus dem Äther destilliert. Den Rest liefern Botschaften und andere Geheimdienste zu.

Das Gebäude der Abhörspezialisten ist extra mit Stacheldraht gesichert. Hier laufen die Daten zusammen, die Dutzende über ganz Deutschland verteilte elektronische Staubsauger (meist getarnt als "Bundesstelle für Fernmeldestatistik") aus dem Äther filtern. Die größte derartige Antennenanlage, Deckname "Drehpunkt", richtet ihre in einem Kreis von 300 Meter Durchmesser aufgereihten 100 Meter hohen Fühler in Gablingen bei Augsburg in den Himmel. In Bad Aibling belauscht "Orion" den militärischen Funkverkehr im Osten. So fand der BND 1991 schnell heraus, dass der Putsch gegen Russlands Präsidenten Michail Gorbatschow keinen Rückhalt beim Militär hatte, und prophezeite der Bundesregierung frühzeitig sein Scheitern. Rund 275 Meldungen produzieren die 1600 Richtfunkaufklärer der Abteilung 2 pro Tag und leiten sie an die Auswerter der Abteilung 3 weiter.

Fax und Mails werden durchsucht

Natürlich interessieren sich die Äther-Schnüffler auch für alle acht Millionen drahtlosen Auslandstelefonate, die in Deutschland täglich geführt werden. Mindestens zehn der 200 internationalen Fernmeldesatelliten kann der BND anpeilen. Ob Fax, Mails oder Sprache, alles wird von Computern nach verdächtigen Adressaten und Absendern durchsucht. 15000 gelangen täglich in die engere Auswahl und werden nach Hunderten von Stichwörtern durchsiebt. 70 werden von Spezialisten unter die Lupe genommen, die daraus 20 Meldungen destillieren und den Auswertern rüberschieben.

Im Geschäft der Funkaufklärung ist das Sammeln der Daten noch die leichtere Übung. Vorher müssen sie erst einmal im allgemeinen Funksalat identifiziert und technisch entschlüsselt werden. Daran beißt sich eine Außenstelle des BND im benachbarten Stockdorf die Zähne aus.

Zum Beispiel in "Raum 003, Labor 1". Die 15 Quadratmeter sind bis unter die Decke voll gestopft mit Elektronik. Wert: eine runde Million Euro. Auf einem Bürostuhl saust der Operator, nennen wir ihn Werner Mahler, vor seiner meterhohen blinkenden und flimmernden Gerätewand hin und her. Dreht an Knöpfen, tippt Codes in einen Computer, schreibt sich was auf, legt Schalter um, stiert ein Loch in die Luft, saust wieder los, hält wieder inne, alles, um herauszufinden, ob das knackende und pfeifende Signal breit- oder schmalbandig ist, ob man es quadraturamplituden-moduliert hat oder im FSK-Verfahren. "Mal kommen wir in zwei Stunden dahinter, mal erst in zwei Jahren", sagt Mahler. Sein Gesicht ist zerfurcht, als hätten die Signale, die sich ihm nicht offenbaren wollen, Spuren hinterlassen.

Funkaufklärung ist Gehirnwellenballett. Ziel ist die synchrone Überlagerung. Wer kann sich besser in den anderen hineindenken, Ver- oder Entschlüsseler? "Wenn ich anfange, mir auch nachts das Hirn zu zermartern, brauch ich Pause", sagt Mahler. Manchmal kommt der rettende Einfall auf dem Klo. Manchmal beim Spaziergang. Manchmal gar nicht. Werner Mahler hat in den letzten sechs Jahren ganze drei Verfahren entschlüsselt. "Ein guter Mann", sagt sein Chef.

In Pullach wird seit jeher arabisch gebüffelt

Die Amis sollen da noch besser sein, was ihnen aber nicht immer viel nützt. Die Pleite mit al-Qaeda geht, so die Erkenntnis des US-Kongresses, unter anderem darauf zurück, dass bei der CIA kaum jemand Arabisch spricht und man kaum Informanten vor Ort hatte. Der BND ist dagegen im Nahen Osten gut aufgestellt, nicht zuletzt, weil in Pullach schon immer Arabisch gebüffelt wurde. Die Auslese ist hart: "Entweder du hast die 26 arabischen Schriftzeichen nach zwei Wochen drauf, oder du bist draußen", sagt die Lehrerin. Fleißige kennen nach 18 Monaten mit täglich vier Stunden Unterricht 5000 Wörter. Das reicht zum Zeitunglesen und für den Small Talk. Und vielleicht sogar zum Anwerben einer arabischen Quelle.

In Haus 107 beherbergt der BND eines der bestgehüteten Geheimnisse: die "Personendokumentation". Vor zehn Jahren warteten hier noch vier Millionen Dossiers auf jederzeitige Verwendung. Doch dann kamen 1990 im Zuge des Volkszählungsurteils das BND-Gesetz und der Datenschutz über Pullach. "Da herrschte bei uns das blanke Entsetzen", erzählt der Oberdokumentar mit der kecken Pferdeschwanzfrisur. "Sehr schnell" will man aber eingesehen haben, dass "selbst Osama bin Laden ein Recht auf Datenschutz hat, wenn er harmlos geworden ist". In der Folge waren 25 Leute jahrelang mit dem Ausmisten beschäftigt. Jetzt sind manche der weißen Aktentrommeln, die wie Särge aussehen, fast leer und ihre Deckel so verstaubt, dass jemand mit dem Finger "Sau" auf sie geschrieben hat.

Irgendwann ist nur noch Licht in Haus 37, der Pullacher Dienstvilla des Chefs. Der herrschaftliche Bau stammt aus dem Jahr 1936, als das Gelände noch Rudolf-Heß-Siedlung hieß. Unter den Porträts vom Alten Fritz und Bismarck geht es zu später Stunde beim Abendessen um die politische Weltlage: Darum, dass ohne die alten Blöcke in der Dritten Welt der Verfall staatlicher Autorität fortschreitet. Dass die Nachkriegszeit endgültig vorbei ist und die Nato vor tiefgreifenden Veränderungen steht. Dass Nachrichtendienste Instrumente nationaler Interessen sind, aber die deutschen nicht klar definiert seien. Dass die Welt neu aufgeteilt wird und wir es bitter bezahlen müssen, wenn wir uns jetzt nicht positionieren. Dass wir bisher stets gemütlich hinter dem Luxusliner USA her tuckerten und am Beispiel Irak jeder sehen konnte, wie rau die See wird, wenn man einen Schlenker macht. Und dass Deutschland für die hohen Wellen der nächsten 20 Jahre längst noch nicht gut aufgestellt ist.

Die Rolle der Geheimdienste wird immer wichtiger

Die Wissenschaft prognostiziert, dass im künftigen "Big Game" um Ressourcen und Absatzmärkte die Rolle der Geheimdienste immer wichtiger wird. Nach den Analysen des Politologen Herfried Münkler wurden mit der Auflösung der Machtblöcke sieben Millionen Soldaten demobilisiert. Ein gewaltiges Reservoir für privat organisierte Gewalt wie Mafiabanden oder Terrorgruppen. Auch für große Unternehmen sei es heute billiger, in Entwicklungsländern "ganze Privatkompanien zu unterhalten, statt einen Staat zu schmieren, der schon morgen keine Macht mehr haben kann". Auf einem Terrain ohne Staat sind Diplomaten hilflos. Schon deshalb führt für Münkler "eine eigenständige Sicherheits- und Außenpolitik in Zukunft zwangsweise zu einer Stärkung der Auslandsgeheimdienste".

Der hochkarätig besetzte "Gesprächskreis Nachrichtendienste", sieht das ähnlich. Er wurde im Sommer mit Wissen des Kanzleramts gegründet. Ziel ist, so der Vorsitzende und Ex-Agent Wolbert Smidt, "Verständnis zu wecken für die Arbeit der Dienste in einer unübersichtlicheren Welt und Probleme ihrer Kontrolle zu untersuchen". Der offenbar unaufhaltsame Aufgabenzuwachs für den BND führt zwangsläufig auch zu Forderungen nach mehr Transparenz.

So verlangt Wolfgang Krieger, Historiker und Geheimdienstexperte an der Universität Marburg, "die Offenlegung über 30-jähriger Akten, so wie die CIA das macht". Der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele hat zwar grundsätzlich seinen Frieden mit den Nachrichtenbeschaffern gemacht, doch auch er würde gern "so viel Geheimniskrämerei wie möglich abschaffen". Als Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums (PKG) wurmt ihn, "dass ich nicht mal meinem Büro sagen darf, wann und wo wir tagen". Weil der BND so wichtig geworden ist, tagen die Kontrolleure heute schon dreimal häufiger als gesetzlich vorgesehen.

"Und das wird auf Dauer auch nicht reichen", sagt der derzeitige PKG-Vorsitzende, Volker Neumann (SPD). Er trommelt dabei mit dem Finger auf das Titelbild einer Tageszeitung. Es zeigt Yang Liewei, den ersten chinesischen Astronauten. Neumann weiß, dass zurzeit in Berlin an einer Neuauflage von Deutschlands geheimstem Buch gearbeitet wird. Titel: "Auftragsprofil der Bundesregierung". Es legt die deutschen Spionageinteressen für die nächsten Jahre fest und ist die Geschäftsgrundlage für den BND. Gut möglich, dass China darin eine größere Rolle spielen wird. "Noch in diesem Jahrhundert wird nicht mehr stimmen, dass die USA die einzige Weltmacht sind", sagt Neumann. Dann geht die Neuaufteilung der Welt in die nächste Runde.

Georg Wedemeyer / print