Teil 6: 1982 - 2003 Die Sehnsucht nach Frieden stirbt im Bürgerkrieg


Israel rückt nach rechts. Zugleich formiert sich eine Friedens-bewegung. Aus dem Exil muss Arafat miterleben, wie die Intifada beginnt. Es kommt zum Vertrag von Oslo. Doch die Hoffnung auf eine Ende des Konflikts erweist sich als Illusion.

Lasst mich in Ruhe", erklärt am 28. August 1983 der israelische Ministerpräsident Menachem Begin seinen überraschten Landsleuten. "Ich kann nicht mehr. Ich trete zurück." Ab dann schweigt der Mann, der 40 Jahre lang leidenschaftliche Reden gehalten hat. Als er neun Jahre später stirbt, sind viele Israelis überrascht - sie dachten, er sei längst tot.

Vermutlich hat die Invasion des Libanon aus dem Vollblut-Politiker Begin einen gebrochenen Mann gemacht. Für viele Israelis ist klar: Ihr fünfter Krieg war ein Krieg zu viel; die Devise "Ain brera", wir haben keine Wahl, hatte hier nicht gegolten. Nach den Massakern von Sabra und Shatila durch christliche Milizen unter den Augen der Israelis waren 400 000 geschockte Menschen zum größten Protestmarsch in der Geschichte des Staates nach Tel Aviv geströmt. Daraufhin hatte Begin eine Untersuchungskommission eingesetzt. Ihr Verdikt ist milde: Einige Militärs und Regierungsmitglieder werden gerügt, nur Verteidigungsminister Ariel Sharon soll "persönliche Konsequenzen" ziehen. Der General weigert sich. Schweren Herzens degradiert ihn Begin zum Minister ohne Geschäftsbereich.

18 Jahre Kleinkrieg statt "40 Jahre Frieden"

Sharon hatte den Israelis "40 Jahre Frieden" durch den Krieg versprochen, stattdessen bekommen sie 18 Jahre Kleinkrieg. Denn anstelle der vertriebenen PLO operiert jetzt die weitaus fanatischere Schiiten-Miliz Hisbollah unter Schirmherrschaft Syriens an der nördlichen Grenze, und Israel stellt fest, dass der Libanon "ein Land ist, in das man einfacher hineinkommt als hinaus", so der amerikanische Journalist Thomas Friedman: Erst im Jahr 2000 ziehen sie ihre Truppen endgültig ab.

Sharon ist bis heute davon überzeugt, dass er damals in Beirut "militärisch richtig" gehandelt habe. Auch sein ewiger Kontrahent Jassir Arafat, der erst zwölf Jahre lang wesentlich dazu beigetragen hatte, den Libanon zugrunde zu richten, dann den anrückenden Israelis ein "Stalingrad" angedroht hatte, um anschließend aufs nächstbeste Schiff ins Exil zu steigen, hält sein Debakel in Beirut noch immer für einen "ruhmreichen Sieg".

Für Israelis wie Palästinenser beginnt eine bleierne Zeit. Die einen werden die nächsten sechs Jahre von einer großen Koalition regiert, bestehend aus dem Likud-Block unter Yitzhak Shamir, der "für alle Ewigkeiten" in "Judäa und Samaria" bleiben will, und der Arbeiterpartei unter Peres , der nicht weiß, was er will. Inzwischen haben die Bewohner des jüdischen Staates mit Entsetzen bemerkt, wie hoch der Preis ist, den die fanatischsten Verfechter Groß-Israels der Nation abverlangen wollen, um ihre Ziele zu erreichen. Im Februar 1983 wird der 33-jährige Emil Grunzweig bei einer Demonstration der Bewegung "Frieden jetzt" in Jerusalem umgebracht. Sein israelischer Mörder hatte eine Handgranate in die Menge geworfen. Als Grunzweigs Leiche und die Verletzten ins Krankenhaus gebracht werden, schreit jemand: "Schade, dass sie nicht alle in die Luft gejagt wurden."

"Das bisschen, was noch übrig geblieben war von unserer Unschuld, starb mit Grunzweig", so der Labour-Abgeordnete Avraham Burg, der bei dem Attentat ebenfalls verletzt wurde. "Seither ist die Gesellschaft geteilt: Auf der einen Seite steht das moderne Israel mit den Unterstützern der Demokratie, auf der anderen stehen die Siedler mit ihrem waffenstarrenden Königreich Judäa, bereit, den Messias mit Gewalt zur Rückkehr zu zwingen." Die frommen Selbstgerechten haben nie geglaubt, was Ben Gurion einmal sagte: "Wenn man die Nummer des Messias im Telefonbuch findet, ist er nicht mehr der Messias. Seine Größe ist, dass man seine Adresse nicht kennt, dass man ihn nicht anrufen kann, dass keiner weiß, was für einen Wagen er fährt, oder ob er überhaupt einen fährt und nicht eher auf dem Rücken eines Esels reist. Der einzige Nutzen des Messias besteht darin, dass er nicht kommt. Das Warten auf den Messias ist wichtiger als der Messias selbst; ohne das Warten gäbe es kein jüdisches Volk."

Der Terror kann auch eine Kippa tragen

Vielen wird das Warten zu lang, sie nehmen ihr angebliches Recht in die eigenen Hände. So etwa die 27 Mitglieder des "jüdischen Untergrunds", fast ausnahmslos Siedler, einige davon hochrangige Militärs, die 1984 verhaftet werden. Sie hatten den irrwitzigen Plan, den Felsendom auf dem Tempelberg in Jerusalem in die Luft zu jagen, beseelt vom grausigen Glauben, der Messias werde nicht kommen, ehe nicht das "entweihende" islamische Heiligtum von Gottes Thron auf Erden weggesprengt sei. Bei den Ermittlungen stellt sich heraus, dass die selbst ernannten "Botschafter Gottes" auch drei Studenten an der islamischen Hochschule von Hebron ermordet und zwei palästinensische Bürgermeister in den besetzten Gebieten bei Attentaten zu Krüppeln gemacht hatten. Die meisten von ihnen verbringen nur kurze Zeit im Gefängnis.

So wie Arafat später die islamische Bewegung Hamas verharmlost, bagatellisieren die Israelis lange Jahre ihre eigene fundamentalistische Gefahr. Erst als 1994 ein Arzt namens Baruch Goldstein 29 betende Palästinenser in Hebron ermordet und dabei selbst ums Leben kommt, begreifen sie, dass "Terror auch eine Kippa tragen kann", wie der Rabbi Yehuda Amital schreibt.

"Ihr gehört nicht zur israelischen Nation", sagt damals Ministerpräsident Yitzhak Rabin zu Goldsteins Gesinnungsgenossen. "Ihr seid die Schande des Zionismus. Ihr entehrt das Judentum." Doch für sie bleibt der Mörder ein Held. In Scharen strömen sie zu Goldsteins Beerdigung. Unter den demonstrativ Trauernden befindet sich ein 27-jähriger Jura-Student namens Yigal Amir. Kaum zwei Jahre später wird er Rabin umbringen.

Während die israelische Regierung der nationalen Einheit über die Beweglichkeit eines Bergmassivs verfügt, gleiten die Palästinenser in die Bedeutungslosigkeit ab. Arafat ist in seinem dritten Exil in Tunesien, über 2000 Kilometer entfernt, isolierter denn je. Kein einziger arabischer Führer hatte eine Hand gerührt, als Israel den Libanon bombardierte, um ihn zu vertreiben. Der Syrer Hafez el-Assad will seinen Kopf, König Hussein von Jordanien und Hosni Mubarak, der Nachfolger des ägyptischen Staatschefs Sadat, trauen dem Mann mit dem ewig in Form seiner verlorenen Heimat gefalteten Tuch längst nicht mehr über den Weg. Die Libanesen sind gottfroh, als er endlich geht. Zwar tost er weiterhin: "Wir sind bereit, 50 000 Menschen für die Befreiung Palästinas zu opfern", doch keiner hört hin.

Größenwahnsinnige Politik-Spielchen

Zu oft hat Arafat Dinge versprochen und dann nicht gehalten. Er war ausgeschritten, um sein Volk aus den Flüchtlingslagern zurückzuführen nach Hause. Statt auch nur einen einzigen Millimeter palästinensischen Bodens zu befreien, hatte er erst versucht, den jordanischen König zu stürzen, um sich dann der Zerstörung des Libanon zu widmen. Tausende seiner Landsleute sind bei diesen größenwahnsinnigen Politik-Spielchen umgekommen. Seinen eigentlichen Gegner Israel dagegen hatte Arafat beharrlich ignoriert. "Man kann nicht wirklich gegen etwas sein, das man weder kennt noch konfrontiert", kritisiert der Palästinenser Edward Said, Professor für Literatur an der Columbia-Universität in New York.

In Tunis hält sich der Heimatlose jetzt einen Hoffotografen und bleibt alten Gewohnheiten treu: Theatralisch versöhnt er sich mit dem jordanischen König, um ihn anschließend zu desavouieren. Er sucht die Nähe Mubaraks, um dann bei jeder Gelegenheit den Frieden von Camp David zu denunzieren. Er lehnt den Reagan-Plan von 1982 ab, der den Abzug Israels aus dem Westjordanland und Verhandlungen mit den Palästinensern unter jordanischer Schirmherrschaft vorsieht. Er kann sich nicht dazu durchringen, die UN-Resolution 242 (Land gegen Frieden) zu akzeptieren, obwohl er es König Hussein versprochen hat. Er schwört dem Terrorismus ein bisschen ab, aber nicht wirklich, er nimmt ein paar Anläufe, um das Existenzrecht Israels anzuerkennen, bleibt aber auf halber Strecke stehen.

"Arafat geht es hauptsächlich darum, seine eigene Position zu retten", urteilt damals der jordanische Premierminister Zaid ar-Rifai, selbst Palästinenser. "So lässt er viele Gelegenheiten zum Frieden verstreichen. Wenn es je sein einziges Ziel gewesen wäre, die israelische Besatzung im Westjordanland und Gaza zu beenden und das palästinensische Volk um jeden Preis zu befreien, wäre alles viel einfacher gewesen. Aber das hat für ihn keine Prioriät. Was für ihn zählt, ist, dass er Chef bleibt." Mehr als anderthalb Jahrzehnte später wird ein anderer zermürbter Unterhändler zu einem ganz ähnlichen Schluss kommen. "Arafat ist unfähig, eine Entscheidung zu treffen, weil er fürchtet, dass er dadurch seinen Status als mythische Verkörperung aller Palästinenser verlieren könnte", so der ehemalige israelische Außenminister Shlomo Ben-Ami. "Und er spielt lieber den mythischen Helden, als echte Verantwortung zu übernehmen und dadurch womöglich auf seine Rolle als unangefochtener Vater der Palästinenser verzichten zu müssen."

Requisiten einer Ersatz-Macht

Mit einem solchen Feind brauchen die Anhänger Groß-Israels eigentlich kaum noch Freunde. Shamir tut kund, dass auch er Resolution 242 "nicht mehr akzeptiert" und stattdessen "überall und ohne Pause" Siedlungen bauen will. Der manische Globetrotter Arafat reist inzwischen unverdrossen von Delhi nach Kairo nach Prag nach Peking nach Bagdad und berauscht sich an den Attrappen und Requisiten seiner Ersatz-Macht - Konferenzen, rote Teppiche, Telexe, Telefonate, Militärmärsche, Salutschüsse. "Wie ein Schauspieler auf der Suche nach einer Rolle", so Thomas Friedman von der "New York Times".

Die wird ihm schließlich von genau den Palästinensern angeboten, die er bis dahin ignoriert hat - den Bewohnern des Westjordanlandes und Gazas. 20 Jahre lang haben sie unter israelischer Besatzung gelebt, haben ihren Kolonialherren als dozile Kellner oder Bauarbeiter gedient; ohne zu Murren haben sie in den schicken Bars von Tel Aviv die Coca-Cola serviert und sind nachts in ihre elenden Lager zurückgekehrt.

Ohne zu rebellieren haben sie den Israelis zum Dumpingpreis ihre Siedlungen errichtet und den Stacheldraht drumherum dazu, der sie anschließend daran gehindert hat, die Siedlungen zu betreten. 20 Jahre lang haben sie erst im Radio, dann im Fernsehen arabischen Führern gelauscht, die ihnen Erlösung versprachen, und Arafat nebst Guerilla, die auf den Straßen von Amman und Beirut sang: "Thawra, thawra, hat el-nasr", Revolution, Revolution, bis zum Sieg, während um sie herum immer mehr Siedlungen gebaut wurden. Im November 1987 müssen sie ansehen, wie Arafat beim arabischen Gipfel in Amman von allen gemieden wird und ihr Schicksal kaum zur Sprache kommt.

Ein Verkehrsunfall als Auslöser

Am 9. Dezember hat ihre Geduld ein Ende: Sie reichen die Scheidung ein. Von den Israelis, von den Arabern und kurzfristig auch von Arafat. Die Intifada, das "Abschütteln", beginnt. Der Auslöser ist ein Verkehrsunfall in Gaza, bei dem durch einen israelischen Lastwagenfahrer vier Palästinenser zu Tode kommen. Anschließend werfen Teenager aus dem Flüchtlingslager Jabaliya Steine auf die Soldaten, die ihre üblichen Runde machen. Die schießen in Panik in die Menge, der 17-jährige Hatem Abu Sisi stirbt. Doch bevor die Armee seine Leiche zur üblichen Autopsie und heimlichen Beerdigung um Mitternacht abholen kann, belagern 30 000 wütende Palästinenser das Shifa-Krankenhaus, holen Abu Sisis sterbliche Überreste aus der Leichenhalle und beerdigen den ersten Märtyrer der Intifada in einer Massendemonstration.

Binnen weniger Tage verbreitet sich der Aufstand. Abertausende von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen überall in Gaza und im Westjordanland gehen auf die Straße, verbrennen Autoreifen, schleudern Steine auf die israelischen Soldaten. Die Veteranen vieler Kriege reagieren konfus und brutal auf den geballten Volkszorn. Sie schießen auf die Unbewaffneten, sie brechen ihnen die Knochen, doch die rennen nicht weg, sondern stellen sich ihnen in den Weg. "Die lange Tradition der Kapitulation gegenüber den Israelis wich geradezu magisch dem Widerstand", so die israelischen Journalisten Zeev Schiff und Ehud Yaari.

"Es bekämpften einander ein Volk und eine Besatzungsmacht. Das System der Okkupation brach jäh zusammen." Von "Terroristen" werden die Palästinenser in den Augen der Welt über Nacht zu Menschen, die ein Recht auf Freiheit haben. Die Intifada eint die Christen und die Muslime, die elenden Bewohner der Lager und die großbürgerlichen Familien in den feineren Vororten von Ramallah und Nablus. Sämtliche politische Fraktionen bis hin zu den islamischen und antisemitischen Fundamentalisten von Hamas begraben erstmals ihre Differenzen und arbeiten zusammen. Eine nie gekannte Solidarität breitet sich aus, gemeinsam wird demonstriert, gestreikt, werden keine Steuern mehr bezahlt und israelische Produkte boykottiert.

Fiktion von der nationalen Einheit

Arafat ist vom Aufstand seines Volkes genauso überrascht wie die Israelis. Der zivile Ungehorsam ist eine Sprache, die er, der Mann der Katjuscha-Raketen und Kalaschnikows, nie gesprochen hat. Doch die Bewohner der besetzten Gebiete kennen ihre Okkupanten und wissen, dass sie diese Sprache verstehen. "Je schneller die Palästinenser zum Terrorismus zurückkehren", ächzt ein Israeli, "desto besser ist es für uns." Denn die Palästinenser sind Opfer von Opfern, der jüdische Staat ist nicht der Irak und Tsahal nicht die syrische Armee, sondern "ein Goliath mit Davids schlechtem Gewissen", wie Meron Benvenisti einmal sagt. Der Kampf gegen Kinder und Jugendliche zerstört nicht nur die Moral der Truppen, sondern auch die Fiktion von der nationalen Einheit.

Nach einigem Zögern wirft sich Arafat auf den fahrenden Zug und versucht, die Rebellen mit Faxen aus Tunis unter Kontrolle zu bringen. Hamas hin, islamischer Dschihad her - er weiß, dass die allermeisten von ihnen es längst leid sind, von Groß-Palästina und der damit einhergehenden Vernichtung Israels zu träumen. Sie wollen Freiheit hier und jetzt, und zwar in den besetzten Gebieten, nicht in Haifa oder Jaffa. Arafat entschließt sich zu einer historischen Geste: In Genf entsagt er dem Terrorismus und erkennt das Recht aller Staaten im Nahen Osten an, "in Sicherheit und Frieden zu leben, einschließlich Israel und Palästina".

Doch die Israelis stellen sich für die nächsten fünf Jahre so taub wie einst die Araber, zur Wut selbst der Amerikaner. Deren Außenminister James Baker raunzt sie öffentlich an: "Unsere Telefonnummer ist 202-456-1414, wenn Sie es ernst meinen mit dem Frieden, dann rufen Sie uns an." Inzwischen wird Arafat rückfällig: Wieder einmal legt er das Schicksal der Palästinenser in die Hände eines falschen Messias: Im Golfkrieg stellt er sich auf die Seite des irakischen Diktators Saddam Hussein. Der hatte wie plötzlich angefangen, von der Befreiung Palästinas zu tosen, die bis dahin nicht eben zu seinen Prioritäten gezählt hatte. Arafat tost größenwahnsinnig mit: "Willkommen zum Krieg", verheißt er den Amerikanern: "Die Palästinenser werden Seite an Seite mit ihren irakischen Brüdern kämpfen."

Kurzsichtiger Flirt mit dem Potentaten von Bagdad

Doch bevor es dazu kommen kann, sind Arafats neue Brüder schon besiegt. Zwar hat Saddam 39 Scud-Raketen auf Israel abgefeuert und die Bevölkerung in Schrecken versetzt, doch die Regierung hat sich weise zurückgehalten, um die Koalition gegen den Irak nicht zu gefährden. Nach Arafats unglaublich kurzsichtigem Flirt mit dem Potentaten von Bagdad verlieren 300 000 Palästinenser dank ihres Chairmans ihre Jobs in Kuwait, und die Golfstaaten drehen der PLO den Geldhahn zu.

Das Spiel ist aus. Für Arafat gilt nun genau das, was Golda Meir immer über die Israelis gesagt hatte: Er ist allein. Und die Israelis sind Intifada-müde. 1992 wählen sie den 70-jährigen Rabin, genannt "der traurige General", zum Ministerpräsidenten. Der Mann, der vier Jahre zuvor befohlen hatte, den aufständischen Palästinensern "die Knochen zu brechen", verordnet einen sofortigen Siedlungsstopp in den besetzten Gebieten und erklärt: "Die PLO ist nicht sympathisch, aber mit wem soll man Frieden schließen, wenn nicht mit seinen Feinden?"

So kommt es nach Monaten der offiziellen Verhandlungen in Madrid und Washington und streng geheimer Treffen am 13. September 1993 im Garten des Weißen Hauses zum historischen Handshake zwischen einem strahlenden Arafat und einem todernsten Rabin. Der sagt: "Wir sind dazu bestimmt, auf dem gleichen Boden, auf der gleichen Erde zusammenzuleben. Es gab zu viel Blut und zu viele Tränen. Es reicht!"

"Palästinensisches Versailles"

Weltweite Euphorie bricht aus; im planetaren Jubelchor verhallen kritische Stimmen über den so genannten Vertrag von Oslo, etwa die von Edward Said, der ihn für ein "palästinensisches Versailles" hält. Tatsächlich hat Arafat mit dem Abkommen genau das bekommen, was er schon 1979 in Camp David hätte haben können, nur dass es damals weniger jüdische Siedlungen gab: Autonomie in einem "palästinensischen Bantustan", wie Said angesichts der neun Enklaven findet, in denen ein Arafat von Israels Gnaden ab jetzt herrschen soll. Die Zukunft Jerusalems, die Rückkehr oder Entschädigung der Flüchtlinge, ein palästinensischer Staat und besonders die Siedlungen kommen in dem Vertragswerk nicht vor, sie sollen bis März 1999 geklärt werden. Als es im Sommer 2000 mit einer Verspätung von über einem Jahr schließlich dazu kommt, müssen die Israelis unter Ehud Barak feststellen, "dass Oslo gescheitert ist", wie sein Außenminister Ben-Ami sagt. "Um das Ergebnis der abschließenden Verhandlungen zu beeinflussen, hatten die Palästinenser den Terrorismus benutzt, und wir die Siedlungen. Und wenn ein Palästinenser die Siedlungen anschaut und ein Israeli mit Terror konfrontiert wird, wissen weder der eine noch der andere, von welchem Friedensprozess die Rede ist."

Für den Menschenrechtler Israel Shahak steht von Anfang an fest, dass Arafat in Washington "gar nichts erhält, außer die Erlaubnis, ein örtlicher Diktator zu werden". Edward Said nennt ihn "unser eigener Papa Doc". Arafat, der noch nie eine jüdische Siedlung gesehen und "vom Leben unter einer Besatzungsmacht keine Ahnung hat", so die wütende Palästinenserin Hanan Ashrawi, kehrt nach mehr als einem Vierteljahrhundert im Exil am 1. Juli 1994 stolz zurück in seine Heimat - nicht ohne vorher in einer Moschee in Südafrika schnell noch nach einem "Dschihad" zur Befreiung Jerusalems zu rufen. Der Chairman wird Präsident mit Briefmarken, aber ohne Land. Erst mal hat er "sich selbst gerettet" (Said). Sein Volk, das über 1000 Menschen für sein Comeback geopfert hat, muss warten. Es wartet bis heute.

Der funkelnagelneue Rais, der oft und gerne darauf verweist, dass er erfahren im Regieren sei, weil er "zehn Jahre lang den Libanon kontrolliert" habe - "weiß Gott keine Beruhigung für alle jene, die sich an diese entsetzliche Zeit erinnern können", ätzt Said -, hängt in seinem Büro in Gaza ein Bild der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem auf und äußert den Wunsch, der elende Streifen möge sich in "Singapur" verwandeln. Darauf beschränkt sich sein Beitrag zur Wirtschaftspolitik. Die Palästinenser der Intifada, die "von Israel immerhin eins gelernt hatten, nämlich Demokratie", so Ghassan Kathib, Direktor des Jerusalmer Medienzentrums JMCC, werden entmachtet zugunsten der so genannten Tunesier. 9000 häufig korrupte Claqueure bringt Arafat aus der Diaspora mit, die machen sich alsbald auf Minister- und sonstigen Chefsesseln breit. Sie geben der Bevölkerung keinen Staat, sondern einen Polizeistaat und spielen 40 Räuber ohne Ali Baba: Während die Zahl der Siedler unter Rabin um 50 000 wächst, verschwenden sie 50 Millionen Dollar von dem Geld, das Arafat aus aller Welt für den Aufbau Palästinas erhält, für zollfreie Neuwagen; ein Drittel der spärlichen Steuereinnahmen versickert in ihren Taschen.

Israel rückt weiter nach rechts

Inzwischen hat Baruch Goldstein sein mörderisches Werk verrichtet, und die Mitglieder von Hamas tun das ihre, um den Friedensprozess zu stoppen: Selbstmordattentäter bringen Dutzende von Israelis um. Arafat lässt die Infrastruktur der Fundamentalisten unangetastet; er fürchtet einen Bürgerkrieg mit den frommen Fanatikern.

"Die muslimischen Friedensfeinde ernährten ihre israelischen Zwillinge", so der israelische Historiker Benny Morris. Gleich Ayatollahs dekretieren Rabbiner Fatwas gegen Jitzhak Rabin, der inzwischen einen Friedensvertrag mit Jordanien unterschrieben hat. Und das rechte Polit-Establishment hetzt mit: Benjamin Netanyahu, Thronanwärter der Likud-Partei, bezichtigt den Premier, einen "palästinensischen Terror-Staat" gegründet zu haben, Sharon nennt seinen Namen in einem Atemzug mit Eichmann. Gegen diese Gräuelpropaganda veranstaltet die Linke am 4. November 1995 eine Massendemonstration in Tel Aviv. Der schüchterne Ministerpräsident hält eine Rede gegen die Gewalt und singt vor 100 000 Menschen das "Lied des Friedens" mit. Minuten später hat ihm sein Mörder Amir drei Kugeln in den Körper gejagt. "Ich wollte", sagt der Attentäter danach, "das jüdische Volk retten."

"Shalom, Haver", sagt der amerikanische Präsident Bill Clinton an Rabins Grab, "Lebe wohl, Freund". Es ist auch ein Abschied vom Frieden: Ein halbes Jahr, vier Hamas-Bombenangriffe und 50 israelische Tote später regiert in Israel wieder die Rechte, der 47-jährige Netanyahu ist Ministerpräsident. Er ist der erste israelische Premier, der seine Wahl islamischen Fundamentalisten verdankt. In den kommenden Jahren bemüht er sich verbissen, die Zahnpasta von Oslo zurück in die Tube zu drücken. Er blockiert die Eröffnung des Flughafens und des Hafens von Gaza, torpediert die in Oslo vorgesehene "sichere Passage" zwischen dem Westjordanland und Gaza, riegelt die besetzten Gebiete monatelang ab, lässt neue Siedlungen bauen und eröffnet einen Tunnel unter dem Tempelberg, was den Tod von 70 Palästinensern und 15 israelischen Soldaten zur Folge hat. Die USA müssen ihn förmlich zwingen, seine Truppen aus 80 Prozent von Hebron und weiteren 13 Prozent des Westjordanlandes abzuziehen. "Der Frieden", so Avraham Burg, "stirbt vor unseren Augen."

Kurzfristig wird er wiederbelebt von Ehud Barak. In den anderthalb Jahren an der Spitze des jüdischen Staates müht sich der studierte Mathematiker und meistdekorierte Soldat der israelischen Armee erfolglos, erst die Syrer und anschließend die Palästinenser zum Frieden zu bekehren. Doch als sich die Israelis in Camp David mit Clinton und Arafat treffen, um endlich über Jerusalem, die Flüchtlinge, einen palästinensischen Staat, die Siedlungen zu sprechen, stellen sie fest, dass Arafat inzwischen eine Zeitreise in die Vergangenheit gemacht hat und im Jahr 1947 gelandet ist. Mit über einem halben Jahrhundert Verspätung will er plötzlich den UN-Teilungsplan von 1947 verwirklichen: Er fordert die Rückkehr sämtlicher palästinensischer Flüchtlinge nach Israel und will die gesamte Jerusalemer Altstadt inklusive des Tempelbergs mit der Klagemauer für sich. Als Barak ihm 95 Prozent der besetzten Gebiete anbietet, lehnt er nicht nur ab, er macht nicht mal einen Gegenvorschlag.

Zwischen Mythos und Realität

Wie die Israelis kann auch Arafat sich nicht entscheiden zwischen Mythos und Realität, zwischen den Palästinensern vor Ort und den Flüchtlingen in der Diaspora, zwischen ganz oder halb Palästina. Er will alles. Und bekommt stattdessen gar nichts. Dafür garantiert Ariel Sharon, sein alter Gegenspieler. Im Februar 2001 wird er zum Ministerpräsidenten gewählt. An der Spitze der israelischen Regierung steht wieder ein Mann, der die Legitimität der Palästinenser nicht anerkennt. Und ein jeder hat vergessen, was Rabin einst sagte und heute mehr denn je gilt: "Wie ihr sind wir Menschen, wie ihr wollen wir unser Haus bauen, einen Baum pflanzen, lieben, leben, an eurer Seite, in Würde und Frieden, als freie Menschen."

Stefanie Rosenkranz print

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