9. Juni 2004, 20:21 Uhr

Der Schwur der Nationen

Wie nach dem Ersten Weltkrieg sind die Völker auch nach 1945 entsetzt über die Katastrophe. Wieder hat ein US-Präsident die Vision, den Frieden durch eine internationale Organisation zu sichern. Die Vereinten Nationen entstehen.

Vorhang auf zum Welttheater: In der Oper von San Francisco beraten 200 Gesandte aus 50 Staaten von April bis Juni 1945 die Charta der Vereinten Nationen©

Mit seiner Yacht kreuzt Franklin Delano Roosevelt im August 1941 vor Cape Cod, der Ferienhalbinsel an der Ostküste der USA. Der Krieg in Europa ist für die Amerikaner noch weit weg. Ihr Präsident macht angeblich Urlaub. Doch in Wirklichkeit ist die kleine Kreuzfahrt der Beginn einer bahnbrechenden Mission, die zunächst geheim bleiben muss. Im Schutz der Dunkelheit wird Roosevelt an Bord des US-Kreuzers "Augusta" gehievt. Ziel ist die 800 Seemeilen nordöstlich gelegene Placentia-Bucht vor Neufundland, wo bereits das britische Schlachtschiff "Prince of Wales" ankert - mit Premierminister Winston Churchill an Bord.

Roosevelt weiß längst, was die Stunde geschlagen hat. Im Juni hat Adolf Hitler Russland überfallen, mehr und mehr Staaten werden in den Weltkrieg verwickelt, der 50 Millionen Menschen das Leben kosten wird. Der Präsident, berühmt für seinen Spruch "Wir haben nichts zu fürchten, nur die Furcht", hat die USA schon einmal aus einer verzweifelten Lage befreit - aus der Wirtschaftsdepression zu Beginn der dreißiger Jahre.

Nun geht es gegen die Nazi-Diktatur: Roosevelt stellt den Alliierten zunächst großzügige Hilfe zur Verfügung und beginnt, seine Landsleute, die einem Krieg noch ablehnend gegenüberstehen, mit markigen Slogans zu mobilisieren: "Wenn man eine Klapperschlange angriffsbereit aufgerichtet sieht", sagt er auf Hitler gemünzt, "wartet man mit dem Totschlagen nicht, bis sie einen gebissen hat."

Beim Treffen mit Churchill in der Placentia-Bucht geht es dem amerikanischen Präsidenten keineswegs nur um das strategische Vorgehen und den militärischen Sieg. Vielmehr will er sein Land aus der Isolation lösen und (wie sein Vorgänger Woodrow Wilson am Ende des Ersten Weltkriegs) eine übernationale Institution gründen, die eine friedliche Nachkriegsordnung sichert. Dabei schwebt ihm nicht etwa eine Wiederbelebung des gescheiterten Völkerbunds vor, sondern eine neue Organisation, ausgestattet mit weit mehr Macht. Schon 1937, in seinem fünften Amtsjahr, hat Roosevelt in einer Rede die "friedliebenden Nationen" der Welt aufgefordert, sich mit einer "Quarantäne" gegen die die "Ausbreitung der ansteckenden Krankheit" - die Verletzung internationaler Abkommen - zu wehren.

Nun will Amerikas Präsident mehr: ein historisches Dokument, vergleichbar mit den 14 Punkten Wilsons. Tagelang texten die beiden Staatsmänner vor der Küste Neufundlands. Am 14. August steht die "Atlantik-Charta" - eine kurze Erklärung, die bis heute als Keim der Vereinten Nationen gilt.

Die beiden Großmächte verpflichten sich darin zum Verzicht auf territoriale Vergrößerung, fordern für künftige Gebietsveränderungen die freie Zustimmung der betroffenen Bevölkerung und das Recht der Völker auf freie Wahl ihrer Regierungsform. Der "endgültigen Zerstörung der Nazi-Tyrannei" solle eine allgemeine Abrüstung folgen, zunächst der Angreifer, danach auch aller anderen Staaten - mit Ausnahme der "Weltpolizisten" USA und Großbritannien.

Die Idee der "beiden Weltpolizisten" stammt von Roosevelt, der im Sommer 1941 noch nicht daran denkt, auch Josef Stalin ins Boot zu holen. Das ändert sich spätestens, als Amerika nach dem Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 Japan den Krieg erklärt und ein breites Bündnis inklusive der Sowjetunion will, um die Achsenmächte zu besiegen. Weihnachten 1941 hat die keimende Weltorganisation bereits einen Namen - "United Nations". "Das ist mir mitten in der Nacht eingefallen", verkündet Roosevelt stolz. Wenige Tage später, am 1. Januar 1942, unterzeichnen 26 Staaten, darunter die UdSSR und (National-) China, in Washington ein Abkommen, das auf der Atlantik-Charta basiert und "Erklärung der Vereinten Nationen" heißt.

Gut drei Jahre dauert es noch, bis die UN tatsächlich gegründet werden. Jahre, in denen die Amerikaner in nahezu allen Belangen federführend sind, schon allein deshalb, weil es allen anderen Ländern kriegsbedingt an Ressourcen fehlt. Herzstück des neuen Großmächte-Clubs ist der "Exekutiv-Rat" aus vier ständigen Mitgliedern: USA, Großbritannien, UdSSR und China; daneben repräsentieren sieben nicht-ständige Mitglieder zweiter Klasse die verschiedenen Regionen der Welt.

Bereits in den letzten Kriegsjahren wird offenbar, dass in dem angeblich dem Weltfrieden verpflichteten Völkerforum die militärische Macht das entscheidende Kriterium ist. Je größer die Erfolge der Sowjetunion auf dem Schlachtfeld, desto höher ihr Rang bei den vorbereitenden UN-Konferenzen. Anfangs spielt sie keinerlei Rolle, ab 1942 übertrifft ihr Einfluss schon den Großbritanniens, und zu Kriegsende ist sie Hauptkontrahent der USA. Roosevelt, der große Kommunikator, kümmert sich kaum mehr um Churchill, hofiert dafür Josef Stalin, nennt den Diktator gar "Onkel Joe".

Doch Stalin stimmt nur unter heftigen Vorbehalten einem Beitritt überhaupt zu. Die praktische Anwendung der UN-Prinzipien, lässt er erklären, habe sich "notwendigerweise den Umständen, Notwendigkeiten und historischen Besonderheiten bestimmter Länder anzupassen". Auf der Konferenz von Dumbarton Oaks in Washington verlangt die Sowjetunion im Sommer 1944, jede ihrer 16 Teilrepubliken müsse mit einem Sitz vertreten sein. Roosevelt lehnt ab. Die Sowjets geben sich mit zwei zusätzlichen Delegierten für die Ukraine und Weißrussland zufrieden.

Auf der Konferenz von Jalta, im Februar 1945, verhärten sich die Fronten. Churchill erreicht zwar, dass das befreite Frankreich als fünfte Macht einen Sitz im Sicherheitsrat bekommt, doch Stalin schwächt die Westmächte, indem er ein uneingeschränktes Vetorecht für alle Entscheidungen durchsetzt. Um ihre eigenen Interessen zu sichern, sind zwar auch die Amerikaner für das Vetorecht, doch es sind vor allem die Sowjets, die mit ihrem "Njet" die UN bald an den Rand der Verzweiflung treiben werden. Stalin kann jede Forderung auf freie Wahlen in seinem Machtbereich im Keim ersticken und die wichtigsten Prinzipien der Atlantik-Charta ad absurdum führen: den Verzicht auf territoriale Gewinne ebenso wie das Selbstbestimmungsrecht der Völker.

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