HOME

Vogelgrippe: Der unsichtbare Feind

Erst war es der Norden, dann der Süden - jetzt scheint es nur noch eine Frage der Zeit, wann die Vogelgrippe Deutschland fest im Griff hat. stern-Reporter beschreiben den Wettlauf von Bauern, Wissenschaftlern und Hilfstrupps mit dem bösartigen Virus.

Am Ufer des Bodensees stapft ein Mann in Gummistiefeln durch den Matsch. Wolfgang Fiedler, Ornithologe, sammelt frischen Vogelkot ein: "Bevorzugt den von Blesshühnern, Stockenten und Schwänen, denn die kommen dem Menschen am nächsten." Den Leiter der Vogelwarte Radolfzell, die zum Max-Planck-Institut für Ornithologie gehört, quält ein Gedanke: Das Virus H5N1 ist schon seit Monaten da. Der Experte glaubt nicht daran, dass Zugvögel es erst vor kurzem an den See gebracht haben. "So früh haben wir noch keine Zugvögel hier. Das Virus muss schon im Herbst oder noch früher gekommen sein, ohne dass wir es bemerkt haben." Seine Erklärung: "Auch klinisch gesunde Tiere können das Vogelgrippe-Virus in sich tragen."

Dass der Erreger am Bodensee angekommen ist, darüber gibt es seit dem Wochenende keinen Zweifel. Begonnen hatte es am 15. Februar mit einer toten Tafelente vor der Uferpromenade beim Café "La Vita" im Touristenstädtchen Überlingen. Als Nächstes wurde aus der Ente nach Auskunft des Landratsamtes ein "Verdachtsfall". Als am vorigen Freitag das Laborergebnis des Friedrich-Loeffler-Institutes auf der Ostseeinsel Riems eintraf, stiegen Hubschrauber über dem Bodensee auf, suchten die Ufer nach Kadavern ab. Die aus dem Wasser gefischte Tafelente war tatsächlich am Vogelgrippe-Virus H5N1 verendet, der gefährlichen Asia-Variante.

Auch über dem Timmendorfer Strand, eine Dreiviertelstunde von Hamburg entfernt, schrappt am Tag darauf ein Bundeswehrhubschrauber. Unten liefern in einem Festzelt Heizlüfter Wärme für die Gäste in Pelz und Daunen. Zum "Beach-Dining" wird "Wildragout aus eigener Jagd" serviert. Vogelgrippe? Der Kellner schüttelt den Kopf, schenkt Champagner nach und sagt: "Wir lassen uns doch nicht verrückt machen." Wildente ist trotzdem von der Karte gestrichen.

Ausgerechnet zum Auftakt der Gemeindeaktion "Spring World" mit "Moonlight-Shopping bis 22 Uhr" wurde hier eine tote Ente gefunden. Dahingerafft von H5N1. Zum Überfluss im Kurpark, dem Herzstück des Ortes. "Geflügelpest - Sperrbezirk" warnt jetzt ein Schild mit roter Schrift am Ortseingang. Das Städtchen, in dem auf 9020 Einwohner 10 000 Gästebetten kommen, ist eingekreist. Noch gibt es kaum Stornierungen. "Die Sicherheit unserer Gäste ist gewährleistet", diktiert Tourismusdirektor Christian Jaletzke in die Schreibblocks. Bloß keine Panik. Seit 1890 lebt Timmendorfer Strand vom Tourismus.

Rügen, Uckermark, die Lübecker Bucht. Das ist der Norden. Mit der Ente in Überlingen aber hat das Geflügelvirus Deutschlands größten Binnensee erreicht. Auch am Südufer werden tote Vögel gefunden, H5N1 nimmt selbst der Schweiz die Neutralität. Aus Genf, drei Autostunden vom Bodensee entfernt, wird am Sonntag die erste Infektion gemeldet.

Wie der Fuchs in den Hühnerstall ist 120 Kilometer südwestlich, in Frankreich, der Erreger in eine Putenzucht eingefallen. "Über uns stürzte der Himmel ein", sagt Züchter Daniel Clair. Auf seiner Geflügelfarm in Versailleux, 40 Kilometer nördlich von Lyon, bedeutete das für 11 000 Puten das Todesurteil.

Acht Fundorte einzelner verendeter Vögel in Deutschland, auf Rügen sind es 111 nachgewiesene Infektionen. Macht das schon eine Epidemie?

Neun Jahre liegt es nun zurück, dass in Hongkong ein kleiner Junge an einem Geflügelvirus starb. Seit damals warnt der Virologe Albert Osterhaus von der Erasmus-Universität in Rotterdam, der das Virus identifizierte, vor einer Pandemie. Die Vogelgrippe wütet vor allem in Asien, 200 Millionen Hühner, Enten und Gänse mussten dort in den vergangenen Jahren getötet werden. China, die Mongolei, Russland, Rumänien, die Türkei, Kroatien, Österreich - überall tauchten infizierte Vögel auf. Trotzdem starben bisher weltweit weniger als 100 Menschen an der Vogelgrippe, die meisten von ihnen nach dem Aufflammen der Seuche vor zirka zwei Jahren. Sie alle hatten engen Kontakt zu siechem oder totem Geflügel. Virologen warnen dennoch: Durch eine Kreuzung mit einem "normalen" Grippevirus könnte sich die Vogelkrankheit in eine Geißel der Menschheit verwandeln. Oder das Vogelgrippe-Virus könnte sich direkt an den Menschen anpassen. Wie 1918. Damals starben über 40 Millionen Menschen. Noch ist H5N1 nur der Auslöser einer Vogelkrankheit. Das Ausbreitungsmuster scheint nachvollziehbar. Ein Strang geht von China nach Süden: Hongkong, Vietnam, Kambodscha, Thailand, Indonesien. Überall dort hat sich das Virus bereits festgesetzt. Ein anderer Strang geht Richtung Norden über den Qinghai-See, ein internationales Luftkreuz für Zugvögel, nach Sibirien. Die Langstreckenflieger transportierten den Erreger von dort bis ins Donaudelta, nach Nigeria und Niger. Das ist die bisher am häufigsten vertretene Theorie. Oder verbreitete es sich über Europa vielleicht längst auf einem anderen Weg?

Das verstreute Auftreten in Deutschland könnte für die Vermutung von Wolfgang Fiedler aus der Vogelwarte Radolfzell sprechen. Der Biologe nennt sie "Kaskadentheorie". Das Virus wird nicht von einem Vogel Tausende Kilometer weit transportiert, sondern von Tier zu Tier weitergereicht, ohne dass jedes an der Krankheit sterben muss. "Diese kleinen Etappen können nur 50 Kilometer voneinander entfernt liegen", sagt Fiedler. Die Fundorte, Rügen, Brandenburg und der Bodensee, seien "völlig zusammenhanglos." Das hieße: Auch in den Gebieten dazwischen könnte das Virus bereits Tiere befallen haben, ohne dass es bemerkt wurde. So haben Forscher festgestellt, dass Enten im Mekongdelta die Viren über die Gewässer verteilen, ohne selbst zu erkranken. Für Europa hieße das: Wir müssten mit dem Virus leben lernen. Also, Eier und Geflügel in Zukunft nur noch aus dem Hochsicherheitstrakt? Kein Buddeln mehr am Strand? Experten und Politiker beruhigen. Wir haben schließlich Bundeswehr und Feuerwehr.

Vor dem "La Vita" in Überlingen rückte am vergangenen Freitag der Gefahrgutzug der Feuerwehr an, unterstützt von einem Löschzug von 40 Mann: Planen ausgelegt, Hochdruckreiniger in Stellung gebracht, im Nu waren 700 Quadratmeter Uferpromenade desinfiziert - neun Tage nach dem Fund der toten Ente.

Vogelforscher Fiedler

kann über die vielen Männer in ihren orangefarbenen ABC-Schutzanzügen nur den Kopf schütteln. Die Desinfektion habe "zumindest keinen Schaden angerichtet", aber blinder Aktionismus - wie die Hubschraubereinsätze zur Kadaverfahndung - könne auch Unheil stiften: "Die haben auf Rügen nur die Vögel ins Landesinnere getrieben und damit zur Ausbreitung der Seuche beigetragen."

Rügen hatte im tiefen Winterschlaf gelegen, als das Virus kam. Dann machten sich Journalisten auf den Weg, die Nachricht war da, es mussten Bilder her: tote Vögel, Männer in Schutzanzügen, Plastiksäcke. Ein Gesicht brauchten sie auch. Bauer Kliewe gab es ihnen. Sein Hof liegt weit außerhalb der Schutzzone um den ersten toten Schwan, aber: Macht nichts. 50 Interviews am ersten Tag, am folgenden kaum weniger, RTL, ZDF, N24, alle kamen dran.

Bauer Kliewe mochte sein Gesicht auf dem Bildschirm. Und er nutzte die Chance. Sie sollten den Leuten auch mal zeigen, wie schön Rügen ist, sagte er den Journalisten, die Kreidefelsen, Kap Arcona, die Bäderarchitektur oder mal einen Strand ohne tote Vögel. Am Ende der Interviews sagte er: Liebe Bürger weltweit oder bundesweit, lasst euch nicht verrückt machen, kommt trotzdem, Rügen ist eine ganz tolle Insel. Kliewe war enttäuscht, dass das nicht gesendet wurde.

Von der Fundstelle

eines weiteren toten Tieres aus haben die Mitarbeiter des Rügener Krisenstabs rübergeschaut zum Haus des Bauern Kliewe und sahen den Hubschrauber, vermutlich ein Fernsehteam. Dem Piloten droht jetzt eine Anzeige, denn es herrschte Flugverbot unter 600 Metern, die Viren sollten nicht verteilt werden. Aber die Journalisten waren durch Absperrungen gelaufen, hatten Plastiksäcke geöffnet und hineingefilmt, und Journalisten waren auch bei Bauer Kliewe.

Ein Virus kann drei Wochen im Vogelkot überleben, und es gibt zwei Mastbetriebe, drei Kilometer von Kliewes Hof entfernt. Die Leute im Krisenstab machten sich Gedanken über den Bauern und seine Besucher. Was, wenn Journalisten die Viren an den Schuhsohlen haben?

Kliewes Freilandhühner waren am Donnerstag getestet worden. Negativ. Bauer Kliewe hatte 2000 Hühner, die Mastbetriebe haben 200 000. Die Behörden mussten abwägen: 2000 gegen 200 000. Am Samstagabend kamen die Landrätin und der Amtstierarzt persönlich und überbrachten eine schriftliche Mitteilung. Die Tötung von Kliewes Federvieh mit Gas dauerte drei Stunden. Die Jacke, die er bei den Interviews immer getragen hat, will Bauer Kliewe jetzt bei Ebay versteigern.

Im Yachthafen von Überlingen-Nußdorf haben Feuerwehrleute eine weitere tote Ente entdeckt. Werkshofarbeiter Jörg Kobmann hangelt sich an einer Leiter ins Hafenbecken hinunter. Er trägt einen weißen Schutzanzug, grüne Handschuhe und Gummistiefel. Den Mundschutz hat er im Auto liegen lassen. "Der stört mich nur." Mit einer Heugabel fischt er gerade einen toten Haubentaucher aus dem Wasser, packt ihn mit einer langen Greifzange am Hals und steckt ihn in einen schwarzen Plastiksack. Den wirft er in eine Kiste in seinem Lieferwagen. "Einer muss das ja machen." Und Kobmann macht alles - auch jedes Jahr das Entensammeln. Heute sind es fünf in drei Stunden.

Eine Joggerin bleibt stehen. "Dort hinten auf dem Steg liegt ganz viel Vogelscheiße", sagt sie außer Atem. "Vielleicht sollte man den Steg sperren." Kobmann verspricht, das weiterzugeben. Am Ortsschild von Überlingen hängt am Samstag ein DIN-A4 großes Blatt, in Folie eingeschweißt und mit zwei Kabelbindern befestigt: "Geflügelpest Sperrbezirk."

Uwe Plessing, 26, steht im Schneetreiben auf seinem Hof bei Überlingen und schaut besorgt auf den neu gebauten Stall. Dort dürfen nur er und seine Facharbeiter hinein. "Wir achten jetzt noch sorgfältiger auf Hygiene, was sollen wir sonst schon groß machen?" In drei Monaten sind seine 16 000 Puten schlachtreif. Bis dahin, sagt er, könne er nur die Ställe abriegeln und hoffen. In vier Kilometer Entfernung schwemmte die Ente an. Plessings Gut Neuhof bei Bambergen liegt damit nicht im Sperrbezirk, also jenen drei Kilometer Umkreis, aus dem kein Tier raus darf. Werden aber weitere infizierte Wildvögel in der Nähe gefunden, droht die Keulung. "Dann bekomme ich den Wert ersetzt, aber der Gewinn durch die Mast geht mir verloren." Plessing vertraut auf sein Auge: "Wenn meine Tiere krank wären, würde ich das schnell merken. Ich bin ja täglich mit ihnen zusammen."

Der französische Putenzüchter Daniel Clair aus Versailleux hat es gleich morgens bemerkt: "Wir haben etwa 400 Kadaver entdeckt. Aber auch die anderen Truthähne waren in einem üblen Zustand." Der Geflügelzüchter verkündete seinen Landsleuten, die gebannt vor den Fernsehschirmen saßen, die Schreckensbotschaft von seinem Hof aus in einem Telefoninterview. Zwei Tage lang durften die Clairs ihn während der Desinfektionsarbeiten nicht verlassen. Jetzt wechseln sie die Schuhe, wenn sie nach draußen gehen. Vor den Haustüren der 300-Einwohner-Gemeinde liegen Chlorgetränkte Lappen.

Knapp drei Wochen zuvor war im Nachbarort Joyeux erstmals in Frankreich eine infizierte Wildente gefunden worden. In der umliegenden Sumpf- und Seenlandschaft stieß man inzwischen auf weitere Kadaver, meist Schwäne. Vermutlich gelangte der Kot der kranken Wildtiere ins Stroh des Putenzüchters, das im Freien aufbewahrt war, und von dort in den geschlossenen Stall.

Seit Jahrhunderten ist der gallische Hahn nationales Symbol. Sonntags gehört das Hühnchen auf den Tisch. Am liebsten eines aus der Region Bresse, nicht weit von Versailleux. Frankreich ist mit 900 Millionen Hühnern, Enten und Gänsen Europas größter Geflügelproduzent. Anders als in Deutschland, wo Verbraucherschutzminister Horst Seehofer dem Rat der Fachleute folgt, die eine Impfung ablehnen, weil sich dadurch geimpftes Geflügel nicht von infiziertem unterscheiden lässt, hat die Regierung in Paris eine Impfkampagne für 30 Millionen Hühner und anderes Geflügel angeordnet.

Auch der niederländische Landwirtschaftsminister Cees Veerman hat bei der Europäischen Kommission eine Impfgenehmigung für fünf Millionen Stück Lebendgeflügel eingeholt. Dort setzt man auf einen Impfstoff der Firma Intervet, Tochter des Pharmakonzerns Akzo Nobel: eine so genannte Marker-Vakzine mit einer Virusvariante H5N2, durch die sich Impfung und Infektion im Test unterscheiden lassen. Deutsche Experten misstrauen dem Marker-Impfstoff. Die Niederländer aber sind traumatisiert.

Mit Entsetzen erinnert sich der holländische Bio-Hühnerbauer Krijn Breen aus Wekerom an jenen 28. Februar 2003. Als er abends vom Schwimmen kam, war der Speicher seines Anrufbeantworters voll. "Krijn, die Pest geht um!" Im Stall seines Nachbarn war die Vogelgrippe ausgebrochen. H7N7, eine Variante des Influenza-Virus. "Alle waren zuerst wie betäubt", sagt Breen. Den letzten Ausbruch der Geflügelpest habe es vor 70 Jahren gegeben.

Das Agrarministerium erließ Transportverbote, kein Huhn durfte das Virengebiet verlassen. Trotzdem gab es Bauern, die ihre Legehennen, Eier oder Schlachthühner verkauften. Die Grippe schlich weiter durch die Ställe. Weil Erfahrung fehlte und jeder Bauer sein Geflügel retten wollte, wurde die Größe der Räumungszonen zu lange diskutiert. Schließlich wurden 30 Millionen Tiere präventiv gekeult. Auch Breens 5000 gesunde Legehennen starben einen frühen Tod.

Die Kosten der Seuche in den Niederlanden: eine Milliarde Euro. Dazu kommen die Verluste wegen Betriebsstillstand, gut 750 Millionen. 120 Landwirte kämpfen noch heute um Entschädigung. Das große Töten hat viele Bauern überfordert, einige begingen Selbstmord.

Heute haben die Niederlande ausgefeilte Notfallpläne und ein Monitoring. Vor dem Schlachten werden Hühner stichprobenartig einem Bluttest unterzogen, Ergebnisse gibt es innerhalb von Stunden. Bauer Breen rät deutschen Kollegen: "Nichts vertuschen, melden, rücksichtslos, streng, ohne Zögern."

Godehard Schnütgen und seine Frau Marie-Thres Nissing, Bio-Bauern der Hofgemeinschaft Richtersgut im niederrheinischen Kranenburg, müssen manchmal über ihre Hühner lachen: "Wir sitzen oft abends auf der Terrasse und schauen ihnen zu. Ab und zu haut sie ein heftiger Windstoß so um, dass sie sich nach hinten überschlagen." Im Moment müssen die beiden auf das abendliche Vergnügen verzichten: Ihre 1300 Hennen sind seit dem 17. Februar im Stall. Eine Vorsichtsmaßnahme der Bundesregierung, die das "Nutztier" in Deutschland gegen die Vogelgrippe schützen soll.

Trotzdem haben es die Hühner der Schnütgens gut. Der 90-Quadratmeter- Stall ist mit Klettervolieren eingerichtet. Im so genannten Kaltscharrraum vor dem Stall können sie nicht nur frische Luft schnappen. Godehard Schnütgen hat ihnen ausrangierte Fußbälle in den Käfig gelegt, zwei Kletterburgen aus Stroh gebaut und Äste zum Picken verstreut. "Wir müssen Programm machen", sagt der bärtige Familienvater. "Wir mögen die halt."

Am Eingang der Ställe stehen Wannen mit teuren Desinfektionslösungen, die Tiere sind von der Außenwelt abgeschottet, die Besuche auf dem denkmalgeschützten, 250 Jahre alten Hof wurden drastisch eingeschränkt. Damit die Hühner während ihrer "Gefangenschaft" nicht auf das gesunde Gras und die Kunden nicht auf den leuchtend gelben Dotter der Bio-Eier verzichten müssen, füttert Schnütgen pro Woche 125 Kilogramm Bio-Möhren dazu. Die beiden Familien auf dem Hof - vier Erwachsene und fünf Kinder - haben sich gegen die saisonale Grippe impfen lassen, "damit das Vogelgrippe-Virus nicht mit dem menschlichen Virus zusammentrifft". An dem Grundstück fließt der Kranenburger Bach vorbei, ein Ausläufer des Rheins. Doch in der Idylle könnte Gefahr schwimmen: "Ein Enten-Besuch an Land, ein infizierter Kothaufen in der Nähe der Ställe reicht, und wir haben die Katastrophe."

Die will der Forstwirt Roland Pietsch zu verhindern helfen. Der Geschäftsführer des örtlichen Naturschutzbundes (Nabu) betreibt in Kranenburg eine der größten biologischen Stationen in Nordrhein-Westfalen. Einmal in der Woche rücken er oder ein Kollege zusammen mit dem Veterinär der Kreisverwaltung in das EU-Schutzgebiet "Unterer Niederrhein" aus, das größte binnenländische Vogelschutzgebiet Deutschlands. Ihre Aufgabe: Blessgänse beobachten, Kot einsammeln und tote Tiere melden. An Material fehlt es nicht: Von September bis März überwintern Hunderttausende von Wildgänsen am Unteren Niederrhein. Sie kommen aus der arktischen Tundra und aus Sibirien. Zwischen Nijmwegen und Duisburg finden sie etwas, was es sonst nirgends in Europa gibt: weite grüne Wiesen, alte Flussarme und Auenlandschaften, auf denen sie sich - geschützt vor Füchsen - zur Ruhe begeben können. Über 3000 Touristen buchen jährlich von Oktober bis März beim Nabu Wildgänseexkursionen. In dieser Saison waren es nur 1000. Angst vor der Vogelgrippe.

"

Noch ist keine Gans

tot vom Himmel gefallen", sagt Pietsch. Dennoch hält er eine genaue Beobachtung der Tiere für notwendig: Nicht nur Blessgänse, auch Enten, Schwäne oder Möwen, die das Virus in sich tragen können, müssten regelmäßig untersucht und die Zugvögelroute genau kartiert werden.

Vogelbeobachtung ist Herzenssache. 19 Gäste sitzen in einem Bus des Nabu in Ostfriesland. Nur zwei haben abgesagt. Die anderen halten sich Ferngläser vor die Augen. "Das Besondere an der Gans", sagt der pensionierte Kaufmann Heinrich Isemann aus Bielefeld, "ist ihr Gemeinschaftssinn. Die Gans ist nie alleine." Von weitem sieht es so aus, als habe man Pfefferkörner auf grünem Grund gestreut. So viele Nonnengänse auf einmal hat selbst Heinrich Isemann noch nie gesehen. Am Abend Kreischen und Flügelschlag. Tausende Gänse steigen hoch und fliegen zu ihren Schlafplätzen. Die Scharen verdunkeln den Himmel. Der Anblick erinnert an Hitchcocks "Die Vögel". Aber es sind ja nur die lieben Gänse. Nur?

Gerald Drissner, Albert Eikenaar, Frank Gerstenberg, Uli Hauser, Martin Knobbe, Kuno Kruse, Oliver Link, Tilman Müller, Matthias Rittgerott, Kerstin Schneider, Katrin Zöfel

print

Wissenscommunity